"Der Deryni-Zyklus von Katherine Kurtz"

Die Geschichte der Deryni spielt im Mittelalter. Sie reicht vom Anfang des zehnten Jahrhunderts (früher Zyklus) bis ins zwölfte Jahrhundert (später Zyklus).
Vor dem Hintergrund einer Kulturstufe, die in etwa der von England oder Wales in dieser Zeit entspricht, baut sich eine großangelegte und großartige Geschichte auf. Sie spielt in den elf Königreichen, deren Mittelpunkt Gwynedd ist. Eine mächtige, mittelalterliche Kirche beherrscht das Denken der Menschen. Aber nicht nur Menschen leben in den Königreichen, sondern auch das Volk der Deryni - ein Geschlecht von Zauberern, die von Geburt an die Magie beherrschen.
Das Leben der Menschen ist eng mit dem der Deryni verwoben. Es gab derynische Könige (gute wie schlechte); es gibt Fürsten sowie derynische Mönche, von denen verschiedene als Heiler ihr Werk tun, und sogar derynische Bischöfe. Aus dieser Sicht ist zu sagen, daß die Deryni, solange sie mit den Menschen in Frieden lebten, doch meist der oberen oder besseren Schicht angehörten - klar, wenn man des Zauberns mächtig ist.
Die magischen Fähigkeiten der Deryni sind unterschiedlich ausgeprägt und auch verschieden angelegt. Viele Kräfte würde man heute in den Bereich der Parapsychologie oder der außersinnlichen Wahrnehmung rechnen, wie Telekinese, Telepathie, Teleportation oder auch hypnotische Kräfte. (Alles bekannte und beliebte Phänomene in SF-Serien; wie hieß diese eine noch...?!) Manche Deryni verfügen über Heilkräfte, eine in hohen Ehren gehaltene Fähigkeit. Aber auch die Anrufung von Geisteswesen, Engeln, wird von Deryni ausgeübt, was aus heutiger Sicht wirklich in den Bereich der Magie fallen würde. Die Fähigkeiten sind vielfältig und werden gemäß der Zeit, in der die ganze Geschichte spielt, eben als Zauberei betrachtet. Die Zauberkräfte sind den Deryni angeboren und werden durch Fortpflanzung vererbt. So befindet sich in der Kurzgeschichten-Sammlung "Die Deryni Archive" eine ganze Abhandlung über die genetischen Grundlagen des Deryni-Erbgutes. Die Deryni sind eine menschenähnliche Rasse, aber eben nicht menschlich. Die einfachen Menschen stehen dem, wenn sie nicht gerade eng mit Deryni zusammenleben oder verbunden sind, ebenso wie auch die mächtige Kirche nicht gerade offen gegenüber. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die Kirche allein schon eingebildete Zauberei und Hexerei in unserer realen (?) Welt aufs Erbittertste bekämpfte. (* Oh, das hatte in den weitaus meisten Fällen nicht das Geringste mit Zauberei - auch nicht mit eingebildeter - zu tun, sondern sehr viel häufiger mit Volksverhetzung. Meist ging es um etwas, auf das die Kirche oder vielleicht auch ein einzelnes einflußreiches Mitglied derselben scharf war, das mit legalen Mitteln aber nicht zu bekommen war (Grundbesitz, Geld...) oder auch darum, unangenehme (= aufgeklärte bzw. direkt kirchenfeindliche) Zeitgenossen loszuwerden. Das einfache Volk schien der Kirche (nicht nur damals...) mehr zu glauben als Leuten, denen es vorher lange Zeit vertraut hatte. 'Diener Gottes dürfen doch wohl nicht lügen! Das heißt also, daß unsere Schwestern, Brüder und Freunde uns die ganze Zeit angelogen haben..." Aber das alles wird - ebenso wie die sogenannten Hexenverfolgungen selbst - heutzutage liebend gern totgeschwiegen... Heike) Deshalb kam es auch immer wieder zu Deryniverfolgungen. Doch gab es auch Zeiten, in denen Deryni hochgeachtet waren und mit den Menschen in Eintracht lebten. Und genau wie bei den Menschen gibt es gute und schlechte Deryni, Deryni, die ihre Kräfte mißbrauchen und andere, die sie zum Guten einsetzen.
Vor diesem Hintergrund spielt der Gesamtzyklus, der im frühen 10. Jahrhundert beginnt (der sogenannte "frühe Zyklus" - ist aber von Katherine Kurtz erst nach dem "späten Zyklus" geschrieben worden). Er schildert unter anderem die Geschichte einer derynischen Familie, der MacRories, deren größter Sproß Camber MacRorie war, der gar zum Heiligen erklärt wurde - und später zum Ketzer. (Zweihundert Jahre später ist Camber eine mystische Gestalt der Vergangenheit, die aber immer noch bis in diese Zeit wirkt.) Es ist eine Geschichte über Machtspiele und Verrat, ein Kampf um die Macht in einem Königreich, ein Kampf um das Überleben der Deryni, aber auch um den Versuch des Zusammenlebens mit den Menschen. Die Deryni um Camber versuchen ein altes Königsgeschlecht, die Haldane, die selbst über magische Fähigkeiten verfügen, wieder an die Spitze von Gwynnedd zu bringen. Doch schließlich scheinen die menschlichen Führer in Kirche und Staat, die den Deryni feindlich gegenüberstehen, die Oberhand zu behalten, und eine Zeit der Unterdrückung und des Schreckens beginnt.
Direkt an diese Bücher schließt der Zyklus "Die Erben von Sankt Camber" an. Dieser schildert den weiteren Weg der Deryni, die Geschichte um Cambers Nachkommen Joram und Evaine und um den Camberischen Rat, zu dem sich mehrere mächtige Deryni zusammenschlossen, um ihr Volk vor dem Untergang zu bewahren.
Zweihundert Jahre nach diesen Geschehnissen sind die Deryni noch immer Unterdrückte und Verfolgte, auch wenn die großen Verfolgungen vorüber sind. Diese lange Zeit hat dazu geführt, daß die Menschen in irrationaler Furcht vor den Deryni leben, in von der Kirche eingeimpfter Angst vor Zauberei. (* Siehe dazu auch meine Anmerkung weiter oben... Heike) Hier, im "späten Zyklus", beginnt die Geschichte des Halbderyni Alaric Morgan, der zum persönlichen Vertrauten des jungen Kelson Haldane wird, der das Erbe seines ermordeten Vaters Brion Haldane antreten muß. Zudem versuchen fremde Derynifürsten die Herrschaft über Gwynedd zu erlangen.
Der weitere Weg von Kelson Haldane wird im darauf folgenden Zyklus "Die Geschichte von König Kelson" geschildert.
Katherine Kurtz gelingt es als Historikerin mit viel Wissen und Liebe zum Detail, für ein über Jahrhunderte fortdauerndes Geschichtenepos zu faszinieren. Man merkt aber schon starke Unterschiede in der Schreibweise zwischen dem zuerst geschriebenen "späten Zyklus" und dem danach geschriebenen "frühen Zyklus" an.
Der "späte Zyklus" ist eher kurzweilig, eine spannende Abenteuergeschichte, während beim Zyklus um Camber von Culdi immer größere Details herausgearbeitet werden. Die Personen werden detailreicher geschildert, kleinste Begebenheiten und z. B. magische Handlungen ausführlicher aufbereitet. Das alles führt nicht dazu, daß die Geschichten zu langatmig werden; eher wird man mehr mit dem Geschehen verknüpft, stärker hineingezogen. Irgendwo bleibt dies natürlich auch ein Drahtseilakt, denn seitenlange Abhandlungen über kirchliche Vorgänge oder derynische Zauberhandlungen, so gut sie geschrieben sein mögen, sind wohl nicht jedermanns Fall. Aber das ist eben alles Geschmackssache. Wie es bei einem derart groß angelegten Werk meist der Fall ist, gibt es bessere und eben nicht so gute Romane. Nichtsdestotrotz ist der Zyklus um die Welt der Deryni eine der Welten, in die ich mich zum Lesen sehr gerne zurückziehe.

Kurze Bibliographie in Reihenfolge des zeitlichen Ablaufs:

Auslöser - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
888 A. D.

"Früher Deryni Zyklus"

Camber von Culdi (1976)
903 - 904 A. D.

Sankt Camber (1978)
905 - 907 A. D.

Camber der Ketzer (1981)
917 - 918 A. D.

"Die Erben von Sankt Camber"

Das Mysterium von Gwynedd (1989) - bei dem Erscheinungsdatum sieht man, wie weit wir in Deutschland zurückhängen.
918 A. D.

König Javans Jahr (1992) (in Deutschland noch nicht erschienen)

Der falsche Prinz (1994) (in Deutschland noch nicht erschienen)

Berufung - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
977 A. D.

Bethane - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1100 A. D.

Arilans Priesterweihe - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1104 A. D.

Des Marluks Untergang (1977) - Kurzgeschichte aus Ashtaru der Schreckliche - Kurzgeschichtensammlung v. E. Ringer u. H. Urbanek
1105 A. D.

Vermächtnis - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1105 A. D.

Derrys Ritterschlag - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1115 A. D.

Gericht zu Kiltuin - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1118 A. D.

"Später Deryni Zyklus"

Das Geschlecht der Magier (1970)
1120 A. D.

Die Zauberfürsten (1972)
1121 A. D.

Ein Deryni-König (1973)
1121 A. D.

"Die Geschichte von König Kelson"

Das Erbe des Bischofs (1984)
1123 - 1124 A. D.

Die Gerechtigkeit des Königs (1985)
1124 A. D.

Die Suche nach Sankt Camber (1986)
1125 A. D.

Die Erscheinungsdaten beziehen sich auf das der Originalromane.

Wie man allein aus dieser Aufstellung erkennt, ist der Deryni-Zyklus ein sehr groß angelegtes Werk, und er wird von Katherine Kurtz noch immer fortgeführt. Im Corian-Lexikon "Bibliographisches Lexikon der phantastischen Literatur" wird der Roman "King Kelson's Bride erwähnt - meine Ausgabe des Lexikons ist auch schon älter, bzw. ich habe die Loseblattsammlung nicht fortgeführt, in der das Lexikon erscheint - laut www.sfsite.com/isfdb-bin/exact_author.cgi?Katherine_Kurtz ist es 1997 erschienen, aber bei www.non.com/books/Kurtz_Katherine_cc.html heißt es, daß es erst im Juni 2000 herauskommen soll. Was ist nun richtig? Dazu sollen dann noch die Childe Morgan-Trilogie und die Orin-Trilogie erscheinen. Wir können also noch viel erwarten.
Der Neuleser sollte natürlich am Anfang beginnen, also am besten mit dem Frühen Zyklus um Sankt Camber. Wobei es sich natürlich gut trifft, daß gerade bei Bastei eine Neuveröffentlichung von "Camber von Culdi" herausgekommen ist.

Bernd Krosta, im April / Mai 2000

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