Die Geschichte der Deryni spielt im Mittelalter. Sie reicht vom
Anfang des zehnten Jahrhunderts (früher Zyklus) bis ins
zwölfte Jahrhundert (später Zyklus).
Vor dem Hintergrund einer Kulturstufe, die in etwa der von England
oder Wales in dieser Zeit entspricht, baut sich eine
großangelegte und großartige Geschichte auf. Sie spielt
in den elf Königreichen, deren Mittelpunkt Gwynedd ist. Eine
mächtige, mittelalterliche Kirche beherrscht das Denken der
Menschen. Aber nicht nur Menschen leben in den Königreichen,
sondern auch das Volk der Deryni - ein Geschlecht von Zauberern, die
von Geburt an die Magie beherrschen.
Das Leben der Menschen ist eng mit dem der Deryni verwoben. Es gab
derynische Könige (gute wie schlechte); es gibt Fürsten
sowie derynische Mönche, von denen verschiedene als Heiler ihr
Werk tun, und sogar derynische Bischöfe. Aus dieser Sicht ist zu
sagen, daß die Deryni, solange sie mit den Menschen in Frieden
lebten, doch meist der oberen oder besseren Schicht angehörten -
klar, wenn man des Zauberns mächtig ist.
Die magischen Fähigkeiten der Deryni sind unterschiedlich
ausgeprägt und auch verschieden angelegt. Viele Kräfte
würde man heute in den Bereich der Parapsychologie oder der
außersinnlichen Wahrnehmung rechnen, wie Telekinese,
Telepathie, Teleportation oder auch hypnotische Kräfte. (Alles
bekannte und beliebte Phänomene in SF-Serien; wie hieß
diese eine noch...?!) Manche Deryni verfügen über
Heilkräfte, eine in hohen Ehren gehaltene Fähigkeit. Aber
auch die Anrufung von Geisteswesen, Engeln, wird von Deryni
ausgeübt, was aus heutiger Sicht wirklich in den Bereich der
Magie fallen würde. Die Fähigkeiten sind vielfältig
und werden gemäß der Zeit, in der die ganze Geschichte
spielt, eben als Zauberei betrachtet. Die Zauberkräfte sind den
Deryni angeboren und werden durch Fortpflanzung vererbt. So befindet
sich in der Kurzgeschichten-Sammlung "Die Deryni Archive" eine ganze
Abhandlung über die genetischen Grundlagen des Deryni-Erbgutes.
Die Deryni sind eine menschenähnliche Rasse, aber eben nicht
menschlich. Die einfachen Menschen stehen dem, wenn sie nicht gerade
eng mit Deryni zusammenleben oder verbunden sind, ebenso wie auch die
mächtige Kirche nicht gerade offen gegenüber. Kein Wunder,
wenn man bedenkt, daß die Kirche allein schon eingebildete
Zauberei und Hexerei in unserer realen (?) Welt aufs Erbittertste
bekämpfte. (* Oh, das hatte in den weitaus meisten
Fällen nicht das Geringste mit Zauberei - auch nicht mit
eingebildeter - zu tun, sondern sehr viel häufiger mit
Volksverhetzung. Meist ging es um etwas, auf das die Kirche oder
vielleicht auch ein einzelnes einflußreiches Mitglied derselben
scharf war, das mit legalen Mitteln aber nicht zu bekommen war
(Grundbesitz, Geld...) oder auch darum, unangenehme (=
aufgeklärte bzw. direkt kirchenfeindliche) Zeitgenossen
loszuwerden. Das einfache Volk schien der Kirche (nicht nur
damals...) mehr zu glauben als Leuten, denen es vorher lange Zeit
vertraut hatte. 'Diener Gottes dürfen doch wohl nicht
lügen! Das heißt also, daß unsere Schwestern,
Brüder und Freunde uns die ganze Zeit angelogen haben..." Aber
das alles wird - ebenso wie die sogenannten Hexenverfolgungen selbst
- heutzutage liebend gern totgeschwiegen... Heike) Deshalb kam es
auch immer wieder zu Deryniverfolgungen. Doch gab es auch Zeiten, in
denen Deryni hochgeachtet waren und mit den Menschen in Eintracht
lebten. Und genau wie bei den Menschen gibt es gute und schlechte
Deryni, Deryni, die ihre Kräfte mißbrauchen und andere,
die sie zum Guten einsetzen.
Vor diesem Hintergrund spielt der Gesamtzyklus, der im frühen
10. Jahrhundert beginnt (der sogenannte "frühe Zyklus" - ist
aber von Katherine Kurtz erst nach dem "späten Zyklus"
geschrieben worden). Er schildert unter anderem die Geschichte einer
derynischen Familie, der MacRories, deren größter
Sproß Camber MacRorie war, der gar zum Heiligen erklärt
wurde - und später zum Ketzer. (Zweihundert Jahre später
ist Camber eine mystische Gestalt der Vergangenheit, die aber immer
noch bis in diese Zeit wirkt.) Es ist eine Geschichte über
Machtspiele und Verrat, ein Kampf um die Macht in einem
Königreich, ein Kampf um das Überleben der Deryni, aber
auch um den Versuch des Zusammenlebens mit den Menschen. Die Deryni
um Camber versuchen ein altes Königsgeschlecht, die Haldane, die
selbst über magische Fähigkeiten verfügen, wieder an
die Spitze von Gwynnedd zu bringen. Doch schließlich scheinen
die menschlichen Führer in Kirche und Staat, die den Deryni
feindlich gegenüberstehen, die Oberhand zu behalten, und eine
Zeit der Unterdrückung und des Schreckens beginnt.
Direkt an diese Bücher schließt der Zyklus "Die Erben von
Sankt Camber" an. Dieser schildert den weiteren Weg der Deryni, die
Geschichte um Cambers Nachkommen Joram und Evaine und um den
Camberischen Rat, zu dem sich mehrere mächtige Deryni
zusammenschlossen, um ihr Volk vor dem Untergang zu bewahren.
Zweihundert Jahre nach diesen Geschehnissen sind die Deryni noch
immer Unterdrückte und Verfolgte, auch wenn die großen
Verfolgungen vorüber sind. Diese lange Zeit hat dazu
geführt, daß die Menschen in irrationaler Furcht vor den
Deryni leben, in von der Kirche eingeimpfter Angst vor Zauberei. (*
Siehe dazu auch meine Anmerkung weiter oben... Heike) Hier, im
"späten Zyklus", beginnt die Geschichte des Halbderyni Alaric
Morgan, der zum persönlichen Vertrauten des jungen Kelson
Haldane wird, der das Erbe seines ermordeten Vaters Brion Haldane
antreten muß. Zudem versuchen fremde Derynifürsten die
Herrschaft über Gwynedd zu erlangen.
Der weitere Weg von Kelson Haldane wird im darauf folgenden Zyklus
"Die Geschichte von König Kelson" geschildert.
Katherine Kurtz gelingt es als Historikerin mit viel Wissen und Liebe
zum Detail, für ein über Jahrhunderte fortdauerndes
Geschichtenepos zu faszinieren. Man merkt aber schon starke
Unterschiede in der Schreibweise zwischen dem zuerst geschriebenen
"späten Zyklus" und dem danach geschriebenen "frühen
Zyklus" an.
Der "späte Zyklus" ist eher kurzweilig, eine spannende
Abenteuergeschichte, während beim Zyklus um Camber von Culdi
immer größere Details herausgearbeitet werden. Die
Personen werden detailreicher geschildert, kleinste Begebenheiten und
z. B. magische Handlungen ausführlicher aufbereitet. Das alles
führt nicht dazu, daß die Geschichten zu langatmig werden;
eher wird man mehr mit dem Geschehen verknüpft, stärker
hineingezogen. Irgendwo bleibt dies natürlich auch ein
Drahtseilakt, denn seitenlange Abhandlungen über kirchliche
Vorgänge oder derynische Zauberhandlungen, so gut sie
geschrieben sein mögen, sind wohl nicht jedermanns Fall. Aber
das ist eben alles Geschmackssache. Wie es bei einem derart
groß angelegten Werk meist der Fall ist, gibt es bessere und
eben nicht so gute Romane. Nichtsdestotrotz ist der Zyklus um die
Welt der Deryni eine der Welten, in die ich mich zum Lesen sehr gerne
zurückziehe.
Kurze Bibliographie in Reihenfolge des zeitlichen Ablaufs:
Auslöser - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
888 A. D.
"Früher Deryni Zyklus"
Camber von Culdi (1976)
903 - 904 A. D.
Sankt Camber (1978)
905 - 907 A. D.
Camber der Ketzer (1981)
917 - 918 A. D.
"Die Erben von Sankt Camber"
Das Mysterium von Gwynedd (1989) - bei dem Erscheinungsdatum sieht
man, wie weit wir in Deutschland zurückhängen.
918 A. D.
König Javans Jahr (1992) (in Deutschland noch nicht
erschienen)
Der falsche Prinz (1994) (in Deutschland noch nicht erschienen)
Berufung - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
977 A. D.
Bethane - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1100 A. D.
Arilans Priesterweihe - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive
(1986)
1104 A. D.
Des Marluks Untergang (1977) - Kurzgeschichte aus Ashtaru der
Schreckliche - Kurzgeschichtensammlung v. E. Ringer u. H. Urbanek
1105 A. D.
Vermächtnis - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1105 A. D.
Derrys Ritterschlag - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive
(1986)
1115 A. D.
Gericht zu Kiltuin - Kurzgeschichte aus Die Deryni Archive (1986)
1118 A. D.
"Später Deryni Zyklus"
Das Geschlecht der Magier (1970)
1120 A. D.
Die Zauberfürsten (1972)
1121 A. D.
Ein Deryni-König (1973)
1121 A. D.
"Die Geschichte von König Kelson"
Das Erbe des Bischofs (1984)
1123 - 1124 A. D.
Die Gerechtigkeit des Königs (1985)
1124 A. D.
Die Suche nach Sankt Camber (1986)
1125 A. D.
Die Erscheinungsdaten beziehen sich auf das der Originalromane.
Wie man allein aus dieser Aufstellung erkennt, ist der Deryni-Zyklus
ein sehr groß angelegtes Werk, und er wird von Katherine Kurtz
noch immer fortgeführt. Im Corian-Lexikon "Bibliographisches
Lexikon der phantastischen Literatur" wird der Roman "King Kelson's
Bride erwähnt - meine Ausgabe des Lexikons ist auch schon
älter, bzw. ich habe die Loseblattsammlung nicht
fortgeführt, in der das Lexikon erscheint - laut
www.sfsite.com/isfdb-bin/exact_author.cgi?Katherine_Kurtz ist es 1997
erschienen, aber bei www.non.com/books/Kurtz_Katherine_cc.html
heißt es, daß es erst im Juni 2000 herauskommen soll. Was
ist nun richtig? Dazu sollen dann noch die Childe Morgan-Trilogie und
die Orin-Trilogie erscheinen. Wir können also noch viel
erwarten.
Der Neuleser sollte natürlich am Anfang beginnen, also am besten
mit dem Frühen Zyklus um Sankt Camber. Wobei es sich
natürlich gut trifft, daß gerade bei Bastei eine
Neuveröffentlichung von "Camber von Culdi" herausgekommen
ist.