Die erste
Frage, die sich bei diesem Buch beinahe zwangsläufig stellt, ist
die nach dem dahinterstehenden Konzept der "Macher". Zitat
beiliegender Info-Zettel: "Der vorliegende Roman zeigt das Leben
Bullys aus einer Warte, wie sie bislang noch nicht geschildert wurde.
Bisher unbekannte Ereignisse verbinden sich mit den in der PERRY
RHODAN-Historie bereits publizierten Geschehnissen zu einem neuen
Roman..."
Der Hintergrund, vor dem der Roman spielt, darf daher als bekannt
vorausgesetzt werden.
Reginald Bull befindet sich im Jahre 3580 im Mahlstrom der Sterne auf
der Flucht vor seinen Verfolgern, den Aphilikern. Er erinnert sich an
sein bisheriges Leben. Eine der beiden Ebenen beschäftigt sich
durchgehend mit dem Bull der "Gegenwart", während der
Schwerpunkt die Ereignisse der ersten 700 PR-Hefte abhandelt,
beginnend mit dem Start der STARDUST I zum Mond im Jahre 1971.
Der PR-Hintergrund wird dabei jeweils knapp angerissen. Hubert
Haensel konzentriert sich auf seine Hauptperson. Reginald Bull stand
ja in der Heftserie bis auf wenige Ausnahmen (ich denke da in
jüngster Zeit etwa an die Nummern 1935 und 2015) stets im
Schatten Perry Rhodans - dabei hat gerade diese Figur
beträchtliches Potential. Das zeigt der Autor auch in diesem
Roman, und wie ich meine, recht gelungen. Bully ist nun doch mehr als
der ewige Zweite, und in der Kosmos-Chronik beleuchtet Hubert Haensel
anschaulich, daß auch eine solche Person durchaus ihre
Highlights hat. Der Autor schildert diese ebenso wie Bullys
Gefühlsleben, seine (nicht gerade wenigen) Affären und, wie
es so schön auf Neudeutsch heißt,
"Lebensabschnittsgefährtinnen" (bei einem Unsterblichen
paßt dieser Begriff exakt) sowie viele andere Details, die
diesen Mann zu einem richtigen Charakter machen. So erfährt man
viel über Reginald Bulls Privatleben, seine Sorgen und
Ängste, und als durchaus gelungen kann man auch jene Passagen
bezeichnen, in denen der (sterbliche) Autor dem Leser die Psyche und
auch die Probleme eines Unsterblichen zu vermitteln versucht. Bull
ist ein überaus vielschichtiger Charakter: Dieser Aspekt ist in
den Heften vielfach zu kurz gekommen, doch hier bleibt genug Raum
für ausgedehnte Charakterstudien. Diese sind dann auch der
eigentliche Schwerpunkt des Romans. Die Handlung wird immer wieder
knapp angerissen, doch sie dient lediglich als Hintergrund. Bisher
nicht oder nur am Rande erwähnte Einzelheiten finden zahlreich
Erwähnung und lassen beim Leser nie Langeweile aufkommen, obwohl
er die eigentliche "Geschichte" ja bereits kennt.
Reginald Bull ist irgendwann unermeßlich reich. (Man bedenke
nur, daß der Mann auch noch ein monatliches Gehalt als
führender Politiker des Solaren Imperiums bezieht...) Man sieht,
wie einfach das im Grunde genommen ist, wenn man so viel Zeit hat.
Ein Mann wie Bull erlebt die Jahrzehnte wie normale Sterbliche
einzelne Tage. Es ist schon erstaunlich, wieviel Geld aus 5000 Dollar
wird, die jahrhundertelang auf einem normalen Konto kontinuierlich
verzinst werden. Die genannten Zahlen darf man Hubert Haensel auch
ohne nachzurechnen getrost abnehmen; er ist schließlich Banker
im Hauptberuf.
Die Chronik bringt auch Neues: Die Flucht Bulls vor den Aphilikern
entpuppt sich als Beginn einer Odyssee quer durch den Mahlstrom, und
hier knüpft Hubert Haensel geschickt Zusammenhänge zum
Kosmischen Schachspiel zwischen ES und Anti-ES, das zu dieser Zeit
eigentlich schon beendet ist. Auch diese Ebene ist überaus
lesenswert, und es gibt einige Überraschungen...
Das einzige, was zu diesem Roman negativ anzumerken wäre, ist
die sehr unterschiedliche Gewichtung der verschiedenen
Zeitabschnitte.
Der erste Mondflug, die Begegnung mit den Arkoniden und die Dritte
Macht werden eher gemächlich abgehandelt. Da landet man rasch
auf Seite 100. Den Hauptteil nehmen dann die Ereignisse bis
einschließlich zur Auseinandersetzung mit den
Zweitkonditionierten und dem danach beginnenden Zerfall des Solaren
Imperiums ein.
Im letzten Teil des Buches werden die Zyklen eher hektisch
abgehandelt. So befindet man sich auf Seite 460 (von 494)
handlungsmäßig noch zwischen den Rhodan-Heften 399 und
400. Für die Cappins, den Schwarm, den ES-Zyklus und das Konzil
der Sieben bleiben somit nur wenig mehr als 30 Seiten. Hier wird dann
arg gerafft. Man merkt deutlich, daß Hubert Haensel noch
wesentlich mehr mitzuteilen gehabt hätte, aber dann hätte
man wohl noch ein weiteres Jahr auf das Erscheinen dieses Buches
warten müssen.
Vielleicht wäre es besser gewesen, mit Heft 500 Schluß zu
machen. So aber wirkt das Ende des Buches irgendwie unfertig und sehr
überhastet. Jemand, der sich mit diesem Werk in den PR-Kosmos
einliest - und besonders für diese Zielgruppe bietet sich ein
derartiges Werk gerade als Lektüre an - wird massive Probleme
haben, der hier teilweise wirklich nur noch angedeuteten Handlung zu
folgen. Doch dafür gibt es das Lexikon und/oder die
Archiv-CD.
Insgesamt bleibt ein recht positiver Eindruck, zumal der Roman auch
sehr flüssig lesbar ist.
Da er mit einer "1" numeriert ist, könnten weitere
Kosmos-Chroniken folgen. Werden die angesprochenen Kritikpunkte
konsequent beseitigt, darf man auf weitere Bände gespannt
sein.
Fazit:
Der Perry Rhodan-Kosmos einmal aus einer anderen Perspektive. Ein
Pflichtkauf für Fans.
12 Punkte