Perry Rhodan Kosmos-Chroniken

Band 1: "Reginald Bull"

Autor: Hubert Haensel

D 2000
(496 Seiten, Hardcover, Moewig, ISBN 3-8118-2096-6, DM 29,80)
- erschienen: Mai 2000 -

Die erste Frage, die sich bei diesem Buch beinahe zwangsläufig stellt, ist die nach dem dahinterstehenden Konzept der "Macher". Zitat beiliegender Info-Zettel: "Der vorliegende Roman zeigt das Leben Bullys aus einer Warte, wie sie bislang noch nicht geschildert wurde. Bisher unbekannte Ereignisse verbinden sich mit den in der PERRY RHODAN-Historie bereits publizierten Geschehnissen zu einem neuen Roman..."
Der Hintergrund, vor dem der Roman spielt, darf daher als bekannt vorausgesetzt werden.
Reginald Bull befindet sich im Jahre 3580 im Mahlstrom der Sterne auf der Flucht vor seinen Verfolgern, den Aphilikern. Er erinnert sich an sein bisheriges Leben. Eine der beiden Ebenen beschäftigt sich durchgehend mit dem Bull der "Gegenwart", während der Schwerpunkt die Ereignisse der ersten 700 PR-Hefte abhandelt, beginnend mit dem Start der STARDUST I zum Mond im Jahre 1971.
Der PR-Hintergrund wird dabei jeweils knapp angerissen. Hubert Haensel konzentriert sich auf seine Hauptperson. Reginald Bull stand ja in der Heftserie bis auf wenige Ausnahmen (ich denke da in jüngster Zeit etwa an die Nummern 1935 und 2015) stets im Schatten Perry Rhodans - dabei hat gerade diese Figur beträchtliches Potential. Das zeigt der Autor auch in diesem Roman, und wie ich meine, recht gelungen. Bully ist nun doch mehr als der ewige Zweite, und in der Kosmos-Chronik beleuchtet Hubert Haensel anschaulich, daß auch eine solche Person durchaus ihre Highlights hat. Der Autor schildert diese ebenso wie Bullys Gefühlsleben, seine (nicht gerade wenigen) Affären und, wie es so schön auf Neudeutsch heißt, "Lebensabschnittsgefährtinnen" (bei einem Unsterblichen paßt dieser Begriff exakt) sowie viele andere Details, die diesen Mann zu einem richtigen Charakter machen. So erfährt man viel über Reginald Bulls Privatleben, seine Sorgen und Ängste, und als durchaus gelungen kann man auch jene Passagen bezeichnen, in denen der (sterbliche) Autor dem Leser die Psyche und auch die Probleme eines Unsterblichen zu vermitteln versucht. Bull ist ein überaus vielschichtiger Charakter: Dieser Aspekt ist in den Heften vielfach zu kurz gekommen, doch hier bleibt genug Raum für ausgedehnte Charakterstudien. Diese sind dann auch der eigentliche Schwerpunkt des Romans. Die Handlung wird immer wieder knapp angerissen, doch sie dient lediglich als Hintergrund. Bisher nicht oder nur am Rande erwähnte Einzelheiten finden zahlreich Erwähnung und lassen beim Leser nie Langeweile aufkommen, obwohl er die eigentliche "Geschichte" ja bereits kennt.
Reginald Bull ist irgendwann unermeßlich reich. (Man bedenke nur, daß der Mann auch noch ein monatliches Gehalt als führender Politiker des Solaren Imperiums bezieht...) Man sieht, wie einfach das im Grunde genommen ist, wenn man so viel Zeit hat. Ein Mann wie Bull erlebt die Jahrzehnte wie normale Sterbliche einzelne Tage. Es ist schon erstaunlich, wieviel Geld aus 5000 Dollar wird, die jahrhundertelang auf einem normalen Konto kontinuierlich verzinst werden. Die genannten Zahlen darf man Hubert Haensel auch ohne nachzurechnen getrost abnehmen; er ist schließlich Banker im Hauptberuf.
Die Chronik bringt auch Neues: Die Flucht Bulls vor den Aphilikern entpuppt sich als Beginn einer Odyssee quer durch den Mahlstrom, und hier knüpft Hubert Haensel geschickt Zusammenhänge zum Kosmischen Schachspiel zwischen ES und Anti-ES, das zu dieser Zeit eigentlich schon beendet ist. Auch diese Ebene ist überaus lesenswert, und es gibt einige Überraschungen...
Das einzige, was zu diesem Roman negativ anzumerken wäre, ist die sehr unterschiedliche Gewichtung der verschiedenen Zeitabschnitte.
Der erste Mondflug, die Begegnung mit den Arkoniden und die Dritte Macht werden eher gemächlich abgehandelt. Da landet man rasch auf Seite 100. Den Hauptteil nehmen dann die Ereignisse bis einschließlich zur Auseinandersetzung mit den Zweitkonditionierten und dem danach beginnenden Zerfall des Solaren Imperiums ein.
Im letzten Teil des Buches werden die Zyklen eher hektisch abgehandelt. So befindet man sich auf Seite 460 (von 494) handlungsmäßig noch zwischen den Rhodan-Heften 399 und 400. Für die Cappins, den Schwarm, den ES-Zyklus und das Konzil der Sieben bleiben somit nur wenig mehr als 30 Seiten. Hier wird dann arg gerafft. Man merkt deutlich, daß Hubert Haensel noch wesentlich mehr mitzuteilen gehabt hätte, aber dann hätte man wohl noch ein weiteres Jahr auf das Erscheinen dieses Buches warten müssen.
Vielleicht wäre es besser gewesen, mit Heft 500 Schluß zu machen. So aber wirkt das Ende des Buches irgendwie unfertig und sehr überhastet. Jemand, der sich mit diesem Werk in den PR-Kosmos einliest - und besonders für diese Zielgruppe bietet sich ein derartiges Werk gerade als Lektüre an - wird massive Probleme haben, der hier teilweise wirklich nur noch angedeuteten Handlung zu folgen. Doch dafür gibt es das Lexikon und/oder die Archiv-CD.
Insgesamt bleibt ein recht positiver Eindruck, zumal der Roman auch sehr flüssig lesbar ist.
Da er mit einer "1" numeriert ist, könnten weitere Kosmos-Chroniken folgen. Werden die angesprochenen Kritikpunkte konsequent beseitigt, darf man auf weitere Bände gespannt sein.

Fazit:
Der Perry Rhodan-Kosmos einmal aus einer anderen Perspektive. Ein Pflichtkauf für Fans.
12 Punkte

Hans-Joachim Kleimann


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