Katherine Kurtz:

"Camber von Culdi"

(Der früheDeryni-Zyklus - Band 1)
(400 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe 20383, ISBN 3-404-20383-6, DM 16,90)
- erschienen: Mai 2000 -

Im Jahre des Herrn 903 herrscht das Deryni-Geschlecht der Festil in der vierten Generation über Gwynedd. (Die Deryni sind eine Rasse von Zauberern, vollkommen menschenähnlich, aber eben mit magischen Kräften ausgestattet - Näheres dazu in meinem Artikel über den Deryni-Zyklus von Katherine Kurtz.) Vor über 80 Jahren war der jüngste Sohn des Herrschers von Torenth, Festil, mit einem Heer in Gwynedd einmarschiert; dabei entthronte er König Ifor Haldane. Bis auf den zweijährigen Prinzen Aidan Haldane wurde die gesamte Familie massakriert. Nun, 80 Jahre später, ist es im Land der McRories, Caerrorie, zum Mord an einem Deryni-Adligen gekommen, woraufhin der König fünfzig Dörfler festnehmen läßt. Obwohl durch die Gedankenseher des Herrschers bekannt ist, daß diese Menschen nichts mit dem Tod des Deryni zu tun hatten, will König Imre sie nach der Festilschen Faustregel - fünfzig Menschenleben für einen Deryni - hinrichten lassen.
Camber McRorie, siebenter Graf von Culdi und einer der mächtigsten Deryni, der neben seinem Stammsitz zu Culdi auch Caerrorie zu Lehen hat, ist schon lange erzürnt über die Machenschaften des jungen Königs. Deshalb hat er vor drei Jahren, nach dem Tod von Imres Vater, seine Stelle als Berater des Königs aufgegeben und sich nach Caerrorie zurückgezogen. Doch sein Sohn Cathan lebt mit seiner Familie weiterhin am Hof.
Eines Morgens wird der Heiler Rhys Thuryn, ein Freund von Cambers zweitem Sohn Joram, zu einem alten Patienten gerufen, nämlich zu dem 83jährigen Daniel Draper. Und in seiner Todesstunde gesteht Draper dem Heiler, daß er der überlebende Prinz Aidan Haldane ist. Er erzählt Rhys von seinem Enkel Cinhil, der sich - nun als letzter Überlebender des Haldane-Geschlechts - vor zwanzig Jahren in ein Kloster zurückgezogen hat. Mit Hilfe des Gedankensehens erkennt Rhys, daß Draper die Wahrheit spricht. Nach dem Tod des alten Mannes sucht er Joram auf; dieser ist Geistlicher sowie ein Ritter im Orden des Heiligen Michael. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach Cinhil, von dem sie nur wissen, daß er unter dem Namen Benedict dem Mönchsorden Ordo Verbi Dei beigetreten ist.
Schließlich erzählen sie auch Camber von dieser Geschichte, der sich bereit erklärt, ihnen bei dieser Verschwörung - denn nichts anderes ist es - zu helfen.
Am Hof des Königs ist währenddessen Cathan in Gefahr. Sein Schwager versucht, ihn beim König unbeliebt zu machen, ihn gar des Verrats anzuklagen, um so Cathans Stelle am Königshof einnehmen zu können. Auch Joram und Rhys läßt er im Geheimen beobachten. Und die Verschwörer wider den König merken zuerst nicht, daß sie selbst schon in einer Verschwörung gefangen sind.

Dieses Buch gehört mit zum Besten, was Katherine Kurtz im Deryni-Zyklus herausgebracht hat. Es ist reich an Detailfülle, aber auch nicht in dem Maß, daß die Handlung darunter leidet; statt dessen eröffnet sie dem Leser ein farbenprächtiges Bild dieser Zeit.
Besonders bemerkenswert finde ich den Aufbau, den Kurtz ihren Figuren gegeben hat. So ist der hochedle Deryni Camber von Culdi ein Mann, der im Zweifel auch den Weg der Hinterlist geht - und der, wenn es seinen angestrebten Zielen dient, rücksichtslos durchgreift.
Auch ist es ja nicht unbedingt sicher, daß ein Mann, der vor zwanzig Jahren ins Kloster ging und sich zu Gott berufen fühlt (wie Cinhil Haldane), sich freiwillig auf den Weg zur Rückeroberung des Königreiches und des Throns für das Haldanegeschlecht machen wird, ja überhaupt dafür geeignet ist?! Doch für Camber sind diese Bedenken nebensächlich; sollte der als Bruder Benedict lebende letzte Haldane auch nur bedingt geeignet sein, muß er sein Lebenziel für das Reich zurückstellen. Auch Joram und Rhys bedienen sich ihrer übermenschlichen Fähigkeiten nicht immer im lautersten Sinne, aber eben im Sinne der Sache. Katherine Kurtz' Helden sind keine perfekten Menschen, wie wir uns halt einen edlen Ritter vorstellen würden oder einen edlen, weisen Zauberer. Sie haben ihre Fehler; sie sind vielleicht klug genug, um sie zu erkennen, ordnen sie aber immer dem unter, was sie im Moment für das Wichtigste halten. So zeigt Joram deutlich seine Bedenken auf, wie ein menschlicher König wohl mit den Deryni verfahren könnte - da doch sein Volk achtzig Jahre unter deren Joch litt - auch wenn auf der sogenannten guten Seite "gute" Deryni, in Persona die Familie MacRorie und Rhys Thuryn, für den Haldane-König streiten. Wer sich ein bißchen länger mit dem Deryni-Zyklus beschäftigt, wird merken, daß diese Bedenken gar nicht so falsch sind. Bei allen Taten, auch denen von Katherine Kurtz' Lieblingsfigur Camber, bleibt immer der Zweifel, ob nun wirklich richtig gehandelt wurde oder ob der eingeschlagene Weg nicht geradewegs ins Unglück führt. So lastet dem Deryni-Zyklus, besonders dem mit diesem Band beginnenden "frühen" Zyklus, immer eine unterschwellige pessimistische Aura für die Zukunft an. Vielleicht macht aber gerade das den Reiz dieser Romane und der darin vorkommenden Personen aus. Denn trotz aller Rückschläge und trotz einem vielleicht bösen Schicksal kämpfen sie weiter und gehen ihren Weg, geben nicht auf. Und das ist für alle Zeiten und Zeitalter nicht die schlechteste Einstellung.
13 Punkte

Bernd Krosta

PS: Ich habe wegen der Punktevergabe schwer mit mir gerungen. Als ich dieses Buch zum Rezensieren übernahm, dachte ich eigentlich nur, klare 15 Punkte. Es ist zwar schon einige Jahre her, daß ich diesen Band zuletzt gelesen hatte, aber in meiner Erinnerung daran war ich noch voller Begeisterung. Naja, die Zeit verklärt einiges. Es ist noch immer ein sehr gutes Buch. Und ich wüßte im Moment gar nicht, woran es liegt - vielleicht hat sich auch nur mein persönlicher Geschmack verändert - aber irgendwie sind mir 15 Punkte jetzt doch zuviel, auch wenn ich im Vorhergehenden eigentlich nichts Negatives erwähnt habe - wahrscheinlich wirklich nur Geschmackssache. (Oder sowieso!)


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