Im Jahre
des Herrn 903 herrscht das Deryni-Geschlecht der Festil in der
vierten Generation über Gwynedd. (Die Deryni sind eine Rasse von
Zauberern, vollkommen menschenähnlich, aber eben mit magischen
Kräften ausgestattet - Näheres dazu in meinem Artikel
über den Deryni-Zyklus von Katherine Kurtz.) Vor über
80 Jahren war der jüngste Sohn des Herrschers von Torenth,
Festil, mit einem Heer in Gwynedd einmarschiert; dabei entthronte er
König Ifor Haldane. Bis auf den zweijährigen Prinzen Aidan
Haldane wurde die gesamte Familie massakriert. Nun, 80 Jahre
später, ist es im Land der McRories, Caerrorie, zum Mord an
einem Deryni-Adligen gekommen, woraufhin der König fünfzig
Dörfler festnehmen läßt. Obwohl durch die
Gedankenseher des Herrschers bekannt ist, daß diese Menschen
nichts mit dem Tod des Deryni zu tun hatten, will König Imre sie
nach der Festilschen Faustregel - fünfzig Menschenleben für
einen Deryni - hinrichten lassen.
Camber McRorie, siebenter Graf von Culdi und einer der
mächtigsten Deryni, der neben seinem Stammsitz zu Culdi auch
Caerrorie zu Lehen hat, ist schon lange erzürnt über die
Machenschaften des jungen Königs. Deshalb hat er vor drei
Jahren, nach dem Tod von Imres Vater, seine Stelle als Berater des
Königs aufgegeben und sich nach Caerrorie zurückgezogen.
Doch sein Sohn Cathan lebt mit seiner Familie weiterhin am Hof.
Eines Morgens wird der Heiler Rhys Thuryn, ein Freund von Cambers
zweitem Sohn Joram, zu einem alten Patienten gerufen, nämlich zu
dem 83jährigen Daniel Draper. Und in seiner Todesstunde gesteht
Draper dem Heiler, daß er der überlebende Prinz Aidan
Haldane ist. Er erzählt Rhys von seinem Enkel Cinhil, der sich -
nun als letzter Überlebender des Haldane-Geschlechts - vor
zwanzig Jahren in ein Kloster zurückgezogen hat. Mit Hilfe des
Gedankensehens erkennt Rhys, daß Draper die Wahrheit spricht.
Nach dem Tod des alten Mannes sucht er Joram auf; dieser ist
Geistlicher sowie ein Ritter im Orden des Heiligen Michael. Zusammen
machen sie sich auf die Suche nach Cinhil, von dem sie nur wissen,
daß er unter dem Namen Benedict dem Mönchsorden Ordo Verbi
Dei beigetreten ist.
Schließlich erzählen sie auch Camber von dieser
Geschichte, der sich bereit erklärt, ihnen bei dieser
Verschwörung - denn nichts anderes ist es - zu helfen.
Am Hof des Königs ist währenddessen Cathan in Gefahr. Sein
Schwager versucht, ihn beim König unbeliebt zu machen, ihn gar
des Verrats anzuklagen, um so Cathans Stelle am Königshof
einnehmen zu können. Auch Joram und Rhys läßt er im
Geheimen beobachten. Und die Verschwörer wider den König
merken zuerst nicht, daß sie selbst schon in einer
Verschwörung gefangen sind.
Dieses Buch gehört mit zum Besten, was Katherine Kurtz im
Deryni-Zyklus herausgebracht hat. Es ist reich an Detailfülle,
aber auch nicht in dem Maß, daß die Handlung darunter
leidet; statt dessen eröffnet sie dem Leser ein
farbenprächtiges Bild dieser Zeit.
Besonders bemerkenswert finde ich den Aufbau, den Kurtz ihren Figuren
gegeben hat. So ist der hochedle Deryni Camber von Culdi ein Mann,
der im Zweifel auch den Weg der Hinterlist geht - und der, wenn es
seinen angestrebten Zielen dient, rücksichtslos durchgreift.
Auch ist es ja nicht unbedingt sicher, daß ein Mann, der vor
zwanzig Jahren ins Kloster ging und sich zu Gott berufen fühlt
(wie Cinhil Haldane), sich freiwillig auf den Weg zur
Rückeroberung des Königreiches und des Throns für das
Haldanegeschlecht machen wird, ja überhaupt dafür geeignet
ist?! Doch für Camber sind diese Bedenken nebensächlich;
sollte der als Bruder Benedict lebende letzte Haldane auch nur
bedingt geeignet sein, muß er sein Lebenziel für das Reich
zurückstellen. Auch Joram und Rhys bedienen sich ihrer
übermenschlichen Fähigkeiten nicht immer im lautersten
Sinne, aber eben im Sinne der Sache. Katherine Kurtz' Helden sind
keine perfekten Menschen, wie wir uns halt einen edlen Ritter
vorstellen würden oder einen edlen, weisen Zauberer. Sie haben
ihre Fehler; sie sind vielleicht klug genug, um sie zu erkennen,
ordnen sie aber immer dem unter, was sie im Moment für das
Wichtigste halten. So zeigt Joram deutlich seine Bedenken auf, wie
ein menschlicher König wohl mit den Deryni verfahren könnte
- da doch sein Volk achtzig Jahre unter deren Joch litt - auch wenn
auf der sogenannten guten Seite "gute" Deryni, in Persona die Familie
MacRorie und Rhys Thuryn, für den Haldane-König streiten.
Wer sich ein bißchen länger mit dem Deryni-Zyklus
beschäftigt, wird merken, daß diese Bedenken gar nicht so
falsch sind. Bei allen Taten, auch denen von Katherine Kurtz'
Lieblingsfigur Camber, bleibt immer der Zweifel, ob nun wirklich
richtig gehandelt wurde oder ob der eingeschlagene Weg nicht
geradewegs ins Unglück führt. So lastet dem Deryni-Zyklus,
besonders dem mit diesem Band beginnenden "frühen" Zyklus, immer
eine unterschwellige pessimistische Aura für die Zukunft an.
Vielleicht macht aber gerade das den Reiz dieser Romane und der darin
vorkommenden Personen aus. Denn trotz aller Rückschläge und
trotz einem vielleicht bösen Schicksal kämpfen sie weiter
und gehen ihren Weg, geben nicht auf. Und das ist für alle
Zeiten und Zeitalter nicht die schlechteste Einstellung.
13 Punkte
PS: Ich habe wegen der Punktevergabe schwer mit mir gerungen. Als ich dieses Buch zum Rezensieren übernahm, dachte ich eigentlich nur, klare 15 Punkte. Es ist zwar schon einige Jahre her, daß ich diesen Band zuletzt gelesen hatte, aber in meiner Erinnerung daran war ich noch voller Begeisterung. Naja, die Zeit verklärt einiges. Es ist noch immer ein sehr gutes Buch. Und ich wüßte im Moment gar nicht, woran es liegt - vielleicht hat sich auch nur mein persönlicher Geschmack verändert - aber irgendwie sind mir 15 Punkte jetzt doch zuviel, auch wenn ich im Vorhergehenden eigentlich nichts Negatives erwähnt habe - wahrscheinlich wirklich nur Geschmackssache. (Oder sowieso!)