Neun
Stories hat Frank Festa in diesem Band versammelt. Stories, die
bisher noch nicht in Deutschland erschienen sind, deren Autoren aber
zu den bekannteren in Amerika gehören. Das nötigt schon
einigen Respekt ab, denn der Erfolg einer solchen Sammlung ist nicht
vorprogrammiert.
Daß den Stories jeweils "eine kurze Einleitung" vorangeht,
stimmt. Es sind allerdings sehr kurze Einleitungen, in denen die
Werke des Autors genannt werden; und oft findet man auch eine
Bemerkung, warum Frank Festa gerade diese Geschichte ausgesucht
hat.
Also, steigen wir ein in den Psycho-Express und schauen in die
verschiedenen Abteile...
Kim Newman: Wochenfrau
Peter Mysliwiec ist einer sehr peinlichen Situation. Jahrelang hatte
er angenommen, er sei englischer Staatsbürger. Nun stellt sich
heraus, daß er eigentlich Pole ist. Eine Scheinheirat mit der
jungen Madeleine hilft ihm zwar aus dieser vertrackten Lage, doch
irgendwie scheint sie sich von Woche zu Woche zu verändern - und
dies nicht immer im positiven Sinn...
Kim Newmans Geschichte ist originell und spannend erzählt. Zudem
findet man einen Hauch von feinem Humor in der Erzählung, der
zwar nicht immer offensichtlich ist, die Geschichte aber trotzdem
wunderbar abrundet.
15 Punkte
Terry Lamsley: In der Vorstadt
Ann und Hal Simmons leben schon seit etlicher Zeit in einer kleinen,
beschaulichen Vorstadt. Hal hat die Angewohnheit, mit seinem Hund
immer an der Ruine eines Schwimmbads vorbeizugehen, das auf dem
Grundstück einer alten Chemiefabrik errichtet worden ist. Als er
nun eines Tages wieder einmal dort vorbeigeht, wird er von einem
merkwürdigen Insekt gestochen. Eine Beule am Hinterkopf sowie
die seltsamen Ereignisse, die sich um die Verlegung des Friedhofs
drehen, scheinen irgendwie zusammenzuhängen. Und haben die
damaligen Experimente in der Fabrik etwas mit den Geschehnissen zu
tun?
Lamsleys Geschichte beginnt zwar sehr beschaulich, gewinnt jedoch im
Lauf der Handlung immer mehr an Tempo und endet mit einem
großen Knall, der einen frösteln macht. Trotz der
Tatsache, daß Lamsley an einigen Stellen etwas zu sehr
ausufert, bietet die Geschichte soliden Horror.
12 Punkte
Richard Laymon: Der Pelzmantel
Nach dem Tod ihres Mannes Harold hat sich Janet in ihr Haus
eingeschlossen. Endlich wagt sie sich mit ihrem Pelzmantel, ein
Geschenk Harolds, auf die Straße und fällt prompt sehr
hartnäckigen Tierschützern in die Hände.
Nun ja, wer Stephen Kings Hamburger mag, der wird diesem
Häppchen von Laymon auch etwas abgewinnen können. Mein
Geschmack ist es nicht gerade, dafür ist der Schluß zu
platt.
7 Punkte
Pagan Kennedy: Elvis Presleys Badezimmer
Spike ist eine gescheiterte Existenz, die in Boston lebt. Sie trifft
dort auf den Gitarrenspieler Juan Hombre, der bald eine Beziehung mit
ihr eingeht. Irgendwie hat Spike eine innige Beziehung zu Elvis
entwickelt. Zusammen mit Juan bricht sie nach Memphis auf...
'Ist das eine Horrorgeschichte?' habe ich mich während des
Lesens immer wieder gefragt. Und auch nach dem zweiten Lesen war ich
mir noch nicht sicher. Schließlich passiert nichts, was einem
einen Schauer über den Rücken laufen läßt.
Vielleicht ist diese Geschichte einfach derart anspruchsvoll,
daß ich mit ihr nicht klarkomme, den subtilen Horror, den Frank
im Vorspann anpreist, nicht verstehe. Sei's drum. Für eine
Horrorgeschichte kann ich da nur folgende Punktzahl vergeben:
7 Punkte
Nicholas Roye: Der Karpfenteich
Der Ich-Erzähler besucht mit seiner Freundin die Orte seiner
Kindheit. Zu diesen gehört auch der Karpfenteich, an dem er
geangelt und die erste Liebe erfahren hat. Er ist gekommen, um der
Vergangenheit endgültig Lebewohl zu sagen - doch die
Vergangenheit ist sehr lebendig...
Lullt Roye den Leser zu Anfang noch relativ in Sicherheit, so wird
die Bedrohung gegen Ende immer fühlbarer und spürbarer. Ein
Meisterstück, sowohl im Aufbau als auch im Stil.
15 Punkte
S. P. Somtow: Summertime
Jeden Sommer fährt Jody mit seinem Vater zum Fischen. Allerdings
- was hier unter Fischen verstanden wird, ist die Ermordung von
Prostituierten im Namen des Herrn. In diesem Sommer jedoch kommt die
Polizei ihrem Treiben auf die Spur...
Grandios makaber und dennoch so erzählt, daß man den
Hauptpersonen ihre Motivation abnimmt. Eine sehr auf das Ziel hin
erzählte Geschichte.
15 Punkte
Steve Rasnic Tem: Der Schutzengel
Jeder Mensch hat einen Schutzengel, erzählt der
Ich-Erzähler seinem Sohn. Nachdem die Mutter auf geheimnisvolle
Weise verschwunden ist, steht der Schutzengel persönlich vor der
Tür...
Hmm. Eine Hommage an Lovecraft, ohne Frage. Allerdings frage ich
mich: Was zum Teufel passiert denn da eigentlich am Ende?
Die Geschichte löst sich praktisch in Luft auf, und nachdem man
am Ende angekommen ist, steht man fassungslos und achselzuckend
davor. Der Stil des Autors ist ohne Frage erstklassig, aber ich kann
mich nur wiederholen: Er läßt den Leser am Schluß
etwas ins Leere laufen.
7 Punkte
Brian McNaughton: Ringard und Dendra
Der Lord Fariel von Sleith will seinen angeheirateten Verwandten vor
dem Zorn religiöser Eiferer beschützen und lädt ihn in
sein Haus ein. Dort erzählt Ringard seine Geschichte: Wie er
damals zufällig die Lady Dendra kennengelernt hat, wie sie beide
zusammen flohen und in das Haus eines Gelehrten kamen, der
merkwürdige Pflanzen in seinem Garten besaß...
McNaughton erzählt eine Geschichte, die in der Tradition von
Clark A. Smith steht und wirklich brillant erzählt ist.
Vielleicht etwas weitschweifig, und stellenweise schleicht sich auch
eine gewisse Langeweile ein.
Dennoch - eine Geschichte, die brillant unterhält.
12 Punkte
Michael Marshall Smith: Die Banner der Hölle
Ein Dreierteam aus begabten Wissenschaft forscht in der
Nanotechnologie. Als die Wissenschaftlerin des Teams stirbt, versucht
ihr Freund, eine Möglichkeit zu finden, um erneut mit ihr in
Kontakt zu kommen. Dazu untersucht er Medien und vergleicht
Gewebeproben von ihnen. Tatsächlich gelingt es ihm, kleine
Maschinen zu erfinden, die eine Rücksprache mit den Toten
ermöglichen - doch der Preis dafür ist hoch...
Eine Verknüpfung zweier Genres - SF und Horror. Brillant
aufgebaut und ebenso gut erzählt, ist diese Geschichte ein guter
Abschluß der Sammlung.
14 Punkte
Fazit:
Frank Festa hat in dieser Sammlung das breite Spektrum der modernen
Horrorgeschichten versammelt. Nicht für jeden Geschmack, und der
Preis für die knapp 170 Seiten ist auch etwas happig, aber
durchaus lohnend, wenn man sich für die modernen
Gegenwartsautoren interessiert.