Zum
Inhalt:
Hänsel und Gretel,
die gingen in den Wald.
Dort war es finster
und auch so bitterkalt.
Sie kamen an ein Häuschen,
...
Ups! 'tschuldigung...
Ensel und Krete sind Fhernhachen an und daher eher von zwergenhafter
Gestalt. Als sie mit ihren Eltern Urlaub in Bauming machen (der
idyllischen Ansiedlung der Buntbären innerhalb des großen
Waldes), denken sie sich nichts Böses dabei, als sie die
gekennzeichneten Wege verlassen. Doch das Verbot der Buntbären
hat durchaus seinen Sinn, denn schon kurz darauf können sie den
Rückweg nicht mehr finden, und eine seltsame Intelligenz
versucht, sie weiter in den Wald hineinzutreiben...
(Naja, ganz sooo falsch war der Anfang dieser Inhaltsangabe ja wohl
doch nicht... <eg>)
Nach den dreizehneinhalb Leben des Käpt'n Blaubär
entführt Walter Moers den Leser nun ein zweites Mal nach
Zamonien, diesmal mit einer Geschichte, die - oberflächlich
betrachtet - dem Leser doch mehr als nur bekannt vorkommen
muß.
Moers adaptiert hier das Grimm'sche Märchen in einer Form, an
die die beiden Sammler damals sicherlich nicht auch nur im Geringsten
denken konnten. Allerdings stellt der Leser in dieser Fassung dann
doch recht schnell fest, daß der zamonische Hintergrund so
ziemlich das einzige ist, was ihn an die Handlung zu fesseln in der
Lage ist.
Moers verfolgt auch hier konsequent seine Linie der phantasievollen
Beschreibungen, doch drängt sich dem Leser ab und zu der
Eindruck auf, daß dies alles nicht mehr ganz so liebevoll
vonstatten geht wie noch zu Zeiten der 13,5 Leben. Sicherlich, die
geschilderten Begegnungen Ensel und Kretes mit der Flora und Fauna
Zamoniens sind schön zu lesen, doch wirken sie an manchen
Stellen schon irgendwie so, als ob man sie bereits einmal gelesen
hätte. Frage: Wo denn nur? Richtige Antwort: Genau in diesem
Roman. Ob solche Wiederholungen bei dieser geringen Seitenzahl wohl
wirklich sein müssen?
Aber auch sonst scheint die Geschichte sich im Lauf der Zeit immer
mehr in die Länge zu ziehen - der Lichtblick der Mythenmetzschen
Abschweifungen (an sich ein wirklich genialer und hervorragend zu
lesender Schachzug) wirkt zeitweise auch eher wie ein Seitenschinder
- vor allem, wenn zum mehrfach wiederholten Male auf einem einzigen
Literaturkritiker herumgeritten wird (nein - ich bin's (hoffentlich
<eg>) nicht ;-)))) ).
Währenddessen schreiten Ensel und Krete weiterhin durch den
immer seltsamer werdenden Wald, der durchaus einiges an schönen,
phantasievollen Beschreibungen zu bieten hat. Auf ihrer Suche nach
dem Heimweg treffen sie immer wieder auf die seltsamsten
Auswüchse zamonischer Fauna und Flora - doch leider auch immer
mal wieder auf diejenigen, die sie schon getroffen haben. Die
schönsten Zusammentreffen sind hier noch die mit dem
Stollentroll (bekannt aus den 13,5 Leben), allerdings wirken diese
eigentlich hauptsächlich auch nur aufgrund des
Bekanntheitsgrades des Stollentrolls, der sich ansonsten genau so
benimmt, wie man es von ihm erwartet hat. Ein gewisser
Überraschungseffekt bleibt hier also leider
größtenteils aus, und gegen Ende des Romans kann man dem
Stollentroll auch lange nicht mehr mit der gleichen Begeisterung
begegnen wie noch zu Anfang.
Und wo wir gerade von "Anfang" reden: Das Ende ist dann auch ziemlich
gezogen - und zwar an den Haaren herbei... Nun gut, dies ist eine
Märchen-Adaption. Allerdings stellt sich dem Leser nach
Beendigung des Romans die Frage, weshalb dieser denn unbedingt so in
die Länge gezogen wurde. Hier hätte eine einfache Novelle
(incl. Mythenmetzscher Abschweifungen), bzw. eine Kurzgeschichte
(dann wohl eher ohne die Abschweifungen) durchaus auch
ausgereicht.
Daß der Roman allein dann jedoch nicht ein komplettes Hardcover
rechtfertigt, hat wohl auch Walter Moers erkannt, denn er schiebt
gleich noch die "halbe Biographie des Hildegunst von Mythenmetz"
hinterher, sozusagen als Anhang. Es ist hierbei zwar eine nette Idee,
dieses Buch als Roman desselben zamonischen Autors auszugeben,
während Moers nur als Übersetzer dasteht, doch hätte
man sich diese Biographie durchaus sparen können, da sie zwar
einige schöne Ideen bezüglich zamonischer Lebewesen
enthält, ansonsten jedoch den Charme einer ausgefransten
Zahnbürste versprüht. (* Och - ausgefranste
Zahnbürsten haben wenigstens Charakter! :-))) (Und werden von
massenhaft Bakterien bevölkert, aber das interessiert hier wohl
weniger... ;-) ) Heike) Während der Roman selber noch
einiges an liebenswürdigen Ideen und Beschreibungen beinhaltet,
die von einer recht lebhaften und faszinierenden Phantasie des Autors
zeugen, stellt die Biographie nur einen der üblichen Vertreter
ihrer Genres dar. Nichts von dem Zauber und der
Liebenswürdigkeit Zamoniens ist zu spüren - hier werden die
Daten einfach in ein Gerüst gepreßt, aus dem sie sich
nicht befreien können. Dies wirkt so, als hätte man Moers'
Phantasie eine Zwangsjacke angelegt, damit sie sich nur ja nicht voll
entfalten kann. Nett ist diese Biographie, doch Zamoniens durchaus
nicht würdig, da der zauberhafte Aspekt der ganzen Sache
überhaupt nicht zur Geltung kommt. Hier zeigt sich dann
deutlich, daß phantasievolle Ideen erst mit einem zauberhaften,
liebenswerten Text in Verbindung gebracht werden sollten, um auf den
Leser zu wirken. In einem nüchternen Text sind sie einfach nur
verschwendet.
Nun, diese Rezension liest sich jetzt wahrscheinlich recht negativ -
trotzdem bleibt mir zu vermerken, daß ich mich mit diesem Roman
doch an sich recht gut unterhalten habe. Das Haupt-Manko dieses
Buches liegt wohl eher darin, daß es halt nicht auch nur
halbwegs an seinen Vorgänger heranzureichen vermag. Man sollte
allerdings an dieser Stelle auch nicht verschweigen, daß es
auch wesentlich schlechtere Bücher gibt.
Es gibt sicherlich schlechtere Bücher für beide
Zielgruppen, als da wären die Kinder/Jugendlichen als auch die
erwachsenen Blaubär-Fans, die sich ihre kindliche
Vorstellungskraft nicht haben nehmen lassen (und hierzu gehören
wohl viele Phantastik-Fans - wage ich jetzt einfach einmal zu
behaupten...). Und auch wenn dieses Zamonien-Buch nun überhaupt
nichts mit dem Käpt'n zu tun hat, so bleibt doch eine gewisse
Zamonien-Faszination auch nach diesem Buch zurück. Es ist
schön (auch in der Ausstattung - hat schließlich schon
einmal jemand eine Karte auf der Innenseite des Schutzumschlags
gesehen?) und nett - aber leider auch nicht mehr. Die
Liebenswürdigkeit der 13,5 Leben geht diesem Roman leider ein
wenig ab.
Negativ zu erwähnen ist allerdings auch noch der Preis. Für
gerade einmal 20% weniger Geld bekommt man im Vergleich zu den 13,5
Leben des Käpt'ns immerhin 65% weniger Inhalt geboten - das
riecht dann doch ziemlich nach der auf Hochtouren angeworfenen
Geldmaschine...
Fazit:
Nett und schön, mit ein paar Ideen versehen, kommt dieser Roman
daher. Doch leider verbergen sich auf diesen paar Seiten auch so
manche Wiederholungen, so daß die Ideenfülle schon ein
wenig darunter leidet. Auch die Liebenswürdigkeit der Handlung
ist nicht so ganz gegeben, so daß ich (wenn ich den Preis auch
noch mit einbeziehe) eigentlich nicht unbedingt eine Empfehlung
aussprechen kann. Blaubär-Fans werden das Buch sowieso schon
gekauft haben - die anderen sollten es wohl besser erst einmal aus
der Bücherei ausleihen und dann über eine Anschaffung
entscheiden.
9 Punkte.