Walter Moers:

"Ensel und Krete"

D 2000
(255 Seiten, Hardcover, Eichborn, ISBN 3-8218-2949-4, DM 39,80)
- erschienen: Juni 2000 -

Zum Inhalt:
Hänsel und Gretel,
die gingen in den Wald.
Dort war es finster
und auch so bitterkalt.
Sie kamen an ein Häuschen,

...

Ups! 'tschuldigung...
Ensel und Krete sind Fhernhachen an und daher eher von zwergenhafter Gestalt. Als sie mit ihren Eltern Urlaub in Bauming machen (der idyllischen Ansiedlung der Buntbären innerhalb des großen Waldes), denken sie sich nichts Böses dabei, als sie die gekennzeichneten Wege verlassen. Doch das Verbot der Buntbären hat durchaus seinen Sinn, denn schon kurz darauf können sie den Rückweg nicht mehr finden, und eine seltsame Intelligenz versucht, sie weiter in den Wald hineinzutreiben...
(Naja, ganz sooo falsch war der Anfang dieser Inhaltsangabe ja wohl doch nicht... <eg>)

Nach den dreizehneinhalb Leben des Käpt'n Blaubär entführt Walter Moers den Leser nun ein zweites Mal nach Zamonien, diesmal mit einer Geschichte, die - oberflächlich betrachtet - dem Leser doch mehr als nur bekannt vorkommen muß.
Moers adaptiert hier das Grimm'sche Märchen in einer Form, an die die beiden Sammler damals sicherlich nicht auch nur im Geringsten denken konnten. Allerdings stellt der Leser in dieser Fassung dann doch recht schnell fest, daß der zamonische Hintergrund so ziemlich das einzige ist, was ihn an die Handlung zu fesseln in der Lage ist.
Moers verfolgt auch hier konsequent seine Linie der phantasievollen Beschreibungen, doch drängt sich dem Leser ab und zu der Eindruck auf, daß dies alles nicht mehr ganz so liebevoll vonstatten geht wie noch zu Zeiten der 13,5 Leben. Sicherlich, die geschilderten Begegnungen Ensel und Kretes mit der Flora und Fauna Zamoniens sind schön zu lesen, doch wirken sie an manchen Stellen schon irgendwie so, als ob man sie bereits einmal gelesen hätte. Frage: Wo denn nur? Richtige Antwort: Genau in diesem Roman. Ob solche Wiederholungen bei dieser geringen Seitenzahl wohl wirklich sein müssen?
Aber auch sonst scheint die Geschichte sich im Lauf der Zeit immer mehr in die Länge zu ziehen - der Lichtblick der Mythenmetzschen Abschweifungen (an sich ein wirklich genialer und hervorragend zu lesender Schachzug) wirkt zeitweise auch eher wie ein Seitenschinder - vor allem, wenn zum mehrfach wiederholten Male auf einem einzigen Literaturkritiker herumgeritten wird (nein - ich bin's (hoffentlich <eg>) nicht ;-)))) ).
Währenddessen schreiten Ensel und Krete weiterhin durch den immer seltsamer werdenden Wald, der durchaus einiges an schönen, phantasievollen Beschreibungen zu bieten hat. Auf ihrer Suche nach dem Heimweg treffen sie immer wieder auf die seltsamsten Auswüchse zamonischer Fauna und Flora - doch leider auch immer mal wieder auf diejenigen, die sie schon getroffen haben. Die schönsten Zusammentreffen sind hier noch die mit dem Stollentroll (bekannt aus den 13,5 Leben), allerdings wirken diese eigentlich hauptsächlich auch nur aufgrund des Bekanntheitsgrades des Stollentrolls, der sich ansonsten genau so benimmt, wie man es von ihm erwartet hat. Ein gewisser Überraschungseffekt bleibt hier also leider größtenteils aus, und gegen Ende des Romans kann man dem Stollentroll auch lange nicht mehr mit der gleichen Begeisterung begegnen wie noch zu Anfang.
Und wo wir gerade von "Anfang" reden: Das Ende ist dann auch ziemlich gezogen - und zwar an den Haaren herbei... Nun gut, dies ist eine Märchen-Adaption. Allerdings stellt sich dem Leser nach Beendigung des Romans die Frage, weshalb dieser denn unbedingt so in die Länge gezogen wurde. Hier hätte eine einfache Novelle (incl. Mythenmetzscher Abschweifungen), bzw. eine Kurzgeschichte (dann wohl eher ohne die Abschweifungen) durchaus auch ausgereicht.
Daß der Roman allein dann jedoch nicht ein komplettes Hardcover rechtfertigt, hat wohl auch Walter Moers erkannt, denn er schiebt gleich noch die "halbe Biographie des Hildegunst von Mythenmetz" hinterher, sozusagen als Anhang. Es ist hierbei zwar eine nette Idee, dieses Buch als Roman desselben zamonischen Autors auszugeben, während Moers nur als Übersetzer dasteht, doch hätte man sich diese Biographie durchaus sparen können, da sie zwar einige schöne Ideen bezüglich zamonischer Lebewesen enthält, ansonsten jedoch den Charme einer ausgefransten Zahnbürste versprüht. (* Och - ausgefranste Zahnbürsten haben wenigstens Charakter! :-))) (Und werden von massenhaft Bakterien bevölkert, aber das interessiert hier wohl weniger... ;-) ) Heike) Während der Roman selber noch einiges an liebenswürdigen Ideen und Beschreibungen beinhaltet, die von einer recht lebhaften und faszinierenden Phantasie des Autors zeugen, stellt die Biographie nur einen der üblichen Vertreter ihrer Genres dar. Nichts von dem Zauber und der Liebenswürdigkeit Zamoniens ist zu spüren - hier werden die Daten einfach in ein Gerüst gepreßt, aus dem sie sich nicht befreien können. Dies wirkt so, als hätte man Moers' Phantasie eine Zwangsjacke angelegt, damit sie sich nur ja nicht voll entfalten kann. Nett ist diese Biographie, doch Zamoniens durchaus nicht würdig, da der zauberhafte Aspekt der ganzen Sache überhaupt nicht zur Geltung kommt. Hier zeigt sich dann deutlich, daß phantasievolle Ideen erst mit einem zauberhaften, liebenswerten Text in Verbindung gebracht werden sollten, um auf den Leser zu wirken. In einem nüchternen Text sind sie einfach nur verschwendet.
Nun, diese Rezension liest sich jetzt wahrscheinlich recht negativ - trotzdem bleibt mir zu vermerken, daß ich mich mit diesem Roman doch an sich recht gut unterhalten habe. Das Haupt-Manko dieses Buches liegt wohl eher darin, daß es halt nicht auch nur halbwegs an seinen Vorgänger heranzureichen vermag. Man sollte allerdings an dieser Stelle auch nicht verschweigen, daß es auch wesentlich schlechtere Bücher gibt.
Es gibt sicherlich schlechtere Bücher für beide Zielgruppen, als da wären die Kinder/Jugendlichen als auch die erwachsenen Blaubär-Fans, die sich ihre kindliche Vorstellungskraft nicht haben nehmen lassen (und hierzu gehören wohl viele Phantastik-Fans - wage ich jetzt einfach einmal zu behaupten...). Und auch wenn dieses Zamonien-Buch nun überhaupt nichts mit dem Käpt'n zu tun hat, so bleibt doch eine gewisse Zamonien-Faszination auch nach diesem Buch zurück. Es ist schön (auch in der Ausstattung - hat schließlich schon einmal jemand eine Karte auf der Innenseite des Schutzumschlags gesehen?) und nett - aber leider auch nicht mehr. Die Liebenswürdigkeit der 13,5 Leben geht diesem Roman leider ein wenig ab.
Negativ zu erwähnen ist allerdings auch noch der Preis. Für gerade einmal 20% weniger Geld bekommt man im Vergleich zu den 13,5 Leben des Käpt'ns immerhin 65% weniger Inhalt geboten - das riecht dann doch ziemlich nach der auf Hochtouren angeworfenen Geldmaschine...

Fazit:
Nett und schön, mit ein paar Ideen versehen, kommt dieser Roman daher. Doch leider verbergen sich auf diesen paar Seiten auch so manche Wiederholungen, so daß die Ideenfülle schon ein wenig darunter leidet. Auch die Liebenswürdigkeit der Handlung ist nicht so ganz gegeben, so daß ich (wenn ich den Preis auch noch mit einbeziehe) eigentlich nicht unbedingt eine Empfehlung aussprechen kann. Blaubär-Fans werden das Buch sowieso schon gekauft haben - die anderen sollten es wohl besser erst einmal aus der Bücherei ausleihen und dann über eine Anschaffung entscheiden.
9 Punkte.

Winfried Brand


Interesse?
Hier kannst Du dieses Buch direkt bei amazon.de bestellen, und das Flash damit auch ein wenig finanziell unterstützen.


Startseite