Iain Banks:

"Inversionen"

OT: Inversions
Ü: Irene Bonhorst
GB 1998
(479 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6346, ISBN 3-453-16198-X, DM 19,90)
- erschienen: Juni 2000 -

Inhalt Eins:
Die Ärztin Vossil kommt aus dem fernen Drezzren, das eine etwas freiere Erziehung hat als das Königreich, in dem sie derzeit tätig ist. Schritt für Schritt avanciert sie zur Vertrauten des Königs, was seine Berater selbstverständlich nicht gerne sehen. Mit ihren eigenen Ansichten eckt sie in ihrer männlichen Umgebung nicht selten an. Hin und wieder zeigt sich aber auch, daß die Ärztin Geheimnisse hat, die noch keiner aus ihrer Umgebung ergründet hat.

Inhalt Zwei:
DeWar ist Leibwächter von Protektor UrLeyn, der den alten König gestürzt hat und nun an seiner Stelle regiert. Einst herrschte ein großes Kaiserreich über die ganze Welt, das nun in viele kleine Einzelreiche zerbrochen ist und in dem Kampf und Kriege an der Tagesordnung sind. Das sorgt dafür, das DeWar reichlich zu tun hat. Wenn er aber nicht auf seinen Herrn aufpassen muß - was ihm dann auch ganz und gar nicht paßt - verbringt er die Zeit mit der obersten Konkubine der Dame Perrund und UrLeyns Sohn Latten. Dabei offenbar sich, daß sich hinter dem kalten Rechner DeWar auch ein wunderbarer Geschichtenerzähler verbirgt.

Eines vorweg: Ian Banks ist ein Klasse-Autor, der auf wunderbare Art und Weise erzählt. Besonders hat es mir hier die Geschichte um den Leibwächter DeWar angetan. Schön wird geschildert, wie der eiskalte Mörder zwischen seinem "Beruf" und den zarten Geschichten hin- und herspringt, dem Zwiespalt zwischen Pflichterfüllung und ungewollter Freizeit, denn wenn es nach ihm ginge, wäre er immer im Dienst.
Ihm gegenüber steht die Ärztin, um die sich mehr und mehr Mysterien ranken und die der Gesellschaft, in der sie lebt, weit voraus ist. Während diese im Feudalismus versinkt, verstreut Vossil Gedankengut von Demokratie und Gleichberechtigung.

Beide Geschichten werden jeweils im Wechsel erzählt - Kapitel für Kapitel. Je länger der Roman dauert, desto mehr sucht man nach Verbindungen zwischen Vossil und DeWar, und man wartet eigentlich nur noch darauf, daß die beiden Ebenen schließlich zusammenlaufen. Aber plötzlich endet jede der Geschichten für sich, und der Roman ist zu Ende. Erklärungen oder Aufklärungen sucht man vergebens. Es werden nur ein paar kleinere Gerüchte eingestreut, mit deren man sich das eine oder andere vielleicht erklären kann.
Schade ist auch, daß die Geschichten einfach nicht richtig vorwärts kommen. Es gibt keine durchgängige Handlung, und man kann nicht ersehen, wohin die Absicht des Autors geht und was denn am Ende herauskommen könnte. Spannung und spannungstragende Elemente sucht man ebenfalls vergeblich; vielmehr plätschert der Roman so vor sich hin. Zwar mit schönen Worten und einer angenehmen Atmosphäre, aber plätschern ist halt plätschern.
Ansonsten hat man aber einen historischen Roman, den man ohne Probleme auch auf der Erde hätte spielen lassen können - andere SF- oder Fantasy-Elemente sucht man vergebens. Das einzige, was auf einen solchen Zusammenhang hinweist, ist der Klappentext, der von einer Welt erzählt, die Technik ablehnt. Das aber ist schlichtweg falsch. Es liegt lediglich eine Gesellschaft vor, die für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen noch nicht bereit ist. Zudem wird diese Welt als Zufluchtsort für Aussteiger aus der Galaxis beschrieben, die jedoch nicht in die Gesellschaft eingreifen dürfen. Dies erklärt vielleicht etwas am Ende, aber ansonsten sucht man die Außerirdischen und ihren Einfluß vergebens.

Fazit:
Ein exzellent geschriebener Roman mit einer faszinierenden Struktur. Dennoch hätte es in meinen Augen mehr Sinn gemacht, die beiden Geschichten als voneinander getrennte Kurzromane darzustellen, denn so ist das Ende doch recht unbefriedigend.
9 Punkte

Alexander Haas


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