Joanne K. Rowling:

"Harry Potter and the Goblet of Fire"

(Harry Potter - Band 4)
GB 2000
(734 Seiten, Hardcover, Scholastic, ISBN 0-439-13959-7, US-$ 25,95)
- erschienen: Juli 2000 -

Zum Inhalt:
Während Voldemort die Vorbereitungen trifft, zu seiner alten Stärke und darüber hinaus zu gelangen, erhält Harry Potter von den Dursleys die Erlaubnis, dem Endspiel der Quidditch-Weltmeisterschaft beizuwohnen (natürlich erst, nachdem er seinen Paten Sirius Black erwähnt hat). Doch nach dem Spiel kommt es zu Ausschreitungen der "Death Eater", der Anhänger Voldemorts, die sich nach dreizehn Jahren erstmals wieder in das Licht der Öffentlichkeit wagen. Bei diesen Ausschreitungen erscheint auch das Zeichen Voldemorts wieder und versetzt die Zaubererschaft in Entsetzen. Die Ereignisse bleiben zunächst ungeklärt, und Harry und seine Freunde fahren schließlich nach Hogwarts, dem neuen Schuljahr entgegen. Doch sie wissen nicht, daß Voldemort fieberhaft daran arbeitet, seine frühere Macht wiederzuerlangen. Und er bezieht Harry in seine Pläne nicht nur ein, sondern dieser ist auch ein integraler Bestandteil derselben...

Wow - was für ein Roman!
Joanne K. Rowling gelingt es tatsächlich, auf ihren dritten Potter-Roman noch einen draufzusetzen, was in dieser Art sicherlich nicht zu erwarten war.
War fan noch recht verwundert und vor allem entzückt, als er die Nachricht las, daß dieser Roman doch tatsächlich knapp 750 Seiten umfassen würde (je mehr Potter, desto besser!) - mit einem Roman dieser außerordentlichen Qualität konnte niemand rechnen!
Hiermit steht nun endgültig fest: Die Harry Potter-Romane wachsen mit den Lesern. Wobei dies nicht nur einfach so dahingeschrieben ist - Joanne K. Rowling ist dabei, eine Jugendserie von Roman zu Roman immer komplexer zu gestalten. Im Rückblick fällt vor allem auf, daß die Harry Potter-Romane zwar bei einem Niveau beginnen, das dem eines 10jährigen mit unbändiger Phantasie entspricht; doch gehen diese Romane danach den Weg des Erwachsenwerdens, folgen der Entwicklung der Leser der ersten Stunde, so daß man diesen Roman sicherlich nur den wenigsten 10jährigen vorlegen und auch noch erwarten kann, daß diese ihn wirklich verstehen. Joanne K. Rowlings Harry Potter wächst sozusagen mit dem Leser - zumindest mit der eigentlich angepeilten Leserschicht. Daß die Potter-Romane inzwischen weit über diese Leserschicht hinaus beliebt sind, das ist wohl das Geheimnis der Romane. Ihr Magie, ihr "sense of wonder" (um es einmal mit einem Perry Rhodan-geprägten Begriff zu umschreiben) führt dazu, daß immer mehr Menschen diese Romane lesen, die eigentlich gar nicht zu der angepeilten Altersgruppe gehören. Und trotzdem lesen sie diese Jugendbücher mit wachsender Begeisterung.
Das Phänomen Harry Potter - dies näher zu beleuchten, würde sicherlich diese Rezension sprengen. Daher zurück zum Roman:
Die Harry Potter-Reihe entwickelt mit diesem vierten Band eine Komplexität, die wohl niemand erwartet hatte. Obwohl ich beim ersten Lesen vor allem gegen Ende hin mehr als nur stark an die TV-Serie "Babylon 5" erinnert wurde, so bleibt Joanne K. Rowling doch genügend eigenständige Handlung übrig, um nicht als Plagiat zu enden.
Rowling schafft es, ihre Romane dem Alter des angepeilten Lesers anzupassen. Wenn der erste Roman noch für Zehnjährige geschrieben war (und das im Hinblick auf die Altersgruppe durchaus anspruchsvoll und auch für Erwachsene geeignet), so entwickelt die Autorin die Story nun weiter - und ich möchte sagen: Dieser Roman ist definitiv nicht mehr für zehnjährige geeignet - mindestens zwölf sollten die Leser schon sein!
Dabei entwickelt Rowling eine liebenswerte und vor allem spannende und packende Geschichte, die den Leser von den ersten Seiten aus in ihren Bann zieht. Und spätestens im letzten Drittel des Buches ist an ein Unterbrechen der Lektüre nicht mehr zu denken. Zu spannend entwickelt sich die Handlung, als daß man auch nur an die profansten Bedürfnisse zu denken in der Lage ist. Selbst der Toilettengang wird zur Qual, weil man die Lektüre unterbrechen muß... (* Muß man überhaupt nicht - aber dann braucht eine Familie mindestens zwei Toiletten... >;-))) Heike)
All das gilt natürlich nur für die Leser, die sich ein Quentchen Jugend bewahrt haben, die die Magie des Buches fühlen, sich in der Handlung verlieren können. Die absoluten Logiker, die Hard-SF-Fans, die griesgrämigen Literaturkritiker seien vor diesem Roman ebenso gewarnt wie vor der ganzen Reihe. Man muß schon ein wenig mehr als nur die Vorstellung eines Begriffs wie "Phantasie" mitbringen, um diese Romane genießen zu können.
Ein Roman soll unterhalten, er muß keine großartigen Messages in sich tragen. Und wenn diverse Kritiker und auch Herausgeber fordern, "Kinderbücher" aus den Bestsellerlisten zu entfernen, sehe ich dies mit einem ebensolchen Stirnrunzeln wie die Behauptung, die Harry Potter-Romane würden die Gesellschaft "infantilisieren". (* Die sind doch alle bloß neidisch, daß sie diese Spitzenideen nicht selbst gehabt haben. Heike) Joanne K. Rowling hat mit diesem Roman den Beweis erbracht, daß die Gesellschaft nicht "infantilisiert", sondern gerade ab dem vierten Roman eher "erwachsen" wird - wenn man die Potter-Romane als Spiegel der Gesellschaft sieht.
Denn die Potter-Romane werden erwachsen. Dieser Roman übertrifft an Komplexität so ziemlich alles, was als "Jugendliteratur" gilt. Und überhaupt: Wer behauptet eigentlich noch, daß die Jugend nicht mehr lesen würde?!? Angesichts eines bald 750 Seiten langen Romans, der wie blöde gekauft wird (selbst als englische Ausgabe in Deutschland!), kommt dies fast schon als reine Ironie daher.
Wir können auf jeden Fall festhalten: Harry Potter trägt nicht unwesentlich dazu bei, daß die Kinder und Jugendlichen wieder lesen - und allein hierfür sollte man Joanne K. Rowling einen Orden überreichen! (* Nur einen? Heike)
Eine Warnung jedoch noch: Zu lesen anfangen sollte man am besten Samstag vormittags. Wer später beginnt, läuft Gefahr, den Montagmorgen mit zwei oder drei Stunden Schlaf beginnen zu dürfen - mir ging es jedenfalls so...

Fazit:
Jau! Harry Potter 4 folgt der Maxime: Jeder Roman besser als der Vorgänger! Dieser "Schinken" übertrifft jegliche Erwartungen. Er sprüht nur so vor Witz, Spannung und Gefühl. Wie schafft diese Frau das nur?!? (* Und wie hat Winy es nur geschafft, bei gewissen Szenen nicht loszuheulen??? Heike)
15 Punkte
(auch wenn ich weiß, daß sie mit dem nächsten Roman noch einen drauflegen wird!)

Winfried Brand

P.S.: Diese Rezension, bzw. die bibliographischen Angaben beziehen sich auf die amerikanische Ausgabe des Roman, die u.a. über amazon.de zu beziehen ist (DM 33,33 zum jetzigen Zeitpunkt - Mitte Juli 2000), während über andere Vertriebswege evtl. die englische Ausgabe zu erhalten ist, die sich auch im Titelbild von der amrikanischen unterscheidet (so z.B. habe ich dieser in der Mayerschen Buchhandlung in Köln für DM 32,- gesehen - ebenfalls Mitte Juli 2000). Welche Ausgabe bol.de vertreibt, ist mit nicht bekannt, jedoch liegt dieser Händler (zumindest laut einer Info-Mail, die mir in's Postfach flatterte) zur Zeit (Mitte Juli 2000) bei einem Preis von DM 29,80. Preisvergleiche können sich also lohnen - und man sollte nicht immer nur auf die Preise der Internet-Buchhändler schielen, sondern auch die großen Buchhandlungen vor Ort in Betracht ziehen - so man welche zur Auswahl hat...

Selten hat mich ein Roman so sehr berührt wie dieser. Selten hat mich ein Roman mehr beeindruckt, mehr zum Lachen und ja, auch mehr zum Weinen gebracht als dieses Kinderbuch. (* Wirklich MEHR beeindruckt hat mich eigentlich noch GAR kein Buch... oder irgendwas sonst... Heike)
Das liegt zum einen daran, daß J. K. Rowlings Stil von Buch zu Buch besser wird. Nicht, daß die ersten drei Bände wirklich schlecht wären, oh nein - das sei ferne - aber mit Harry Potter IV hat sie ihren guten Stil noch verbessert. Er ist brillant, bringt einen zum Lachen und funkelt vor Humor und Witz. Ein Beispiel dafür ist eine Szene ziemlich am Anfang des Romans. Mr. Weasley, der von den normalen Menschen, den Muggeln, absolut fasziniert ist, versucht, ohne Hilfe von Magie ein Zelt zu errichten und anschließend ein Feuer mit Streichhölzern anzuzünden. Andererseits, wenn Harry fast am Ende des Romans den Schatten seiner toten Eltern gegenübersteht, ist man im Herzen getroffen. So feinfühlig und zart ist die Szene geschildert.
Zweitens gelingt es J. K. Rowling, eine spannende Geschichte zu erzählen. Dinge, die zu Anfang nebensächlich scheinen, die zwar nett sind, aber nicht besonders wichtig, gewinnen im Lauf des Romans immer mehr an Bedeutung. Wenn zu Beginn Viktor Krum die Bühne des Quidditch-Stadions betritt (ein Sport, der bei den Zauberern ähnlich beliebt ist wie bei uns Fußball), scheint er nicht mehr als eine Nebenfigur zu sein. Eine Figur, die in den ersten Kapiteln zwar erwähnt wird, aber im Roman nicht mehr auftaucht. Doch weit gefehlt - Viktor wird noch eine bedeutende Rolle spielen, wenn er auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt rückt.
J. K. Rowling schafft es (ähnlich wie Agatha Christie), gegen Ende des Romans all die kleinen Dinge zu einem außergewöhnlichen Ende zu bringen, ein Ende, das man wie bei den klassischen Kriminalromanen so nicht erwartet.
Drittens ist das Lesen eines Harry-Potter-Romans wie ein Besuch bei guten alten Bekannten und Freunden. Man fühlt sich einfach wohl in Hogwarts, man fühlt sich gut aufgehoben im Kreis der Lehrer; und trotz der Bedrohung, die durch Lord Voldemort (* Uaaah! Erschreck' mich doch nicht so... ;-) Heike) stärker vorhanden ist als bisher, fühlt man sich in diesen Büchern einfach heimisch.
Zum Schluß noch eine Warnung: Da die Gefahr besteht, daß man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legt, bevor man es ausgelesen hat, beginne man damit nicht am Abend. <g> Ich spreche da aus Erfahrung... (* Die Warnung kann ich nur weitergeben. Ich bin schon so süchtig danach, daß ich die bisher bei uns vorhandenen Bände immer wieder lese. Aber bei Band 4 selbst am Kapitelende abzubrechen und erst am nächsten Tag weiterzulesen, erforderte doch einiges an Selbstbeherrschung - bisher fiel mir das noch bei keinem Buch dermaßen auf... Heike)
15 Punkte

Christian Spließ


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