Mark Brandis:

"Ambivalente Zone"

D 2000
(172 Seiten, Paperback, Libri - Books on Demand, ISBN 3-8311-0102-7, DM 24,80)
- erschienen: Juli 2000 -

Zum Inhalt:
Eine "galaktische Katastrophe" hat die beiden Stationen Cosmopol und Astropol in eine Zone geschleudert, in der die Zeit nicht existiert. Der Kontakt zueinander ist seit nicht meßbarer Zeit (immerhin gibt es hier keine Zeit) abgebrochen, ebenso wie zur Mutterwelt - der Erde. Mark Brandis, ein ausgebildeter SCOUT-Pilot auf Cosmopol, wird jedoch von Sehnsucht geplagt - der Sehnsucht nach der Erde, die unerreichbar scheint. Die beiden Stationen Cosmopol und Astropol dienten ursprünglich dazu, einen Weg zu finden, die Menschen für extrasolare Ausflüge zu befähigen - sprich: ihr Lebensalter künstlich zu erhöhen.
Dieser Mark Brandis - künstlich geboren und von keinerlei Gefühlen beherrscht - scheint jedoch einen Drang in sich zu spüren, die geborgene Welt von Cosmopol zu verlassen, die Erde zu suchen. Er bekommt eine SCOUT und auch eine Co-Pilotin namens Ruth O'Hara, wobei er letztere eigentlich von ganzem Herzen abgelehnt, diese sich jedoch an Bord des Schiffes geschmuggelt hat. Das ungewollte Zweiergespann begibt sich schließlich auf die Suche nach der verlorenen Erde und entdeckt dabei menschliche Facetten, die ihnen bisher unbekannt waren...

Der Held unserer Jugend ist zurückgekehrt!
Wer erinnert sich nicht an die Büchereibesuche, das fieberhafte Suchen nach Mark Brandis-Romanen, die man noch nicht kannte - und vor allem die Glücksgefühle, wenn man eines dieser Bücher in den Regalen entdeckte, das man ausleihen konnte?
Mark Brandis - das ist in der deutschen SF fast schon eine Legende. Der ältere Leser kennt die Romane, weiß über ihren Wert - und weiß vor allem, was sie ihm bedeutet haben.
Geschrieben in der Zeit des Kalten Krieges, stand Mark Brandis für die demokratischen Werte, die als die Werte des absolut Guten galten. Er kämpfte gegen das Böse, seien dies nun die Versuche, diktatorische Herrschaftssysteme an die Macht zu bringen, oder auch "nur" der kleine, faschistisch angehauchte Fanatiker, der einmal wieder die Demokratie und die Menschenrechte bedrohte.
Dies alles - verpackt in eine unwiderstehliche Mischung aus intelligenter Handlung und vor allem ungewöhnlich anspruchsvollem Stil (in Hinsicht auf ein Jugendbuch) - machte damals den Reiz der Mark Brandis Romane aus, die heutzutage gesuchte Sammlerstücke darstellen. Der Schwierigkeitsgrad, die alten Romane zu komplettieren, dürfte locker den übertreffen, einen originalen Plüsch-Gucky zu organisieren - und zudem ist dies in etwa auch noch genauso teuer (da wird m.E. doch reichlich übertrieben...). Selbst in mittelmäßigem Zustand (zerlesene Bücherei-Exemplare) kann man bei einem erfahrenen Händler Preise von DM 30 pro Buch schon als Schnäppchen bezeichnen. (Naja, mir half der Zufall zur Komplettierung: Die letzten 15 Romane, die noch fehlten, wurden mir nach einjähriger Insertion in einem Offertenblatt von einer Schulbibliothekarin angeboten. Die Bestände wurden im Zuge der Erneuerung aufgrund der Rechtschreibreform (Bäh! Hat sich aber demnächst wohl gegessen, wenn selbst die FAZ und der Hochschulverband sich weigern, hier weiter mitzumachen; ein grinsendes "glücklicherweise" kann ich mir nicht verkneifen... (* Ich auch nicht, ich gönne mir gar ein spöttisches "Höhöhö"... {:-))) Heike)) wohl aussortiert...)
Aber zurück zur Serie - oder vielleicht doch besser direkt zu diesem neuen Roman.
Brandis, respektive Michalewski, hat wohl einige Zeit nach einem Verlag gesucht - und keinen gefunden. Erschwerend kommt hinzu, daß Bertelsmann mit seinem Omnibus-Label für Jugendliche die Neuauflage (in neuer Rechtschreibung - argl!) wohl eingestellt hat. So blieb Brandis anscheinend nichts anderes übrig, als diesen Roman in Eigenregie als "Book on Demand" zu veröffentlichen - glücklicherweise!!!
Abgesehen von der Aufmachung (zur "B-Note" kommen wir gleich noch...), bietet dieses neue Abenteuer Mark Brandis' eine hervorragende Kost für den Konsumenten.
Doch Mark Brandis ist nicht mehr Mark Brandis. Nicht nur, daß sich der Charakter gewandelt hat, auch die physikalische Person ist eine andere geworden und trägt nur noch den gleichen Namen. Der Autor vollzieht hier eine vollkommene Trennung zwischen den bisherigen Romanen und den jetzt erscheinenden - und das hat durchaus etwas für sich. Denn diese Romane sind mit Sicherheit nicht mehr für ein jugendliches Publikum geschrieben, herrscht hier doch eher ein philosophischer Ton vor, der dem jugendlichen Leser kaum behagen wird. Statt der Suche und Verteidigung der demokratischen Werte geht Mark Brandis nun daran, die menschlichen Werte auszuloten. Ein völlig gefühlloser Held entdeckt in diesem Roman die Liebe, und dies in einer Art, die ihresgleichen sucht. Die Art der Spannungserzeugung in diesem Roman ist ziemlich einzigartig zu nennen.
Doch dies hat auch seinen Preis: Die logische Konsistenz der Handlung ist in weiten Teilen vernachlässigbar. Ein Raum außerhalb des Universums, in dem die Zeit nicht vorhanden ist, ist ebenso unvereinbar mit den bekannten physikalischen Gesetzen wie das "Hin-und-Her-Wechseln" zwischen den Zonen mit und ohne Zeit - oder auch die Endsequenz auf der Suche nach der Erde. Ich möchte nicht wissen, mit welcher Lichtgeschwindigkeit man hier unterwegs ist. Die Geschwindigkeit, mit der man hier die Sonnensysteme abfliegt, steht in keinem Zusammenhang mit der Tatsache, daß man eigentlich gar nicht in der Lage war, das eigene Sonnensystem zu verlassen... Dem Physiker (und nicht nur diesem...) sträuben sich hier die Haare...
Doch der Philosoph freut sich. Denn der philosophische Aspekt steht hier eindeutig im Vordergrund. Und wenn man jegliche Physik erst einmal außer Acht läßt, kann man mit diesem Roman wunderbar leben. Die philosophisch geprägte Handlung sowie die ihr untergeordnete Spannung selber lassen diesen Roman zu einem Vergnügen für den mehr geistig interessierten SF-Leser werden. Dies ist eindeutig der richtige Schritt in die richtige Richtung, und es läßt auf noch viele folgende Romane hoffen!
Soviel zur A-Note - kommen wir zur B-Note.
(Angesichts dieses Romans muß ich hier definitiv unterscheiden...)
Die Aufmachung des Romans ist allein schon vom Titelbild her ziemlich bescheiden (der geneigte Leser wird dies schon oben erkannt haben...), doch dies ist noch so ziemlich das beste an der eigenverantwortlichen Präsentation dieses Romans.
Der Text an sich wird dargeboten in leseflußhemmender "Times New Roman" - hier wäre eine "New Century Schoolbook" mehr als nur leseflußfördernder gewesen... Ich könnte angesichts des schmaleren Schriftschnitts durchaus noch verstehen, wenn man hiermit Seiten, bei bod gleichbedeutend mit heftigen Kosten, sparen wollte. Doch diesem entgegen steht die überaus unverständliche Praxis, jeden Absatz durch eine Leerzeile vom nächsten zu trennen. Die hiermit verschwendeten 25 bis 30% Platz hätte man problemlos für eine bessere Lesbarkeit durch Schriftschnittänderung opfern können - vor allem, da diese Leerzeilen (mit Verlaub gesagt) einfach nur Schwachsinn sind. Hieran merkt man überdeutlich, daß dies ein reines Privatprodukt ist - auch wenn dieser Roman diese Beurteilung mit all ihrem schlechten Beigeschmack nicht verdient.
Hinzu kommt, daß der Roman offensichtlich nicht im Geringsten korrekturgelesen wurde. Grammatikalische wie auch (selten) Schreibfehler tragen zur weiteren Verwirrung des Lesers bei . Hier wird der Lektor doch stark vermißt (vor allem angesichts des teils stark verwirrenden Stils und der ebenfalls nicht ganz durchsichtigen Handlungsführung).
Nun wir wollen uns eigentlich gar nicht beschweren: Mark Brandis ist zurück! Und das sollte eigentlich reichen.
Tut's aber irgendwie nicht so richtig...
Mark Brandis ist erwachsener geworden - das ist richtig. Doch der Inhalt steht in keinem Verhältnis zur Präsentation.

Fazit:
Ja, der neue Mark Brandis-Roman hat was - jedoch hauptsächlich für die Philosophen unter den Lesern. Wer sich mit philosophisch angehauchter SF-Literatur zurechtfindet, sollte hier bedenkenlos zugreifen. Diese Literatur hat durchaus Großartiges zu bieten - wenn denn die Bearbeitung und Aufmachung einmal entsprechend erfolgt.
11 Punkte.

Winfried Brand


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