Katherine Kurtz:

"König Javans Jahr"

(Zweiter Band der Trilogie "Die Erben von Sankt Camber")
(Ein Roman aus dem Deryni-Zyklus)
OT: King Javan's Year - Volume II of The Heirs of Saint Camber
Ü: Horst Pukallus
USA 1992
(942 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9077, ISBN 3-453-16241-2, DM 29,90)
- erschienen: Juli 2000 -

Dieser Roman von Katherine Kurtz führt uns wieder in die Welt der Deryni, ins frühe Mittelalter im Jahr 921. Drei Jahre sind seit der Handlung im Vorband "Das Martyrium von Gwynedd" vergangen. Javan, der Zwillingsbruder von Alroy, der zum König von Gwynedd gekrönt wurde, ist ins Kloster gegangen und hat sich wenigstens zeitweise mit seinem Schicksal abgefunden, aber er hat immer noch nicht die endgültigen Gelübde fürs Priesterdasein abgelegt. In Rhemuth, der Hauptstadt des Reiches, herrscht in Wirklichkeit der Kronrat, der sich aus den ehemaligen Regenten zusammensetzt. Der inzwischen sechzehnjährige, kränkliche Alroy ist nur eine Marionette. Alroys Lungen sind durch Krankheit so zerfressen, daß selbst der noch am Hof geduldete Deryniheiler Oriel nurmehr eine gewisse Linderung verschaffen kann. Der Kronrat hätte gern den jüngeren Bruder des Königs Rhys, Michael, zu dessen Nachfolger, da dieser noch leicht lenkbar und fügsam gegenüber den Ratschlägen der ehemaligen Regenten ist.
Aber auf den Wunsch des sterbenden Alroy hin holt eine Eskorte Javan aus der Abtei Arx Fidei, einer Priesterschule des Custodes Fidei-Ordens, der explizit zur Verfolgung und Vernichtung der Deryni gegründet wurde. So kann Javan noch zur Todesstunde bei seinem Bruder sein. Er entschließt sich endlich, die teils aus Zwang gegebenen Gelübde zu verwerfen und neuer König von Gwynedd zu werden.
Dadurch macht er sich einen Großteil der Kronräte zum Feind, denn diese sind keineswegs begeistert über einen eigenständig denkenden König. Zum Glück hat Javan Verbündete am Hof. Viele der jungen Ritter sind auf seiner Seite; auch verschiedene Adelige halten zu ihm. So steht zum Beispiel Baron de Courcy mit seinem Sohn zu ihm. Tatsächlich stellen sich die Courcys als noch unentdeckt lebende Deryni heraus, die Kontakt zum Camberischen Rat pflegen. Javan kann den Kontakt zum Rat mit Joram McRoarie und dem ehemaligen Bischof Niallan intensivieren und von den noch versteckt in der michaelitischen Fluchtburg lebenden Deryni einige Hilfe bekommen. Schließlich erhält Javan durch einen Ritus, der mit den Mitgliedern des Rates durchgeführt wurde, gar die vollkommene Gewalt über die Haldanischen Geisteskräfte, die denen der Deryni sehr ähneln. Er verfügt damit über eine enorme Machtfülle. Aber genauso befindet er sich in der Zwickmühle, denn durch die Ähnlichkeit mit den Derynikräften darf er seine Fähigkeiten nicht offenbaren, um nicht selbst in Gefahr zu geraten. Denn trotz seiner Königsstellung ist es ihm nicht gelungen, die Verfolgung der Deryni auch nur zu mildern oder den ungeliebten Kronrat durch eigene Günstlinge zu ersetzen. Zu unsicher ist noch seine Stellung; die Kronräte haben zuviel Macht am Hof und achten auf jedes Anzeichen einer Schwäche seinerseits. Ein gefährliches Ränkespiel beginnt, aus dem nur eine Gruppierung als Sieger hervorgehen kann, während die andere Seite dem Untergang geweiht ist.

Katherine Kurtz zieht geschickt ein Szenario von Verschwörung und Gegenbewegung auf, wobei sie sehr detailliert auf das Leben von Javan eingeht und versucht, uns den Tagesablauf und die vielen Aufgaben eines Königs genau zu schildern - ein König muß schon ein verdammt guter Manager sein. Wie die Könige in anderen Fantasyreihen immer ihre Abenteuer geschafft haben und trotzdem noch regierten, ist mir schon ein Rätsel. (* Mir auch - man blicke nur mal in ein Geschichtsbuch seines Vertrauens... ;-) Heike)
Relativ schnell gewinnt man den Eindruck, daß die Kronräte einen fast unüberwindbaren Gegner für Javan und selbst seine Deryni-Freunde darstellen. Nur mit Raffinesse sowie List und Tücke kann es gelingen, an der Macht der ehemaligen Regenten zu kratzen; und eine Zeitlang hat Javan Erfolg damit. Aber grundsätzlich haben die Methoden der guten wie auch der sogenannten bösen Seite eines gemeinsam: Mit einem Gegner wird vielleicht nicht immer direkt, sondern auch ein bißchen hinterrücks, aber mit wenig Skrupel umgesprungen. Die Durchsetzung der Macht benötigt in diesen Zeiten auch eine harte Hand, und da Javan König bleiben will, greift er mitunter auch zu drastischeren Methoden gegenüber seinen Feinden. Dies paßt nicht unbedingt zu der Vorstellung des guten, jungen Königs. der im Kampf gegen seine verderbten Feinde nur ehrenhafte Mittel anwendet, aber es macht die Sache realer.
Extrem finde ich das Schwarz-Weiß-Schema in Bezug auf die Religion (was natürlich in den Vorbänden genauso war). Bei vielen ihrer Riten ziehen die Deryni, bzw. hier der Camberische Rat, den Schutz der Erzengel hinzu, deren Anwesenheit für die daran beteiligten Personen dann deutlich zu spüren ist. Was bedeutet, daß die Deryni, oder wenigstens eine gewisse Gruppe, näher zu Gott und Christus stehen, während natürlich die normale Kirche nur eine verblendete Irrlehre verbreitet, die sich, wie in der Realität des Mittelalters, mit dem Ausmerzen aller Andersdenkenden beschäftigt. Mit dem Wissen um Inquisition, Kreuzzüge und alle anderen Untaten der Kirche ist dies leicht nachvollziehbar. Nur dieses übertriebene Herausstellen der richtigen, positiven Seite, die auch mit Gottes Einwilligung wirkt, ist mir zuviel - für einen Roman vielleicht aber gerade richtig.
Das Übel (?) dieses Zyklus liegt darin, daß man als regelmäßiger Leser (ohne die Vorgeschichte zu kennen, würde ich dieses Buch auch nicht empfehlen) schon weiß, wie es ausgeht, wer also gewinnt. Der Titel des Romans heißt ja auch "König Javans Jahr". Spricht nicht gerade für eine lange Herrscherperiode. Natürlich kennen wir auch schon die Zukunft, mit dem Späten Deryni-Zyklus und den Geschichten um König Kelson. Dann gibt es auch den immer wieder auftretenden Stammbaum der Hauptfamilien, wie eben auch den der Haldane in den Romanen. Dies macht es schon schwierig, jedenfalls für mich, den Roman locker zu lesen. (Kann man als Rezensent eh nicht, oder sollte man nicht?) Was bringen schließlich alle positiven Taten in der Handlung, wenn man von Anfang an weiß, wann Javan stirbt, wie lange die übrigen Hauptpersonen leben?! Man weiß, es geht nicht unbedingt gut aus (vorsichtig ausgedrückt). Dem kann ich dann nur gegenüberhalten, dieser Roman ist gut geschrieben (trotz des offenen Auges in den Untergang rennen), unterhaltsamer und mit mehr Action als der Vorband. Und die Deryni überleben letztendlich, wenn vielleicht auch nur knapp. In zweihundert Jahren, im Späten Zyklus, gibt es sie ja noch, und die Vorarbeit zum Überleben mag auch mit den Taten eines Javan Haldane zusammenhängen. Das bringt uns dann doch zu einem wenigstens ein bißchen positiven Ende.
11 Punkte

Bernd Krosta


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