Wolfgang Jeschke:

"Meamones Auge"

D 1994
(211 Seiten bei kleiner Standardschrift, Heyne, ISBN 3-453-18504-8, DM 14,89)
- erstmals erschienen: 1994 -
- Taschenbuchveröffentlichung: 1997 -
- erschienen als eBook: September 2000 -

Zum Inhalt:
Kurz vor dem Abschuß löst sich eine "Kralle" aus dem Wal, der abgeerntet werden soll - ein Vorgang, der bisher einzigartig ist. Denn die Krallen sind genetisch erzeugte Lebewesen, deren einziger Daseinszweck die Führung der Wale darstellt.
Die Patinis, die herrschende Familie auf Confringet, haben unterdessen telepathisch begabte Menschen hervorgebracht, die von der Flotte zu Höchstpreisen genommen werden, da sie als einzige die Abstimmung der interplanetarischen Flüge vornehmen können, die mit relativistischen Geschwindigkeiten erfolgen.
Meta ist eine der wenigen telepathisch Begabten, und sie findet sich plötzlich in einer telepathischen Verbindung mit Om wieder - der Kralle, die abgesprungen ist...

"Meamones Auge" stellt einen der ersten Romane dar, den Heyne als eBook veröffentlicht hat. Dabei outet sich der Verlag aber auch gleich noch als nicht auf der Höhe der Zeit, denn die Preisgestaltung ist schlichtweg eine ziemliche Unverschämtheit, gleicht der Preis sich doch wahrscheinlich dem des 1997 erschienen Taschenbuchs an - wenn er ihn angesichts des sehr geringen Umfangs von rund einem Heftroman nicht sogar noch übertrifft. Berücksichtigt man, daß andere Verlage ihre Preise rund ein Drittel unter dem Print-Preis ansiedeln, ist hier schon fast von Wucher zu sprechen. Immerhin gilt zwar eine Buchpreisbindung, aber diese eben nur für das jeweilige Objekt in der jeweiligen Ausstattung - wenn die Preisbindung auf den Inhalt abzielen würde, müßten Taschenbücher wohl genauso teuer sein wie das zuvor erschienene Hardcover gleichen Inhalts... Das ist noch nicht alles zum technischen Aspekt - doch hierzu später mehr.
Kommen wir zuerst einmal zum inhaltlichen Teil:
"Meamones Auge" macht es dem Leser zu Anfang nicht gerade leicht, die Handlung auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. Vieles bleibt im Dunkeln und löst sich erst im Lauf der Handlung, so daß man ein gewisses Maß an Stehvermögen mitbringen muß, um diesen Roman zu lesen. Denn erst nach fast der Hälfte der Handlung beginnt sich diese dem Leser zu erklären.
Doch dies ist notwendig, wie sich nun herausstellt. Wolfgang Jeschke erläutert zwar auch hier nicht alles, doch entwickelt er einen Roman der Extraklasse, der sich vor allem auf die philosophischen Elemente bezieht. Der Leser wird dazu angetrieben, seinen Verstand zu benutzen und die Handlung mit seinem eigenen Vorstellungsvermögen zu füllen.
Zum Ende führt Jeschke den Leser dann bis zu der Frage hin, was denn nun "Gott" ist und was "Menschen" eigentlich bedeuten. Die Kralle entwickelt hier eine Gottergebenheit, die sie auf ihre Schöpfer bezieht, während Meta sie eher als einen gleichwertigen Menschen sieht. Hier schält sich dann die Erkenntnis heraus, daß die Frage nach dem Unterschied zwischen "Schöpfer", "Schöpfung" und "Produkt" die zentrale Aussage - oder wohl besser: Frage dieses Romans bildet.
Am Ende läßt Jeschke einen verwirrten und höchst nachdenklichen Leser zurück, der sich auch nach der letzten Seite noch einige Zeit mit diesem Roman beschäftigen wird.
Soviel zum Inhaltlichen.
Erschwert wird die ohnehin nicht leichte Lektüre jedoch durch die äußerlichen Mängel der Präsentation des Romans.
Wer immer auch für die Umsetzung des Romans ins eBook-Format zuständig ist, hat gleich mehrere Tritte in den Allerwertesten verdient, da seine Schlampigkeit seinesgleichen sucht.
Hier wimmelt es nur so von unnötigen Absätzen, in denen die Originalabsätze einfach am Zeilenende in verschiedene Absätze getrennt werden. Hierfür ist noch nicht einmal ein Satzende erforderlich. Auch drängt sich der Eindruck auf, daß bei einem Großteil der Trennungen im Taschenbuch der Trennstrich einfach durch ein Leerzeichen ersetzt wurde. Der Lesbar keit ist hier sicher lich nichts Gu tes ge tan wor den. Man merkt, was ich meine... ;-)))
Dabei drängt sich natürlich der Eindruck auf, daß die Umsetzung ins eBook rein automatisch erfolgte und das Ergebnis von niemandem mehr auch nur im geringsten begutachtet wurde. Angesichts des im Vergleich mehr als nur happigen Preises ist dies nur noch als Unverschämtheit zu werten.
So begrüßenswert Heynes Erscheinen im eBook-Markt ist, so beklagenswert ist dieses Ergebnis. Gerade von einem großen Verlag kann man wohl mehr Sorgfalt erwarten.
Allerdings muß man in einem Punkt der Umsetzung doch noch eine komfortable Bedienbarkeit bescheinigen: Nicht nur, daß die einzelnen Kapitel im Inhaltsverzeichnis anspringbar sind (dies ist leider immer noch nicht Standard), es findet sich am jeweiligen Kapitelende auch noch eine Rücksprungadresse zum Inhaltsverzeichnis - ein Feature, das zwar einfach zu realisieren ist, jedoch bisher äußerst selten auch angewandt wird. Die gute Navigierbarkeit sorgt dann für die Punkte im Bereich "Umsetzung".

Fazit:
Ein faszinierender Roman, der im eBook endlich wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Leider leidet das Ergebnis an der Schlampigkeit der Umsetzung, die ich selten schlechter gesehen habe...
Roman:
13 Punkte.

eBook-Umsetzung:
2 Punkte.

Winfried Brand

P.S.:
Inzwischen hat Heyne auf die Hinweise reagiert und die genannten Produktionsmängel beseitigt. Die eBook-Umsetzung bewegt sich nun im gewohnten Maß, weshalb ich die Bewertung hierfür auf 14 Punkte heraufsetzten möchte. Wenn man dem ganzen jetzt noch ein (zugegeben Alibi-) Titelbild verpaßt hätte, wäre das perfekt gewesen. Hervorzuheben ist hier vor allem das Kapitelverzeichnis am Anfang, das von jedem Kapitelanfang selber per Hyperlink aufgerufen werden kann, ebenso wie die Möglichkeit, über das "gehe zu"-Menü einzelne Teile des Buches anzuspringen - beileibe keine Selbstverständlichkeit, denn selbst beim bisherigen Spitzenreiter in Sachen Gestaltung, der Verlagsgruppe Pabel-Moewig (die alle ihre Produkte bisher vorzüglich ausgestattet haben), sind diese Rückverweise leider noch nicht zu finden...
Bewertung eBook-Umsetzung:

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