Die junge
Clare Lydgate besucht seit fünf Jahren das Lehr-Internat Paston
Hall. Es ist eine reine Mädchenanstalt, in dem es neben dem
Unterricht keine Möglichkeit der Zerstreuung für die
Heranwachsenden gibt. Die Schulleiterin, Miss Sparrod, behauptet in
einem Prospekt zwar gern das Gegenteil, lehnt in Wahrheit aber
jegliche Eigeninitiative der Mädchen ab, um sie ja keinem
schlechten Einfluß auszusetzen. Durch ihre besonderen
schulischen Leistungen ist Claire nun ein weiteres Jahr in der
Schule, obwohl ihre gleichaltrigen Kameradinnen das Institut
längst verlassen haben. Claire soll sich hier auf das Stipendium
für Oxford vorbereiten und so das nötige Wissen erlangen,
um an die dortige Universität zu gelangen. Da sich Claires
Eltern im Ausland befanden, sahen sie Paston Hall als gute
Entwicklungsmöglichkeit für ihre Tochter an. Doch die
einzige Lehrerin, die über die Fähigkeiten verfügte,
Claire das Wissen für die Universität zu vermitteln - die
noch junge Miss Otterel - verstarb unter mysteriösen
Umständen in ihrem Urlaub. Schnell löste sich daraufhin
Claires Enthusiasmus angesichts der neuen Umstände, ohne die von
ihr geliebte Lehrerin lernen zu müssen, in nichts auf. Sie hatte
kein Interesse daran, sich mit ihren neuen Klassenkameradinnen
näher vertraut zu machen, und wurde von diesen als ältere
Schülerin auch nur aus einer gewissen Distanz betrachtet.
So beginnt Claire wieder ein früher mit ihren alten
Klassenkameradinnen öfters durchgeführtes Spiel und stiehlt
sich nachts aus dem alten Schulgebäude, um die Umgebung zu
erkunden. Hier trifft sie bei einem kleinen Unfall auf den jungen
Niall, den Sohn einer alten ortsansässigen Familie, den Sternes,
denen auch das Schulgebäude gehört. Das junge, nun
achtzehnjährige Mädchen ist fasziniert von der
geheimnisvollen Gestalt, die wie im Spiel einen Zauberbann um sie
zieht.
Bald schon sollte sich eine Möglichkeit ergeben, den jungen Mann
wiederzusehen. Denn Mrs. Sterne, Nialls Mutter, hatte den über
die Weihnachtsfeiertage dagebliebenen Lehrkörper und die
Mädchen der Oberstufe zum Tee an Weihnachten eingeladen. Da
Claire nun das einzig anwesende Mädchen der Oberstufe und eine
ältliche Lehrerin als einzige abkömmlich ist, machen sich
nur diese beiden zur Einladung auf. Mrs. Sterne erklärt sich
bereit, Claire in Latein zu unterrichten und ihr so bei ihrer
Vorbereitung auf Oxford zu helfen.
Dadurch ergibt sich für das junge Mädchen häufig die
Gelegenheit, auch mit Niall zusammenzutreffen. Claire wird immer
tiefer in Nialls Bann gezogen. Der junge Mann scheint eine
außergewöhnliche Begabung zum Schnitzen von Holzpuppen,
Marionetten, zu besitzen; Puppen, die perfekt lebenden Menschen
gleichen. Aber Claire ist, wie sie im Laufe der Zeit herausfindet,
nicht das einzige Mädchen, das sich zu Niall hingezogen
fühlte; und auch der Tod von Claires Lehrerin Anne Otterel
schien nicht einmalig zu sein.
Mit dieser Ausgabe liegt zum erstenmal dieser Roman von Sarban, dem
Pseudonym des britischen Diplomaten John William Wall, in deutscher
Sprache vor. "Der Puppenmacher" gilt als Sarbans bestes Werk und
erschien ursprünglich 1953. Diese Novelle ist eine recht
stimmungsvolle Geschichte über die erste Liebe eines jungen
Mädchens mit einer phantastisch-erotischen Note - obwohl sich
die Erotik eher auf die Gegebenheiten der Zeit um 1950 bezieht. Es
kommt also auf keinen Fall zu "anstößigen" Handlungen, die
den Geschmack der damaligen Leser hätten verschrecken
könnten. Die Zeiten in jetzt fast fünfzig Jahren haben sich
doch sehr gewandelt - und der Geschmack der Leser wohl auch. Wir
haben hier eine nette, kleine Geschichte über das Heranreifen
eines jungen Menschen und seine schließliche Akzeptanz des
Älterwerdens, daß die Zeit nicht stehenbleibt, daß
wir uns verändern - verändern müssen. Das Meisterhafte
dieses Werkes bleibt mir leider verborgen. Man kann die Geschichte
vielleicht durchaus für die Zeit loben, in der sie herauskam,
aber für die heutige Zeit hat sie sich überlebt.
Natürlich nicht der Sinn, der dahintersteht, sondern eher die
Art, wie sie geschrieben wurde. Zugegebenermaßen ist das nicht
so meine Sache, was für einen anderen Leser aber schon wieder
ganz anders aussehen mag.
Besonders hervorzuheben ist jedenfalls die Arbeit des Herausgebers
dieser Ausgabe, Frank Rainer Schreck. Der umfangreich bebilderte
Abschlußteil, der Leben und Werk des Autors hervorragend
darstellt, ist wirklich gelungen. Solche Anhänge kann man sich
bei Werken anderer weniger bekannter Autoren nur wünschen. Mir
erschließt sich leider nicht unbedingt der tiefere Sinn in
dieser Geschichte, was dem Herausgeber aber ohne Zweifel gelingt und
dem Werk für mich so eine ganz andere Sichtweise gibt.
9 Punkte
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