Sarban:

"Der Puppenmacher"

(Meisterwerke der Phantastik 1)
OT: The Doll Maker
Ü: Andreas Diesel
GB 1953
(172 Seiten, Paperback, Blitz 2901, ISBN 3-89840-001-8, DM 22,80)
- erschienen: August 2000 -

Die junge Clare Lydgate besucht seit fünf Jahren das Lehr-Internat Paston Hall. Es ist eine reine Mädchenanstalt, in dem es neben dem Unterricht keine Möglichkeit der Zerstreuung für die Heranwachsenden gibt. Die Schulleiterin, Miss Sparrod, behauptet in einem Prospekt zwar gern das Gegenteil, lehnt in Wahrheit aber jegliche Eigeninitiative der Mädchen ab, um sie ja keinem schlechten Einfluß auszusetzen. Durch ihre besonderen schulischen Leistungen ist Claire nun ein weiteres Jahr in der Schule, obwohl ihre gleichaltrigen Kameradinnen das Institut längst verlassen haben. Claire soll sich hier auf das Stipendium für Oxford vorbereiten und so das nötige Wissen erlangen, um an die dortige Universität zu gelangen. Da sich Claires Eltern im Ausland befanden, sahen sie Paston Hall als gute Entwicklungsmöglichkeit für ihre Tochter an. Doch die einzige Lehrerin, die über die Fähigkeiten verfügte, Claire das Wissen für die Universität zu vermitteln - die noch junge Miss Otterel - verstarb unter mysteriösen Umständen in ihrem Urlaub. Schnell löste sich daraufhin Claires Enthusiasmus angesichts der neuen Umstände, ohne die von ihr geliebte Lehrerin lernen zu müssen, in nichts auf. Sie hatte kein Interesse daran, sich mit ihren neuen Klassenkameradinnen näher vertraut zu machen, und wurde von diesen als ältere Schülerin auch nur aus einer gewissen Distanz betrachtet.
So beginnt Claire wieder ein früher mit ihren alten Klassenkameradinnen öfters durchgeführtes Spiel und stiehlt sich nachts aus dem alten Schulgebäude, um die Umgebung zu erkunden. Hier trifft sie bei einem kleinen Unfall auf den jungen Niall, den Sohn einer alten ortsansässigen Familie, den Sternes, denen auch das Schulgebäude gehört. Das junge, nun achtzehnjährige Mädchen ist fasziniert von der geheimnisvollen Gestalt, die wie im Spiel einen Zauberbann um sie zieht.
Bald schon sollte sich eine Möglichkeit ergeben, den jungen Mann wiederzusehen. Denn Mrs. Sterne, Nialls Mutter, hatte den über die Weihnachtsfeiertage dagebliebenen Lehrkörper und die Mädchen der Oberstufe zum Tee an Weihnachten eingeladen. Da Claire nun das einzig anwesende Mädchen der Oberstufe und eine ältliche Lehrerin als einzige abkömmlich ist, machen sich nur diese beiden zur Einladung auf. Mrs. Sterne erklärt sich bereit, Claire in Latein zu unterrichten und ihr so bei ihrer Vorbereitung auf Oxford zu helfen.
Dadurch ergibt sich für das junge Mädchen häufig die Gelegenheit, auch mit Niall zusammenzutreffen. Claire wird immer tiefer in Nialls Bann gezogen. Der junge Mann scheint eine außergewöhnliche Begabung zum Schnitzen von Holzpuppen, Marionetten, zu besitzen; Puppen, die perfekt lebenden Menschen gleichen. Aber Claire ist, wie sie im Laufe der Zeit herausfindet, nicht das einzige Mädchen, das sich zu Niall hingezogen fühlte; und auch der Tod von Claires Lehrerin Anne Otterel schien nicht einmalig zu sein.

Mit dieser Ausgabe liegt zum erstenmal dieser Roman von Sarban, dem Pseudonym des britischen Diplomaten John William Wall, in deutscher Sprache vor. "Der Puppenmacher" gilt als Sarbans bestes Werk und erschien ursprünglich 1953. Diese Novelle ist eine recht stimmungsvolle Geschichte über die erste Liebe eines jungen Mädchens mit einer phantastisch-erotischen Note - obwohl sich die Erotik eher auf die Gegebenheiten der Zeit um 1950 bezieht. Es kommt also auf keinen Fall zu "anstößigen" Handlungen, die den Geschmack der damaligen Leser hätten verschrecken könnten. Die Zeiten in jetzt fast fünfzig Jahren haben sich doch sehr gewandelt - und der Geschmack der Leser wohl auch. Wir haben hier eine nette, kleine Geschichte über das Heranreifen eines jungen Menschen und seine schließliche Akzeptanz des Älterwerdens, daß die Zeit nicht stehenbleibt, daß wir uns verändern - verändern müssen. Das Meisterhafte dieses Werkes bleibt mir leider verborgen. Man kann die Geschichte vielleicht durchaus für die Zeit loben, in der sie herauskam, aber für die heutige Zeit hat sie sich überlebt. Natürlich nicht der Sinn, der dahintersteht, sondern eher die Art, wie sie geschrieben wurde. Zugegebenermaßen ist das nicht so meine Sache, was für einen anderen Leser aber schon wieder ganz anders aussehen mag.
Besonders hervorzuheben ist jedenfalls die Arbeit des Herausgebers dieser Ausgabe, Frank Rainer Schreck. Der umfangreich bebilderte Abschlußteil, der Leben und Werk des Autors hervorragend darstellt, ist wirklich gelungen. Solche Anhänge kann man sich bei Werken anderer weniger bekannter Autoren nur wünschen. Mir erschließt sich leider nicht unbedingt der tiefere Sinn in dieser Geschichte, was dem Herausgeber aber ohne Zweifel gelingt und dem Werk für mich so eine ganz andere Sichtweise gibt.
9 Punkte

Bernd Krosta


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