Michael Marrak:

"Lord Gamma"

D 2000
(418 Seiten, Paperback, Shayol-Verlag, 3-926126-07-8, DM 24,90)
- erschienen: Oktober 2000 -

Zum Inhalt:
Stan Ternosky hat es in eine seltsame Welt verschlagen. Vor ihm liegt eine endlose Straße, die schnurgerade verläuft und überall ein leichtes Gefälle aufweist. Alle 180 Kilometer gelangt er an eine Art Schnittpunkt, und dahinter beginnt alles wieder von vorne. In jedem dieser 180-Kilometer-Stücke befindet sich eine Bunkeranlage, und alle Anlagen werden von den gleichen Personen bevölkert - weisen in ihren Gesellschaftssystemen jedoch keinerlei Gemeinsamkeiten untereinander auf.
Der einzige, der Licht in diese Angelegenheit bringen könnte, ist Gamma, der aus dem Radio zu Stan spricht. Von diesem hat er erfahren, daß er sich nicht mehr auf der Erde, sondern in einer Anlage der Lords befindet und die Insassen der Bunkersysteme allesamt Klone sind.
Einen dieser Klone soll Stan finden: Prill. Eine an sich lösbare Aufgabe, doch muß er unbedingt die richtige Prill finden, was sich angesichts der unendlich erscheinenden Zahl von Bunkersystemen dann doch schon etwas schwieriger gestaltet.
Er kann die richtige Prill mit Hilfe eines "Schlüssels" erkennen, den Gamma ihm zur Verfügung gestellt hat. Spricht der Klon auf den Schlüssel an, ist alles in Ordnung - andernfalls muß Stan den Klon vor Erreichen des nächsten Übergangs erschießen. Denn die Klone können die Barrieren nicht durchqueren. Außerdem darf er keine Spur hinterlassen, die die Lords auf seine Fährte bringen könnte. Denn diese sind nun ganz und gar nicht mit dem einverstanden, was Stan hier vorhat.
Und so irrt Stan auf der Flucht vor den Lords von einem Bunker zum anderen, immer auf der Suche nach der "richtigen" Prill, mit deren Hilfe er aus dieser Welt hinausgelangen kann, und auch nach der Wahrheit. Denn daß Gamma ihm nicht alles verraten hat, kann er sich lebhaft denken.

"Lord Gamma" hat eine recht lange Entstehungsgeschichte. Angekündigt war er bereits vor über einem Jahr, doch widrige Umstände verhinderten immer wieder die Fertigstellung. Nun also liegt der Roman endlich vor, und man kommt nicht umhin zu bemerken: Das Warten hat sich wirklich gelohnt. Michael Marrak hat hier einen SF-Thriller zu Papier gebracht, wie man ihn selten zu lesen bekommt.
Michael Marraks Roman ist sicherlich keine leichte Lektüre. Zu Anfang versorgt der Autor den Leser eher spärlich mit Informationen, die er sich mühsam zusammensuchen muß. Die Kenntnis des Klappentextes ist hier ausnahmsweise einmal von Vorteil. Doch hat man sich erst einmal in die surreale Welt hineingefunden (was dank Marraks hervorragendem Schreibstil recht schnell geht), wird man von der Handlung förmlich gefesselt und kriecht in sie hinein. Nach und nach enthüllt sich dem Leser eine Welt, die, von den Lords dominiert, ein einziges Experiment darstellt.
Dabei sind die einzelnen Teile dieses Experiments recht faszinierend geschildert, wobei Marrak auch vor teilweise recht deftigen Szenen nicht zurückschreckt, die sicherlich nichts für den Allgemeingeschmack sind. An manchen Stellen schockiert Marrak hier genauso, wie er fasziniert.
Und faszinierend ist "Lord Gamma" von der ersten bis zur letzten Seite - faszinierend, spannend, hochinteressant und vor allem intensiv. Sicherlich nicht unbedingt geeignet für den jugendlichen Leser, doch dieser wird von der gekonnt-komplexen Schreibe Marraks wahrscheinlich sowieso abgeschreckt. Man muß bereit sein, sich in diesen Roman einzufinden - dann wird der Leser mit einem der besten deutschen SF-Romane der letzten Jahre belohnt.
Und das vielleicht größte Kompliment, daß man Michael Marrak machen kann: "Lord Gamma" ist originell! Eine Eigenschaft, die man angesichts der zunehmenden Zahl der insgesamt veröffentlichten SF-Romane naturgemäß nicht mehr allzuoft erwarten kann.
Der einzige Wermutstropfen in diesem Roman wird vom letzten Kapitel gebildet. Hier hebt Marrak dann doch ein wenig ab, wird stark technisch und verwirrend. Zu behaupten, der Rezensent hätte hier jeden Satz haarklein verstanden, wäre eine glatte Lüge. Doch mit diesem "kleinen Makel" kann man sehr gut leben, wird doch das Verständnis der eigentlichen Handlung nicht getrübt. Vielmehr ist man zu diesem Zeitpunkt bereits so stark in diesen Roman eingesunken, daß dies gar nicht mehr viel ausmacht, so intensiv wird der Leser in die Handlung geradezu eingesogen.
Michael Marrak erweist sich nicht nur seit "Lord Gamma" als exzellenter Stilist, der ein Kunstgewebe aus Sprache zu weben versteht, das seinesgleichen sucht.

Fazit:
Mit "Lord Gamma" liegt der erste heiße Anwärter für die Literaturpreisrunde des Jahres 2001 vor. Alle nachkommenden Romane müssen sich erst einmal mit Michael Marraks Werk messen - und die Meßlatte ist sehr hoch gelegt. Absolut hochklassig und eine unbedingte Empfehlung für jeden Fan intelligenter und spannender SF.
15 Punkte.

Winfried Brand


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