Zum
Inhalt:
Stan Ternosky hat es in eine seltsame Welt verschlagen. Vor ihm liegt
eine endlose Straße, die schnurgerade verläuft und
überall ein leichtes Gefälle aufweist. Alle 180 Kilometer
gelangt er an eine Art Schnittpunkt, und dahinter beginnt alles
wieder von vorne. In jedem dieser 180-Kilometer-Stücke befindet
sich eine Bunkeranlage, und alle Anlagen werden von den gleichen
Personen bevölkert - weisen in ihren Gesellschaftssystemen
jedoch keinerlei Gemeinsamkeiten untereinander auf.
Der einzige, der Licht in diese Angelegenheit bringen könnte,
ist Gamma, der aus dem Radio zu Stan spricht. Von diesem hat er
erfahren, daß er sich nicht mehr auf der Erde, sondern in einer
Anlage der Lords befindet und die Insassen der Bunkersysteme allesamt
Klone sind.
Einen dieser Klone soll Stan finden: Prill. Eine an sich lösbare
Aufgabe, doch muß er unbedingt die richtige Prill finden, was
sich angesichts der unendlich erscheinenden Zahl von Bunkersystemen
dann doch schon etwas schwieriger gestaltet.
Er kann die richtige Prill mit Hilfe eines "Schlüssels"
erkennen, den Gamma ihm zur Verfügung gestellt hat. Spricht der
Klon auf den Schlüssel an, ist alles in Ordnung - andernfalls
muß Stan den Klon vor Erreichen des nächsten
Übergangs erschießen. Denn die Klone können die
Barrieren nicht durchqueren. Außerdem darf er keine Spur
hinterlassen, die die Lords auf seine Fährte bringen
könnte. Denn diese sind nun ganz und gar nicht mit dem
einverstanden, was Stan hier vorhat.
Und so irrt Stan auf der Flucht vor den Lords von einem Bunker zum
anderen, immer auf der Suche nach der "richtigen" Prill, mit deren
Hilfe er aus dieser Welt hinausgelangen kann, und auch nach der
Wahrheit. Denn daß Gamma ihm nicht alles verraten hat, kann er
sich lebhaft denken.
"Lord Gamma" hat eine recht lange Entstehungsgeschichte.
Angekündigt war er bereits vor über einem Jahr, doch
widrige Umstände verhinderten immer wieder die Fertigstellung.
Nun also liegt der Roman endlich vor, und man kommt nicht umhin zu
bemerken: Das Warten hat sich wirklich gelohnt. Michael Marrak hat
hier einen SF-Thriller zu Papier gebracht, wie man ihn selten zu
lesen bekommt.
Michael Marraks Roman ist sicherlich keine leichte Lektüre. Zu
Anfang versorgt der Autor den Leser eher spärlich mit
Informationen, die er sich mühsam zusammensuchen muß. Die
Kenntnis des Klappentextes ist hier ausnahmsweise einmal von Vorteil.
Doch hat man sich erst einmal in die surreale Welt hineingefunden
(was dank Marraks hervorragendem Schreibstil recht schnell geht),
wird man von der Handlung förmlich gefesselt und kriecht in sie
hinein. Nach und nach enthüllt sich dem Leser eine Welt, die,
von den Lords dominiert, ein einziges Experiment darstellt.
Dabei sind die einzelnen Teile dieses Experiments recht faszinierend
geschildert, wobei Marrak auch vor teilweise recht deftigen Szenen
nicht zurückschreckt, die sicherlich nichts für den
Allgemeingeschmack sind. An manchen Stellen schockiert Marrak hier
genauso, wie er fasziniert.
Und faszinierend ist "Lord Gamma" von der ersten bis zur letzten
Seite - faszinierend, spannend, hochinteressant und vor allem
intensiv. Sicherlich nicht unbedingt geeignet für den
jugendlichen Leser, doch dieser wird von der gekonnt-komplexen
Schreibe Marraks wahrscheinlich sowieso abgeschreckt. Man muß
bereit sein, sich in diesen Roman einzufinden - dann wird der Leser
mit einem der besten deutschen SF-Romane der letzten Jahre
belohnt.
Und das vielleicht größte Kompliment, daß man
Michael Marrak machen kann: "Lord Gamma" ist originell! Eine
Eigenschaft, die man angesichts der zunehmenden Zahl der insgesamt
veröffentlichten SF-Romane naturgemäß nicht mehr
allzuoft erwarten kann.
Der einzige Wermutstropfen in diesem Roman wird vom letzten Kapitel
gebildet. Hier hebt Marrak dann doch ein wenig ab, wird stark
technisch und verwirrend. Zu behaupten, der Rezensent hätte hier
jeden Satz haarklein verstanden, wäre eine glatte Lüge.
Doch mit diesem "kleinen Makel" kann man sehr gut leben, wird doch
das Verständnis der eigentlichen Handlung nicht getrübt.
Vielmehr ist man zu diesem Zeitpunkt bereits so stark in diesen Roman
eingesunken, daß dies gar nicht mehr viel ausmacht, so intensiv
wird der Leser in die Handlung geradezu eingesogen.
Michael Marrak erweist sich nicht nur seit "Lord Gamma" als
exzellenter Stilist, der ein Kunstgewebe aus Sprache zu weben
versteht, das seinesgleichen sucht.
Fazit:
Mit "Lord Gamma" liegt der erste heiße Anwärter für
die Literaturpreisrunde des Jahres 2001 vor. Alle nachkommenden
Romane müssen sich erst einmal mit Michael Marraks Werk messen -
und die Meßlatte ist sehr hoch gelegt. Absolut hochklassig und
eine unbedingte Empfehlung für jeden Fan intelligenter und
spannender SF.
15 Punkte.
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