Zum
Inhalt:
Die Besatzung der Bohrinsel Avalon II ist spurlos verschwunden - und
das ist beileibe noch nicht alles. Auf die Spur der seltsamen
Geschehnisse wird der Versicherungsdetektiv Rudger Harm angesetzt,
der die Sache zuerst nicht ganz für voll nimmt.
Der neue Hohlbein ist zuerst exklusiv bei Bertelsmann erschienen und
Anfang November nun auch als RocketEdition für das Rocket eBook.
Die normale Printausgabe wird erst am 24.11.2000 im Buchhandel stehen
- für die Fans des Autors sicherlich eine ziemlich lange
Wartezeit.
Allerdings hat Hohlbein es ihnen jedoch auch leicht gemacht - und
mancher Leser wird sich nach der Lektüre sicher wünschen,
noch ein wenig länger auf den Roman gewartet zu haben (zum
Beispiel drei- oder vierhundert Jahre)... Denn das "Avalon-Projekt"
stellt sicherlich eines der schlechtesten Werke des Autors dar.
Einzig und allein am Anfang vermag der Roman so etwas wie Spannung
und Interesse beim Leser hervorzurufen - eine Erwartungshaltung, die
im weiteren Verlauf des Roman bitter enttäuscht wird. Die
Handlung wird zusehends flacher und gestreckter, und im Nachhinein
bleibt kaum etwas von ihr beim Leser zurück.
Dies liegt vor allem an den immer stärker ausufernden
Beschreibungsszenen, die Hohlbein dem Leser vorsetzt. Kämpfe
werden detailliert und in allen Einzelheiten wiedergegeben, so
daß der Leser eher das Gefühl hat, einen Film beschrieben
zu bekommen - das klingt vielleicht noch gut, erweist sich in der
Praxis jedoch als Langweiler allererster Güte. Spätestens
nach dem ersten Viertel des Romans überfällt den Leser dann
die seltsame Ahnung, daß Hohlbein hier entweder nach Seiten
bezahlt wurde oder eine Seitenvorgabe vom Verlag bekam. Eine andere
Erklärung für das "Seitenschinden" kann es eigentlich kaum
noch geben.
Umso schwerer wiegt jedoch, daß die Handlung im Lauf des Romans
immer schwächer wird. Wird hier zu Anfang noch Spannung
aufgebaut, verfliegt diese doch sehr schnell, und der Leser beginnt
sich zu fragen, ob er die nächsten 100 oder 200 Seiten
vielleicht besser überspringen sollte. Natürlich macht er
es dann zwar nicht (man könnte ja trotz allem doch noch eine
interessante Entwicklung verpassen), doch stellt sich danach heraus,
daß er es problemlos hätte tun können. Und wenn dann
die Handlung auf ihr Ende zugeht und die aufgebauten Geheimnisse
gelöst werden, fragt man sich unwillkürlich, ob diese
Lösung nun einfach nur seltsam oder nicht doch verquirlter Mist
ist. Gut, das ist wahrscheinlich Geschmackssache, und es wird wohl
auch Leser geben, die die vorgestellte Lösung mögen - bei
mir ist es jedenfalls nicht der Fall.
Kommen wir zum Stilistischen: Hier deutet sich schon durch die
überlangen Beschreibungen und Dialoge an, daß der Roman in
dieser Hinsicht nicht viel zu bieten hat. Wer um jeden Preis Worte
schindet, kann stilistisch nichts Ausgefeiltes mehr bieten. Noch dazu
verführt der Roman zu dem Eindruck, daß er schlicht und
einfach im Eiltempo ohne viel Sorgfalt heruntergeschnoddert wurde. Da
finden sich Formulierungen wie "Rudger wagte kaum zu hoffen,
daß er die Wörter richtig verstanden hatte." (man ist
versucht, ein lautes "Worte" in den Raum zu schreien), "Er wurde zum
unzähligsten Male innerhalb der letzten Minuten von den
Füßen gerissen und prallte diesmal so hart auf, daß
er tatsächlich für Augenblicke das Bewußtsein
verlor." ("zum unzähligsten Male"... Das zieht einem die Schuhe
aus...), "Der tapfere kleine Motor tat alles, was er konnte, aber es
reichte nicht." (da hat wohl jemand gerade im Fernsehen den "tapferen
kleinen Toaster" gesehen... Ooooch, isser nicht niedlich???), oder
"Aber die Betonung lag auf den Worten hätte und wenn."
(wäre ja noch in Ordnung, bezöge sich Hohlbein hier nicht
auf den vorhergehenden Satz: "Hätte er nicht vor kurzem in das
Antlitz einer Göttin geblickt, hätte er sich durchaus in
jemanden wie sie verlieben können." - Wo ist da ein
"wenn"???).
(Kurze Anekdote am Rande: Kommentar Daniel von Euw (ehem. John
Sinclair-Rezensent des Flash) nach wahlloser Lektüre von ein
paar Seiten des Romans: "Das ist ja schlimmer als Sinclair!" ;-)))
)
Von einer gewissen Schludrigkeit zeugt auch, wenn da ein Scheinwerfer
"explodiert", und kurze Zeit, nachdem der erste "implodierte", der
zweite wieder "explodiert". Zu finden ist dies in der Szene auf dem
Militärflughafen...
Sehr seltsam wird es auch, wenn Hohlbein darauf besteht, kurze
beschreibende Einschübe innerhalb der wörtlichen Rede zu
verwenden. Statt die wörtliche Rede durch Anführungszeichen
zu unterbrechen, setzt er diese Beschreibungen in Klammern mitten
hinein - mit dem Ergebnis, daß der Leser sich verwirrt fragt,
ob die gerade sprechende Person dies auch wirklich gesagt hat.
Richtig lustig wird es jedoch erst, wenn Hohlbein so richtig
schön in Fahrt kommt und möglichst stimmungsvoll schreiben
will, dabei jedoch nicht mehr auf die Konsistenz der Handlung achtet.
Zumindest sollte man annehmen, daß jemand, dessen Knie ihm
solche Probleme bereitet, daß er kaum gehen kann, wohl nicht
zur Ablenkung mal eben an eine Schrankwand herantritt und sich
umsieht, was da so alles auf dem Regal liegt. Richtig, sollte man
annehmen - Rudger Harm handelt trotzdem so, als er zum ersten Mal in
Alex' Wohnung auftaucht. Nur wenig später findet sich dann
folgendes: "Kein Wunder, daß er keinen Schritt tun konnte, ohne
innerlich vor Schmerzen aufzuheulen."
Interessant ist auch, daß Rudger problemlos im Flugzeug eine
Person als "einen der beiden Killer, die hinter ihnen her gewesen
waren" erkennt. Immerhin trugen die beiden Killer bei der
vorhergehenden Gelegenheit schwarze Masken...
Noch einer? Na gut... Da haben wir die Aussage: "Ich habe einen
Generator. [...] Aber er ist alt und bringt nicht mehr die
volle Leistung. Reicht gerade für das Allernötigste." Diese
Begründung wird für einen wegen Stromausfall nicht mehr
funktionierenden Kühlschrank geliefert. Immerhin - der
Kühlschrank ist dabei offensichtlich weniger wichtig als der
Computer des nicht anwesenden Sohnes, mit dem Rudger Harm am Abend
zuvor noch eine halbe Stunde im Internet war... Ohne Worte.
Daß die Passagiere in einem Helikopter nicht angeschnallt sind,
ist auch recht undenkbar, zu finden jedoch an der Stelle, als Rudger
Harm und Begleitung zum zweiten Mal auf der Avalon landen. Bei dem
Fast-Absturz schleudert es die Hälfte der Besatzung aus den
Sitzen und auf den Boden. Tja, wer sich nicht anschnallt, vor allem
wenn man in einen Sturm hinausfliegt... (* Wie das bei PASSAGIEREN
in einem Helikopter ist, weiß ich ja nicht - siehe A-Team
(Nicht-Besatzung grundsätzlich nie angeschnallt), aber die
Besatzung (im Normalfall zwei Leute, was im obigen Fall bedeuten
würde, daß einer davon aus dem Sitz geschleudert wurde...
weia...) MUSS angeschnallt sein... Heike)
Das Ganze hier sind jetzt nur Beispiele. Die Liste ließe sich
noch weit fortsetzen, doch ich glaube, daß muß ja nun
auch nicht sein und würde diese Rezension sprengen.
Kommen wir noch zur Aufmachung der eBook-Version, auf der die
Rezension beruht:
Auch hier finden sich ein paar Kleinigkeiten, die man sicherlich
hätte besser machen können. Zum Beispiel wäre ein
Inhaltsverzeichnis am Anfang des Romans schön gewesen, über
das man die einzelnen Kapitel direkt anspringen kann. So etwas
erleichtert das Auffinden bestimmter Textstellen doch ungemein.
Auch scheint man bei der Herstellung vollkommen vergessen zu haben,
daß HTML auch einen <br>-Tag unterstützt, so
daß jedem Absatz erst einmal eine Leerzeile folgt. Dies ist
einerseits optisch nicht besonders schön und wirkt andererseits
sehr störend, wenn die gewollten Leerzeilen zur
Abschnittstrennung nicht mehr erkennbar sind.
Allerdings gibt es auch vereinzelte ungewollte Zeilenumbrüche,
was wieder darauf hindeutet, daß man den <br>-Tag doch
kennt. Doch diese kommen wirklich nur selten vor und sind
vernachlässigbar.
Nicht vernachlässigbar ist jedoch der Preis, den Weitbrecht
für das eBook verlangt. Wenn die amazon.de-Angabe stimmt, kostet
das eBook sogar noch 10 Pfennige mehr(!), als das Hardcover kosten
wird. Schon ein gleicher Preis ist kaum vertretbar, wenn man sich vor
Augen hält, daß weder Druckkosten entstehen noch die
Kosten für die Logistik annähernd die Höhe erreichen,
wie sie für die Printausgabe anfallen.
So wird es das eBook jedenfalls noch lange sehr, sehr schwer haben,
sich einen größeren Markt zu sichern.
Fazit:
Dieses ausufernde und äußerst langatmige Buch wird es wohl
selbst in Reihen der Hohlbein-Fans schwer haben, einen Liebhaber zu
finden. Die Handlung ist abstrus und geht im in ihr herrschenden
Dauerregen buchstäblich den Bach runter.
2 Punkte
Aufmachung und Preis des
eBooks:
2 Punkte