Wolfgang Hohlbein:

"Das Avalon-Projekt"

D 2000
(656 Seiten, Hardcover, Weitbrecht, ISBN 3-5227-17058, DM 39,80)
(ebook: 695 kB, ISBN 3-89856-140-2, DM 39,90)
- erschienen: November 2000 -

Zum Inhalt:
Die Besatzung der Bohrinsel Avalon II ist spurlos verschwunden - und das ist beileibe noch nicht alles. Auf die Spur der seltsamen Geschehnisse wird der Versicherungsdetektiv Rudger Harm angesetzt, der die Sache zuerst nicht ganz für voll nimmt.

Der neue Hohlbein ist zuerst exklusiv bei Bertelsmann erschienen und Anfang November nun auch als RocketEdition für das Rocket eBook. Die normale Printausgabe wird erst am 24.11.2000 im Buchhandel stehen - für die Fans des Autors sicherlich eine ziemlich lange Wartezeit.
Allerdings hat Hohlbein es ihnen jedoch auch leicht gemacht - und mancher Leser wird sich nach der Lektüre sicher wünschen, noch ein wenig länger auf den Roman gewartet zu haben (zum Beispiel drei- oder vierhundert Jahre)... Denn das "Avalon-Projekt" stellt sicherlich eines der schlechtesten Werke des Autors dar.
Einzig und allein am Anfang vermag der Roman so etwas wie Spannung und Interesse beim Leser hervorzurufen - eine Erwartungshaltung, die im weiteren Verlauf des Roman bitter enttäuscht wird. Die Handlung wird zusehends flacher und gestreckter, und im Nachhinein bleibt kaum etwas von ihr beim Leser zurück.
Dies liegt vor allem an den immer stärker ausufernden Beschreibungsszenen, die Hohlbein dem Leser vorsetzt. Kämpfe werden detailliert und in allen Einzelheiten wiedergegeben, so daß der Leser eher das Gefühl hat, einen Film beschrieben zu bekommen - das klingt vielleicht noch gut, erweist sich in der Praxis jedoch als Langweiler allererster Güte. Spätestens nach dem ersten Viertel des Romans überfällt den Leser dann die seltsame Ahnung, daß Hohlbein hier entweder nach Seiten bezahlt wurde oder eine Seitenvorgabe vom Verlag bekam. Eine andere Erklärung für das "Seitenschinden" kann es eigentlich kaum noch geben.
Umso schwerer wiegt jedoch, daß die Handlung im Lauf des Romans immer schwächer wird. Wird hier zu Anfang noch Spannung aufgebaut, verfliegt diese doch sehr schnell, und der Leser beginnt sich zu fragen, ob er die nächsten 100 oder 200 Seiten vielleicht besser überspringen sollte. Natürlich macht er es dann zwar nicht (man könnte ja trotz allem doch noch eine interessante Entwicklung verpassen), doch stellt sich danach heraus, daß er es problemlos hätte tun können. Und wenn dann die Handlung auf ihr Ende zugeht und die aufgebauten Geheimnisse gelöst werden, fragt man sich unwillkürlich, ob diese Lösung nun einfach nur seltsam oder nicht doch verquirlter Mist ist. Gut, das ist wahrscheinlich Geschmackssache, und es wird wohl auch Leser geben, die die vorgestellte Lösung mögen - bei mir ist es jedenfalls nicht der Fall.
Kommen wir zum Stilistischen: Hier deutet sich schon durch die überlangen Beschreibungen und Dialoge an, daß der Roman in dieser Hinsicht nicht viel zu bieten hat. Wer um jeden Preis Worte schindet, kann stilistisch nichts Ausgefeiltes mehr bieten. Noch dazu verführt der Roman zu dem Eindruck, daß er schlicht und einfach im Eiltempo ohne viel Sorgfalt heruntergeschnoddert wurde. Da finden sich Formulierungen wie "Rudger wagte kaum zu hoffen, daß er die Wörter richtig verstanden hatte." (man ist versucht, ein lautes "Worte" in den Raum zu schreien), "Er wurde zum unzähligsten Male innerhalb der letzten Minuten von den Füßen gerissen und prallte diesmal so hart auf, daß er tatsächlich für Augenblicke das Bewußtsein verlor." ("zum unzähligsten Male"... Das zieht einem die Schuhe aus...), "Der tapfere kleine Motor tat alles, was er konnte, aber es reichte nicht." (da hat wohl jemand gerade im Fernsehen den "tapferen kleinen Toaster" gesehen... Ooooch, isser nicht niedlich???), oder "Aber die Betonung lag auf den Worten hätte und wenn." (wäre ja noch in Ordnung, bezöge sich Hohlbein hier nicht auf den vorhergehenden Satz: "Hätte er nicht vor kurzem in das Antlitz einer Göttin geblickt, hätte er sich durchaus in jemanden wie sie verlieben können." - Wo ist da ein "wenn"???).
(Kurze Anekdote am Rande: Kommentar Daniel von Euw (ehem. John Sinclair-Rezensent des Flash) nach wahlloser Lektüre von ein paar Seiten des Romans: "Das ist ja schlimmer als Sinclair!" ;-))) )
Von einer gewissen Schludrigkeit zeugt auch, wenn da ein Scheinwerfer "explodiert", und kurze Zeit, nachdem der erste "implodierte", der zweite wieder "explodiert". Zu finden ist dies in der Szene auf dem Militärflughafen...
Sehr seltsam wird es auch, wenn Hohlbein darauf besteht, kurze beschreibende Einschübe innerhalb der wörtlichen Rede zu verwenden. Statt die wörtliche Rede durch Anführungszeichen zu unterbrechen, setzt er diese Beschreibungen in Klammern mitten hinein - mit dem Ergebnis, daß der Leser sich verwirrt fragt, ob die gerade sprechende Person dies auch wirklich gesagt hat.
Richtig lustig wird es jedoch erst, wenn Hohlbein so richtig schön in Fahrt kommt und möglichst stimmungsvoll schreiben will, dabei jedoch nicht mehr auf die Konsistenz der Handlung achtet. Zumindest sollte man annehmen, daß jemand, dessen Knie ihm solche Probleme bereitet, daß er kaum gehen kann, wohl nicht zur Ablenkung mal eben an eine Schrankwand herantritt und sich umsieht, was da so alles auf dem Regal liegt. Richtig, sollte man annehmen - Rudger Harm handelt trotzdem so, als er zum ersten Mal in Alex' Wohnung auftaucht. Nur wenig später findet sich dann folgendes: "Kein Wunder, daß er keinen Schritt tun konnte, ohne innerlich vor Schmerzen aufzuheulen."
Interessant ist auch, daß Rudger problemlos im Flugzeug eine Person als "einen der beiden Killer, die hinter ihnen her gewesen waren" erkennt. Immerhin trugen die beiden Killer bei der vorhergehenden Gelegenheit schwarze Masken...
Noch einer? Na gut... Da haben wir die Aussage: "Ich habe einen Generator. [...] Aber er ist alt und bringt nicht mehr die volle Leistung. Reicht gerade für das Allernötigste." Diese Begründung wird für einen wegen Stromausfall nicht mehr funktionierenden Kühlschrank geliefert. Immerhin - der Kühlschrank ist dabei offensichtlich weniger wichtig als der Computer des nicht anwesenden Sohnes, mit dem Rudger Harm am Abend zuvor noch eine halbe Stunde im Internet war... Ohne Worte.
Daß die Passagiere in einem Helikopter nicht angeschnallt sind, ist auch recht undenkbar, zu finden jedoch an der Stelle, als Rudger Harm und Begleitung zum zweiten Mal auf der Avalon landen. Bei dem Fast-Absturz schleudert es die Hälfte der Besatzung aus den Sitzen und auf den Boden. Tja, wer sich nicht anschnallt, vor allem wenn man in einen Sturm hinausfliegt... (* Wie das bei PASSAGIEREN in einem Helikopter ist, weiß ich ja nicht - siehe A-Team (Nicht-Besatzung grundsätzlich nie angeschnallt), aber die Besatzung (im Normalfall zwei Leute, was im obigen Fall bedeuten würde, daß einer davon aus dem Sitz geschleudert wurde... weia...) MUSS angeschnallt sein... Heike)
Das Ganze hier sind jetzt nur Beispiele. Die Liste ließe sich noch weit fortsetzen, doch ich glaube, daß muß ja nun auch nicht sein und würde diese Rezension sprengen.
Kommen wir noch zur Aufmachung der eBook-Version, auf der die Rezension beruht:
Auch hier finden sich ein paar Kleinigkeiten, die man sicherlich hätte besser machen können. Zum Beispiel wäre ein Inhaltsverzeichnis am Anfang des Romans schön gewesen, über das man die einzelnen Kapitel direkt anspringen kann. So etwas erleichtert das Auffinden bestimmter Textstellen doch ungemein.
Auch scheint man bei der Herstellung vollkommen vergessen zu haben, daß HTML auch einen <br>-Tag unterstützt, so daß jedem Absatz erst einmal eine Leerzeile folgt. Dies ist einerseits optisch nicht besonders schön und wirkt andererseits sehr störend, wenn die gewollten Leerzeilen zur Abschnittstrennung nicht mehr erkennbar sind.
Allerdings gibt es auch vereinzelte ungewollte Zeilenumbrüche, was wieder darauf hindeutet, daß man den <br>-Tag doch kennt. Doch diese kommen wirklich nur selten vor und sind vernachlässigbar.
Nicht vernachlässigbar ist jedoch der Preis, den Weitbrecht für das eBook verlangt. Wenn die amazon.de-Angabe stimmt, kostet das eBook sogar noch 10 Pfennige mehr(!), als das Hardcover kosten wird. Schon ein gleicher Preis ist kaum vertretbar, wenn man sich vor Augen hält, daß weder Druckkosten entstehen noch die Kosten für die Logistik annähernd die Höhe erreichen, wie sie für die Printausgabe anfallen.
So wird es das eBook jedenfalls noch lange sehr, sehr schwer haben, sich einen größeren Markt zu sichern.

Fazit:
Dieses ausufernde und äußerst langatmige Buch wird es wohl selbst in Reihen der Hohlbein-Fans schwer haben, einen Liebhaber zu finden. Die Handlung ist abstrus und geht im in ihr herrschenden Dauerregen buchstäblich den Bach runter.
2 Punkte

Aufmachung und Preis des eBooks:
2 Punkte

Winfried Brand


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