L.E. Modesitt jr.:

"Sturz der Engel"

(Recluce-Zyklus - Band 6)
OT: Fall of Angels
Ü: Siglinde Müller
USA 1997
(574 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9055, ISBN 3-453-17213-2, DM 24,90)
- erschienen: Oktober 2000 -

Ein Raumschiff der "Engel" wird im Kampf gegen die Dämonen in ein fremdes Universum versetzt. Schwer angeschlagen kann die Besatzung gerade noch auf einem Planeten notlanden. Es verschlägt sie auf eine Hochebene auf dem Kontinent Candar. Da der Planet für ihre Verhältnisse sehr warm ist, machen sie keinerlei Anstalten, von der Ebene zu verschwinden; vielmehr wollen sie sich hier häuslich niederlassen. Jedoch haben sie die Rechnung ohne die ansässigen Fürsten gemacht, denn die wollen verhindern, daß sich die Fremden einfach auf ihrem Territorium breitmachen - auch wenn niemand mit dieser Gegend wirklich etwas anfangen kann. Noch viel schlimmer scheint aber zu sein, daß es sich bei den Fremden zumeist um Frauen handelt, die hier einen Staat gründen wollen, der auf der weiblichen Autorität beruht. Die zentrale Kraft ihrer Aufbaubemühungen ist jedoch der Ingenieur Nylan, der bald bemerkt, daß er auf dem Planeten magische Fähigkeiten entwickelt und dessen Erfindungsreichtum aus dem Flüchtlingslager ein Heim und eine Festung machen. Dies ist auch bitter nötig, denn es gibt eine Menge Männer, die in dem enstehenden Matriarchat auf dem Dach der Welt eine große Gefahr für ihre eigene Welt sehen...

L.E. Modesitt jr. schließt das halbe Dutzend ab und beginnt damit gleichzeitig einen neuen Teil der Geschichte.
Die Insel Recluce verschwindet zunächst aus dem Blick - stattdessen gehen wir noch viel weiter in die Vergangenheit und kümmern uns um die Entstehung der Legende, von der so oft die Rede war, und um die Entstehung von Westwind, aus dem dereinst Creslin (der Gründer von Recluce) kommen wird.
Stilistisch bleibt beim "Sturz der Engel" alles beim alten. Die Hauptgeschichte ist in der Vergangenheit geschrieben, die Nebenhandlung in der Gegenwart. Das liest sich zwar dann und wann etwas seltsam, führt aber dazu, daß man immer genau weiß, wo man sich befindet. Ich denke, jeder muß für sich entscheiden, ob ihm diese Erzählweise gefällt oder nicht - ich find's auf alle Fälle sehr faszinierend.
Für diejenigen, die sich mit den letzten Bänden sehr gequält haben, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt gekommen, um aus der Geschichte auszusteigen, denn dieser Roman schlägt ein neues Kapitel auf und hat so mit seinen Vorgängern sehr wenig gemeinsam. Vielmehr baut er weitere Hintergründe auf, in denen die Handlungen der Romane 1 bis 5 angesiedelt sind. Lediglich die Welt ist die gleiche, und so hört man viele bekannte Länder- und Städtenamen.
Gleichzeitig ist es auch ein fast idealer Einstiegsband für Leser, die diesen Band als ersten der Serie in die Finger bekommen. Da er eine neue Geschichte erzählt, sollte man keine Probleme haben, sich in den Roman einzulesen. Über die geographischen Fragen gibt eine detaillerte Karte Auskunft, und auf Figuren aus den anderen Romanen trifft man auch nicht.
Für die "Gesamt-Leser" kann ich hier nur sagen, daß der "Sturz der Engel" sicher das Niveau seiner Vorgänger hält. Allerdings gibt es eine ganz entscheidende Veränderung. Zwar haben wir hier wieder einen Schmied/Ingenieur/Zauberer, der die Dinge richtet und fast allein die bösen weißen Magier in Schach hält. Diesmal ist nicht er der Haupthandlungsträger, sondern lediglich eine Figur unter vielen, die die Handlung tragen. Es ist auch weniger die Geschichte von Einzelpersonen, sondern eher die gesammelten Erlebnisse einer Flüchtlingsgruppe, die sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden muß. Ihnen gegenüber steht ein tragischer Herrscher, der sich durch seine Umwelt in eine Rolle gedrängt sieht, die er eigentlich überhaupt nicht ausfüllen will - aber er hat keine Wahl.
Es gibt also nicht mehr das klassische Gut gegen Böse, sondern vielmehr Unfreiwillig gegen Unfreiwillig. (* Hm - ist das bei Untergebenen (um nicht zu sagen "Soldaten"...) nicht (fast) immer so? Wie kann man eigentlich überhaupt zwischen Gut und Böse unterscheiden? Sind für die eine Seite nicht immer die anderen "die Bösen"? Sieht man sich nicht grundsätzlich selbst als "den Guten" an? Heike)
Auf diese Weise kommt es weniger zu einer den ganzen Roman übergreifenden Spannung, sondern durch den starken Episodencharakter zu einem ständigen Auf und Ab.
Wiederum erscheint das recht ungewöhnlich, und doch war ein Bruch in der bisherigen Handlungsstruktur sehr nötig, um eine aufkommende Langeweile zu verhindern. So dürfte der abrupte Wechsel der Handlungs- und Spannungsführung der Aufmerksamkeit der Leser ganz guttun.

Fazit:
Weiterhin freue ich mich auf jeden Band aus der Welt von Recluce, denn auch dieser hier war absolut keine Enttäuschung, sondern eine schöne Weiterentwicklung. L.E. Modesitt schlägt ein neues Kapitel auf, auf dessen Fortsetzung ich mit viel Spannung blicke. Man hat hier zum einen eine schöne Ergänzung für eine Welt, die man bereits kennt, aber auch einen guten Einstieg für alle, die sich bisher noch nicht entschließen konnten, sich nach Recluce zu trauen.
11 Punkte.

Alexander Haas


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