Michael Fritzsche:

"Der Kampf um den Mind-Chip"

D 1999
(41 Seiten, Taschenbuch, Books on Demand, ISBN 3-89811-366-3, DM 8,90)

Zum Inhalt:
Die Aldebaraner erreichen die Erde, und nach vorsichtiger Kontaktaufnahme verplappert sich ein Erdling und erzählt von einem Chip, der in der Lage ist, die Leistung des menschlichen Gehirns nachzuahmen. Zwar sind die Aldebaraner den Menschen technisch haushoch überlegen, doch einen solchen Chip haben sie nicht, weshalb sich ein aldebaranischer Verbrecher mit 50 Kampfschiffen auf den Weg macht, den Chip für sich allein zu sichern und die Erde plattzumachen...

Oh je - es steht wieder einmal eine dieser wirklich unangenehmen Rezensionen an, die ich nun gar nicht mag. Immerhin wurde mir dieses mehr als nur dünne Teil (fast schon sollte man es "Heftchen" nennen) auf dem BuchmesseCon persönlich vom Autor in die Hand gedrückt - hoffnungsvoll und voller Tatendrang. Hinzu kommt, daß das Flash u.a. auch eine Plattform für unbekannte Autoren bilden soll, um diese einem gewissen Bekanntheitsgrad zuzuführen. Für das Folgende hasse ich mich ja schon fast selber - aber das Flash steht nun mal auch für schonungslose Ehrlichkeit und ist Euch, den Lesern, verpflichtet - dementsprechend kann ich wohl nicht anders und hoffe nur, daß der Autor dies als konstruktive Kritik annimmt, anstatt sich verärgert in ein Schneckenhaus zurückzuziehen...:
Da haben wir also den Erstkontakt mit einer nichtmenschlichen Rasse, die sich eigentlich recht friedlich gibt (und auch ist)... Dieser Erstkontakt verläuft dann auch noch recht vergnüglich, doch das Verplappern eines der irdischen Delegationsmitglieder bringt einen aldebaranischen Verbrecher auf die Idee, mit 50 voll ausgerüsteten Kampfschiffen loszudüsen. Da stellt sich dem Leser doch direkt die erste Frage, weshalb zwar die gelandeten Wissenschaftler sich gegen die Schiffe stellen, Aldebaran selber jedoch keinerlei Anstrengungen unternimmt, seine eigenen Bösewichte irgendwie aufzuhalten (z.B. durch Schiffe, die man hinterherschickt)...
Wenn man das Ganze jedoch weiter betrachtet, kommt man unweigerlich zu weiteren Fehlern in der internen Logik.
Da ist also diese absolute Neuentwicklung des "Mind-Chips" - und um die Erde vor der Vernichtung durch die verbrecherischen Aliens zu retten, schickt man den Prototyp in einen Kometen, der (welch ein Zufall!) gerade das Sonnensystem durchquert. Man gräbt das Alien-Schiff möglichst unauffällig ein und ist der Meinung, daß, wenn der Prototyp nicht mehr auf der Erde ist, diese auch verschont werden wird. Selten so gelacht... Welche Motivation sollten die Aldebarener wohl haben, die Erde in Ruhe zu lassen (Abgesehen davon: Welche Motivation haben sie eigentlich, "die Erde in die Steinzeit zurückzubomben", wenn sie den Chip erbeutet haben???), nur weil der Prototyp nicht mehr hier ist?!?
Und überhaupt: Offensichtlich gibt es niemanden, der den Chip anhand der aufgezeichneten Daten rekonstruieren kann. Die aldebaranischen Verbrecher müssen unbedingt den Prototyp haben - schade eigentlich, daß es offensichtlich keine Aufzeichnungen gibt, die Menschen den Chip also auch wohl nicht in Serie herstellen können...
Geradezu lächerlich wirken dann auch die Verstecksequenzen innerhalb des Kometen, Asteroiden oder was auch immer... Wir graben uns ein, schmelzen eine Eisschicht darüber und sind der Meinung, daß uns wohl keiner finden wird, wobei wir hoffen, daß wir nicht in die Sonne fallen. Und über das Ende der Story möchte ich jetzt erst gar nichts mehr sagen - sollte es jemanden geben, der sich das Teil zulegen möchte, möchte ich diesem wenigstens darüber nichts verraten - außer, daß es ziemlich haarsträubend ist...
Das ganze wäre ja noch eine halbwegs vergnügliche Geschichte, der man einiges verzeihen könnte, würde Fritzsche wenigstens stilistisch über das übelste Heftroman-Niveau der 50er Jahre hinauskommen. Doch das, was er hier bietet, ist bestenfalls Fanzine-Niveau - im schlechteren Sinne des Wortes. Seine Sprache wirkt abgehackt und auf das absolut Wesentliche verkürzt. Dabei vergißt er durchgehend, auch nur halbwegs irgendwelche Charaktere zu schildern, und versteift sich auf absolute Stereotypen - obwohl auch dies falsch ist: Stereotypen haben noch mehr Leben in sich als die "Figuren" dieser Kurzgeschichte...
Das ganze erinnert doch stark an die ersten Gehversuche eines Fan-Autoren - ähnliches ist normalerweise von 12-15jährigen als Erst-Stories in Fanzines zu lesen. Eine kompakte Handlung ohne jegliche Identifikationsfiguren oder auch nur annähernde Charakterschilderungen. Die Handlung wird in einem mörderischen Tempo abgespult, das seinesgleichen sucht - eine Entwicklung und vor allem Motivation der Handlungsträger ist nicht erkennbar. Für jemanden, der sich selber auf dem Klappentext als "Diplom Ingenieur, Technischer Redakteur und Science Fiction-Autor" bezeichnet und knapp 50 Jahre alt ist, sollte und kann man sicherlich mehr erwarten als eine schlechte 50er Jahre-Kurzgeschichte, die ihre Handlung komprimiert zum besten gibt. Aus der Idee hätte man, die schriftstellerischen Fähigkeiten vorausgesetzt, problemlos einen guten 200-Seiten-Roman machen können. Diese 40-Seiten-Kurzgeschichte ist jedoch leider wieder einmal ein Beispiel dafür, daß Libri mit den Books on Demand eine Lücke für die Leute geschaffen hat, die es wirklich nicht verdient haben, in der Buchhandlung zu stehen.
Dabei möchte ich Michael Fritzsche gar nicht herabwürdigen - jedweder Schreibversuch ist mehr als nur positiv - denn bei ihm ist Talent erkennbar. Mit ein wenig mehr Übung ist der Autor sicherlich noch in der Lage, sehr ansprechende Romane verfassen. Doch diese Kurzgeschichte gehört wohl eher zu den literarischen Versuchen, die am besten ungelesen in der Versenkung verschwinden und nie wiederentdeckt werden.
Ich möchte nicht anzweifeln, daß Michael Fritzsche sehr gute technische Texte zu verfassen in der Lage ist, doch der knappe und prägnante technische Stil paßt einfach nicht zur einer prosaischen Geschichte. Hier sind Charaktere gefragt, die zu liefern der Autor zumindest in dieser Kurzgeschichte nicht in der Lage ist...
Fast schon unwichtig ist hierbei, daß dieses Teil als Book on Demand erschienen ist. Der Preis von DM 8,90 ist für 40 Seiten mehr als nur unverschämt, doch liegt dies hauptsächlich an der Preisgestaltung von Libri; hier kann der Autor nun wirklich nichts dafür. Wohl jedoch kann er etwas dafür, daß er eine Geschichte veröffentlicht, die Libri an den Rand des technisch möglichen bringt - sprich: Noch weniger Seiten wären wohl kaum möglich gewesen, weshalb die Seitenzahl hier auch noch künstlich durch willkürliche Leerzeilen und Seitenwechsel aufgebläht wird. Das Problem der "Hurenkinder" und "Schusterjungen" umgeht der Autor sehr unelegant, indem er einfach jeglichen Absatzumbruch auf die nächste Seite unterbindet, was den optischen Eindruck (zusätzlich zu den seltsamen Leerzeilen) ziemlich nach unten drückt. Hier drängt sich der Eindruck auf, daß Michael Fritzsche einfach nur Seiten schindet - bei einem dermaßen umfanglosen Produkt sicherlich nicht das beste, das man machen kann...
Ups - ich merke gerade, daß ich Gefahr laufe, diese Rezension länger als die Story zu gestalten; das Ende naht also mit schnellen Schritten.

Fazit:
Das Talent ist erkennbar - doch diese Story kann leider weder in der Ausführung noch hinsichtlich der Handlung überzeugen. Charaktere sind erst gar nicht vorhanden, geschweige denn eine Beschreibung ihrer Gedankenwelt. Geboten wird hier Fanzine-Niveau zu mehr als nur Profi-Preis. Ein entwicklungsfähiger Autor bei seinen ersten Gehversuchen - aber dies ist wohl der Durchschnitt, den uns Libri mit den "Book on Demand" serviert hat...
0 Punkte.

Winfried Brand


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