K.V. Forrest:

"Töchter der Morgenröte"

OT: Daughters of a Coral Dawn
Ü: n.a.
(251 Seiten, Taschenbuch, Argument Verlag, Ariadne - Social Fantasies 2057, ISBN 3-88619-957-6, DM 19,80)
- erschienen: Oktober2000 -

Zum Inhalt:
Mutter, eine Vernaerin, wurde von Vater auf die Erde geschmuggelt - doch Vater hat nicht mit der Fruchtbarkeit einer Vernaerin gerechnet, denn nach kurzer Zeit ist er Vater von Neunlingen, durch die Bank Mädchen. Diese sind allesamt auf ihren Spezialgebieten hochbegabt, und nur ihre Vorsicht verhindert, daß die Menschheit auf sie aufmerksam wird, obwohl sie auf ihren Gebieten Hervorragendes leisten.
Aber sie haben auch etwas von Mutter geerbt: Die Gebärfreudigkeit (wenn auch nicht in gleichem Umfang, so bekommen sie durchschnittlich doch rund drei Kinder, allesamt Mädchen, pro Schwangerschaft). Dementsprechend dauert es nicht lange, bis rund 6.000 ihrer Töchter, Enkelinnen, Ur-Enkelinnen usw. die Erde bevölkern, und es steht zu befürchten, daß sie so langsam doch auffallen. Und so fassen sie den Plan, die Erde zu verlassen - einen entsprechenden Planeten haben sie sich bereits ausgesucht - doch deren Machthaber wollen sie angesichts des drohenden "Brain drains" nicht gehen lassen...

Puha... Du meine Güte - was ist denn das jetzt? Laut Klappentext handelt es sich bei den "Töchtern der Morgenröte" um "...eine witzige, spannende, phantasievolle und sinnliche Odyssee, die Suche nach einem lesbischen Utopia." Bereits hieran sieht man, in welche Richtung sich K.V. Forrests Roman dreht - an sich nicht uninteressant, und mit ziemlichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Dabei fängt die Autorin auch durchaus hervorragend an, doch bereits nach wenigen Seiten deutet sich an, daß diverse Attribute, die dem Roman im Klappentext zugemutet werden, im Innenteil einfach nicht vorhanden sind.
Dabei verabschieden sie sich in Reihenfolge der Nennung, d.h. der Anfang ist durchaus noch witzig, doch der Humor macht bereits nach wenigen Seiten eine Kehrtwende und wendet sich von dem Text ab, verschwindet in den Tiefen der Handlung und ward fortan nur noch sehr selten gelesen.
Spätestens nach der gelungenen Flucht von der Erde verabschiedet sich dann auch die Spannung, die zwar noch einmal einen Versuch macht, in die Handlung zurückzukehren, doch zu diesem Zeitpunkt ist der Leser bereits so stark eingelullt, daß er hiervon nicht mehr viel bemerkt.
Und auch die Phantasie hält nicht viel weiter als bis zur Beschreibung der neuen Welt der lesbischen Gemeinschaft. Ist diese erst einmal halbwegs erkundet, bleibt als einziges noch die Sinnlichkeit übrig, die sich bis zum Ende des Romans hinzieht und dem Leser Seite für Seite lesbische Beziehungsprobleme präsentiert, die dummerweise ohne wirklich interessante Charakterschilderung und vor allem ohne eine interessante dahinterstehende Handlung ablaufen.
Dabei ist die Grundidee des Romans gar nicht mal so schlecht, und nach den ersten paar Seiten hatte ich durchaus noch eine zweistellige Notengebung im Kopf, eine Idee, die mir mit zunehmender Seitenzahl jedoch schnell wieder ausgetrieben wurde. Spätestens, wenn sich die Damen auf ihrem neuen Planeten festgesetzt haben, ist die Handlung durchtränkt von irgendwelchen lesbischen Beziehungsproblemen, die noch nicht einmal annehmbar geschildert sind, sondern sich statt dessen in einfachen Klischees homosexueller Beziehungen unter Frauen widmen. Also, entweder stimmen diese Klischees bis ins Kleinste (was ich persönlich nicht glauben kann, kenne ich doch eine Reihe homosexueller Menschen, unter denen auch ein paar gute Freunde sind), oder Frau Forrester hat hier einfach nur Mist geschrieben.
Gut, vielleicht habe ich ja auch die Aussage des Romans nicht verstanden (immerhin fehlt mir zur wirklichen Zielgruppe das eine oder andere Attribut...), und Lesben wollen unbedingt Klischees in Utopie-Phantasien eingebunden lesen. Aber - vorstellen kann ich mir dies nicht unbedingt. (Mist, damit hätte ich jetzt das nächste Klischee erfüllt...)
Vielleicht mal ein paar Klischee-Beispiele? Na gut:
Da hätten wir z.B. die jährlichen "Festspiele" (man könnte "Olympische Spiele" dazu sagen), bei denen die Athletinnen natürlich nackt auftreten, damit sich die Zuschauerinnen an ihren Körpern erfreuen können... (Gewisse Degenerationserscheinungen lassen sich aus dieser Beschreibungen der Gesellschaft hochintelligenter Lesben nicht nur hier herauslesen...)
Anscheinend ist das erste, was man auf einer neuen Welt aufbaut, eine Fabrik, die Chaiselongues herstellt - denn die Frauen sitzen buchstäblich die ganze Zeit nur auf solchen (Wie gesagt: Ein wenig Dekadenz läßt sich hier überall herauslesen - die alten Römer lassen grüßen...), und dort haben sie kaum etwas anderes im Kopf, als sich mit anderen Frauen zu vergnügen. (Wären diese Beschreibungen ein wenig deutlicher, wäre dies ein Hardcore-Porno-Roman...)
Die notgelandete Raumschiffsbesatzung (bestehend aus drei Männern und einer Frau) hat natürlich auch nur das "Eine" im Sinn. Die Männer schließt man ein, nachdem einer von ihnen seine Crew-Kollegin angefallen hat (komisch, daß er solcherart beim vorhergehenden Raumflug zwar gedacht, aber nie getan hat...), während die Frau sich natürlich relativ schnell von den Vorteilen der lesbischen Liebe überzeugen läßt. (Jajaja, alle Frauen haben eine lesbische Ader... Klischee Nr. 08/15...) Netterweise läßt man die drei Männer zwar irgendwann wieder starten, vernichtet dann aber das Raumschiff. (Die Männer hätten ja schließlich die Kolonie der Frauen verraten können - und natürlich hatten sie auch gar nichts besseres im Kopf, schließlich sind Männer ja nur blöde...)
Ich glaube, das reicht jetzt wahrscheinlich. Man mag mir zwar vorwerfen, all dies zu sehr mit den Augen eines Mannes (erschwerend kommt auch noch eine Heterosexualität hinzu) zu sehen; sicherlich keine falsche Einstellung. Allerdings gibt es genügend Beispiele für gelungene Lesben- (und auch Schwulen-)Romane, die mir sehr gut gefallen haben. Der Unterschied zu diesem Roman besteht einfach darin, daß diese keine reine klischeelastige Halbwegs-Geschichte mit stereotypen Charakteren geschildert haben, sondern wirklich interessant aufgebaut waren und die Sexualität der Charaktere in einem notwendigen Verhältnis zur Handlung stand. Abgesehen davon, daß die gleichgeschlechtlichen Beziehungen in anderen Romanen auch schon wesentlich gefühlvoller aufgebaut worden sind...

Fazit:
Schade, die interessante Idee eines lesbischen Utopia wird durch massive Klischee-Verwendung zwar nicht zur Lachnummer (das wäre dann ja noch irgendwo interessant), sondern einfach nur langweilig und uninteressant. Vielleicht mögen Lesben dies anders sehen, doch steht zu bezweifeln, daß sie diesem Ausbund an Handlungsarmut etwas abgewinnen können, das lesenswert ist.
1 Punkt.

Winfried Brand


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