Zum
Inhalt:
Ende des 21. Jahrhunderts rückt die Besiedelung des Mars immer
näher. Jetzt sollen die ersten Pioniere auf dem Roten Planeten
landen und die dort bereits seit Jahren unter Kuppeln lebenden
Wissenschaftler bei der weiteren Terraformung des Mars
unterstützen. Es wird inzwischen auch immer dringender, diese
Besiedelung so schnell wie möglich durchzuführen, da die
Erde inzwischen recht lebensfeindliche Züge angenommen hat. So
ist es z.B. äußerst unratsam, sich ohne Schutz unter
freiem Himmel zu bewegen. Wer es sich leisten kann, versucht, unter
einer "Kuppel" Schutz zu suchen. Dies sind überkuppelte Gebiete,
in denen man sich frei bewegen kann und in denen die Landwirtschaft
betrieben wird, denn deren Erzeugnisse aus freier Natur sind nicht
mehr genießbar.
Dennis Pernell ist nicht nur einer derjenigen, die sich für das
Mars-Projekt beworben haben, sondern auch Besitzer einer Kuppel
namens "Stammheim" in der Nähe von Frankfurt. Als er sich auf
dem Rückweg dorthin befindet, bekommt er keinen Kontakt mit den
Kuppelbewohnern. Voller düsterer Vorahnungen fährt er
seinem Zuhause entgegen, wimmelt es in dieser Gegend doch auch von
mutierten Tieren, die aus einem illegalen Genlabor entkommen sind und
- äußerst angriffslustig - die Gegend unsicher machen.
Dennis' Instinkt hat ihn nicht getrogen, denn als er endlich die
Kuppel erreicht, muß er feststellen, daß diese
überfallen und seine Freundin Kim Yost entführt wurde.
Hinter dieser Entführung steckt jedoch wesentlich mehr, als sich
ihm im ersten Augenblick erschließt. Denn nicht nur, daß
Dennis zusammen mit Kim zu den Mars-Pionieren gehören sollte,
auch in München tritt wenig später ein Entführungsfall
auf, der mit dem Mars-Projekt zusammenhängt: Erich Dittmann, der
Leiter der Europäischen Raumfahrt-Behörde, ist ebenfalls
spurlos verschwunden. Und in keinem von beiden Fällen werden
Lösegeldforderungen gestellt...
Barbara Jung liefert hier vor allem erst einmal einen sehr
umfangreichen Auftakt zu ihrem "Lost Planets"-Zyklus, der als "book
on demand" auch ein reichliches Loch im Geldbeutel
hinterläßt - naturgemäß bei dieser Form der
Veröffentlichung, muß man wohl sagen. Dagegen verdient die
Preisgestaltung des eBooks doch ausdrückliches Lob. Hier hat die
Autorin offensichtlich konsequent durchgegriffen und verlangt nur den
Gewinn, den sie auch an einem verkauften bod haben würde, vom
Leser. Das ist vorbildlich und sollte auch einmal von den anderen
Verlagen aufgegriffen werden, die ihre eBooks teilweise zum gleichen
Preis anbieten, zu dem sie auch die Print-Version verkaufen...
Aber kommen wir doch endlich zum eigentlich Wichtigen an diesem
Roman: dem Inhalt.
Hier gelingt es der Autorin mit ihrem unterhaltsamen Schreibstil,
selbst den marsmüden Leser bei der Stange zu halten, der sich
angesichts der Flut von Veröffentlichungen mit diesem
Handlungsthema, die wir in den letzten zwei Jahren über uns
ergehen lassen mußten, schon stöhnend ("Bitte nicht schon
wieder...") abwenden wollte. Barbara Jung schreibt einen sehr
lockeren und gefälligen Stil, der sich flüssig lesen
läßt, jedoch in weiten Strecken auch sehr blumig
daherkommt. Hierdurch kommt auch schon mal des öfteren der
Eindruck des "Schwafelns" beim Leser auf - ein Eindruck, den man
bereits von Hohlbein oder Zimmer Bradley her zur Genüge
kennt.
Im Gegensatz zu den beiden Genannten gelingt es Barbara Jung jedoch,
ihre Geschichte sympathisch und interessant dem Leser
näherzubringen, so daß dieser sich eben nicht nach
diversen Seiten fragt, was denn hier überhaupt passiert ist. Die
Handlung ist einfach zu sympathisch, als daß sie wirklich
langweilig werden könnte.
Doch hierin verbirgt sich ein weiterer Fallstrick, denn die
Charakterisierung der Personen bleibt im Großen und Ganzen
schablonenhaft. Auf der einen Seite haben wir die "Guten", die
allesamt ohne jegliche Ecken und Kanten durchweg sympathisch sind,
miteinander herumalbern, egal, in welcher Situation sie sich gerade
befinden (was in der Menge des Auftretens manchmal durchaus
Anlaß zu einem gewissen Genervtsein bietet...) und andauernd
irgendwelche frivolen Scherze einbringen (auch hier gilt: Manchmal
wäre weniger mehr gewesen...). Die "Bösen" hingegen sind
einfach nur böse - oder zumindest: Es scheint so, als ob sie
einfach nur böse sein sollten. Doch verhindert Jungs
Schreibstil, daß der Leser wirklich einen solchen Eindruck
bekommt. Stilistisch zu sympathisch beschreibt sie auch die
Antagonisten, was die Absicht, wirklich verdammenswerte
Bösewichte zu schildern, die der Leser auch als solche erkennt,
fast schon ins Gegenteil verkehrt. Selbst der größte
Schurke wird liebevoll geschildert.
Womit wir dann auch gleich eine elegante Überleitung zurück
zu den Protagonisten der Handlung hätten. Diese sind ebenfalls
liebevoll geschildert, in ihrem Wesen jedoch ohne jegliche Ecken und
Kanten, die sie lebensnah und anfaßbar gemacht hätten.
Statt dessen entsprechen sie allesamt einem einzigen Klischee, dem
des jungen, großherzigen, treuen, aufopferungsvollen,
liebevollen, albern aufgelegten, erotisch interessierten und meist
gutaussehenden Typus, mit dem man die sprichwörtlichen Pferde
stehlen kann. Hier begibt sich jeder in jedwede Gefahr, wenn einem
seiner Freunde auch nur das geringste Übel drohen könnte.
Zwar macht man sich ab und zu mal kurz Gedanken darüber, weshalb
man diesen Unsinn jetzt eigentlich unternimmt, verwirft solches aber
sofort wieder, denn schließlich liebt man seine Freunde ja so
sehr (offensichtlich wohl auch mehr als das eigene Leben...). Das ist
teilweise so süß, daß man glatt Zahnschmerzen
bekommen könnte. Erstaunlicherweise jedoch kann auch dies das
Interesse des Lesers am Buch nicht erlahmen lassen (und wenn mich
jetzt einer fragt, wieso dies so ist, kann ich auch nur mit den
Achseln zucken - Jung hat anscheinend eine "Magie des Schreibens"
gefunden, spricht beim Leser einen Nerv an, den dieser selber nicht
erklären kann).
"Erschwerend" zum haßgeliebten Stil kommt hinzu, daß
Barbara Jung ihren übergeordneten Handlungsfaden offensichtlich
sehr gut durchdacht hat. Hier werden Kleinigkeiten des Anfangs zum
Ende hin zu tragenden Elementen; nichts geschieht ohne Sinn und
Zweck. Das ist doch schon recht erstaunlich und der Autorin
hervorragend gelungen. Schade ist dabei jedoch, daß der Autorin
des öfteren beim Schreiben dann doch noch ein paar unlogische
Handlungsführungen durchgerutscht sind, die mit dem
"großen Rahmen" insgesamt nicht viel zu tun haben, dem Leser
jedoch auffallen. Hier scheint es so, als ob sie, in Schreibwut
geraten, die "kleine" Handlung teilweise mit Elementen
aufgefüllt hätte, die sich zwar schön lesen, jedoch
innerhalb weniger Seiten Handlungswidersprüche in sich bergen.
So schreibt sie noch auf Seite 102 (Seitenangaben sind auf die
eBook-Version mit Standard-Schriftarten bezogen), daß Dora
Hylands Mann - Karl Heesters - Gideon Hyland offensichtlich bereits
von früher kannte (" Damals, vor ihrem Aufbruch zum Mars, hatten
Karl und sie eine knappe Woche zum Abschied bei Gideon in Frankfurt
verbracht, und zu Doras größter Verwunderung hatte sich
herausgestellt, daß die beiden Männer sich bereits von
früher kannten."), während sie auf S. 828 beschreibt, wie
die beiden sich beim Besuch bei ihrem Bruder kennengelernt haben
("Vor ihrem Aufbruch zum Mars hatten sie einen Trip nach Deutschland
unternommen, wo Karl Gideon Hyland kennenlernte [...]").
Ähnliche Schnitzer unterlaufen Barbara Jung leider immer wieder
in diesem Roman, und auch wenn sie manchmal die vorkommende Unlogik
selber erkannt und daraufhin versucht hat, sie mittels
Erklärungen zu entkräften, so bleiben doch manche Fragen
offen. So z.B., weshalb niemand, noch nicht einmal der Stationsleiter
einer Marskuppel, stutzig wird, wenn ein Gefangener einen Funkspruch
von einem unbekannten Raumhafen auf der Erde erhält - und
weshalb ausgerechnet beide Köche dieser Station den
geächteten Gefangenen zusammen besuchen und ihm den Ausdruck des
Funkspruchs übergeben wollen. Hier und an anderen Stellen hapert
es dann doch ein wenig mit der inneren Logik im Kleinen. In dieser
Hinsicht besteht sicherlich noch Verbesserungsbedarf bei Barbara
Jung, die die "große" Handlung virtuos beherrscht. Es darf
vermutet werden, daß es sich bei den Kleinigkeiten eher um
Ausrutscher im Eifer des Gefechts handelt...
Interessant zu beobachten ist allerdings auch, daß sich alle
Charaktere des Romans sexuell recht offenherzig zeigen. Zwar sind sie
durch die Bank weg monogam, doch gehen sie in ihrem Verhalten recht
offen mit ihrer Sexualität um - so liest man auch schon mal von
einem offen durch das Haus jagenden nackten Pärchen, das sich um
seine Erscheinungsweise nicht im geringsten kümmert. Aber auch
Homosexualität ist für die Autorin kein Tabu, bringt sie
doch auch ein schwules Paar in die Handlung ein - und integriert
dieses in einer Normalität, die in der Literatur selten zu
finden ist. Hetero oder Homo - hier ist im Roman kein Unterschied zu
merken, alle Paare lieben sich halt abgrundtief und
ausschließlich. Wobei anzumerken bleibt, daß
natürlich alle wirklichen Protagonisten größtenteils
paarweise auftreten; Singles scheint es im Jungschen "Lost
Planets"-Universum praktisch nicht zu geben.
In dieser Hinsicht ist der Roman sicherlich eher eine Utopie als eine
Space Opera oder verwandte Spielarten der SF. Und unter dem
Gesichtspunkt einer Utopie werden dann auch die kleineren Fehler
verzeihbarer. Denn bei näherer Betrachtung erweist sich dieser
Roman als Appell an die Menschlichkeit des Einzelnen, die immer
wieder von der Versuchung des Geldes in Gefahr gebracht wird. Eine
schöne, wenn auch recht unwahrscheinliche, Utopie mit ihrem
Loblied auf Freundschaft und Liebe.
Fazit:
All die negativen Anmerkungen sind eigentlich gar nicht so
schwerwiegend. "Sakota's Paradise" (ich möchte nur kurz
anmerken, daß selbst im Englischen der Apostroph nicht
unbedingt einer korrekten Schreibweise entspricht...) erweist sich
als sehr gut lesbarer und interessanter Roman, der vor allem damit
Probleme hat, daß die Beschreibungen zu liebevoll ausufernd
sind. Ein bißchen weniger Selbstverliebtheit in den Text, und
Barbara Jung hat das Zeug zu einer wirklich großen Autorin.
Phantasievolle Utopien entwerfen, die den Leser interessieren, kann
sie jedenfalls hervorragend. Für Fans der Hard-SF ist dieser
Roman sicherlich weniger geeignet, doch wer eher dem Genre der Utopie
zugeneigt ist, wird an diesem Roman durchaus Gefallen finden
können - wenn er denn nicht von einem Hohlbein- oder Zimmer
Bradley-Stil direkt abgeschreckt wird. Barbara Jung schreibt
jedenfalls gefälligerals die beiden Genannten. "Sakota's
Paradise" entpuppt sich als eine hoffnungsvolle Utopie einer Welt, in
der menschliche Werte das Wichtigste sind.
10 Punkte.