Barbara Jung:

"Sakota's Paradise"

(Lost Planets - Band 1)
D 2000
(528 Seiten, Book on demand, Bejot-Verlag, ISBN 3-934582-07-9, DM 49,80 49,90)
- erschienen: 2000 -
eBook:
(789 kB, Bejot-Verlag, ISBN 3-89856-151-8, DM 12,90)
- erschienen: Dezember 2000 -

Zum Inhalt:
Ende des 21. Jahrhunderts rückt die Besiedelung des Mars immer näher. Jetzt sollen die ersten Pioniere auf dem Roten Planeten landen und die dort bereits seit Jahren unter Kuppeln lebenden Wissenschaftler bei der weiteren Terraformung des Mars unterstützen. Es wird inzwischen auch immer dringender, diese Besiedelung so schnell wie möglich durchzuführen, da die Erde inzwischen recht lebensfeindliche Züge angenommen hat. So ist es z.B. äußerst unratsam, sich ohne Schutz unter freiem Himmel zu bewegen. Wer es sich leisten kann, versucht, unter einer "Kuppel" Schutz zu suchen. Dies sind überkuppelte Gebiete, in denen man sich frei bewegen kann und in denen die Landwirtschaft betrieben wird, denn deren Erzeugnisse aus freier Natur sind nicht mehr genießbar.
Dennis Pernell ist nicht nur einer derjenigen, die sich für das Mars-Projekt beworben haben, sondern auch Besitzer einer Kuppel namens "Stammheim" in der Nähe von Frankfurt. Als er sich auf dem Rückweg dorthin befindet, bekommt er keinen Kontakt mit den Kuppelbewohnern. Voller düsterer Vorahnungen fährt er seinem Zuhause entgegen, wimmelt es in dieser Gegend doch auch von mutierten Tieren, die aus einem illegalen Genlabor entkommen sind und - äußerst angriffslustig - die Gegend unsicher machen.
Dennis' Instinkt hat ihn nicht getrogen, denn als er endlich die Kuppel erreicht, muß er feststellen, daß diese überfallen und seine Freundin Kim Yost entführt wurde. Hinter dieser Entführung steckt jedoch wesentlich mehr, als sich ihm im ersten Augenblick erschließt. Denn nicht nur, daß Dennis zusammen mit Kim zu den Mars-Pionieren gehören sollte, auch in München tritt wenig später ein Entführungsfall auf, der mit dem Mars-Projekt zusammenhängt: Erich Dittmann, der Leiter der Europäischen Raumfahrt-Behörde, ist ebenfalls spurlos verschwunden. Und in keinem von beiden Fällen werden Lösegeldforderungen gestellt...

Barbara Jung liefert hier vor allem erst einmal einen sehr umfangreichen Auftakt zu ihrem "Lost Planets"-Zyklus, der als "book on demand" auch ein reichliches Loch im Geldbeutel hinterläßt - naturgemäß bei dieser Form der Veröffentlichung, muß man wohl sagen. Dagegen verdient die Preisgestaltung des eBooks doch ausdrückliches Lob. Hier hat die Autorin offensichtlich konsequent durchgegriffen und verlangt nur den Gewinn, den sie auch an einem verkauften bod haben würde, vom Leser. Das ist vorbildlich und sollte auch einmal von den anderen Verlagen aufgegriffen werden, die ihre eBooks teilweise zum gleichen Preis anbieten, zu dem sie auch die Print-Version verkaufen...
Aber kommen wir doch endlich zum eigentlich Wichtigen an diesem Roman: dem Inhalt.
Hier gelingt es der Autorin mit ihrem unterhaltsamen Schreibstil, selbst den marsmüden Leser bei der Stange zu halten, der sich angesichts der Flut von Veröffentlichungen mit diesem Handlungsthema, die wir in den letzten zwei Jahren über uns ergehen lassen mußten, schon stöhnend ("Bitte nicht schon wieder...") abwenden wollte. Barbara Jung schreibt einen sehr lockeren und gefälligen Stil, der sich flüssig lesen läßt, jedoch in weiten Strecken auch sehr blumig daherkommt. Hierdurch kommt auch schon mal des öfteren der Eindruck des "Schwafelns" beim Leser auf - ein Eindruck, den man bereits von Hohlbein oder Zimmer Bradley her zur Genüge kennt.
Im Gegensatz zu den beiden Genannten gelingt es Barbara Jung jedoch, ihre Geschichte sympathisch und interessant dem Leser näherzubringen, so daß dieser sich eben nicht nach diversen Seiten fragt, was denn hier überhaupt passiert ist. Die Handlung ist einfach zu sympathisch, als daß sie wirklich langweilig werden könnte.
Doch hierin verbirgt sich ein weiterer Fallstrick, denn die Charakterisierung der Personen bleibt im Großen und Ganzen schablonenhaft. Auf der einen Seite haben wir die "Guten", die allesamt ohne jegliche Ecken und Kanten durchweg sympathisch sind, miteinander herumalbern, egal, in welcher Situation sie sich gerade befinden (was in der Menge des Auftretens manchmal durchaus Anlaß zu einem gewissen Genervtsein bietet...) und andauernd irgendwelche frivolen Scherze einbringen (auch hier gilt: Manchmal wäre weniger mehr gewesen...). Die "Bösen" hingegen sind einfach nur böse - oder zumindest: Es scheint so, als ob sie einfach nur böse sein sollten. Doch verhindert Jungs Schreibstil, daß der Leser wirklich einen solchen Eindruck bekommt. Stilistisch zu sympathisch beschreibt sie auch die Antagonisten, was die Absicht, wirklich verdammenswerte Bösewichte zu schildern, die der Leser auch als solche erkennt, fast schon ins Gegenteil verkehrt. Selbst der größte Schurke wird liebevoll geschildert.
Womit wir dann auch gleich eine elegante Überleitung zurück zu den Protagonisten der Handlung hätten. Diese sind ebenfalls liebevoll geschildert, in ihrem Wesen jedoch ohne jegliche Ecken und Kanten, die sie lebensnah und anfaßbar gemacht hätten. Statt dessen entsprechen sie allesamt einem einzigen Klischee, dem des jungen, großherzigen, treuen, aufopferungsvollen, liebevollen, albern aufgelegten, erotisch interessierten und meist gutaussehenden Typus, mit dem man die sprichwörtlichen Pferde stehlen kann. Hier begibt sich jeder in jedwede Gefahr, wenn einem seiner Freunde auch nur das geringste Übel drohen könnte. Zwar macht man sich ab und zu mal kurz Gedanken darüber, weshalb man diesen Unsinn jetzt eigentlich unternimmt, verwirft solches aber sofort wieder, denn schließlich liebt man seine Freunde ja so sehr (offensichtlich wohl auch mehr als das eigene Leben...). Das ist teilweise so süß, daß man glatt Zahnschmerzen bekommen könnte. Erstaunlicherweise jedoch kann auch dies das Interesse des Lesers am Buch nicht erlahmen lassen (und wenn mich jetzt einer fragt, wieso dies so ist, kann ich auch nur mit den Achseln zucken - Jung hat anscheinend eine "Magie des Schreibens" gefunden, spricht beim Leser einen Nerv an, den dieser selber nicht erklären kann).
"Erschwerend" zum haßgeliebten Stil kommt hinzu, daß Barbara Jung ihren übergeordneten Handlungsfaden offensichtlich sehr gut durchdacht hat. Hier werden Kleinigkeiten des Anfangs zum Ende hin zu tragenden Elementen; nichts geschieht ohne Sinn und Zweck. Das ist doch schon recht erstaunlich und der Autorin hervorragend gelungen. Schade ist dabei jedoch, daß der Autorin des öfteren beim Schreiben dann doch noch ein paar unlogische Handlungsführungen durchgerutscht sind, die mit dem "großen Rahmen" insgesamt nicht viel zu tun haben, dem Leser jedoch auffallen. Hier scheint es so, als ob sie, in Schreibwut geraten, die "kleine" Handlung teilweise mit Elementen aufgefüllt hätte, die sich zwar schön lesen, jedoch innerhalb weniger Seiten Handlungswidersprüche in sich bergen. So schreibt sie noch auf Seite 102 (Seitenangaben sind auf die eBook-Version mit Standard-Schriftarten bezogen), daß Dora Hylands Mann - Karl Heesters - Gideon Hyland offensichtlich bereits von früher kannte (" Damals, vor ihrem Aufbruch zum Mars, hatten Karl und sie eine knappe Woche zum Abschied bei Gideon in Frankfurt verbracht, und zu Doras größter Verwunderung hatte sich herausgestellt, daß die beiden Männer sich bereits von früher kannten."), während sie auf S. 828 beschreibt, wie die beiden sich beim Besuch bei ihrem Bruder kennengelernt haben ("Vor ihrem Aufbruch zum Mars hatten sie einen Trip nach Deutschland unternommen, wo Karl Gideon Hyland kennenlernte [...]").
Ähnliche Schnitzer unterlaufen Barbara Jung leider immer wieder in diesem Roman, und auch wenn sie manchmal die vorkommende Unlogik selber erkannt und daraufhin versucht hat, sie mittels Erklärungen zu entkräften, so bleiben doch manche Fragen offen. So z.B., weshalb niemand, noch nicht einmal der Stationsleiter einer Marskuppel, stutzig wird, wenn ein Gefangener einen Funkspruch von einem unbekannten Raumhafen auf der Erde erhält - und weshalb ausgerechnet beide Köche dieser Station den geächteten Gefangenen zusammen besuchen und ihm den Ausdruck des Funkspruchs übergeben wollen. Hier und an anderen Stellen hapert es dann doch ein wenig mit der inneren Logik im Kleinen. In dieser Hinsicht besteht sicherlich noch Verbesserungsbedarf bei Barbara Jung, die die "große" Handlung virtuos beherrscht. Es darf vermutet werden, daß es sich bei den Kleinigkeiten eher um Ausrutscher im Eifer des Gefechts handelt...
Interessant zu beobachten ist allerdings auch, daß sich alle Charaktere des Romans sexuell recht offenherzig zeigen. Zwar sind sie durch die Bank weg monogam, doch gehen sie in ihrem Verhalten recht offen mit ihrer Sexualität um - so liest man auch schon mal von einem offen durch das Haus jagenden nackten Pärchen, das sich um seine Erscheinungsweise nicht im geringsten kümmert. Aber auch Homosexualität ist für die Autorin kein Tabu, bringt sie doch auch ein schwules Paar in die Handlung ein - und integriert dieses in einer Normalität, die in der Literatur selten zu finden ist. Hetero oder Homo - hier ist im Roman kein Unterschied zu merken, alle Paare lieben sich halt abgrundtief und ausschließlich. Wobei anzumerken bleibt, daß natürlich alle wirklichen Protagonisten größtenteils paarweise auftreten; Singles scheint es im Jungschen "Lost Planets"-Universum praktisch nicht zu geben.
In dieser Hinsicht ist der Roman sicherlich eher eine Utopie als eine Space Opera oder verwandte Spielarten der SF. Und unter dem Gesichtspunkt einer Utopie werden dann auch die kleineren Fehler verzeihbarer. Denn bei näherer Betrachtung erweist sich dieser Roman als Appell an die Menschlichkeit des Einzelnen, die immer wieder von der Versuchung des Geldes in Gefahr gebracht wird. Eine schöne, wenn auch recht unwahrscheinliche, Utopie mit ihrem Loblied auf Freundschaft und Liebe.

Fazit:
All die negativen Anmerkungen sind eigentlich gar nicht so schwerwiegend. "Sakota's Paradise" (ich möchte nur kurz anmerken, daß selbst im Englischen der Apostroph nicht unbedingt einer korrekten Schreibweise entspricht...) erweist sich als sehr gut lesbarer und interessanter Roman, der vor allem damit Probleme hat, daß die Beschreibungen zu liebevoll ausufernd sind. Ein bißchen weniger Selbstverliebtheit in den Text, und Barbara Jung hat das Zeug zu einer wirklich großen Autorin. Phantasievolle Utopien entwerfen, die den Leser interessieren, kann sie jedenfalls hervorragend. Für Fans der Hard-SF ist dieser Roman sicherlich weniger geeignet, doch wer eher dem Genre der Utopie zugeneigt ist, wird an diesem Roman durchaus Gefallen finden können - wenn er denn nicht von einem Hohlbein- oder Zimmer Bradley-Stil direkt abgeschreckt wird. Barbara Jung schreibt jedenfalls gefälligerals die beiden Genannten. "Sakota's Paradise" entpuppt sich als eine hoffnungsvolle Utopie einer Welt, in der menschliche Werte das Wichtigste sind.
10 Punkte.

Winfried Brand


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