Barbara Jung:

"Rrixsieh = Hoffnung"

(Lost Planets - Band 2)
D 2000
(596 Seiten, Book on demand, Bejot-Verlag, ISBN 3-934582-08-7, DM 54,-)
- erschienen: 2000 -
eBook:
(925 kB, Bejot-Verlag, ISBN 3-898152-6, DM 12,90)
- erschienen: Dezember 2000 -

Zum Inhalt:
Rund ein halbes Jahr ist seit den Geschehnissen vergangen, die in "Sakota's Paradise" geschildert wurden, und die Marssiedler haben sich so langsam eingewöhnt. Die Kuppelbewohner wählen an diesem Tag ihren Bürgermeister. Als Henry und Dennis kurz vor der Wahlversammlung zum Haus von Talia und Melvin reiten, begegnet ihnen im Regen eine seltsame Frau, die Dennis wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Als sie nach der Veranstaltung zusammen mit ihren Frauen Winnie und Kim wieder an der Stelle vorbeireiten, erscheint die Fremde wieder - wie aus dem Nichts. Als diese sie um Hilfe bittet, laden sie sie erst einmal zu sich auf die Ranch ein, doch da die Pferde offensichtlich vor ihr scheuen, lehnt die Fremde dankend ab und besteigt das Innere einer schwebenden Kugel, mit der sie den Freunden folgt. Im Haus angekommen, eröffnet die Fremde den Freunden wahrhaft Unglaubliches...
Währenddessen erleiden Maxim, Marco und Iwana auf ihrer Rückfahrt von Frankfurt zur Stammheimer Kuppel einen Unfall und werden wenig später von mutierten Bären angegriffen, wobei nur die Karosserie des Autos sie vor den wütenden Attacken schützt. Hilfe bekommen sie schließlich von einem älteren Mann, der aussieht wie Albert Einstein. Doch nicht genug damit - es tauchen noch weitere Gestalten aus, die dem ersten Einstein wie ein Ei dem anderen gleichen. Diese Gestalten entwickeln geradezu sagenhafte Körperkräfte, und es gelingt ihnen, die Bären fast ohne ein eigenes Opfer zu besiegen. Nur einer von ihnen wird bei dem Kampf ernsthaft verletzt, und da Maxim schließlich Arzt ist, läßt er sich nicht davon abbringen, dem Verletzten zu helfen. Zuerst will man ihn jedoch nicht zu dem Verletzten lassen, und nach einem gewissen Hin und Her eröffnet man den dreien, daß die "Albert Einsteins" Außerirdische vom Volk der Szinjoh wären, die die Gestalt eines Menschen angenommen hätten. Kurz danach stellt man fest, daß ihre wahre Gestalt die von 2 Meter großen Ameisen ist. Und diese Ameisen benötigen Hilfe auf ihrem Heimatplaneten...
Doch die Bruchlandung ihres Raumschiffes im Meer ist beobachtet worden, und so macht sich ein gewissenloser Geschäftsmann und Teufelsanbeter daran, das Geheimnis des riesigen Gebildes zu lüften, das er da in den Tiefen des Meeres hat verschwinden sehen. Schon bald kommt ein eingeschleuster Verräter hinter die Wahrheit, und eine Hetzkampagne gegen die Außerirdischen und ihre Helfer wird in Gang gebracht...

Mit "Rrixsieh" legt Barbara Jung nach "Sakota's Paradise" noch einen drauf - vor allem, was den Umfang betrifft. Dies schlägt sich natürlich auch wieder auf die Preisgestaltung des bod nieder, die so langsam beginnt, jeglichen Geldbeutel zu sprengen (bedingt durch die Art der Produktion); als eBook bleibt der Roman jedoch weiterhin erfreulich günstig. Wenn dies so weitergeht, sollten Fans der Autorin die Anschaffung eines eBooks durchaus überlegen, denn die (recht hohen) Kosten amortisieren sich hier doch recht schnell. Allein die bisher als eBook erschienenen zwei Bände der "Lost Planets"-Saga kosten zusammen als eBook rund 75 DM weniger als die Print-Fassung...
Kommen wir aber endlich zum Roman selber.
Stilistisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger "Sakota's Paradise" nichts geändert - die Anmerkungen in der Rezension hierzu können also praktisch 1:1 übernommen werden - und um den Umfang dieser Rezension nicht auch noch zu sprengen, möchte ich es an dieser Stelle auf dem Link zur anderen Rezension belassen.
Barbara Jung führt in diesem zweiten Band des Zyklus nun die Außerirdischen ein, was einerseits interessant ist, andererseits jedoch die bereits an anderer Stelle angesprochenen Charakterisierungsschwächen der Autorin noch stärker ins Rampenlicht stellt. Denn diese Außerirdischen benehmen sich haargenau wie die albernen, liebenswerten, liebenden, halbverrückten "Stammheimer". Es gibt praktisch keinerlei Unterschiede - sieht man vom Körperbau einmal ab. Auch die ETs sind liebenswert, albern herum, scherzen zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten und sind ansonsten vom Typus "mit-mir-kann-man-Pferde-stehlen" - halt der typische Protagonist, wie er schon im ersten Band so gehäuft aufgetreten ist.
Auch die Schwächen in der Charakterisierung der Antagonisten sind hier wieder deutlich spürbar. Selbst der böseste, charakterlich verdorbenste Gegenspieler wird sympathisch und schwungvoll nett geschildert.
Dies zieht sich durch bis hin zu den Szenen, in denen der Leser geschockt oder traurig reagieren soll - doch ist die Autorin nicht in der Lage, irgendwelche Gefühle (außer Sympathie...) beim Leser zu wecken. Gut, hier und da einmal ein wenig Mitleid, aber das ist auch schon das stärkste Gefühl, das angesichts der durchgehend schwungvoll-sympathischen Schreibweise entstehen kann.
Bezüglich der Handlungsführung im Groben kann man der Autorin jedoch auch hier wieder ein großes Lob erteilen. Alles wirkt, wie gehabt, wohl durchdacht - solange man die grobe Handlung im Visier hat. Doch in den Kleinigkeiten gehen immer noch recht häufig die Pferde mit ihr durch, wenn eine Formulierung oder eine Begebenheit einfach zu schön ist, um nur aus logischen Gründen nicht in die Handlung aufgenommen zu werden.
Da ist es zu Anfang des Romans (nach dem Autounfall) z.B. nicht möglich, mit den Chronometern Verbindung zur Kuppel aufzunehmen, da deren Reichweite nicht groß genug ist. Der Leser, der den ersten Roman kennt, fragt sich dann allerdings, weshalb es zu dessen Anfang offensichtlich doch möglich gewesen wäre (hätte jemand in der Kuppel reagiert), denn der heimkehrende Dennis hat es mehrfach versucht und sich gewundert, weshalb er keine Verbindung bekam. Da beißt sich dann doch etwas ziemlich in den Schwanz...
Weshalb man für einen Weg von 50 Metern bis zur Kuppel dann unbedingt mit zwei PickUps vom Raumschiff abgeholt werden will, ist mir auch noch nicht so ganz klar - offensichtlich sind die Leute nicht besonders gut zu Fuß, was sich jedoch mit den allseits beliebten, makellosen Körpern beißt, die natürlich so ziemlich jeder der Protagonisten sein Eigen nennt (hier drängt sich der Verdacht der Wunschphantasien der Autorin auf...)...
Oder die unerklärlich guten Fischfanggründe, in denen das Raumschiff notgelandet ist und dabei das Meer zum Kochen gebracht hat. Schade - eigentlich müßten die zahlreichen Fischschwärme ja jetzt mit dem Bauch nach oben treiben. Komisch nur, daß die Fischer die Katastrophe offensichtlich noch nicht mitbekommen haben...
In die Sparte Allgemeinbildung fällt auch, daß Fischer nach einem guten Fang definitiv nicht froh und dankbar singen - der Gesang dient hier vielmehr dazu, einen gemeinsamen Takt bei schweren Arbeiten einzuhalten, der diese erleichtert und koordiniert...
Ein grober Handlungsfehler unterläuft der Autorin dann, wenn Angus mit dem Hinweis "Und dann verfolge unseren Weg mit dem U-Boot auf dem Ortungsgerät!" eine Meile vom Geschehnis weggeschickt wird. Kurz vorher war mit dem Ortungsgerät nur gerade mal der direkt unter dem Schiff liegende Bereich zu erkennen - und jetzt geht es dann plötzlich problemlos auf eine Meile Entfernung...
Witzig ist es auch, wenn Sakota Wang sich vom Mars zur Erde über Funk mit ihrem Onkel unterhält und diesem einen "ausführlichen Bericht über die außerirdischen Besucher und ihre Probleme" liefert. Immerhin will man die Existenz dieser Besucher allgemein geheimhalten. Da nun jedoch nicht anzunehmen ist, daß jeder der Marsbewohner ein Hochleistungsfunkgerät besitzt, mit dem man beliebige Gesprächspartner auf der Erde anfunken kann, gehen solche "Unterhaltungen" (an die Zeitverzögerung hat die Autorin hier wohl auch nicht gedacht, die einen "ausführlichen Bericht" zu einem stundenlangen Gespräch ausdehnen dürfte) wohl nur von Basisstation zu Basisstation, und dementsprechend kann jedermann mithören. Eine Verschlüsselung ist ebenfalls nicht anzunehmen, da diese auf jeden Fall Mißtrauen hätte hervorrufen müssen. Soviel also zur Wahrscheinlichkeit der Geheimhaltung der Existenz Außerirdischer...
Und dann war da noch das Hausboot namens "Don't Get Up Hope", dessen Name so etwas ähnliches wie "Gib die Hoffnung nicht auf" bedeuten soll, wenn ich das aus dem Text heraus richtig interpretiere. Schade nur, daß die Autorin "Get" anstatt von "Give" geschrieben und damit den (im Englischen ziemlich unsinnigen) Ausdruck praktisch ins Gegenteil verkehrt hat. "Don't Get Up Hope" kann man wohl mit viel Phantasie und sehr frei am ehesten mit "Nimm die Hoffnung nicht auf" oder gefälliger ans Deutsche angepaßt mit "Laß alle Hoffnung fahren" übersetzen. (* Hätt'st auch schreiben können: "Nieder mit der Hoffnung" oder "Schlaf' weiter" bzw. "Bleib' liegen, Hoffnung"... (eigentlich: "Steh' nicht auf, Hoffnung"...) Seufz... Heike) Dieser Fehler zieht sich durch den ganzen Roman...
Man merkt an diesen Beispielen (allesamt nur die gröbsten Klöpse aus etwa dem ersten Drittel des Romans - auf die weiteren verzichte ich angesichts der Länge, die diese Rezension bereits jetzt erreicht hat, wohl lieber mit dem Hinweis, daß es bei fortschreitender Handlung auch nicht fehlerfreier wird - siehe den erfolgreichen Hackerangriff auf den außerirdischen Hauptcomputer, der allzu deutlich an den gleichen Unsinn aus "Independence Day" erinnert ["Ha, die Außerirdischen verwenden MacInstoshs!" ;-)))]...) deutlich, daß der Autorin die Handlung in den Kleinigkeiten eigentlich relativ unwichtig ist. Wichtig ist ihr hingegen die Schilderung der gesellschaftlichen Werte. Zwar unterscheiden sich Menschen und Szinjoh in ihrem Gebaren durch praktisch nichts voneinander, jedoch rückt die Reaktion der restlichen Menschheit auf die Außerirdischen hier in den Vordergrund. Diese Reaktionen und der Umgang mit ihnen sind das Hauptthema des Romans und verleiten den Leser immer wieder zum Weiterlesen. Denn die Frage, wie sich das Ganze nun auflöst, ist mehr als nur interessant, wenn man auch vieles im Voraus ahnen kann.
Zum Abschluß noch eine schöne Stilblüte: "Da war eine kleine Tastatur ohne Tasten, nur einige fugenlose Einbuchtungen mit fremdartigen Symbolen darauf, in welche gerade die Kuppe von Maxims kleinem Finger hineinpaßte [...]" Hm... Tastatur ohne Tasten... Hmmmm.... Grins!!!

Fazit:
Trotz aller Kritikpunkte bleibt auch bei dem zweiten Band der "Lost Planets"-Saga das Endergebnis, daß es sich um eine schöne, gut zu lesenden und sympathische Utopie handelt. Die Handlungsfehler wären zwar vermeidbar gewesen, stören die Grundaussage des Romans, die Suche nach der Menschlichkeit, jedoch nicht weiter, sorgen aber auch für eine leichte Abwertung. Einzig und allein die schablonenhaften Beschreibungen der Prota- und Antagonisten stört das ansonsten eher positive Bild ein wenig.
8 Punkte.

Winfried Brand


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