Zum
Inhalt:
Rund ein halbes Jahr ist seit den Geschehnissen vergangen, die in
"Sakota's Paradise" geschildert wurden, und die Marssiedler haben
sich so langsam eingewöhnt. Die Kuppelbewohner wählen an
diesem Tag ihren Bürgermeister. Als Henry und Dennis kurz vor
der Wahlversammlung zum Haus von Talia und Melvin reiten, begegnet
ihnen im Regen eine seltsame Frau, die Dennis wie aus dem Gesicht
geschnitten ist. Als sie nach der Veranstaltung zusammen mit ihren
Frauen Winnie und Kim wieder an der Stelle vorbeireiten, erscheint
die Fremde wieder - wie aus dem Nichts. Als diese sie um Hilfe
bittet, laden sie sie erst einmal zu sich auf die Ranch ein, doch da
die Pferde offensichtlich vor ihr scheuen, lehnt die Fremde dankend
ab und besteigt das Innere einer schwebenden Kugel, mit der sie den
Freunden folgt. Im Haus angekommen, eröffnet die Fremde den
Freunden wahrhaft Unglaubliches...
Währenddessen erleiden Maxim, Marco und Iwana auf ihrer
Rückfahrt von Frankfurt zur Stammheimer Kuppel einen Unfall und
werden wenig später von mutierten Bären angegriffen, wobei
nur die Karosserie des Autos sie vor den wütenden Attacken
schützt. Hilfe bekommen sie schließlich von einem
älteren Mann, der aussieht wie Albert Einstein. Doch nicht genug
damit - es tauchen noch weitere Gestalten aus, die dem ersten
Einstein wie ein Ei dem anderen gleichen. Diese Gestalten entwickeln
geradezu sagenhafte Körperkräfte, und es gelingt ihnen, die
Bären fast ohne ein eigenes Opfer zu besiegen. Nur einer von
ihnen wird bei dem Kampf ernsthaft verletzt, und da Maxim
schließlich Arzt ist, läßt er sich nicht davon
abbringen, dem Verletzten zu helfen. Zuerst will man ihn jedoch nicht
zu dem Verletzten lassen, und nach einem gewissen Hin und Her
eröffnet man den dreien, daß die "Albert Einsteins"
Außerirdische vom Volk der Szinjoh wären, die die Gestalt
eines Menschen angenommen hätten. Kurz danach stellt man fest,
daß ihre wahre Gestalt die von 2 Meter großen Ameisen
ist. Und diese Ameisen benötigen Hilfe auf ihrem
Heimatplaneten...
Doch die Bruchlandung ihres Raumschiffes im Meer ist beobachtet
worden, und so macht sich ein gewissenloser Geschäftsmann und
Teufelsanbeter daran, das Geheimnis des riesigen Gebildes zu
lüften, das er da in den Tiefen des Meeres hat verschwinden
sehen. Schon bald kommt ein eingeschleuster Verräter hinter die
Wahrheit, und eine Hetzkampagne gegen die Außerirdischen und
ihre Helfer wird in Gang gebracht...
Mit "Rrixsieh" legt Barbara Jung nach "Sakota's Paradise" noch einen
drauf - vor allem, was den Umfang betrifft. Dies schlägt sich
natürlich auch wieder auf die Preisgestaltung des bod nieder,
die so langsam beginnt, jeglichen Geldbeutel zu sprengen (bedingt
durch die Art der Produktion); als eBook bleibt der Roman jedoch
weiterhin erfreulich günstig. Wenn dies so weitergeht, sollten
Fans der Autorin die Anschaffung eines eBooks durchaus
überlegen, denn die (recht hohen) Kosten amortisieren sich hier
doch recht schnell. Allein die bisher als eBook erschienenen zwei
Bände der "Lost Planets"-Saga kosten zusammen als eBook rund 75
DM weniger als die Print-Fassung...
Kommen wir aber endlich zum Roman selber.
Stilistisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger "Sakota's
Paradise" nichts geändert - die Anmerkungen in der Rezension
hierzu können also praktisch 1:1 übernommen werden - und um
den Umfang dieser Rezension nicht auch noch zu sprengen, möchte
ich es an dieser Stelle auf dem Link zur anderen Rezension
belassen.
Barbara Jung führt in diesem zweiten Band des Zyklus nun die
Außerirdischen ein, was einerseits interessant ist,
andererseits jedoch die bereits an anderer Stelle angesprochenen
Charakterisierungsschwächen der Autorin noch stärker ins
Rampenlicht stellt. Denn diese Außerirdischen benehmen sich
haargenau wie die albernen, liebenswerten, liebenden,
halbverrückten "Stammheimer". Es gibt praktisch keinerlei
Unterschiede - sieht man vom Körperbau einmal ab. Auch die ETs
sind liebenswert, albern herum, scherzen zu allen möglichen und
unmöglichen Gelegenheiten und sind ansonsten vom Typus
"mit-mir-kann-man-Pferde-stehlen" - halt der typische Protagonist,
wie er schon im ersten Band so gehäuft aufgetreten ist.
Auch die Schwächen in der Charakterisierung der Antagonisten
sind hier wieder deutlich spürbar. Selbst der böseste,
charakterlich verdorbenste Gegenspieler wird sympathisch und
schwungvoll nett geschildert.
Dies zieht sich durch bis hin zu den Szenen, in denen der Leser
geschockt oder traurig reagieren soll - doch ist die Autorin nicht in
der Lage, irgendwelche Gefühle (außer Sympathie...) beim
Leser zu wecken. Gut, hier und da einmal ein wenig Mitleid, aber das
ist auch schon das stärkste Gefühl, das angesichts der
durchgehend schwungvoll-sympathischen Schreibweise entstehen
kann.
Bezüglich der Handlungsführung im Groben kann man der
Autorin jedoch auch hier wieder ein großes Lob erteilen. Alles
wirkt, wie gehabt, wohl durchdacht - solange man die grobe Handlung
im Visier hat. Doch in den Kleinigkeiten gehen immer noch recht
häufig die Pferde mit ihr durch, wenn eine Formulierung oder
eine Begebenheit einfach zu schön ist, um nur aus logischen
Gründen nicht in die Handlung aufgenommen zu werden.
Da ist es zu Anfang des Romans (nach dem Autounfall) z.B. nicht
möglich, mit den Chronometern Verbindung zur Kuppel aufzunehmen,
da deren Reichweite nicht groß genug ist. Der Leser, der den
ersten Roman kennt, fragt sich dann allerdings, weshalb es zu dessen
Anfang offensichtlich doch möglich gewesen wäre (hätte
jemand in der Kuppel reagiert), denn der heimkehrende Dennis hat es
mehrfach versucht und sich gewundert, weshalb er keine Verbindung
bekam. Da beißt sich dann doch etwas ziemlich in den
Schwanz...
Weshalb man für einen Weg von 50 Metern bis zur Kuppel dann
unbedingt mit zwei PickUps vom Raumschiff abgeholt werden will, ist
mir auch noch nicht so ganz klar - offensichtlich sind die Leute
nicht besonders gut zu Fuß, was sich jedoch mit den allseits
beliebten, makellosen Körpern beißt, die natürlich so
ziemlich jeder der Protagonisten sein Eigen nennt (hier drängt
sich der Verdacht der Wunschphantasien der Autorin auf...)...
Oder die unerklärlich guten Fischfanggründe, in denen das
Raumschiff notgelandet ist und dabei das Meer zum Kochen gebracht
hat. Schade - eigentlich müßten die zahlreichen
Fischschwärme ja jetzt mit dem Bauch nach oben treiben. Komisch
nur, daß die Fischer die Katastrophe offensichtlich noch nicht
mitbekommen haben...
In die Sparte Allgemeinbildung fällt auch, daß Fischer
nach einem guten Fang definitiv nicht froh und dankbar singen - der
Gesang dient hier vielmehr dazu, einen gemeinsamen Takt bei schweren
Arbeiten einzuhalten, der diese erleichtert und koordiniert...
Ein grober Handlungsfehler unterläuft der Autorin dann, wenn
Angus mit dem Hinweis "Und dann verfolge unseren Weg mit dem U-Boot
auf dem Ortungsgerät!" eine Meile vom Geschehnis weggeschickt
wird. Kurz vorher war mit dem Ortungsgerät nur gerade mal der
direkt unter dem Schiff liegende Bereich zu erkennen - und jetzt geht
es dann plötzlich problemlos auf eine Meile Entfernung...
Witzig ist es auch, wenn Sakota Wang sich vom Mars zur Erde über
Funk mit ihrem Onkel unterhält und diesem einen
"ausführlichen Bericht über die außerirdischen
Besucher und ihre Probleme" liefert. Immerhin will man die Existenz
dieser Besucher allgemein geheimhalten. Da nun jedoch nicht
anzunehmen ist, daß jeder der Marsbewohner ein
Hochleistungsfunkgerät besitzt, mit dem man beliebige
Gesprächspartner auf der Erde anfunken kann, gehen solche
"Unterhaltungen" (an die Zeitverzögerung hat die Autorin hier
wohl auch nicht gedacht, die einen "ausführlichen Bericht" zu
einem stundenlangen Gespräch ausdehnen dürfte) wohl nur von
Basisstation zu Basisstation, und dementsprechend kann jedermann
mithören. Eine Verschlüsselung ist ebenfalls nicht
anzunehmen, da diese auf jeden Fall Mißtrauen hätte
hervorrufen müssen. Soviel also zur Wahrscheinlichkeit der
Geheimhaltung der Existenz Außerirdischer...
Und dann war da noch das Hausboot namens "Don't Get Up Hope", dessen
Name so etwas ähnliches wie "Gib die Hoffnung nicht auf"
bedeuten soll, wenn ich das aus dem Text heraus richtig
interpretiere. Schade nur, daß die Autorin "Get" anstatt von
"Give" geschrieben und damit den (im Englischen ziemlich unsinnigen)
Ausdruck praktisch ins Gegenteil verkehrt hat. "Don't Get Up Hope"
kann man wohl mit viel Phantasie und sehr frei am ehesten mit "Nimm
die Hoffnung nicht auf" oder gefälliger ans Deutsche
angepaßt mit "Laß alle Hoffnung fahren" übersetzen.
(* Hätt'st auch schreiben können: "Nieder mit der
Hoffnung" oder "Schlaf' weiter" bzw. "Bleib' liegen, Hoffnung"...
(eigentlich: "Steh' nicht auf, Hoffnung"...) Seufz... Heike)
Dieser Fehler zieht sich durch den ganzen Roman...
Man merkt an diesen Beispielen (allesamt nur die gröbsten
Klöpse aus etwa dem ersten Drittel des Romans - auf die weiteren
verzichte ich angesichts der Länge, die diese Rezension bereits
jetzt erreicht hat, wohl lieber mit dem Hinweis, daß es bei
fortschreitender Handlung auch nicht fehlerfreier wird - siehe den
erfolgreichen Hackerangriff auf den außerirdischen
Hauptcomputer, der allzu deutlich an den gleichen Unsinn aus
"Independence Day" erinnert ["Ha, die Außerirdischen
verwenden MacInstoshs!" ;-)))]...) deutlich, daß der
Autorin die Handlung in den Kleinigkeiten eigentlich relativ
unwichtig ist. Wichtig ist ihr hingegen die Schilderung der
gesellschaftlichen Werte. Zwar unterscheiden sich Menschen und
Szinjoh in ihrem Gebaren durch praktisch nichts voneinander, jedoch
rückt die Reaktion der restlichen Menschheit auf die
Außerirdischen hier in den Vordergrund. Diese Reaktionen und
der Umgang mit ihnen sind das Hauptthema des Romans und verleiten den
Leser immer wieder zum Weiterlesen. Denn die Frage, wie sich das
Ganze nun auflöst, ist mehr als nur interessant, wenn man auch
vieles im Voraus ahnen kann.
Zum Abschluß noch eine schöne Stilblüte: "Da war eine
kleine Tastatur ohne Tasten, nur einige fugenlose Einbuchtungen mit
fremdartigen Symbolen darauf, in welche gerade die Kuppe von Maxims
kleinem Finger hineinpaßte [...]" Hm... Tastatur ohne
Tasten... Hmmmm.... Grins!!!
Fazit:
Trotz aller Kritikpunkte bleibt auch bei dem zweiten Band der "Lost
Planets"-Saga das Endergebnis, daß es sich um eine schöne,
gut zu lesenden und sympathische Utopie handelt. Die Handlungsfehler
wären zwar vermeidbar gewesen, stören die Grundaussage des
Romans, die Suche nach der Menschlichkeit, jedoch nicht weiter,
sorgen aber auch für eine leichte Abwertung. Einzig und allein
die schablonenhaften Beschreibungen der Prota- und Antagonisten
stört das ansonsten eher positive Bild ein wenig.
8 Punkte.