Zum
Inhalt:
Ricardo und Jalena Flores haben eine Farm in der Nähe von
Righteous' Place, Nevada, geerbt - und zwar von ihrem Stiefvater, der
angesichts der Enthüllung, daß er zwei Stiefkinder hat,
die auch noch farbig sind, nicht gerade erbaut ist, handelt es sich
bei ihm doch um einen Rassisten allererster Güte. Doch bevor er
sein Testament ändern kann, verunglückt er tödlich.
Die beiden Geschwister mit ihren jeweiligen Partnern müssen
jedoch feststellen, daß irgendjemand etwas an ihrer Erbschaft
auszusetzen hat, denn das Hochhaus, in dem Ricardo und Leslie (der
Freund seiner Schwester) eine Produktionsfirma für Horrorfilme
betreiben, wird in de Luft gejagt - und dies ist nicht der einzige
Zwischenfall, der sich ereignet.
Nach einem Zwischenfall mit dem von Jay (Ricardos Freundin)
selbstgebastelten, "Golem" genannten Roboter kommt Jay bei einem
Ausritt beinahe ums Leben. Und während in den Köpfen der
Freunde Chopins "Trauermarsch" ein Eigenleben zu führen scheint,
beginnen sich die Ereignisse an diesem Wochenende langsam zu
überschlagen...
Ein weiterer Horror-Roman aus der Feder von Barbara Jung. Diesmal
nimmt sie das Thema "Rassenhaß" aufs Korn - sicherlich nicht
unangebracht zur heutigen Zeit. Und die Autorin entwickelt hieraus
auch eine recht spannende Geschichte - oder zumindest eine sehr
interessante. Denn ihr kompromißlos liebenswerter Stil und die
bedingungslose Gutartigkeit der Helden versüßen die
durchaus gute Handlung dann doch ein wenig zu sehr, als daß
wirkliche Gruselstimmung aufkommen könnte.
Immerhin: Barbara Jung schafft es in "Trauermarsch" zumindest schon
einmal, Ansätze dieser Gruselstimmung zu erzeugen - und auch die
Handlung wirkt (nach einem groben anfänglichen Patzer) doch
recht durchdacht.
Dieser anfängliche Patzer bezieht sich auf den Kauf bzw. den
Einsatz einer unbekannten Software. Zwar ist noch irgendwo halbwegs
verständlich, weshalb Ricardo sich eine nicht näher
bezeichnete Software ("Hier habe ich etwas Neues, das bestimmt das
Interesse ihrer verehrten Frau Gemahlin finden wird! Eine Software,
welche die Welt revolutionieren wird! Machen Sie ihr ein Geschenk,
sie wird begeistert sein! Es ist das Neueste auf dem Markt, vor
kurzem erst entwickelt!") ohne jegliche Beschreibung, wozu sie denn
nun dienen soll, aufschwatzen läßt (angesichts seines
Zustands geht das so gerade noch durch), doch weshalb Jay diese
Software ohne jegliche Kenntnisse, worum es sich denn hier nun
handelt (selbst der Karton ist nur mit dem Herstellerzeichen
verziert), einfach so in ihren Roboter einspeist, ist dann nur noch
mit Kopfschütteln zu kommentieren...
Der Rest ist dann eher harmlos dagegen...
Da haben wir ein Gewitter, das sich offensichtlich mit
Lichtgeschwindigkeit fortbewegt (im einen Moment ist es noch weit
entfernt, im anderen Moment hängt es über ihnen). Da brennt
eine Werkstatt mit elektronischen Geräten aus, und wir
nähern uns ohne Atemschutzmasken, da ja wohl keine giftigen Gase
entstanden sein können (da möchte ich nur anmerken: Wenn
Leiterplatinen verschmoren, wird sowas gerne ziemlich
lebensfeindlich...).
Wenn die Autorin auf S. 252 des eBooks offensichtlich die
Möglichkeit annimmt, daß man abgetrennte Fingerglieder
problemlos wieder annähen könnte, so ist dies angesichts
der heutigen medizinischen Möglichkeiten wohl eher eine
Verwechslung mit ihrem "Lost Planets"-Zyklus, der immerhin rund 100
Jahre in der Zukunft spielt... (* Nein, möglich sollte es
selbst heutzutage schon sein - es kommt aber sehr darauf an, wie
lange das Fingerglied abgetrennt war (das Gewebe stirbt wohl relativ
schnell ab; nach mehr als zwei Stunden sollte nicht mehr allzuviel
gehen...), der Knochen nicht zu stark zersplittert, das Gewebe nicht
zu sehr gequetscht und auch nicht sonderlich stark verschmutzt ist...
Auch Umgebungstemperatur und Luftfeuchte sind da wichtig: Je
wärmer und feuchter es ist, desto schneller können sich
Keime vermehren. Ansonsten kann man heutzutage doch sogar
abgebrochene (Echt-) Zähne, wenn der Unfall nicht länger
als ein oder zwei Stunden (weiß es jemand genau?) her ist und
sie sofort speziell konserviert werden konnten (man beachte das
umfangreiche "wenn"...), wieder einsetzen; es braucht dann also keine
Prothese hergestellt zu werden. Aber wie bereits gesagt... Zeit ist
dabei ein überaus wichtiger Faktor. Ob ein wiederangenähtes
Fingerglied dann seine volle Funktionsfähigkeit behält, ist
auch noch die Frage... immerhin sind da ja Nerven durchtrennt worden,
die man wohl nicht so leicht wieder verbinden kann... Heike)
Oder nehmen wir S. 370, wo Ricardo hofft, daß man ihm den
Knebel abnimmt - dummerweise ist er nie geknebelt gewesen... Oder
aber er beherrscht die Kunst, am Knebel vorbeizusprechen und dabei
auch noch verständlich zu bleiben - denn er hat vorher einige
verständliche Sätze von sich gegeben...
Aber lassen wir das so langsam - man könnte diese Liste noch um
einige Einträge erweitern, doch möchte ich die Rezension
nicht sprengen. Kommen wir also zum Allgemeinen zurück:
Des Rätsels Lösung, weshalb denn Barbara Jungs
Protagonisten einen derartigen Hang zum Guten haben, daß dem
Leser teilweise schon fast die Zähne schmerzen, liefert die
Autorin dann auch in diesem Roman, wenn sie Ricardo Flores über
die Gruselfilme, die er mit seinem Partner produziert, sagen
läßt: "Wir setzen mehr auf Gruseleffekte denn auf
Blutvergießen, und die Moral vieler unserer Filme soll sein,
auch wenn es etwas pathetisch klingt, daß man gemeinsam, in
Freundschaft und Treue, dem Bösen durchaus trotzen kann!" Und
dies trifft offensichtlich auch auf Barbara Jungs Romane zu.
Daß dabei manchmal die Realität flöten geht und die
Protagonisten ein wenig zu gut und süß sind, muß man
hier dann wohl in Kauf nehmen. Nichtsdestotrotz bleibt auf jeden Fall
die Tatsache, daß man die Romane dieser Autorin auf jeden Fall
gut lesen kann - auch wenn sie angesichts dieser Aussage wohl eher
auf ein jugendlicheres Publikum zielen und in dieser Hinsicht auch
einen gewissen erzieherischen Wert erfüllen.
Diese stilistische "Süße" führt jedoch auch zu den
sicherlich ungewollten Nebeneffekten, daß selbst die
grausamsten Schilderungen eher auf ein "Paulchen Panther"-Niveau
zurückfallen. Zum Beispiel gibt es hier eine mehr als
ausführliche Vergewaltigungsszene, die nun fast gar kein
Gefühl beim Leser hervorrufen kann. Heike (die es in ihrem
jetzigen Zustand (* Nee, auch sonst... Heike) sogar schon
ablehnt, nicht nur (* Fast! Heike) jeglichen Horror-Film zu
betrachten, sondern auch bei vergleichsweise harmlosen Krimis wie
"Tatort" szenenweise zur Seite schaut) (* ...sich aber trotzdem
"Scream" im Fernsehen angeschaut hat und ihn größtenteils
recht lustig fand... dafür konnte ich mir früher
Zombiefilme auch nur dann ansehen, wenn Äpfel im Haus waren, die
ich so nebenher schmausen konnte, wenn die Untoten zu essen
anfingen... ;-))) Heike) hat sich diese Seiten durchgelesen und
amüsiert gelacht. (* Nein, tut mir sehr leid, da muß
ich doch widersprechen. Ich fand es eher schon lächerlich denn
amüsant... Heike) Der Autorin ist es hier offensichtlich
nicht gelungen, auch nur halbwegs eine intensive Darstellung der
Begebenheiten abzuliefern. Dies liegt vor allem an solchen
Schilderungen wie einer recht langen Ansprache Jays an Ricardo ("Gib
nicht nach, Ricky!" sagte sie ruhig, und die Worte kamen wie
abgehackt aus ihr hervor, im Rhythmus der harten Stöße des
keuchenden Mannes auf ihr. "Ich kann es ertragen, wenn du es
erträgst. Sie werden uns nicht töten, denn sie wollen die
Unterschriften. Erst wenn sie die bekommen haben, droht Gefahr. Wir
wissen nicht, wer sie sind, und welchen Einfluß sie haben. Sie
müssen sich ihrer Sache sehr sicher sein, daß kein Gericht
uns glauben wird, daß du nicht für den Tod all dieser
Leute verantwortlich bist.") Erst danach (nachdem sie dann auch schon
fertig ist und gar nichts mehr sagen will) wird sie von ihrem
Vergewaltiger mit den Worten "Halt's Maul, Niggerfrau!" unterbrochen.
Ja, das ist wirklich realistisch...
Trotz allem ist dieser Roman durchaus lesenswert. Zeitweise gelingt
es der Autorin, eine wirkliche Spannung aufzubauen, und wenn man
über die Handlungsklöpse hinweglesen kann, ist dieser Roman
auch durchaus gut aufgebaut. Es macht immer noch Spaß, die
Romane von Barbara Jung zu lesen - trotz aller Kritik daran. Die
Autorin versteht es dennoch, den Leser an ihre Romane zu fesseln,
zumindest so stark, daß er interessiert weiterliest und sich
von ihrer Welt gefangennehmen läßt.
Fazit:
Ein durchaus gut zu lesender, aber insgesamt vielleicht zu
liebenswert geschriebener Horror-Roman. Bei "Trauermarsch" ist
immerhin eindeutig eine Weiterentwicklung der Autorin im Vergleich zu
"Kreuzzug des Hasses" zu bemerken. Die Handlung ist spannender und
vermag teilweise durchaus ein Gefühl des Grusels zu erzeugen.
Wer sich mit den Handlungsklöpsen und teilweise ausufernden
Beschreibungen zurechtfinden kann, für den ist dieser Roman
durchaus eine Empfehlung wert, vor allem, da er sich der leider immer
wieder aktuellen Thematik des Rassenhasses auf eine Weise
nähert, die als durchaus interessant und spannend zu bezeichnen
ist.
9 Punkte.
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