Barbara Jung:

"Trauermarsch"

D 2000
(293 Seiten, Paperback, BeJot Verlag, book on demand, ISBN 3-934582-03-6, DM 29,80)
- erschienen: 2000 -
eBook:
(376 kB, ISBN 3-89856-127-5, DM 9,95)
- erschienen: 2000 -

Zum Inhalt:
Ricardo und Jalena Flores haben eine Farm in der Nähe von Righteous' Place, Nevada, geerbt - und zwar von ihrem Stiefvater, der angesichts der Enthüllung, daß er zwei Stiefkinder hat, die auch noch farbig sind, nicht gerade erbaut ist, handelt es sich bei ihm doch um einen Rassisten allererster Güte. Doch bevor er sein Testament ändern kann, verunglückt er tödlich. Die beiden Geschwister mit ihren jeweiligen Partnern müssen jedoch feststellen, daß irgendjemand etwas an ihrer Erbschaft auszusetzen hat, denn das Hochhaus, in dem Ricardo und Leslie (der Freund seiner Schwester) eine Produktionsfirma für Horrorfilme betreiben, wird in de Luft gejagt - und dies ist nicht der einzige Zwischenfall, der sich ereignet.
Nach einem Zwischenfall mit dem von Jay (Ricardos Freundin) selbstgebastelten, "Golem" genannten Roboter kommt Jay bei einem Ausritt beinahe ums Leben. Und während in den Köpfen der Freunde Chopins "Trauermarsch" ein Eigenleben zu führen scheint, beginnen sich die Ereignisse an diesem Wochenende langsam zu überschlagen...

Ein weiterer Horror-Roman aus der Feder von Barbara Jung. Diesmal nimmt sie das Thema "Rassenhaß" aufs Korn - sicherlich nicht unangebracht zur heutigen Zeit. Und die Autorin entwickelt hieraus auch eine recht spannende Geschichte - oder zumindest eine sehr interessante. Denn ihr kompromißlos liebenswerter Stil und die bedingungslose Gutartigkeit der Helden versüßen die durchaus gute Handlung dann doch ein wenig zu sehr, als daß wirkliche Gruselstimmung aufkommen könnte.
Immerhin: Barbara Jung schafft es in "Trauermarsch" zumindest schon einmal, Ansätze dieser Gruselstimmung zu erzeugen - und auch die Handlung wirkt (nach einem groben anfänglichen Patzer) doch recht durchdacht.
Dieser anfängliche Patzer bezieht sich auf den Kauf bzw. den Einsatz einer unbekannten Software. Zwar ist noch irgendwo halbwegs verständlich, weshalb Ricardo sich eine nicht näher bezeichnete Software ("Hier habe ich etwas Neues, das bestimmt das Interesse ihrer verehrten Frau Gemahlin finden wird! Eine Software, welche die Welt revolutionieren wird! Machen Sie ihr ein Geschenk, sie wird begeistert sein! Es ist das Neueste auf dem Markt, vor kurzem erst entwickelt!") ohne jegliche Beschreibung, wozu sie denn nun dienen soll, aufschwatzen läßt (angesichts seines Zustands geht das so gerade noch durch), doch weshalb Jay diese Software ohne jegliche Kenntnisse, worum es sich denn hier nun handelt (selbst der Karton ist nur mit dem Herstellerzeichen verziert), einfach so in ihren Roboter einspeist, ist dann nur noch mit Kopfschütteln zu kommentieren...
Der Rest ist dann eher harmlos dagegen...
Da haben wir ein Gewitter, das sich offensichtlich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt (im einen Moment ist es noch weit entfernt, im anderen Moment hängt es über ihnen). Da brennt eine Werkstatt mit elektronischen Geräten aus, und wir nähern uns ohne Atemschutzmasken, da ja wohl keine giftigen Gase entstanden sein können (da möchte ich nur anmerken: Wenn Leiterplatinen verschmoren, wird sowas gerne ziemlich lebensfeindlich...).
Wenn die Autorin auf S. 252 des eBooks offensichtlich die Möglichkeit annimmt, daß man abgetrennte Fingerglieder problemlos wieder annähen könnte, so ist dies angesichts der heutigen medizinischen Möglichkeiten wohl eher eine Verwechslung mit ihrem "Lost Planets"-Zyklus, der immerhin rund 100 Jahre in der Zukunft spielt... (* Nein, möglich sollte es selbst heutzutage schon sein - es kommt aber sehr darauf an, wie lange das Fingerglied abgetrennt war (das Gewebe stirbt wohl relativ schnell ab; nach mehr als zwei Stunden sollte nicht mehr allzuviel gehen...), der Knochen nicht zu stark zersplittert, das Gewebe nicht zu sehr gequetscht und auch nicht sonderlich stark verschmutzt ist... Auch Umgebungstemperatur und Luftfeuchte sind da wichtig: Je wärmer und feuchter es ist, desto schneller können sich Keime vermehren. Ansonsten kann man heutzutage doch sogar abgebrochene (Echt-) Zähne, wenn der Unfall nicht länger als ein oder zwei Stunden (weiß es jemand genau?) her ist und sie sofort speziell konserviert werden konnten (man beachte das umfangreiche "wenn"...), wieder einsetzen; es braucht dann also keine Prothese hergestellt zu werden. Aber wie bereits gesagt... Zeit ist dabei ein überaus wichtiger Faktor. Ob ein wiederangenähtes Fingerglied dann seine volle Funktionsfähigkeit behält, ist auch noch die Frage... immerhin sind da ja Nerven durchtrennt worden, die man wohl nicht so leicht wieder verbinden kann... Heike)
Oder nehmen wir S. 370, wo Ricardo hofft, daß man ihm den Knebel abnimmt - dummerweise ist er nie geknebelt gewesen... Oder aber er beherrscht die Kunst, am Knebel vorbeizusprechen und dabei auch noch verständlich zu bleiben - denn er hat vorher einige verständliche Sätze von sich gegeben...
Aber lassen wir das so langsam - man könnte diese Liste noch um einige Einträge erweitern, doch möchte ich die Rezension nicht sprengen. Kommen wir also zum Allgemeinen zurück:
Des Rätsels Lösung, weshalb denn Barbara Jungs Protagonisten einen derartigen Hang zum Guten haben, daß dem Leser teilweise schon fast die Zähne schmerzen, liefert die Autorin dann auch in diesem Roman, wenn sie Ricardo Flores über die Gruselfilme, die er mit seinem Partner produziert, sagen läßt: "Wir setzen mehr auf Gruseleffekte denn auf Blutvergießen, und die Moral vieler unserer Filme soll sein, auch wenn es etwas pathetisch klingt, daß man gemeinsam, in Freundschaft und Treue, dem Bösen durchaus trotzen kann!" Und dies trifft offensichtlich auch auf Barbara Jungs Romane zu. Daß dabei manchmal die Realität flöten geht und die Protagonisten ein wenig zu gut und süß sind, muß man hier dann wohl in Kauf nehmen. Nichtsdestotrotz bleibt auf jeden Fall die Tatsache, daß man die Romane dieser Autorin auf jeden Fall gut lesen kann - auch wenn sie angesichts dieser Aussage wohl eher auf ein jugendlicheres Publikum zielen und in dieser Hinsicht auch einen gewissen erzieherischen Wert erfüllen.
Diese stilistische "Süße" führt jedoch auch zu den sicherlich ungewollten Nebeneffekten, daß selbst die grausamsten Schilderungen eher auf ein "Paulchen Panther"-Niveau zurückfallen. Zum Beispiel gibt es hier eine mehr als ausführliche Vergewaltigungsszene, die nun fast gar kein Gefühl beim Leser hervorrufen kann. Heike (die es in ihrem jetzigen Zustand (* Nee, auch sonst... Heike) sogar schon ablehnt, nicht nur (* Fast! Heike) jeglichen Horror-Film zu betrachten, sondern auch bei vergleichsweise harmlosen Krimis wie "Tatort" szenenweise zur Seite schaut) (* ...sich aber trotzdem "Scream" im Fernsehen angeschaut hat und ihn größtenteils recht lustig fand... dafür konnte ich mir früher Zombiefilme auch nur dann ansehen, wenn Äpfel im Haus waren, die ich so nebenher schmausen konnte, wenn die Untoten zu essen anfingen... ;-))) Heike) hat sich diese Seiten durchgelesen und amüsiert gelacht. (* Nein, tut mir sehr leid, da muß ich doch widersprechen. Ich fand es eher schon lächerlich denn amüsant... Heike) Der Autorin ist es hier offensichtlich nicht gelungen, auch nur halbwegs eine intensive Darstellung der Begebenheiten abzuliefern. Dies liegt vor allem an solchen Schilderungen wie einer recht langen Ansprache Jays an Ricardo ("Gib nicht nach, Ricky!" sagte sie ruhig, und die Worte kamen wie abgehackt aus ihr hervor, im Rhythmus der harten Stöße des keuchenden Mannes auf ihr. "Ich kann es ertragen, wenn du es erträgst. Sie werden uns nicht töten, denn sie wollen die Unterschriften. Erst wenn sie die bekommen haben, droht Gefahr. Wir wissen nicht, wer sie sind, und welchen Einfluß sie haben. Sie müssen sich ihrer Sache sehr sicher sein, daß kein Gericht uns glauben wird, daß du nicht für den Tod all dieser Leute verantwortlich bist.") Erst danach (nachdem sie dann auch schon fertig ist und gar nichts mehr sagen will) wird sie von ihrem Vergewaltiger mit den Worten "Halt's Maul, Niggerfrau!" unterbrochen. Ja, das ist wirklich realistisch...
Trotz allem ist dieser Roman durchaus lesenswert. Zeitweise gelingt es der Autorin, eine wirkliche Spannung aufzubauen, und wenn man über die Handlungsklöpse hinweglesen kann, ist dieser Roman auch durchaus gut aufgebaut. Es macht immer noch Spaß, die Romane von Barbara Jung zu lesen - trotz aller Kritik daran. Die Autorin versteht es dennoch, den Leser an ihre Romane zu fesseln, zumindest so stark, daß er interessiert weiterliest und sich von ihrer Welt gefangennehmen läßt.

Fazit:
Ein durchaus gut zu lesender, aber insgesamt vielleicht zu liebenswert geschriebener Horror-Roman. Bei "Trauermarsch" ist immerhin eindeutig eine Weiterentwicklung der Autorin im Vergleich zu "Kreuzzug des Hasses" zu bemerken. Die Handlung ist spannender und vermag teilweise durchaus ein Gefühl des Grusels zu erzeugen. Wer sich mit den Handlungsklöpsen und teilweise ausufernden Beschreibungen zurechtfinden kann, für den ist dieser Roman durchaus eine Empfehlung wert, vor allem, da er sich der leider immer wieder aktuellen Thematik des Rassenhasses auf eine Weise nähert, die als durchaus interessant und spannend zu bezeichnen ist.
9 Punkte.

Winfried Brand


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