Barbara Jung:

"Space Rovers"

(Lost Planets - Band 3)
     D 2000
     (379 Seiten, BeJot-Verlag, Book on Demand, ISBN 9-34582-09-5, DM 37,50)
     - erschienen: 2000 -
     eBook:
     (515 kB, RocketEdition, BeJot-Verlag, DM 12,90)
     - erschienen: Dezember 2000 -

Zum Inhalt:
     Die "Stammheimer" und die Szinjoh (siehe die Rezensionen zu Band eins "Sakota's Paradise" und zwei "Rrixzieh = Hoffnung" in Flash Nr. 100) sind auf dem Weg zum von innen bedrohten Planeten der hilfesuchenden Szinjoh. Von ihnen unbemerkt folgt ihnen ein weiteres Raumschiff mit dem skrupellosen Geschäftsmann und Teufelsanbeter Benjamin Taylor.
     Als sie aufgrund des wegen der menschlichen Passagiere erhöhten Wasserverbrauchs einen Zwischenstop einlegen müssen, kommt es zur Konfrontation zwischen beiden Parteien...
    
     Der dritte Band von Barbara Jungs "Lost Planets"-Zyklus bietet leider eher wenig interessantes Lesevergnügen. Wer gehofft hat, daß sich angesichts des (im Vergleich zu den ersten zwei Bänden) halbierten Umfangs auch die Handlung gestrafft hätte, sieht sich enttäuscht. Stattdessen packt die Autorin eine Handlung hier hinein, die auch ein sehr guter Autor nur noch mit viel gutem Willen auf die Länge eines Heftromans gebracht hätte. Zwar ist auch dieses Ergebnis der Jungschen Feder durchaus nett lesbar, doch schleicht sich mit voranschreitender Seitenzahl auch eine gewisse Müdigkeit beim Leser ein. Die Autorin bringt hier einfach zu viele - und vor allem zu unwichtige - Teile ein, die sie in dem ihr eigenen Stil lang und breit beschreibt.
     Dies ist durchaus in dem Sinn gemeint, daß Barbara Jung schlicht und ergreifend alles zwei- bis dreifach schreibt, indem sie einen Vorgang einmal normal beschreibt, diesen dann in eine Metapher packt und teilweise noch eine weitere Metapher hinterherschiebt. Das liest sich dann zwar nett, ist insgesamt jedoch von jedem weiteren Nährwert befreit.
     Hinzu kommen zahlreiche Fehler in der Handlungsführung, die teilweise innerhalb der Handlung liegen, teilweise einfach nur wissenschaftlich unmöglich sind.
     Eine kleine Auswahl:
     Wir befinden uns im Jahr 2100 und ein paar gequetschte, sind diverse hundert Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt (mit Entfernungsangaben hat es die Autorin sowieso nicht so...) und empfangen irdische Signale. Zitat: "Eine Botschaft von Menschen? In diesem Teil der Galaxis? Das war unmöglich! Bis hierher hatten es allenfalls unbemannte Raumsonden geschafft." (S. 47 des RocketBooks - weitere Seitenangaben beziehen sich auf die gleiche Quelle bei Standardeinstellung der Schrift und kleiner Schriftgröße...) Naja - das könnten sie vielleicht, wenn sie bei ihrer Reise irgendwo einen "Überlichtantrieb" eingebaut bekommen hätten. Wir erinnern uns: Die ersten und ältesten Sonden sind zur Zeit gerade mal dabei, unser Sonnensystem zu verlassen - wie sie in einhundert Jahren viel mehr als vielleicht ein Lichtjahr oder so zurückgelegt haben sollten (reine Schätzung - ich habe die Geschwindigkeit jetzt nicht im Kopf...) ist mir absolut unklar.
     Und da sind Formulierungen wie: "Zum ersten Mal betraten Menschen den Boden eines außerirdischen Volkes". Hmmm, eines Planeten könnte ich ja noch verstehen (wenn da nicht der Mars wäre, der eindeutig außerirdisch ist...), jedoch den Boden eines Volkes??? Wenn wir stattdessen annehmen, daß Jung das "Hoheitsgebiet" gemeint hat, ergibt dies zwar Sinn; jedoch wurde dann das eindeutig außerirdische Raumschiff vergessen, auf dem die Menschen sich schon eine ganze Zeit lang aufhalten...
     Was exploratorische Aspekte (S. 132) sind, frage ich mich wahrscheinlich noch länger...
     Wirklich witzig ist jedoch, daß die Autorin keinerlei Plan zu haben scheint, welche Überlicht-Technik denn nun zum Einsatz kommt. Da hätten wir am Anfang die Transitionen (die die Menschen nicht besonders toll vertragen), später diskutiert man über Warp-Technologie, und schließlich braucht man Sprungpunkte (à la Babylon 5). Es wäre schön, wenn sich die Auorin hier mal entscheiden könnte...
     Auch mit Sprengstoffen scheint sie sich nicht auszukennen - jedenfalls ist mir keine ätzende Säure bekannt, die explosive Wirkung hat (S. 580 des eBook)...
     Ein Säuresprengstoff in Form einer "blaßgrünen Knetmasse" (S. 584) ist auch eher unwahrscheinlich - solchartige Beschreibugen deuten doch eher auf Plastiksprengstoff hin...
     Da kann sich Taylor ein gefundenes Mittel gegen die Sprungfolgen aus der Bordapotheke holen, wo vorher die Aussage getroffen wurde, daß dieses Mittel dort nicht hergestellt werden kann (wohlgemerkt: "hergestellt"), während er sie sich einfach organisiert...
     Fraglich ist auch, wie man irgendwelche Sprungdaten berechnen soll, wenn man die zurückgelegte Entfernung nicht kennt (S. 665). Jeder Navigator dürfte an einer solchen Aufgabe verzweifeln...
     Auf S. 704 sollten es eigentlich drei statt der erwähnten zwei Szinjoh sein, und die Erwähnung von "rund einer Stunde" auf S. 709 reduziert sich bei näherer Betrachtung des Textes auf maximal 10 Minuten...
     Weshalb auf S. 742 ein "Sprung durch Zeit und Raum" vollzogen wurde, entzieht sich zumindest dem Begriffsvermögen des Rezensenten, der im ganzen Roman keinen Zeitsprung ausmachen konnte...
     Immerhin hat man es offensichtlich geschafft, innerhalb einer Woche tatsächlich einen von diversen Wassertanks aufzufüllen (S. 752) - das dürfte dann etwa einer Tankleistung von einem Liter Benzin täglich entsprechen, um ein Auto zu betanken...
     Gänzlich seltsam wird es, wenn die Autorin oben auf S. 767 ankündigt, daß ein Roboter in einer Sprache redet und am Ende der Seite die Leute erstaunt darüber sind, daß er in der angekündigten Sprache redet. Ja was denn nu?!?
     Ich muß zugeben, daß ich keine großartige Lust habe, die weiteren Handlungsfehler auch nur beispielhaft zu beleuchten. Dies würde den Rahmen der Rezension doch bei weitem sprengen, auch wenn ich mich nur um die auffallendsten Probleme kümmere. Es ist einfach zuviel...
     Gerade bei diesem Roman scheint Barbara Jung nun überhaupt nicht auf die Konsistenz geachtet zu haben. Sie kann es besser - und das hat sie auch schon bewiesen.
     Und bei den physikalischen Größen liegen Barbara Jungs größte Schwächen. In diesem Roman ist es vollkommen unklar, ob sie nun "Sonnensystem", "Galaxis" oder "Universum" meint - ich glaube zwar, daß ich hier so langsam durchblicke, doch verwendet die Autorin die Begriffe in einem wilden Durcheinander, das diverse Hinweise darauf liefert, daß sie mit solchen Entfernungen einfach nicht zurechtkommt (nicht nur die früher erwähnte Sonde ist hier ein Indiz, sondern auch die folgenden Beispiele).
     Da haben wir einen unbewohnten Planeten, der von einem nebenan wohnenden Volk zur Besiedlung freigegeben wird, da die Jungs und Mädels sich einen Nachbarn wünschen. Abgesehen davon, daß so etwas vollkommen wirklichkeitsfremd ist, ist es auch einfach nur dämlich und beweist die absolute Unkenntnis der Autorin hinsichtlich des Kosmos - und nebenbei bewirkt es weitere Verwirrungen des Lesers hinsichtlich der Entfernungen. Einerseits soll nicht nur der Planet der Orogher zig Tagesreisen von anderen bewohnten Planeten entfernt sein (da sollten sie eher froh sein, daß es nur so wenig ist), andererseits liegt sein Nachbar in stabiler zwei-Stunden-Reiseentfernung von ihm. Ähem - die beiden Planeten haben also offensichtlich absolut identische Umlaufzeiten??? Anders ist dies jedenfalls nicht erklärbar - und weshalb die Dingensbumens dann unbedingt ihre Nachbarn haben wollen (laßt mich raten: Die versprengten Terraner werden im Lauf des Zyklus diese bildschöne, zuckersüße Welt übernehmen...) ist auch nicht so ganz klar - ebensowenig wie die Tatsache, daß kein anderes Volk diesen Planeten besiedeln will. Angesichts der Tatsache, daß die Jungs und Mädels den Planeten extra zur Besiedelung hergerichtet haben, ist das mit realistischen Augen nur schwer zu glauben - und ein wenig Weltfremdheit muß sich die Autorin hier sicherlich auch vorwerfen lassen.
     Hinzu kommt die seltsame Formulierung, welche Völker denn kein Interesse an diesem Planeten haben. Hier gewinnt der Leser den Einruck, es würden sich vier intelligente Populationen in einem Sonnensystem herumtreiben (in dem auch der besagte unbewohnte Planet sein Unwesen treibt...). Dummerweise sind drei von ihnen zu überlichtschneller Raumfahrt in der Lage - da stellt sich die Frage: Warum nicht die vierte??? Und überhaupt: Warum ist das "Sprungtor" auf einen solch engen Bereich begrenzt??? Und die nächste Frage ist fast schon peinlich: Wie kommt es dazu, daß offensichtlich drei von vier raumfahrenden Planetenbevölkerungen keinerlei Interesse daran haben, einen unbewohnten Planeten in ihrem eigenen Heimatsystem zu besiedeln (S. 919)? Hier wird die Autorin doch stark pathetisch - eine Eigenschaft, die sie eigentlich im ganzen Roman noch weiterzieht...
    
     Fazit:
     Barbara Jung verstrickt sich in diesem Teil des "Lost Planets"-Zyklus in unendliche Wiederholungen und teilweise sehr widersprüchliche Angaben. Als Heftroman wäre dies ein kristallklarer Füllroman ohne weitere Bedeutung. Als Taschenbuch/Paperback ist es eher eine Frechheit.
     2 Punkte

Winfried Brand


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