Peter
Leland ist Methodisten-Prediger, zwar tüchtig, aber nicht
unbedingt erfolgreich. Gerne langweilt er seine Gemeinde mit
theologischen Abhandlungen, was auch eine gewisse Toleranz der
Gemeinde zu ihm fordert.
So scheint es ein Glücksfall für
ihn zu sein, daß er die Farm seiner Großeltern erbt. Mit
etwas zurückgelegtem Geld können er und seine Frau Sheila
sich eine gewisse Zeit lang aufs Land zurückziehen, um dort sein
neuestes Projekt weiterzuentwickeln: eine Monographie, die die Figur
des Gottes Dagon beinhaltet. Peter hatte im alten Testament, im
ersten Buch Samuel, von Dagon gelesen und daraus eine Predigt
für seine Gemeinde entwickelt, die seine Schäflein doch
etwas zu sehr überforderte.
Dagon war ein Gott der Philister, und diese
brachten die Bundeslade der Israeliten in Dagons Tempel. Nachdem
seine Priester Dagon am nächsten Morgen umgestürzt und auf
seinem Antlitz vor der Bundeslade liegend vorfanden, richteten sie
ihn wieder auf. Doch am folgenden Morgen war Dagon abermals auf sein
Antlitz gestürzt. Dagons Kopf und seine beiden Hände lagen
abgeschlagen auf der Schwelle, und nur sein Rumpf war ihm
geblieben.
Dagon war eine der vielen heidnischen
Fruchtbarkeitsgottheiten, und sein Name mochte mit dem Wort "dagan"
aus dem Phönizischen, das "Korn" bedeutete, verknüpft sein.
Aber der Ursprung des Wortes soll auf eine semitische Wurzel
zurückgehen und "Fisch" bedeuten.
Die Verehrung Dagons war nach Peters Meinung
noch heute in Amerika verbreitet. Dagons Vorstellung von
Fruchtbarkeit, von zügelloser, wilder Sexualität, sei immer
noch anziehend für viele Menschen.
Peters neues Domizil ist ein großes,
mit der Zeit heruntergekommenes Haus inmitten von einhundertsechzig
Hektar Land, weit entfernt von jeder Großstadt. Als kleines
Kind lebte Peter in dem Gebäude; als er vier Jahre alt war,
starb hier sein Vater. Das Haus strahlt eine morbide Lebendigkeit
aus, mit seinen muffigen Zimmern, den alten,
unzeitgemäßen, wuchtigen Möbeln - und es beginnt
Peter zu verändern. Sein offenes Verhältnis zu Sheila,
seiner Frau, wandelt sich. Peters Art war vielleicht nie so locker
gewesen wie Sheilas, doch hatte sie ihn immer wieder herausgelockt,
ihn mit ihrer Direktheit und ihrem scharfen Verstand auch
ergänzt. Aber das Haus nimmt ihn immer mehr in Beschlag. Er
durchwühlt die Truhen und Schränke und findet Briefe, kaum
lesbar, in ungelenker Schrift und mit Worten aus einer unbekannten,
exotischen Sprache, wie "Nephreu", "Yogg Sotoh", "Cthulhu". Und
Träume beginnen Peter zu quälen, Träume, in denen er
seine Frau ermordet.
Dann ist da noch Ed Morgan, ein kleiner,
dicker, heruntergekommener Mann, so Ende fünfzig. Morgan lebt
mit seiner Frau und seiner Tochter Mina in einer niedrigen,
verwitterten Hütte auf der Leland-Farm. Nachdem Peter Leland
Mina zum ersten Mal begegnet ist, geht sie nicht mehr aus seinen
Gedanken. Dieser untersetzte Körper, dieses flache,
häßliche Gesicht, von dem man fast sagen könnte,
daß es keine Nase hatte, so klein war sie, und die Augen,
groß, regungslos; unbestreitbar war etwas Fischartiges an Mina.
Und trotzdem war ihr Gesicht in seinen Gedanken festgebrannt. Peter
ist einer unheimlichen Faszination erlegen, einer Faszination, die
sein Leben in kurzer Zeit komplett umkrempeln sollte und ihm jeden
Sinn nehmen oder auch ein ganz neues Ziel geben würde.
Fred Chappells Roman "Dagon" ist ein
intensiv geschriebenes Buch, das den Untergang des Menschen Peter
Leland, ganz in lovecraftscher Tradition, schildert.
Das Buch ist schon 1968 erschienen und mit
dieser Ausgabe des Blitz-Verlages zum ersten Mal in die deutsche
Sprache übersetzt worden. Allein daraus läßt sich
schon ersehen, daß dem Roman nicht gerade ein großer
Erfolg in der Öffentlichkeit beschieden war, was aber der
Qualität des Romans bestimmt nicht entspricht. Es ist kein
einfaches Buch, nicht gerade actionlastig oder mit großen
Horrorszenarien bestückt, oder besser gesagt, gibt es nur ein
Horrorszenario, nämlich das, welches sich Peter Leland selber
antut, als er sich in Minas Hände gibt. Fred Chappell führt
uns in die Abgründe eines Menschen vor, in seinem Verfall durch
den Verlust des Lebenswillens oder auch durch das Erkennen der
Sinnlosigkeit des Lebens, aber Chappell läßt uns am Ende
auch ein kleines bißchen Hoffnung. Fred Chappells Roman ist
wirklich eines H. P. Lovecraft würdig.
Zu loben ist hier wiederum der Blitz-Verlag,
der dieser Ausgabe eine Bio- und Bibliographie sowie zwei
Aufsätze des Autors beigegeben hat, was uns tiefere Einblicke in
einen bei uns doch nicht so bekannten Schriftsteller gewährt. So
etwas wünsche ich mir häufiger als Beigabe in Romanen.
13 Punkte