Fred Chappell:

"Dagon"

OT: Dagon
     Ü: Manfred Görgen
     USA 1968
     (174 Seiten, Paperback, Blitz 2902, ISBN 3-89840-002-6, DM 22,80)
     - erschienen: Dezember 2000 -

Peter Leland ist Methodisten-Prediger, zwar tüchtig, aber nicht unbedingt erfolgreich. Gerne langweilt er seine Gemeinde mit theologischen Abhandlungen, was auch eine gewisse Toleranz der Gemeinde zu ihm fordert.
     So scheint es ein Glücksfall für ihn zu sein, daß er die Farm seiner Großeltern erbt. Mit etwas zurückgelegtem Geld können er und seine Frau Sheila sich eine gewisse Zeit lang aufs Land zurückziehen, um dort sein neuestes Projekt weiterzuentwickeln: eine Monographie, die die Figur des Gottes Dagon beinhaltet. Peter hatte im alten Testament, im ersten Buch Samuel, von Dagon gelesen und daraus eine Predigt für seine Gemeinde entwickelt, die seine Schäflein doch etwas zu sehr überforderte.
     Dagon war ein Gott der Philister, und diese brachten die Bundeslade der Israeliten in Dagons Tempel. Nachdem seine Priester Dagon am nächsten Morgen umgestürzt und auf seinem Antlitz vor der Bundeslade liegend vorfanden, richteten sie ihn wieder auf. Doch am folgenden Morgen war Dagon abermals auf sein Antlitz gestürzt. Dagons Kopf und seine beiden Hände lagen abgeschlagen auf der Schwelle, und nur sein Rumpf war ihm geblieben.
     Dagon war eine der vielen heidnischen Fruchtbarkeitsgottheiten, und sein Name mochte mit dem Wort "dagan" aus dem Phönizischen, das "Korn" bedeutete, verknüpft sein. Aber der Ursprung des Wortes soll auf eine semitische Wurzel zurückgehen und "Fisch" bedeuten.
     Die Verehrung Dagons war nach Peters Meinung noch heute in Amerika verbreitet. Dagons Vorstellung von Fruchtbarkeit, von zügelloser, wilder Sexualität, sei immer noch anziehend für viele Menschen.
     Peters neues Domizil ist ein großes, mit der Zeit heruntergekommenes Haus inmitten von einhundertsechzig Hektar Land, weit entfernt von jeder Großstadt. Als kleines Kind lebte Peter in dem Gebäude; als er vier Jahre alt war, starb hier sein Vater. Das Haus strahlt eine morbide Lebendigkeit aus, mit seinen muffigen Zimmern, den alten, unzeitgemäßen, wuchtigen Möbeln - und es beginnt Peter zu verändern. Sein offenes Verhältnis zu Sheila, seiner Frau, wandelt sich. Peters Art war vielleicht nie so locker gewesen wie Sheilas, doch hatte sie ihn immer wieder herausgelockt, ihn mit ihrer Direktheit und ihrem scharfen Verstand auch ergänzt. Aber das Haus nimmt ihn immer mehr in Beschlag. Er durchwühlt die Truhen und Schränke und findet Briefe, kaum lesbar, in ungelenker Schrift und mit Worten aus einer unbekannten, exotischen Sprache, wie "Nephreu", "Yogg Sotoh", "Cthulhu". Und Träume beginnen Peter zu quälen, Träume, in denen er seine Frau ermordet.
     Dann ist da noch Ed Morgan, ein kleiner, dicker, heruntergekommener Mann, so Ende fünfzig. Morgan lebt mit seiner Frau und seiner Tochter Mina in einer niedrigen, verwitterten Hütte auf der Leland-Farm. Nachdem Peter Leland Mina zum ersten Mal begegnet ist, geht sie nicht mehr aus seinen Gedanken. Dieser untersetzte Körper, dieses flache, häßliche Gesicht, von dem man fast sagen könnte, daß es keine Nase hatte, so klein war sie, und die Augen, groß, regungslos; unbestreitbar war etwas Fischartiges an Mina. Und trotzdem war ihr Gesicht in seinen Gedanken festgebrannt. Peter ist einer unheimlichen Faszination erlegen, einer Faszination, die sein Leben in kurzer Zeit komplett umkrempeln sollte und ihm jeden Sinn nehmen oder auch ein ganz neues Ziel geben würde.
    
     Fred Chappells Roman "Dagon" ist ein intensiv geschriebenes Buch, das den Untergang des Menschen Peter Leland, ganz in lovecraftscher Tradition, schildert.
     Das Buch ist schon 1968 erschienen und mit dieser Ausgabe des Blitz-Verlages zum ersten Mal in die deutsche Sprache übersetzt worden. Allein daraus läßt sich schon ersehen, daß dem Roman nicht gerade ein großer Erfolg in der Öffentlichkeit beschieden war, was aber der Qualität des Romans bestimmt nicht entspricht. Es ist kein einfaches Buch, nicht gerade actionlastig oder mit großen Horrorszenarien bestückt, oder besser gesagt, gibt es nur ein Horrorszenario, nämlich das, welches sich Peter Leland selber antut, als er sich in Minas Hände gibt. Fred Chappell führt uns in die Abgründe eines Menschen vor, in seinem Verfall durch den Verlust des Lebenswillens oder auch durch das Erkennen der Sinnlosigkeit des Lebens, aber Chappell läßt uns am Ende auch ein kleines bißchen Hoffnung. Fred Chappells Roman ist wirklich eines H. P. Lovecraft würdig.
     Zu loben ist hier wiederum der Blitz-Verlag, der dieser Ausgabe eine Bio- und Bibliographie sowie zwei Aufsätze des Autors beigegeben hat, was uns tiefere Einblicke in einen bei uns doch nicht so bekannten Schriftsteller gewährt. So etwas wünsche ich mir häufiger als Beigabe in Romanen.
     13 Punkte

Bernd Krosta


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