Stephen R. Donaldson:

"Der Spiegel ihrer Träume"

OT: The Mirror of her Dreams
     Ü: Horst Pukallus
     USA 1986
     (943 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9058, ISBN 3-453-17877-7, DM 18,-)
     - erschienen: November 2000 -

Das Leben, das Tessa Morgan führt, ist keines, das man als ausgefüllt und glücklich bezeichnen könnte. Aufgewachsen unter einem reichen, aber an ihr kaum interessierten Vater schleppt sie sich jeden Tag zu ihrem Job in einer Mission. Doch die Leere, die sie eigentlich mit diesem Job ausfüllen wollte, bleibt ungestillt.
     Eines Abends tritt aus einem der zahlreichen Spiegel ein Mann in ihre Wohnung. Er bittet sie, mit ihm zu kommen und Mordant zu retten. Terisa überlegt nicht lange; kurzentschlossen läßt sie sich von Geraden durch den Spiegel ziehen.
     Terisa landet im Schloß Orison. Kaum angekommen, erfährt sie, daß die Zunft eigentlich jemand anderen nach Mordant rufen wollte. Dieser jemand ist ein Kämpe mit überragenden Waffen. Von ihm erhoffen die Magier Mordants, Imagomanten genannt, die Rettung des Reiches. Den Magiern ist es möglich, mit Spiegeln in andere Welten zu blicken und deren Bewohner nach Mordant zu bringen.
     Geraden scheint, wie so oft, einen Fehlgriff getan zu haben. Erst nach und nach wird Terisa klar, wie nah das Reich am Rand des Abgrund steht. Ein mächtiger Imagomant läßt herbeigerufene Ungeheuer auf die Bevölkerung los. Joyse, der König, scheint sich jedoch nicht sonderlich dafür zu interessieren, sondern spielt lieber mit Havelock, dem die meiste Zeit über sehr verwirrtem Großmeister der Imagomanten, Dame.
     Terisa möchte zwar liebend gern helfen, weiß aber nicht wie. Zudem scheint man es auf ihr Leben abgesehen zu haben. Sie entgeht nur äußerst knapp zahlreichen Mordanschlägen. Während das Reich allmählich in einen kaum vermeidbaren Krieg mit den Nachbarländern schlittert, zahlreiche innere Intrigen gesponnen werden und Terisa sich lange nicht Zeit entscheiden kann, auf welcher Seite sie steht, fragt sie sich, ob Geradens Fehlgriff tatsächlich einer war...
    
     Die ersten Kapitel des Romans versprechen eigentlich eine vergnügliche Lektüre. Sicher, daß Spiegel als Tore in andere Welten benutzt werden, ist nicht neu. Aber die Mischung aus Terisas Naivität und Geradens Tolpatschigkeit läßt einiges erwarten.
     Leider werden diese Erwartungen im weiteren Verlauf des Romans nicht erfüllt. Sicher, Schloß Orison ist sehr detailreich und bildhaft geschildert, und unwillkürlich fragt man sich beim Lesen öfters, ob es im Mittelalter tatsächlich so ausgesehen haben könnte. Aber diese Detailfreudigkeit geht eindeutig zu Lasten der Handlung. Sie kommt einfach nicht in die Gänge.
     Ein Beispiel: Die Zunft der Imagomanten versammelt sich, um nach der Ankunft Terisas zu entscheiden, was weiter geschehen soll. Nun gut, solche Zusammenkünfte brauchen natürlich ihre Zeit. Aber wenn die Meister knapp fünf Seiten brauchen, um zu entscheiden, ob Terisa berechtigt ist, an der Sitzung teilzunehmen, danach seitenlange Reden der einzelnen Meister für und wider diesen Entschluß folgen und auf der zwanzigsten Seite dann endlich eine Entscheidung gefällt wird - das ist dann doch des Guten eindeutig zu viel. Man ahnt schon, wie der Rest des Romans aussieht. Wie meinte Winfried Brand noch bei einer Hohlbein-Rezension: Man hätte den Roman auf die Hälfte schrumpfen können, ohne daß er an Potential verloren hätte. Nun, in dieser Hinsicht steht Donaldson Hohlbein um nichts nach.
     Und dabei hat die Handlung durchaus Potential. An den Intrigen, die innerhalb der Mauern des Schlosses gesponnen werden, kann man seine Freude haben. Zudem gibt es unter den Meistern die eine oder andere zwielichtige Gestalt, die man so richtig schön hassen könnte. Leider kann man das nicht. Der Grund: Donaldsons sehr umständlicher Schreibstil läßt das einfach nicht zu. Umständlich ist dabei noch milde ausgedrückt. Er wirkt derart gekünstelt, daß der Leser sich oftmals fragt, was die Protagonisten eigentlich aussagen wollen. Und ob sie im wirklichen Leben tatsächlich so sprechen würden. Wohl kaum.
     Das ist das Hauptmanko des Romans: Es gelingt Donaldson nicht, seinen Charakteren Leben einzuhauchen. Ab und an blinkt mal kurz etwas auf, das erahnen läßt, wie stark oder schwach die Figuren wirklich sind. Das war es dann aber auch.
     Selbst Terisa entwickelt kein Profil. Sicher, sie ist nicht gerade mit Selbstvertrauen gesegnet, aber man könnte doch denken, sie würde es im Lauf der Handlung entwickeln. Und Geradens Tolpatschigkeit vermag anfangs noch zu amüsieren; nach und nach wirkt sie jedoch abgedroschen und langweilig.
     Dieser Roman sei "seit langem erwartet" worden, sagt der Klappentext. Das mag wohl sein. Der Rezensent hätte es jedoch begrüßt, wenn der Roman noch etwas länger auf sich hätte warten lassen.
    
     Fazit:
     Finger weg! Dieser Fantasy-Roman hat alles, was einen Verriß rechtfertigt: Schlecht gezeichnete Charaktere, eine langweilige Handlung, die kaum in die Gänge kommt, und zudem einen derart aufgeblasenen Stil, daß man dem Autor gerne mal auf die Finger klopfen würde.
     0 Punkte

Christian Spließ


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