Barbara Jung:

"Tattoos"

D 2000
(309 Seiten, BeJot-Verlag, Book on Demand, ISBN 3-934582-05-2, DM 31,-)
- erschienen: 2000 -
eBook:
(475 kB, RocketEdition, ISBN 3-89856-125-9, DM 9,95)
- erschienen: Dezember 2000 -

Zum Inhalt:
Salvatore Carlomagno wird in einem Abbruchviertel, in dem sich auch sein Antiquitätenladen befindet, von einer Motorradgang umgebracht. Moreno durchsucht zusammen mit seinem Vater und einem seiner Brüder das Geschäft seines Onkels nach Wertsachen, und da er diesen früher einmal an einem Geldversteck beobachtet hat, wird er auch recht schnell fündig. Von den gefundenen 540.000 Dollar übergibt er seinem saufenden und herumhurenden Vater jedoch nur 30.000 - denn 10.000$ braucht er für sich selbst, und die restlichen 500.000$ sind für seine Schwester bestimmt, damit diese sich aus dem Edelbordell herauskaufen kann, in dem sie festhängt.
Aber er findet auch ein Buch mit Zeichnungen antiker Waffen sowie einen Dolch bei dem Geld. Der Dolch landet bei seinem Vater, das Buch bei ihm, da er hier hervorragende Vorlagen für sein Tätowierstudio sieht.
Sein Vater verspielt die 30.000$ Dollar noch am selben Tag, und kurz darauf beschließt Morenos Mutter, ihren Mann zu verlassen, was ihr letztendlich auch gelingt. Morenos Vater kommt jedoch kurz darauf auf unerklärliche Weise durch das Messer, das ein Eigenleben entwickelt zu haben scheint, ums Leben.
Die Motorradgang, die Morenos Onkel umgebracht hat, hat nebenbei auch dessen Laden nach Wertgegenständen untersucht. Viel ist dabei jedoch nicht herausgekommen - bis auf einen alten Spiegel, dessen Rahmen mit vier Silbermünzen verziert ist. Und dieser Spiegel hat es im wahrsten Sinn des Wortes in sich...

Ein weiterer "Horror"-Roman aus der Feder Barbara Jungs - und in der ersten Hälfte vielleicht sogar der bisher beste.
Zwar pflegt sie weiterhin ihren ausschweifenden Stil mitsamt ihrer Adjektivverliebtheit, doch gelingt es ihr hier, eine wirklich atmosphärische Handlung zu Papier zu bringen. Zwar hat diese erste Hälfte nicht besonders viel mit dem Bereich "Horror" zu tun, doch bietet sie ein recht unterhaltsames Lesevergnügen, bei dem zeitweise wirklich Spannung aufkommt.
Zwar krankt der Roman auch hier an eher schablonenhaften Charakterisierungen, bei denen die Guten jedoch ausnahmsweise einmal nicht unbedingt so strahlende Vorbilder sind (dafür sind sie moralisch bis ins äußerste gefestigt, und wenn sie etwas Unmoralisches unternehmen, ist dies entweder durch moralisch unangreifbare Gründe gerechtfertigt, oder sie wurden durch äußere Umstände hierzu gezwungen...). Doch die Bösen sind immer noch die abgrundtief Bösen - und auch hierbei gelingt es der Autorin wieder, sie sogar noch relativ sympathisch zu schildern. Barbara Jung kann halt nicht anders.
Die Faszination bezieht die erste Hälfte des Romans dann auch nicht aus den gelungenen Charakterschilderungen(die jedoch weitaus besser sind als in ihren anderen Romanen und ein durchaus annehmbares Niveau erreichen), sondern durch das unheimliche Element, das mit dem Spiegel und den daraus hervorkommenden Waffen bzw. den fast schon lebendig werdenden Tattoos in die Handlung kommt.
Das Ganze hält den Leser dann bis etwa zur Hälfte des Romans durchaus in einer erwartungsvollen Stimmung - und dann beginnt die Autorin, das aufgebaute Rätsel zu lösen. Dies hätte sie wohl besser nicht getan, denn die angebotene Lösung erweist sich wahrlich als haarsträubend.
"Wahrlich ich sage Euch...": Die Heiligen Drei Könige (ähm, sorry, hier sind's "Magier") werden im Auftrag des Einen durch die Zeit reisen und dem Verbleib der 30 Silberlinge nachspüren, die Judas für den Verrat an Jesus Christus bekommen sollte, denn diese seien verflucht bis in alle Ewigkeit und werden vom Unterteufel persönlich auf die Menschheit losgelassen, um diese zu verderben und Seelen für die Hölle zu sammeln...
Nun, ich weiß nicht - vielleicht liegt es daran, daß ich als Konfessionsloser (Ex-Katholik) meine Probleme mit derart übertriebenen Szenarien der Liebenswürdigkeit (gemischt mit dem Unterteufel...) schlechthin habe, aber das ist doch mehr als nur dick aufgetragen. Das wirkt eher lächerlich...
Barbara Jung verfügt anscheinend über die seltene Fähigkeit, sich selbst um Kopf und Kragen zu schreiben. Während die erste Hälfte des Romans durchaus überzeugen kann und eine gewisse Atmosphäre vorzuweisen in der Lage ist, bietet die zweite Hälfte mit der Lösung des Ganzen eher einen Lacheffekt. Hier wird die Autorin dann stockreligiös, versucht zwar, diese religiöse Handlung in eine modernen Rahmen zu retten, scheitert dabei jedoch schon dadurch, daß sie die alten Bilder teilweise einfach nur in die Neuzeit überführt, jedoch jegliches Hinterfragen außen vor läßt.
Da sind die Heiligen Drei Könige nun Magier, die durch die Zeit reisen, die Nettigkeit in Person darstellen und den Protagonisten aus der Patsche zu helfen versuchen. Da gibt es einen Unterteufel, der sich in der Menschenwelt nebenbei als Zuhälter betätigt, ansonsten aber für die verderblichen Einflüsse der 30 Silberlinge verantwortlich ist...
Es tut mir wirklich leid, aber das lockt nun wahrhaftig keinen toten Hund mehr hinterm Ofen hervor. Diese Pseudo-Religiosität bricht Frau Jung hier das Genick. So ziemlich jede andere Lösung der Handlung wäre sicherlich besser gewesen als diese.
Dabei ist es schade darum, denn die Einführung der Handlung ist Barbara Jung wirklich gut gelungen. Doch dann wird das Ganze einfach wieder zu zuckersüß, als daß es auch nur im Geringsten einen Bezug zur Realität haben könnte.
Und diese Realitätsferne ist weiterhin Barbara Jungs Problem. Sie schildert ihre Protagonisten als absolute Idealvorstellung - und wird dadurch unglaubwürdig bis teilweise gar lächerlich. In der zweiten Hälfte des Romans hebelt sie praktisch alles aus, was sie zu Anfang aufgebaut hat, verweist den Leser in den diffusen Zwischenraum, in dem er nicht mehr entscheiden kann, ob das, was er gelesen hat, nun Schwachsinn oder einfach nur egal ist.
Gut, es mag sein, daß ich in Sachen religiöser Themen nicht unbedingt der richtige Ansprechpartner bin - doch wage ich zu bezweifeln, daß selbst die katholische Kirche sich zu mehr als einem "ist in Ordnung" durchringen könnte.

Fazit:
In der ersten Hälfte recht gut, verflacht die Story in ihrer Auflösung umso mehr. Ein liebenswürdiger Stil prägt die Romane Barbara Jungs, doch bleibt außer einem idealisierten Protagonistenbild nichts übrig. Es ist vergnüglich zu lesen (wenn man nicht weiter darüber nachdenkt), aber mehr mit Sicherheit nicht.
5 Punkte.

Winfried Brand


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