Zum
Inhalt:
Mrs. Coulter hat Lyra in ihre Welt zurückgebracht, wo sie sie
nun im Drogenschlaf vor den Schergen des Himmelreichs versteckt
hält, die sie aufgrund einer alten Prophezeiung hinrichten
wollen. In ihrem Schlaf träumt Lyra von Roger, der sie aus der
Welt der Toten um Hilfe anfleht.
Unterdessen trifft Will auf zwei Engel, die ihn und das Messer zu
Lord Asriel bringen wollen. Doch Will kann Lyra nicht im Stich
lassen, und so willigen die Engel schließlich ein, Will bei
seiner Suche zu helfen, wenn er ihnen danach zu Asriel folgt. Denn
die Engel haben Neuigkeiten über den Allmächtigen
herausgefunden, der im Wolkenberg residiert. Und diese Neuigkeiten
müssen dringend Asriel zu Ohren kommen, denn sie können
über den Ausgang der Konfrontation entscheiden.
Währenddessen rüstet der Engel Metatron für die finale
Auseinandersetzung, die das Schicksal der Lebewesen auf allen Welten
entscheiden wird, das eng mit dem Phänomen des Staubs verbunden
ist...
Zu diesem Roman gibt es zuallererst nur eine Bemerkung zu
erwähnen: ENDLICH ist er erschienen! Philip Pullman hat sich mit
diesem Roman reichlich Zeit gelassen, liegt doch zwischen ihm und
seinem Vorgänger der Zeitraum von drei Jahren. Angesichts der
Tatsache, daß der Verlag die Zielgruppe mit "12-14 Jahre"
angibt, ist das ein ziemliches Unding, sind doch die meisten derer,
die den zweiten Band gelesen haben, inzwischen aus der Kernzielgruppe
herausgewachsen. Glücklicherweise hat sich die Trilogie einen
Leserkreis erobert, bei dem die verlagsvorgegebene Kernzielgruppe nur
eine relativ geringe Teilmenge bildet. Denn die Leserschaft von "His
Dark Materials", wie die im Deutschen namenlose Trilogie im Original
bezeichnet wird, dürfte in etwa ähnlich breitgefächert
sein wie die der "Harry Potter"-Romane.
Aber kommen wir jetzt endlich zum Roman...
Das lange Warten hat sich jedenfalls gelohnt. Philip Pullman ist mit
dem "Bernstein-Teleskop" ein überaus faszinierender,
märchenhafter und vor allem hochinteressanter Abschluß
seiner Trilogie gelungen. Einzig und allein der an einzelnen Stellen
ein wenig zu sehr erhobene "Moralfinger" stört den ansonsten
absolut ungetrübten Lesespaß ein wenig.
Pullman beschreibt die Mission von Lyra und Will sehr bildhaft und
anschaulich, der Roman sprüht nur so vor Phantasie. Doch bei
aller Phantasie gelingt es dem Autor, die Geschichte lebensnah zu
gestalten. Dabei verwendet er eine Unzahl von Sinnbildern, die die
Lektüre des Romans jedoch auch recht anspruchsvoll
gestalten.
Und hier kommen wir zu einer weiteren Feststellung: Die "Harry
Potter"-Romane mögen bewiesen haben, daß die Jugend doch
noch liest - doch Pullmans Trilogie (bzw. deren offensichtlicher
Erfolg) beweist, daß zumindest ein Teil dieser Jugend auch
anspruchsvolle Literatur liest. Denn (ohne Joanne Rowlings Leistung
schmälern zu wollen - sie schreibt wirklich wundervolle
Romane!): Philip Pullman schreibt stilistisch in einer vollkommen
anderen Liga, ist sprachlich wesentlich anspruchsvoller. Während
ich die Potter-Romane im Original praktisch in der gleichen
Geschwindigkeit lese wie die deutsche Übersetzung, habe ich
diesen Band im Original angefangen und nach knapp 100 Seiten
aufgegeben. (Dies aufgrund der bis dahin vergangenen rund 10 Stunden,
meiner knapp bemessenen Zeit und der einfachen Tatsache, daß
das Buch bereits auf Deutsch erschienen war - vor allem letzteres
erleichterte die Entscheidung ungemein ;-)))...)
Hinzu kommt, daß leider weder in der Übersetzung noch im
Original eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse vorhanden
ist. Angesichts der Dauer von drei Jahren seit dem letzten Band und
der recht komplexen Handlung ist hier eindeutig die nochmalige
Lektüre der ersten beiden Bänden höchst
empfehlenswert, da der Leser andernfalls deutliche
Einstiegsschwierigkeiten bemerken wird.
Auch derjenige sei gewarnt, der mit diesem dritten Band beginnen
möchte, ohne die ersten beiden Romane zu kennen. Ein solches
Vorhaben ist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dieser
Roman setzt die Kenntnis der beiden Vorgänger "Der goldene
Kompaß" sowie "Das magische Messer" zwingend voraus. Beide
Romane sind sowohl bei Carlsen (als Hardcover) wie auch bei Heyne
(als Taschenbuch) erschienen. Rezensionen dazu finden sich hier:
Band 1 - Band
2.
Eins noch zum Schluß: Der Roman ist (natürlich -
angesichts der Kernzielgruppe...) in neuer deutscher Rechtschreibung
gehalten. Naja, oder vielleicht auch nicht. Ich gebe offen zu: Ich
habe keine Ahnung, ob das folgende mit der neuen dt. Rechtschreibung
konform geht: Schweizermesser. Dieser Ausdruck wird durchgehend
verwendet und sorgte bei mir für den "running gag" des Romans -
und dementsprechend für ein gewisses Dauergrinsen. Immerhin: Mit
einem Brotmesser schneidet man Brot, mit einem Käsemesser
Käse, mit einem Fischmesser Fisch und mit einem Steakmesser
Steaks. Nur - was schneidet man mit einem "Schweizermesser"??? ;-)))
So ganz ehrlich gesagt: Ich kann irgendwie nicht glauben, daß
dieser Ausdruck wirklich eine Auswirkung der neuen dt.
Rechtschreibung ist (ein vielleicht denkbarer romanspezifischer
Ausdruck - weshalb auch immer - ist es jedenfalls auch nicht, denn im
Original steht hier - ganz wie zu erwarten - einfach nur "swiss
knife"...) Angesichts solcher Ausrutscher kann man der FAZ
bezüglich ihrer Aussagen über die Qualität (* Da
meinst Du sicher "Quälität", ne? :-) Merkwürdig, wo
hab' ich jetzt dieses Wort nur her? Sollte man vielleicht - auch
speziell im Hinblick auf Neudeutsch - für das Unwort des Jahres
vorschlagen... ;-))) Heike) und Auswirkung der "Reform" nur
zustimmen. Das war wohl nix...
Fazit:
"Das Bernstein-Teleskop" bildet den äußerst gelungenen
Abschluß einer hervorragenden Trilogie, die nicht nur der
Kernzielgruppe der 12-14jährign sehr gute und sprachlich
ziemlich anspruchsvolle Unterhaltung bietet, sondern auch dem
älteren Leser. Manchmal stimmt der alte Spruch ja doch: "Was
lange währt, wird endlich gut." In diesem Fall hat sich die
Wartezeit auf den letzten Band der Trilogie wirklich gelohnt.
14 Punkte.
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