Philip Pullman:

"Das Bernstein-Teleskop"

(3. Band der Trilogie)
OT: His Dark Materials 3: The Amber Spyglass
Ü: Wolfram Ströle und Reinhard Tiffert
GB 2000
(596 Seiten, Hardcover, Carlsen, ISBN 3-551-58037-5, DM 39.90)
- erschienen: Januar 2001 -

Zum Inhalt:
Mrs. Coulter hat Lyra in ihre Welt zurückgebracht, wo sie sie nun im Drogenschlaf vor den Schergen des Himmelreichs versteckt hält, die sie aufgrund einer alten Prophezeiung hinrichten wollen. In ihrem Schlaf träumt Lyra von Roger, der sie aus der Welt der Toten um Hilfe anfleht.
Unterdessen trifft Will auf zwei Engel, die ihn und das Messer zu Lord Asriel bringen wollen. Doch Will kann Lyra nicht im Stich lassen, und so willigen die Engel schließlich ein, Will bei seiner Suche zu helfen, wenn er ihnen danach zu Asriel folgt. Denn die Engel haben Neuigkeiten über den Allmächtigen herausgefunden, der im Wolkenberg residiert. Und diese Neuigkeiten müssen dringend Asriel zu Ohren kommen, denn sie können über den Ausgang der Konfrontation entscheiden.
Währenddessen rüstet der Engel Metatron für die finale Auseinandersetzung, die das Schicksal der Lebewesen auf allen Welten entscheiden wird, das eng mit dem Phänomen des Staubs verbunden ist...

Zu diesem Roman gibt es zuallererst nur eine Bemerkung zu erwähnen: ENDLICH ist er erschienen! Philip Pullman hat sich mit diesem Roman reichlich Zeit gelassen, liegt doch zwischen ihm und seinem Vorgänger der Zeitraum von drei Jahren. Angesichts der Tatsache, daß der Verlag die Zielgruppe mit "12-14 Jahre" angibt, ist das ein ziemliches Unding, sind doch die meisten derer, die den zweiten Band gelesen haben, inzwischen aus der Kernzielgruppe herausgewachsen. Glücklicherweise hat sich die Trilogie einen Leserkreis erobert, bei dem die verlagsvorgegebene Kernzielgruppe nur eine relativ geringe Teilmenge bildet. Denn die Leserschaft von "His Dark Materials", wie die im Deutschen namenlose Trilogie im Original bezeichnet wird, dürfte in etwa ähnlich breitgefächert sein wie die der "Harry Potter"-Romane.
Aber kommen wir jetzt endlich zum Roman...
Das lange Warten hat sich jedenfalls gelohnt. Philip Pullman ist mit dem "Bernstein-Teleskop" ein überaus faszinierender, märchenhafter und vor allem hochinteressanter Abschluß seiner Trilogie gelungen. Einzig und allein der an einzelnen Stellen ein wenig zu sehr erhobene "Moralfinger" stört den ansonsten absolut ungetrübten Lesespaß ein wenig.
Pullman beschreibt die Mission von Lyra und Will sehr bildhaft und anschaulich, der Roman sprüht nur so vor Phantasie. Doch bei aller Phantasie gelingt es dem Autor, die Geschichte lebensnah zu gestalten. Dabei verwendet er eine Unzahl von Sinnbildern, die die Lektüre des Romans jedoch auch recht anspruchsvoll gestalten.
Und hier kommen wir zu einer weiteren Feststellung: Die "Harry Potter"-Romane mögen bewiesen haben, daß die Jugend doch noch liest - doch Pullmans Trilogie (bzw. deren offensichtlicher Erfolg) beweist, daß zumindest ein Teil dieser Jugend auch anspruchsvolle Literatur liest. Denn (ohne Joanne Rowlings Leistung schmälern zu wollen - sie schreibt wirklich wundervolle Romane!): Philip Pullman schreibt stilistisch in einer vollkommen anderen Liga, ist sprachlich wesentlich anspruchsvoller. Während ich die Potter-Romane im Original praktisch in der gleichen Geschwindigkeit lese wie die deutsche Übersetzung, habe ich diesen Band im Original angefangen und nach knapp 100 Seiten aufgegeben. (Dies aufgrund der bis dahin vergangenen rund 10 Stunden, meiner knapp bemessenen Zeit und der einfachen Tatsache, daß das Buch bereits auf Deutsch erschienen war - vor allem letzteres erleichterte die Entscheidung ungemein ;-)))...)
Hinzu kommt, daß leider weder in der Übersetzung noch im Original eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse vorhanden ist. Angesichts der Dauer von drei Jahren seit dem letzten Band und der recht komplexen Handlung ist hier eindeutig die nochmalige Lektüre der ersten beiden Bänden höchst empfehlenswert, da der Leser andernfalls deutliche Einstiegsschwierigkeiten bemerken wird.
Auch derjenige sei gewarnt, der mit diesem dritten Band beginnen möchte, ohne die ersten beiden Romane zu kennen. Ein solches Vorhaben ist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dieser Roman setzt die Kenntnis der beiden Vorgänger "Der goldene Kompaß" sowie "Das magische Messer" zwingend voraus. Beide Romane sind sowohl bei Carlsen (als Hardcover) wie auch bei Heyne (als Taschenbuch) erschienen. Rezensionen dazu finden sich hier: Band 1 - Band 2.
Eins noch zum Schluß: Der Roman ist (natürlich - angesichts der Kernzielgruppe...) in neuer deutscher Rechtschreibung gehalten. Naja, oder vielleicht auch nicht. Ich gebe offen zu: Ich habe keine Ahnung, ob das folgende mit der neuen dt. Rechtschreibung konform geht: Schweizermesser. Dieser Ausdruck wird durchgehend verwendet und sorgte bei mir für den "running gag" des Romans - und dementsprechend für ein gewisses Dauergrinsen. Immerhin: Mit einem Brotmesser schneidet man Brot, mit einem Käsemesser Käse, mit einem Fischmesser Fisch und mit einem Steakmesser Steaks. Nur - was schneidet man mit einem "Schweizermesser"??? ;-))) So ganz ehrlich gesagt: Ich kann irgendwie nicht glauben, daß dieser Ausdruck wirklich eine Auswirkung der neuen dt. Rechtschreibung ist (ein vielleicht denkbarer romanspezifischer Ausdruck - weshalb auch immer - ist es jedenfalls auch nicht, denn im Original steht hier - ganz wie zu erwarten - einfach nur "swiss knife"...) Angesichts solcher Ausrutscher kann man der FAZ bezüglich ihrer Aussagen über die Qualität (* Da meinst Du sicher "Quälität", ne? :-) Merkwürdig, wo hab' ich jetzt dieses Wort nur her? Sollte man vielleicht - auch speziell im Hinblick auf Neudeutsch - für das Unwort des Jahres vorschlagen... ;-))) Heike) und Auswirkung der "Reform" nur zustimmen. Das war wohl nix...

Fazit:
"Das Bernstein-Teleskop" bildet den äußerst gelungenen Abschluß einer hervorragenden Trilogie, die nicht nur der Kernzielgruppe der 12-14jährign sehr gute und sprachlich ziemlich anspruchsvolle Unterhaltung bietet, sondern auch dem älteren Leser. Manchmal stimmt der alte Spruch ja doch: "Was lange währt, wird endlich gut." In diesem Fall hat sich die Wartezeit auf den letzten Band der Trilogie wirklich gelohnt.
14 Punkte.

Winfried Brand


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