Kerris, der
Neffe des Burgherrn von Tornor, fühlt sich in der Burg nicht
besonders wohl. Eigentlich gehört er auch nicht nach Tornor,
wurde er doch in Elath geboren, einer Stadt weit im Süden. Da er
als Dreijähriger bei einem Überfall der Asach, einem
Wüstenstamm, seinen linken Arm verloren hat, ist eine Karriere
als Soldat ausgeschlossen. So wurde er Josen zugeteilt, dem
Schreiber.
Kerris weiß seit seiner Kindheit, daß in ihm eine
besondere Gabe schlummert, die ab und an an die Oberfläche
gerät: Er kann sich geistig mit seinem Bruder Kel, einem Cheari,
verbinden. Doch er kann dieses magische Talent nicht
kontrollieren.
Eines Tages nun steht Kel vor der Tür der Burg und
verkündet, daß er Kerris in seine Geburtsstadt Elath
mitnehmen möchte. Dort hat er noch lebende Verwandte. Für
Kerris ist es die Erfüllung eines langgehegten Traumes. Auf der
Reise merkt er schnell, daß das Leben der Cheari nicht
unbedingt immer so ist, wie er es sich erträumt hat.
Er ahnt noch nicht, daß er am Ende der Reise erneut den Asach
gegenübertreten wird. Und er weiß auch noch nicht, ob der
Haß, den er empfindet, durch die Lehren der Cheari im Zaun
gehalten werden kann...
Wer in diesem zweiten Band die Fortsetzung der Geschichte des Ersten
erwartet, wird enttäuscht sein. Zu Kerris' Zeiten liegt die
Herrschaft von Sorren bereits so tief in der Vergangenheit
zurück, daß man schon nicht mehr zwischen Wahrheit und
Legende unterscheiden kann. Der Leser erfährt nur, daß
Kerwin im Kampf gestorben ist.
Lynn erzählt also eine komplett neue Geschichte mit altbekanntem
Hintergrund. Und diese unterscheidet sich vollständig von der
des ersten Bandes. Standen dort Kerwins Rache und die Eroberung
Tornors im Vordergrund, so widmet sich die Autorin in diesem Roman
mehr der inneren Entwicklung eines jungen Erwachsenen zum reifen
Mann.
Und das gelingt ihr durchaus. Zu Beginn der Handlung ist Kerris ein
junger Mann, der zwar mit dem Leben in Tornor nicht so recht
zufrieden ist, sich aber - da es keine großartigen Alternativen
gibt - mit dem Leben begnügt, das er kennt. Seine Gabe, die er
erst allmählich zu beherrschen lernt, und seine Behinderung tun
ein übriges dazu, sein Selbstbewußtsein zu
schwächen.
Als Kel in sein Leben tritt, ist Kerris zunächst von der
Lebensweise der Cheari fasziniert, die mittlerweile zu einem eigenen
Clan geworden sind. Geschickt nutzt die Autorin die verschiedenen
Charaktere innerhalb der Gruppe dazu, Kerris begreifen zu machen,
daß auch die Lebensweise der Cheari nicht frei von Konflikten
ist, was Kerris innerlich reifen läßt. Dies auf der einen
Seite - und andererseits die erotische Beziehung zu Kel. Damit
berührt die Autorin durchaus ein heikles Terrain - nicht nur die
homosexuelle Beziehung zwischen den beiden Brüdern, sondern auch
den daraus folgenden Inzest. Dem einen oder anderen wird das
garantiert etwas übel aufstoßen, und auch der Rezensent
hatte so seine Bedenken. Man mag einwenden, das dies ja nur ein Roman
ist. Und die sexuellen Begegnungen der beiden sind wirklich
einfühlsam und ohne billigen Schmalz geschildert. Dennoch - es
ist schon irgendwie seltsam, wenn man solche Szenen in einem
Fantasy-Roman liest. Wohlgemerkt, der Rezensent hat nichts gegen
homosexuelle Beziehungen in irgendwelchen Romanen, aber dieser
Inzest-Aspekt... (* Hey, Du weißt doch: Inzest ist eine
reine Familienangelegenheit... ;-) Heike)
Die Geschichte eines jungen Mannes auf dem Weg zu sich selbst
erzählt Elizabeth Lynn in einem angenehm zu lesenden Stil, der
den Leser nicht mehr losläßt, wenn er ihn einmal gepackt
hat. Sie versteht es, überzeugende Charaktere zu entwickeln,
auch wenn diese das eine oder andere Mal arg heroisch daherkommen.
Man darf auf den dritten Teil gespannt sein.
Fazit:
Wer Schlachtgemälde mag, sollte lieber auf andere Romane
ausweichen. Wer stattdessen die intelligent erzählte Geschichte
eines jungen Mannes lesen möchte, sollte hier bedenkenlos
zugreifen. Trotz der teilweisen inzestuösen Aspekte der
Handlung.
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