Elizabeth A. Lynn:

"Der Rat der Hexer"

(Die Türme von Tornor 2)
(383 Seiten, Taschenbuch, Knaur 70211, ISBN 3-426-70211-8, DM 17,90)
- erschienen: Februar 2001 -

Kerris, der Neffe des Burgherrn von Tornor, fühlt sich in der Burg nicht besonders wohl. Eigentlich gehört er auch nicht nach Tornor, wurde er doch in Elath geboren, einer Stadt weit im Süden. Da er als Dreijähriger bei einem Überfall der Asach, einem Wüstenstamm, seinen linken Arm verloren hat, ist eine Karriere als Soldat ausgeschlossen. So wurde er Josen zugeteilt, dem Schreiber.
Kerris weiß seit seiner Kindheit, daß in ihm eine besondere Gabe schlummert, die ab und an an die Oberfläche gerät: Er kann sich geistig mit seinem Bruder Kel, einem Cheari, verbinden. Doch er kann dieses magische Talent nicht kontrollieren.
Eines Tages nun steht Kel vor der Tür der Burg und verkündet, daß er Kerris in seine Geburtsstadt Elath mitnehmen möchte. Dort hat er noch lebende Verwandte. Für Kerris ist es die Erfüllung eines langgehegten Traumes. Auf der Reise merkt er schnell, daß das Leben der Cheari nicht unbedingt immer so ist, wie er es sich erträumt hat.
Er ahnt noch nicht, daß er am Ende der Reise erneut den Asach gegenübertreten wird. Und er weiß auch noch nicht, ob der Haß, den er empfindet, durch die Lehren der Cheari im Zaun gehalten werden kann...

Wer in diesem zweiten Band die Fortsetzung der Geschichte des Ersten erwartet, wird enttäuscht sein. Zu Kerris' Zeiten liegt die Herrschaft von Sorren bereits so tief in der Vergangenheit zurück, daß man schon nicht mehr zwischen Wahrheit und Legende unterscheiden kann. Der Leser erfährt nur, daß Kerwin im Kampf gestorben ist.
Lynn erzählt also eine komplett neue Geschichte mit altbekanntem Hintergrund. Und diese unterscheidet sich vollständig von der des ersten Bandes. Standen dort Kerwins Rache und die Eroberung Tornors im Vordergrund, so widmet sich die Autorin in diesem Roman mehr der inneren Entwicklung eines jungen Erwachsenen zum reifen Mann.
Und das gelingt ihr durchaus. Zu Beginn der Handlung ist Kerris ein junger Mann, der zwar mit dem Leben in Tornor nicht so recht zufrieden ist, sich aber - da es keine großartigen Alternativen gibt - mit dem Leben begnügt, das er kennt. Seine Gabe, die er erst allmählich zu beherrschen lernt, und seine Behinderung tun ein übriges dazu, sein Selbstbewußtsein zu schwächen.
Als Kel in sein Leben tritt, ist Kerris zunächst von der Lebensweise der Cheari fasziniert, die mittlerweile zu einem eigenen Clan geworden sind. Geschickt nutzt die Autorin die verschiedenen Charaktere innerhalb der Gruppe dazu, Kerris begreifen zu machen, daß auch die Lebensweise der Cheari nicht frei von Konflikten ist, was Kerris innerlich reifen läßt. Dies auf der einen Seite - und andererseits die erotische Beziehung zu Kel. Damit berührt die Autorin durchaus ein heikles Terrain - nicht nur die homosexuelle Beziehung zwischen den beiden Brüdern, sondern auch den daraus folgenden Inzest. Dem einen oder anderen wird das garantiert etwas übel aufstoßen, und auch der Rezensent hatte so seine Bedenken. Man mag einwenden, das dies ja nur ein Roman ist. Und die sexuellen Begegnungen der beiden sind wirklich einfühlsam und ohne billigen Schmalz geschildert. Dennoch - es ist schon irgendwie seltsam, wenn man solche Szenen in einem Fantasy-Roman liest. Wohlgemerkt, der Rezensent hat nichts gegen homosexuelle Beziehungen in irgendwelchen Romanen, aber dieser Inzest-Aspekt... (* Hey, Du weißt doch: Inzest ist eine reine Familienangelegenheit... ;-) Heike)
Die Geschichte eines jungen Mannes auf dem Weg zu sich selbst erzählt Elizabeth Lynn in einem angenehm zu lesenden Stil, der den Leser nicht mehr losläßt, wenn er ihn einmal gepackt hat. Sie versteht es, überzeugende Charaktere zu entwickeln, auch wenn diese das eine oder andere Mal arg heroisch daherkommen. Man darf auf den dritten Teil gespannt sein.

Fazit:
Wer Schlachtgemälde mag, sollte lieber auf andere Romane ausweichen. Wer stattdessen die intelligent erzählte Geschichte eines jungen Mannes lesen möchte, sollte hier bedenkenlos zugreifen. Trotz der teilweisen inzestuösen Aspekte der Handlung.
12 Punkte

Christian Spließ


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