Andreas Eschbach:

"Das Marsprojekt"

D 2000
(318 Seiten, Hardcover, Arena Verlag, ISBN 3-401-05111-3, DM 24,80)
- erschienen: Februar 2001 -

Zum Inhalt:
Elinn ist eines der vier "Marskinder" in der Kolonie. Des öfteren bemerkt sie ein seltsames Leuchten, das von niemand anderem wahrgenommen wird, und sie ist auch die einzige, die seltsamen Artefakte findet, die für sie auf Marsianer hindeuten, die jedoch allgemein als unmöglich angesehen werden.
Nach einem Regierungswechsel soll die Marsstation jedoch aufgegeben werden, was nicht nur den Kolonisten gewaltig gegen den Strich geht, sondern im besonderen Maße den vier Kindern, die die Erde nie kennengelernt haben, dafür aber den Mars als ihre Heimat ansehen. Vor allem Elinn hat kein gesteigertes Interesse daran, die Erde intensiver kennenzulernen, da sie hier aufgrund eines Lungendefekts nicht lange überleben könnte. Und so müssen sich die Kinder etwas einfallen lassen, wie die Marskolonie gerettet werden kann...

Andreas Eschbachs neuestes Werk richtet sich an die Zielgruppe der 12-14jährigen - und hier ist es wohl auch am besten aufgehoben. Denn obwohl der Autor auch hier gut zu unterhalten weiß, paßt er seinen Stil dem Wortschatz der primären Zielgruppe an, vor allem in der wörtlichen Rede; teilweise verfällt er aber auch bei den Beschreibungen in einen in mancher Hinsicht schludrigen Stil. Dieser ist zwar der Zielgruppe angemessen, bewirkt jedoch bei Erwachsenen schon das eine oder andere Mal ein Kopfschütteln.
Allerdings kann dieser Roman durchaus auch im zielgruppenfernen Bereich überzeugen. Es macht vor allem Spaß, ihn zu lesen. Die Handlung ist zwar ein wenig jugendlichengerecht aufgebaut, und manchmal scheint Andreas Eschbach (ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten) ein wenig bei den logischen Zusammenhängen geschlampt zu haben, doch fällt dies wahrscheinlich wirklich nur dem intensiv lesenden Rezensenten auf. Wäre dies der einzige Kritikpunkt, könnte man sicherlich problemlos darüber hinweglesen und den reinen Spaß an den Beschreibungen in den Vordergrund stellen. Doch das aus der Sicht eines Erwachsenen herausragendste Problem des Romans findet sich sicherlich in der eher mageren Faszination der Handlung.
Andreas Eschbach hat sich (aus der Sicht des SF-Fans gesehen, der mindestens eine "2" am Anfang seines Alters stehen hat) unglücklicherweise das Thema "Mars " für seinen Roman ausgesucht. Vielleicht mögen Jugendliche hiermit noch nicht übersättigt und von den Beschreibungen des Roten Planen fasziniert sein, doch einem dem Teeniealter bereits entwachsenen SF-Fan dürfte dies nur noch ein müdes Gähnen entlocken können. Dieser hat sich wohl eher von Kim Stanley Robinsons "Mars"-Trilogie verzaubern lassen, hat Greg Bears "Heimat Mars" noch interessiert gelesen und ist dann bei Ben Bovas "Mars" bei den Beschreibungen des fremden Planeten eingeschlafen. Und seit Brian Aldiss'/Roger Penroses "Weißer Mars" ist dieses Thema ein rotes Tuch für ihn. Der Markt wurde in den letzten rund zwei Jahren mit Werken geradezu überschwemmt, die dieses Thema behandeln. Folgerichtig geht die Faszination verloren.
Doch dieser Roman richtet sich hauptsächlich an jungendliche Leser, und so sollte man dies nicht überbewerten.
Die Geschichte, die Andreas Eschbach erzählt, bewegt sich jedenfalls auf recht hohem Jugendbuchniveau - und ist auch durchaus für diejenigen gute Unterhaltung, die diesem Alter Lebewohl gesagt haben. Das Ende allerdings schreit förmlich nach einer Fortsetzung - und dann könnte es auch für den "älteren" SF-Leser wirklich faszinierend werden.

Fazit:
Das Thema "Mars" ist inzwischen so ausgelutscht, daß selbst Andreas Eschbach (zumindest in einem Jugendbuch) diesem keine wirkliche Faszination mehr abgewinnen kann. Trotz allem bleibt ein vergnüglicher Roman, der für die Zielgruppe mehr als nur angemessen ist. Ältere SF-Leser sollten hier durchaus über ihren Schatten springen und einen Blick riskieren. Gute Unterhaltung bietet dieser Roman allemal, und der Spaß an der Lektüre kommt auch nicht zu kurz.
Zielgruppenwertung:
13 Punkte
"Erwachsenen"-Wertung:
10 Punkte

Winfried Brand

An dieses Buch bin ich mit einer gewissen Skepsis herangegangen.
Einerseits dürfen bei einem neuen Roman von Andreas Eschbach, der in den letzten Jahren beinahe ein Abonnement auf deutsche SF-Preise hatte, die Erwartungen recht hoch angesetzt werden. "Das Jesusvideo" war ein fesselnder Thriller, "Solarstation" ein hochklassiger Action-Roman.
Andererseits ist "Das Marsprojekt" als Jugendbuch für unsere Kleinen ausgewiesen, und dieser Zielgruppe fühlt man sich mit knapp 40 Jahren nun wirklich nicht mehr zugehörig. Hinzu kommt, daß auch das Thema "Roter Planet" in der letzten Zeit ziemlich oft aufgegriffen wurde. Bleibt also von Anfang an die Hoffnung/Erwartung, daß es auf dem Mars nicht ganz so langweilig zugeht wie in all den Büchern und Filmen der letzten Zeit...
Die Protagonisten, sprich: "Helden", sind vier Kinder/Jugendliche, zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, die die von der Erdregierung verfügte Auflösung der ersten Marssiedlung mit allen Mitteln zu verhindern versuchen. Sie sind fest entschlossen, auf dem Roten Planeten zu bleiben, auf dem sie geboren und/oder aufgewachsen sind - und sie tun alles in ihrer Macht stehende, um dieses Ziel zu erreichen.
Die Vorbereitungen zur Stillegung der Kolonie verlaufen zunächst geheim; die Entscheidung hat von Anfang an den Charakter einer Verschwörung - keiner der Marssiedler ahnt etwas davon, bis die "Marskinder" dieser Sache dann mit Hilfe eines irdischen Journalisten auf die Schliche kommen.
Die Kinder sind insgesamt, wie sich das für ein Jugendbuch gehört, ziemlich einfallsreich, und die Erwachsenen schauen mehr als einmal blöd aus der Wäsche. Doch alle Anstrengungen der vier Freunde nützen letztlich nichts - bis sie eine aufsehenerregende Entdeckung machen, die die Zukunft der Marskolonie auch für die Erdregierung in ein völlig neues Licht setzt.
Der brillante Schreibstil fängt den Leser von Anfang an ein - doch im Grunde genommen ist die Story recht dünn. Auch bleibt die Frage, weshalb sich der Autor ausgerechnet den Mars vorgenommen hat: Heutzutage hocken auch jüngere Kinder schon bei Star Trek vor dem Fernseher, und gerade für Kinder dürften Raumschiffe doch deutlich interessanter sein als eine Kolonie auf einem öden Planeten. Andererseits: Diese Umgebung und die nicht allzu ferne Zukunft sollen dem Ganzen vielleicht einen Touch von "Realismus" verleihen.
Die Geschichte ist - und diese Fähigkeit beherrscht der Autor einfach - erstklassig durchkonstruiert. Alle Stränge laufen exakt und präzise beschrieben auf das Ende zu. All dies ist in einer durchaus jugendgerechten Weise verpackt - bei der man jedoch als Erwachsener einige Abstriche machen muß.
Andreas Eschbach arbeitet mit etlichen Klischees: Da gibt es einen intelligenten Computer, eine KI, die den Kindern immer dann hilft, wenn diese mit ihren (zugegebenermaßen recht bescheidenen) Mitteln nicht weiterkommen. Tom Pigrato, der von der Erdregierung eingesetzte Leiter der Marskolonie, wird von Anfang an schlicht als "Statthalter" bezeichnet (dieser Begriff ist im deutschen Sprachgebrauch nicht gerade positiv besetzt); zudem gibt er sich im Lauf der Story ziemlich autokratisch. Die Raumschiffe der Raumfahrtbehörde tragen im Zeitalter politischer Korrektheit Eigennamen wie MAHATMA GANDHI und MARTIN LUTHER KING, und in der Ära von BSE, Maul- und Klauenseuche sowie Schweinemast-Skandal ernährt man sich in der Marskolonie selbstredend weitgehend vegetarisch (es gibt lediglich einige Hühner und eine Fischzucht) - wenngleich dies wirklich gut begründet wird. Die Lebensläufe der Kinder spiegeln (ebenfalls politisch korrekt) die heutige gesellschaftliche Wirklichkeit wider; sie leben bei alleinerziehenden Elternteilen. Intakte Familien sind passé.
Ein Hauch von Tragik darf selbstredend nicht fehlen: Die kleine Elinn kann auf der Erde aus medizinischen Gründen nicht überleben. Ihre Lungen sind dem hohen Luftdruck auf der Erde nicht gewachsen; d. h.: Bei einer Rückkehr zur Erde müßte sie sterben. Der Senator, der die Schließung der Kolonie verfügt, ist schon laut Klappentext ein machthungriger Politiker, der lediglich behauptet, das Marsprogramm sei gescheitert. Dann zieht er mit Hilfe eines dubiosen Vertrags auch noch Elinns Mutter über den Tisch (listig, listig).

Fazit:
Ein zielgruppenorientierter Roman, der 10- bis 12jährigen (* Hier nur kurz ein Hinweis: Die angestrebte Zielgruppe ist die der 12-14jährigen. Winy) mit Sicherheit Spaß machen wird. Andererseits habe ich gemerkt, daß ich wohl doch schon zu alt für derartige Werke bin. Ich warte doch lieber auf den nächsten "echten" Eschbach, der schon in wenigen Monaten herauskommen soll ("Quest").
Zielgruppen-Wertung daher 12 Punkte.
Aus Sicht eines erwachsenen Lesers gibt es noch 9 Punkte.

HaJo Kleimann

Für Andreas Eschbach scheint nichts beständiger zu sein als der Wechsel. Nachdem seine vorherigen Romane das Action-Genre gestreift, augenzwinkernd die ET-Problematik behandelt und auch die Zeitreise mit ihren Möglichkeiten abgeklopft haben, wendet sich Eschbach nun dem Kinder- und Jugendroman zu. "Das Marsprojekt" wendet sich an die Zielgruppe der Zwölf- bis Vierzehnjährigen.
Nicht nur für diese bietet der Roman eine sehr spannende Handlung, bei der ab und an auch wissenschaftliche Informationen einfließen. Der erwachsene Leser wird diese Fakten schon kennen, aber der Zwölfjährige lernt doch recht viel über den Mars.
Natürlich hat dieser Roman jugendliche Helden. Wobei es auch die sehr hilfreichen Erwachsenen gibt. Am meisten bleiben einem die bösen Schurken im Gedächtnis - man fiebert praktisch mit, wenn die Kinder mit allen Mitteln versuchen, auf dem Mars zu bleiben. Und als die Mutter von Elinn Faggan den Vertrag unterschreibt, würde man Pigrato am liebsten ohne Schutzanzug auf die Marsoberfläche schicken. ;-)
Eschbach hat sich sehr gut in den jugendlichen Leser hineingedacht. Die gemischte Truppe bietet für jeden etwas - sowohl für den draufgängerischen Jungen als auch für das eher romantisch veranlagte Mädchen - wobei Eschbach hier nicht in die alten Klischees (hier robuster Junge - dort weiches Mädchen) verfällt.
Für die Handlung braucht man als erwachsener Leser schon ein wenig Einarbeitungszeit. Die Unterschiede in der Wortwahl und im Satzbau gegenüber den Erwachsenen-Romanen sind sehr deutlich. Dann aber packt es einen doch, und man legt den Roman nur ungern wieder aus der Hand. Es macht einfach Spaß, den Jugendlichen bei all ihren Intrigen gegen Pigrato zuzusehen. Wie gesagt, die Charaktere sind gut gezeichnet, lebendig und plastisch.
Was ist sonst noch zu sagen? Nun gut, als Erwachsener wird man sicherlich schon das eine oder andere Buch zum Thema Mars gelesen haben. Abgesehen davon, daß das Thema zur Zeit sowieso recht en vogue ist - man bedenke allein schon die Filme, die im Kino zum roten Planeten zu sehen waren. Jugendliche jedoch werden wohl anders an diese Thematik herangehen.

Fazit:
Eine spannenden Handlung und lebendige Charaktere machen diesen Roman nicht nur für den erwachsenen Leser interessant.
Zielgruppenwertung 14 Punkte

Erwachsenenwertung 12 Punkte

Christian Spließ


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