Band 29: "Die neue Macht"

Autorin: Claudia Kern

Endlich ist Matt in Washington angekommen. Als er aber durch die Stadttore in die Stadt gehen will, wird er von den Wächtern abgewiesen. Er gibt so schnell nicht auf. Ein Schlepper bietet ihm seine Dienste an, und Matt gelangt tatsächlich bis in die Nähe der Stadtmauer. Allerdings erweist sich der Schlepper als Ganove, der zusammen mit seinem Kumpanen arglose Männer ausraubt. Matt kann sich gegen ihn zur Wehr setzen, und es gelingt ihm sogar, einige Meter in Richtung Stadtmauer zurückzulegen, bevor er einbricht und mitten in eine Gruppe Illegaler gerät. Nicht gerade eine ideale Situation - aber Matt nutzt die Überwachungskamera, die er bald darauf entdeckt, um die Aufmerksamkeit der Washingtoner Community auf sich zu lenken. Das gelingt ihm auch.
Die Community in Washington versteht sich als eine Art Weltrat. Nachdem Matt dekontaminiert und zudem mit einer Art elektronischer ID versehen wurde, folgt er Dayna, einer jungen Techno, zum Präsidenten Victor Hymes. (Dieser sieht laut Cover irgendwie wie Sean Connery aus. ;-)) Er ahnt nicht, daß seine Ankunft die Fronten zwischen den Bewahrern und den Forschern innerhalb des Senats verhärtet.
Unterdessen hat Dayna persönliche Probleme. Malcolm, ihr Freund, ist nicht nur rasend eifersüchtig, sondern auch in höchstem Maß psychotisch. Als Dayna einer Auseinandersetzung mit ihm mittels einer Lüge aus dem Weg geht, rastet er endgültig aus.
Nach dem Gespräch mit dem Präsidenten - der wegen des Serums, das den Technos den Aufenthalt an der Oberfläche ermöglicht, keine Zusagen macht - fühlt sich Matt merkwürdig benommen. Zurück in seiner Zelle wird er immer öfter das Opfer von Halluzinationen - er kann nicht mehr unterscheiden, was real und was nicht. Diesen Zustand nutzt Malcolm aus, indem er Matt, der ohnehin schon wegen einem Ausraster in Schwierigkeiten ist, einen Mord anhängt. Das bringt den Senat endgültig auf die Seite der Bewahrer. Matt wird unter die Militärgerichtsbarkeit gestellt . das könnte die Todesstrafe nach sich ziehen.
Als Dayna Matt besucht, erfährt sie von ihm, daß er kurz zuvor von Malcolm medizinisch durchgecheckt worden sei. Sie weiß jetzt, was all die merkwürdigen Vorfälle in der letzten Zeit zu bedeuten haben. Sie befreit Matt - doch Malcolm kommt ihr in die Quere. Er bringt Dayna auf die Gleise der Subway, die unterhalb Washingtons verläuft, um sie dort zu ermorden. Matt, der von Halluzinationen und den Technos gejagt wird, hat die Lok der Subway gefunden und rast nun auf Dayna zu. Er stoppt die Lok jedoch noch rechtzeitig und läßt sie explodieren. Dayna ruft den ihm nachsetzenden Verfolgern hinterher, daß sie Beweise für Malcolms Schuld hat. Matt flüchtet weiter in den Tunnel, wird jedoch von den Technos gefaßt - oder doch nicht? Das Gesicht seines Verfolgers verschwimmt; ein neues, unbekanntes taucht vor Matt auf, und dann senkt sich Dunkelheit über ihn.

Ist Matt nun tatsächlich in Washington? Oder ist der Roman schon von Anfang an nur eine einzige Hallzination Matts, sind Dayna und Hymes nur Ausgeburten seines allmählichen einsetzenden Wahns?
Das fragt sich der Leser nach dem Ende dieses hervorragenden Romans. Claudia Kern widmet sich einfühlsam dem Innenleben ihrer Charaktere, und es gelingt ihr, die Zwangslage, in der Matt steckt, eindringlich darzustellen. Einerseits ist er als Botschafter der Londoner Community in Washington; andererseits ist ein Botschafter, der laufend die Orientierung verliert, nicht gerade glaubwürdig. Daß er zudem in die schon lange geführte Auseinandersetzung zwischen Forschern und Bewahrern gerät, macht es nicht gerade leichter.
Die Nebenhandlung ist im Vergleich mit Matts Visionen geradezu unspektakulär. Aber Claudia gelingt es auch hier durchaus, die etwas abgegriffene Story von einem psychisch gestörten Partner, der Amok läuft und seine Frau/Freundin umbringen will, glaubhaft zu schildern.
Das Ende des Romans zieht dem Leser dann endgültig den Boden unter den Füßen weg. Ist es real, was Matt erlebt hat? Oder liegt er irgendwo in der Eiswüste und phantasiert? Andererseits wirken solche Gestalten wie der Präsident und Dayna sehr glaubwürdig.
Nebenbei, das Serum, das die Technos in Washington immer bei sich tragen, um an die Oberfläche gehen zu können, erinnert den Star-Trek-Kenner doch an etwas. Wie hieß das Zeug doch noch gleich - Tetracell White? ;-)

Fazit:
Ein sehr ungewöhnlicher Roman, der mehr auf Atmosphäre und das Innenleben der Protagonisten setzt als auf die auch vorhandene Action-Handlung. Erstklassig.
14 Punkte

Christian Spließ