Band 30: "Die zweite Realität"

Autor: Michael J. Parrish

Als Matt seine Augen aufschlägt, kann er es zuerst gar nicht fassen: Er befindet sich in einem Krankenhaus. Genauer: In einem Krankenhaus auf seiner Basis in Berlin-Köpenick. Der Arzt, der ihn untersucht, erklärt ihm, daß er seit dem 8. Februar 2012 im Koma gelegen habe und somit rund 14 Monate verschlafen habe. Ungläubig hört Matt ihm zu.
Seine Verwirrung steigert sich noch, als er vom Arzt erzählt bekommt, daß die Welt den Einschlag Christopher-Floyds überlebt hat. War all das, was er bisher erlebt hat, wirklich nur ein Traum? Um seine Fluglizenz so schnell wie möglich wiederzubekommen, begibt er sich in die Behandlung des Psychiaters Sirwig. Dieser kann für all das, was Matt ihm bei den Sitzungen erzählt, überzeugende psychologische Gründe benennen. Dennoch, Matt lassen die Erinnerungen an die Zeit mit Aruula nicht los. Und irgendwie weiß er auch, daß seine Erlebnisse real waren.
Als Matt sich eines Abends heimlich aus der Basis schleicht, nimmt ein Mann namens Mike mit ihm Kontakt auf. Er erzählt Matt, daß er Beweise dafür hat, daß seine Erlebnisse wirklich waren. Unvermittelt verschwindet er und drückt Matt ein Paket in die Hand - ein Taratzenzahn, in dem Mikes Telefonnummer eingraviert ist. Matts Zweifel werden immer größer; so vereinbart er ein Treffen mit Mike und stiehlt sich nochmals aus der Basis weg. Doch auch Mike trägt eher noch zu Matts steigender Paranoia bei. Er wird erwischt und landet in der Arrestzelle. Schon wieder taucht Mike wie aus dem Nichts auf. Seine geheimnisvollen Andeutungen machen Matt nur noch konfuser, als er es schon ist.
Als schließlich Doktor Smythe auftaucht und Matt eine glaubhafte Theorie für seine Erlebnisse bietet, ist Matts Verwirrung nur noch größer. Wem soll er trauen?
Smythe bietet Matt eine Fluchtmöglichkeit, die dieser zuerst auch wahrnimmt. Aber nach und nach kommen ihm Zweifel an Smythes Absichten - er sagt ihm auf den Kopf zu, daß Smythe seine Informationen von Sirwig hat. Dieser gibt es zu. Daraufhin setzt sich Matt aus dem fahrenden Jeep ab und landet mal wieder bei Mike, der mit einem Ferrari zur Stelle ist. Es folgt eine wilde Verfolgungsjagd wie aus einem Action-Roman. Mike erklärt Matt, daß diese ganze Szene tatsächlich viel mit einem Roman zu tun hat. Sie sei nicht real, und er, Mike, sei ein Piratenprogramm, das Matt darüber aufklären soll. Mike ist erstaunt über die Tatsache, daß der Weltrat dahintersteckt.
Schließlich können beide nicht weiter, und es kommt zu einem Showdown auf der Straße. Sowohl Smythe als auch Sirwig kommen mit Verstärkung auf Matt zu, der mit gezückter Waffe und Mike dasteht. Sie versuchen, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Doch Matt richtet seine Waffe gegen sich selbst - und damit wird die zweite Realität zerstört.
Matt kommt in Waashton zu sich. Das alles war nur eine Szenerie, die der Weltrat aufgebaut hat, um seine Loyalität zu testen und zudem einiges über seine Vergangenheit zu erfahren. Die großen Hoffnungen, die Matt bisher in den Weltrat gesetzt hat, sind damit zerschlagen...

Die Idee, Mad Mike persönlich in einem Roman auftreten zu lassen, stammte vom MJP selbst. Daß Mike sich zuerst dagegen gewehrt hat, ist irgendwie verständlich - denn so nett diese Szenen um ihn zu lesen sind, und ja, für die Handlung sind sie auch nicht unwichtig, aber ob sie unbedingt sein mußten - hmmm. Das ist wohl Geschmackssache.
Tja, da ist nun der Roman, der die große Wende ankündigen sollte. Sollte, wohlgemerkt. Die ersten Szenen lesen sich ja auch noch ganz nett. Der Rezensent wurde, wie viele Leser wohl auch, an den Bobby-Ewing-Effekt erinnert - juhu, er steht trällernd unter der Dusche, und das ist alles nur geträumt, ist alles gar nicht passiert. Lalala... (* Neinnein, Du mußt das so singen: "Das war alles nur geträumt - heeee-o heeee-o - und in Wirklichkeit war's anders..." ;-) Heike) *bg*
Die Anspielungen auf den "Zauberer von Oz" - nein, damit ist nicht Willows Freund aus Buffy gemeint - sind ja auch noch recht ordentlich. Gesichter, die Matt scheinbar kennt, entpuppen sich als Fremde, wie am Ende der Verfilmung des "Zauberers" Dorothy die Gesichter ihrer Gefährten, Löwe, Volgelscheuche, Blechmann, auf ihrer Farm in Kansas wiederentdeckt und es halt die Gesichter der besorgten Farmarbeiter sind. Im Roman zählen dazu die Szenen, als "Pieroo" ins Krankenzimmer kommt, sowie Matts Begegnung mit der Schwester Ruler.
Je mehr der Roman allerdings voranschreitet, desto mehr hat man das Gefühl, daß man das schon irgendwo mal gesehen oder gelesen hat. Hmm, ein Telefon, mit dem Matt Mike anruft, und die Telefonnummer, die nachher wohl nicht mehr funktioniert? Mike taucht auf, wie es ihm gefällt, und er verschwindet auch spurlos wieder? Hmm, was war denn da nochmal mit dem Telefon? Und diese Andeutungen, daß diese Welt gar nicht wirklich ist? Irgendwie habe ich das Gefühl, daß mich die Matrix gepackt hat...
Stimmt - Vorbild für diesen Roman war eindeutig "Die Matrix". Das wäre ja an sich nicht weiter schlimm, da sich die Serie bisher ja munter aus dem Fundus von SF und Horror bedient hat. Aber was MJP aus diesem Thema gemacht hat - weia.
Nach der Hälfte des Romans weiß man ungefähr, was abläuft. Über weite Strecken hinweg versucht MJP zwar, den Leser zu verwirren, aber es gelingt ihm nicht. Zu durchsichtig ist die Vorlage, die durch den Roman durchschimmert. Zudem kann MJP Matts Ängste nicht deutlich machen; Claudia Kern konnte das im vorigen Roman eindeutig besser. Selbst Smythe ist blaß, farblos und langweilig.
Tja, da der Roman überhaupt nicht in der wirklichen Wirklichkeit spielt, braucht sich der Autor natürlich um Logikfehler und eventuelle Handlungsbrüche nicht zu kümmern: Das funktioniert zwar nicht im wirklichen Leben, aber das ist ja eine virtuelle Realität... Juhu.
Der Schluß ist dann auch nicht gerade der Bringer. Sorry, aber wenn Matts Erlebnisse in der VR damit begründet werden, daß der "wahre Charakter zutage tritt", daß Matts Loyalität geprüft werden soll - diese Begründungen sind sehr fadenscheinig. Mag ja sein, daß der Weltrat nicht das ist, was er zu sein scheint. Doch diese Argumente rücken ihn eindeutig in eine sehr - nun, sagen wir - zwielichtige Ecke.

Fazit:
Der Roman ist ein wirklich mieser Abklatsch der "Matrix". Weder spannend noch besonders originell, und die Hauptfiguren vermögen nicht zu überzeugen.
Die Anfangsszenen heben den Roman gerade noch auf die untenstehende Wertung.
3 Punkte

Christian Spließ