Tad Williams:

"Sea of Silver Light"

(Otherland - Band 4)
USA 2001
(922 Seiten, Paperback, Orbit, ISBN 1-85723-992-X, Engl. Pfund 10,99)
(auch als engl. Hardcover: ISBN 1-85723-991-1)
(auch als amerikan. Hardcover: ISBN 0886779774, $ 24,95)
- erschienen: April 2001 -

Nach der mißglückten Zeremonie der Gralsbruderschaft ist im Otherland-Netzwerk der Teufel los. Das Böse hat die Macht übernommen und befindet sich in einem harten Kampf mit dem Betriebssystem. Das geht zu Lasten der vielen Sim-Welten, und so scheint ein ganzes Universum der Vernichtung preisgegeben zu sein.
Mittendrin befinden sich Renie, !Xabbu, Paul und ihre Reisegefährten. Zwar wurden sie durch das Chaos getrennt, aber schon bald suchen (und finden) sie einander wieder, und zudem finden sie auch noch einige - mehr oder weniger - interessante Weggefährten. Auf der Flucht vor dem Bösen aus der Realen Welt kann ihre Reise nur ein Ziel haben: das innerste Nervengerüst des Otherland.
Unterdessen geht auch die Jagd außerhalb der Computer weiter. Tief im Militärbunker versuchen Jeremiah und Long Joseph, sich gegen die Mörder der Brotherhood zur Wehr zu setzen, während andernorts langsam aber sicher die Stunde eines Mannes schlägt, dessen furchtbares Schicksal immer noch im Dunkeln liegt und der endlich seine Chance gekommen sieht: Patrik Sellars...

1996 schickte Tad Williams sich an, einen Zyklus zu schreiben, der vier Bände umfassen sollte und nicht weniger als 5 Jahre brauchte, bis er zu einem Ende kommen konnte.
Nach den Geschichten um den Drachenbeinthron lagen die Erwartungen unglaublich hoch, und alles andere als ein genialer Zyklus wäre wohl eine Enttäuschung gewesen. Nun, ich für meinen Teil kann jetzt sagen, daß ich alles andere als enttäuscht bin.
Der Otherland-Zyklus ist in allen Bänden bisher kaum vorhersehbar gewesen; jeder einzelne Band hatte seine eigene Atmosphäre und seinen eigenen Knüller. Das verhält sich mit "The Sea of Silver Light" nicht anders.
Gnadenlos treibt der Autor seine Charaktere in die Hölle, die er am Ende des dritten Bandes vor ihnen ausgebreitet hat, und in einer unnachahmlichen Weise macht er diese auch für den Leser greifbar. Mehr als einmal möchte man glauben, selbst durch die unheimliche Welt des Otherlands zu laufen oder aber mit den Gestalten außerhalb des Netzes durch die Welt zu reisen - sofern sie nicht in der Dunkelheit eines engen Bunkers ausharren müssen.
Für die Handlungsträger herrscht kaum Hoffnung, und Tad Williams kann man jederzeit zutrauen, daß er jemanden, den man gerade liebgewonnen hat, über den Jordan schickt. So wird die Reise auch für den Leser zu einer wahren Tortur, in der man sich fragt, wie dieser Wahnsinn überhaupt ein Ende finden soll.
War die Geschichte aus Osten Ard relativ gradlinig erzählt, so ist die von Otherland verworren und vielschichtig.
Je länger der Roman andauert, desto mehr Elemente kommen hinzu und desto genialer wird die Geschichte. Zwar tauchen zum Ende hin dann doch ein paar kleinere etwas kitschige Elemente auf, aber das paßt dann auch noch irgendwie zum Ganzen - und zur Unberechenbarkeit des Autors sowieso.
Daß ich einen wirklich genialen Roman lese, war mir schnell wieder klar. Genauso klar war aber meine Sorge, ob es dem Autor möglich sein würde, diese Brillanz auch am Ende noch zu bringen oder ob hier der große Einbruch kommt.
Ich für meinen Teil kann nur sagen: Alle Befürchtungen waren umsonst, denn alle noch so hohen Erwartungen werden von Tad Williams ohne Mühe übertroffen.

Fazit:
Für mich ist "The Sea of Silver Light" ein mehr als würdiger Abschluß des Otherland-Zyklus, und es wird niemanden wundern, daß ich dafür nichts anders als die absolute Höchstnote geben kann - wobei das eigentlich noch viel zu wenig ist.
Ich bin mit solchen Worten normalerweise eher vorsichtig, aber für mich zählt Otherland zu den ganz, ganz, ganz großen Momenten meines Leserdaseins und hat für mich einen der ganz großen und hohen Spitzenplätze im Olymp der phantastischen Literatur verdient.
Egal, ob Fantasy oder SF, hiervor muß jeder den Hut ziehen, deshalb kann ich hier nur 16 von15 möglichen Punkten geben und keinen weniger.

Romannote: 16/15
Zyklus-Note:15/15

Alexander Haas

Was lange währt, wird endlich gut - selten hat dieser Spruch so auf das Ende eines Zyklus' gepaßt wie bei Tad Williams' Otherland.
Mit "Sea of Silver Light" liegt nun endlich der Abschluß eines der absoluten Meisterwerke der phantastischen Literatur vor. Und Tad Williams beeindruckt wieder einmal mehr seine Leser, breitet auf noch einmal gut 900 Seiten eine faszinierende Welt vor ihnen aus, die sie am liebsten gar nicht mehr verlassen wollen.
Der Autor verknüpft mit diesem Band die Fäden, die er in den drei vorhergehenden Büchern gesponnen hat, zu einem einheitlichen Ganzen, das in seiner Qualität seinesgleichen sucht. Bereits von der ersten Seite an beginnt er, dem Leser die Zusammenhänge langsam zu verdeutlichen. So durchzieht den Leser während der gesamten Lektüre ein gewisser "Aha-Effekt", der ihn nicht mehr zur Ruhe kommen läßt, bis er den Roman beendet hat.
Beeindruckend ist hierbei vor allem auch die Art, wie Tad Williams auch die kleinsten Begebenheiten der vorangegangen Romane zu einem homogenen Bild zusammenfügt. Hier bleibt kein Faden offen; dem Leser wird noch nicht einmal die Spur einer Chance gelassen, sich zu fragen, was denn nun aus dieser Haupt- oder auch nur Nebenperson geworden ist. Tad Williams bezieht sie alle in sein Finale mit ein. Dies ist eine Leistung, wie ich sie bei einer derart umfangreichen Tetralogie noch nicht gelesen habe - allein hierfür gebührt Williams schon die Krone des epischen Cyberpunk-Fantasy-Science Fiction-Horror-Mystery-Thrillers.
Episch, ja, vor allem episch schreibt Williams - ausführlich beleuchtet er jede Begebenheit in seinen Romanen. Doch anders als bei anderen Autoren schafft er es, den Leser allein schon durch seinen wunderbaren Stil bei der Stange zu halten. Angespannt und fasziniert verfolgt er auch die ausschweifendsten Beschreibungen mit einem hohen Maß an Interesse.
Während der erste Band der Tetralogie noch zu einem großen Teil im "Real Life" (RL) spielt, verlagert der Autor die Handlung in den beiden folgenden Bänden zu rund 90% in die "Virtual Reality" (VR). Mit diesem vierten Band kehrt das RL zurück in die Handlung und nimmt rund die Hälfte des Romans ein. Hier knüpft Williams dann auch die Verbindungen zwischen den beiden Welten und führt beides einem Gesamtbild zu, das die Phantastik in dieser Qualität wenn überhaupt, dann nur selten gesehen hat.
Ich möchte hier gar nicht erst weiter auf die Handlung eingehen, denn diese ist zu komplex, um sie in so wenige Worte zu fassen, daß sie halbwegs verständlich wäre. Man kann nur ahnen, welche Menge von Hintergrundnotizen sich auf Williams Rechner tummeln - ausgedruckt dürften sie wohl mehrere Aktenordner umfassen. Es ist einfach unglaublich, welche Arbeit dahinterstecken muß, um eine derart komplexe, ineinander verschachtelte Story auf fast unzähligen Handlungsebenen über rund 3.000 Seiten (im Original) und rund 4 Jahre so konsistent zu halten, daß sie wie aus einem Guß wirkt. Allein schon hiervor kann man nur den Hut ziehen. Es gibt kaum Schriftsteller, die hierzu überhaupt in der Lage sind. Und noch weniger, die eine solche Geschichte dann auch noch so in Worte fassen können, daß sie den Leser förmlich verzaubert und im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr zur Ruhe kommen läßt.
Mit "Sea of Silver Light" gelingt es Tad Williams zumindest, sich nach "Osten Ard" nun endgültig an die Spitze der Phantastik-Schriftsteller zu schreiben. Ich bin mehr als nur gespannt, was er dem Leser als nächstes vorsetzen wird. Schon nach "Osten Ard" schien es fast unmöglich, noch einmal besser zu werden - "Otherland" hat den Leser eines Besseren belehrt. Stück für Stück schreibt sich Tad Williams in den Schriftsteller-Olymp.

Fazit:
"Otherland" muß man mit diesem Abschlußband sicherlich den absoluten Meisterwerken der Phantastik zuordnen. Diese Tetralogie sucht Vergleichbares - doch bisher ist solches nicht auszumachen. Weniger als die Höchstwertung für diesen hochklassigen, faszinierenden und spannenden Abschluß der Tetralogie zu erteilen, wäre ein Sakrileg. Und so kann es für den Abschlußband wie auch für die gesamte Tetralogie nur eine Wertung geben:
15 Punkte

Winfried Brand


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