Nach der
mißglückten Zeremonie der Gralsbruderschaft ist im
Otherland-Netzwerk der Teufel los. Das Böse hat die Macht
übernommen und befindet sich in einem harten Kampf mit dem
Betriebssystem. Das geht zu Lasten der vielen Sim-Welten, und so
scheint ein ganzes Universum der Vernichtung preisgegeben zu
sein.
Mittendrin befinden sich Renie, !Xabbu, Paul und ihre
Reisegefährten. Zwar wurden sie durch das Chaos getrennt, aber
schon bald suchen (und finden) sie einander wieder, und zudem finden
sie auch noch einige - mehr oder weniger - interessante
Weggefährten. Auf der Flucht vor dem Bösen aus der Realen
Welt kann ihre Reise nur ein Ziel haben: das innerste
Nervengerüst des Otherland.
Unterdessen geht auch die Jagd außerhalb der Computer weiter.
Tief im Militärbunker versuchen Jeremiah und Long Joseph, sich
gegen die Mörder der Brotherhood zur Wehr zu setzen,
während andernorts langsam aber sicher die Stunde eines Mannes
schlägt, dessen furchtbares Schicksal immer noch im Dunkeln
liegt und der endlich seine Chance gekommen sieht: Patrik
Sellars...
1996 schickte Tad Williams sich an, einen Zyklus zu schreiben, der
vier Bände umfassen sollte und nicht weniger als 5 Jahre
brauchte, bis er zu einem Ende kommen konnte.
Nach den Geschichten um den Drachenbeinthron lagen die Erwartungen
unglaublich hoch, und alles andere als ein genialer Zyklus wäre
wohl eine Enttäuschung gewesen. Nun, ich für meinen Teil
kann jetzt sagen, daß ich alles andere als enttäuscht
bin.
Der Otherland-Zyklus ist in allen Bänden bisher kaum
vorhersehbar gewesen; jeder einzelne Band hatte seine eigene
Atmosphäre und seinen eigenen Knüller. Das verhält
sich mit "The Sea of Silver Light" nicht anders.
Gnadenlos treibt der Autor seine Charaktere in die Hölle, die er
am Ende des dritten Bandes vor ihnen ausgebreitet hat, und in einer
unnachahmlichen Weise macht er diese auch für den Leser
greifbar. Mehr als einmal möchte man glauben, selbst durch die
unheimliche Welt des Otherlands zu laufen oder aber mit den Gestalten
außerhalb des Netzes durch die Welt zu reisen - sofern sie
nicht in der Dunkelheit eines engen Bunkers ausharren
müssen.
Für die Handlungsträger herrscht kaum Hoffnung, und Tad
Williams kann man jederzeit zutrauen, daß er jemanden, den man
gerade liebgewonnen hat, über den Jordan schickt. So wird die
Reise auch für den Leser zu einer wahren Tortur, in der man sich
fragt, wie dieser Wahnsinn überhaupt ein Ende finden soll.
War die Geschichte aus Osten Ard relativ gradlinig erzählt, so
ist die von Otherland verworren und vielschichtig.
Je länger der Roman andauert, desto mehr Elemente kommen hinzu
und desto genialer wird die Geschichte. Zwar tauchen zum Ende hin
dann doch ein paar kleinere etwas kitschige Elemente auf, aber das
paßt dann auch noch irgendwie zum Ganzen - und zur
Unberechenbarkeit des Autors sowieso.
Daß ich einen wirklich genialen Roman lese, war mir schnell
wieder klar. Genauso klar war aber meine Sorge, ob es dem Autor
möglich sein würde, diese Brillanz auch am Ende noch zu
bringen oder ob hier der große Einbruch kommt.
Ich für meinen Teil kann nur sagen: Alle Befürchtungen
waren umsonst, denn alle noch so hohen Erwartungen werden von Tad
Williams ohne Mühe übertroffen.
Fazit:
Für mich ist "The Sea of Silver Light" ein mehr als
würdiger Abschluß des Otherland-Zyklus, und es wird
niemanden wundern, daß ich dafür nichts anders als die
absolute Höchstnote geben kann - wobei das eigentlich noch viel
zu wenig ist.
Ich bin mit solchen Worten normalerweise eher vorsichtig, aber
für mich zählt Otherland zu den ganz, ganz, ganz
großen Momenten meines Leserdaseins und hat für mich einen
der ganz großen und hohen Spitzenplätze im Olymp der
phantastischen Literatur verdient.
Egal, ob Fantasy oder SF, hiervor muß jeder den Hut ziehen,
deshalb kann ich hier nur 16 von15 möglichen Punkten geben und
keinen weniger.
Romannote: 16/15
Zyklus-Note:15/15
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Was lange währt, wird endlich gut - selten hat
dieser Spruch so auf das Ende eines Zyklus' gepaßt wie
bei Tad Williams' Otherland. |
