Guy Gavriel Kay:

"Das Komplott"

(Die Reise nach Sarantium - Erster Roman)
OT: Sailing to Sarantium - 1. Teil
Ü: Irene Holicki
CAN 1998
(319 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9141, ISBN 3-453-18806-3, DM 15,55 / EUR 7,95)
- erschienen: Juni 2001 -

Zum Inhalt:
Martinian, ein genialer Mosaik-Künstler, wird nach Sarantium gerufen, um dort die Kuppel eines Tempels zu schmücken. Doch da er diese beschwerliche Reise nicht mehr auf sich nehmen möchte, schickt er unter seinem Namen seinen Schüler Crispin los, der längst mehr als ein Schüler ist. Er soll sich mit den Intrigen und dem Gewimmel in Sarantium herumschlagen...

Ein kurzer Inhaltsanriß - doch mehr kann man hierzu nicht schreiben, ohne gleich die Handlung des ganzen Romans zu verraten. Denn dieser "erste Teil" von vieren erweist sich einmal wieder als eine reine Mogelpackung. Geht man nach dem Originaltitel, hat es Heyne wieder einmal geschafft, einen Roman der epischen Fantasy diesmal gleich auf vier Teile aufzuteilen - eine Glanzleistung im negativen Sinne und ein Bärendienst an der phantastischen Literatur... Wenn ich die vorliegende Seitenzahl einmal als Durchschnitt annehme, komme ich bei vier Bänden auf rund 1300 Seiten - was zugegebenermaßen ziemlich an den Grenzen dessen kratzt, was im Taschenbuch machbar ist. Doch hätte eine Halbierung der Handlung doch sicherlich ausgereicht, um diese taschenbuchfähig zu machen. Und wenn ich mal eben durchrechne, komme ich auf einen Preis von gut 62 Märkern für die vier Taschenbücher. Dies entspricht dann dem üblichen Preis für ein 1300-Seiten-Hardcover, was noch ganz andere Gedanken aufkommen läßt...
Es ist sicherlich ungewöhnlich, diese Bemerkungen an den Anfang einer Rezension zu stellen, doch ist m.E. die Dreistigkeit, mit der Heyne hier vorgegangen ist, zumindest ein guter Grund, solche Mißstände auch schon früh anzuprangern. Denn der Leidtragende einer solchen Politik ist sicherlich der Leser - und damit auch der Käufer, sprich: Kunde, dem der Verlag seine Produkte schließlich schmackhaft machen will. Ob dies mit solchen Methoden gelingt, wag ich allerdings zu bezweifeln...
Was allerdings auch schade ist, denn dieses erste Viertel von Guy Gavriel Kays Roman verspricht zumindest eine kurzweilige und interessante Handlung für den Liebhaber der epischen Fantasy. Nachdem man sich durch den Prolog durchgelesen hat (der gut 20% des Gesamtumfangs umfaßt - siehe die vorhergehenden Bemerkungen), der dem Leser einen kurzen Einblick in die Gepflogenheiten am Hofe zu Sarantium vermittelt (und auch der herrschenden Intrigen), schwenkt der Autor zur Haupthandlung um, die einige Jahre später spielt. Wie es bei der epischen Fantasy nun mal üblich ist, verliert er sich hier ein wenig in ausufernden Beschreibungen, die jedoch durchweg interessant zu lesen sind. Wer epische Romane mag, wird an dieser Pseudo-Tetralogie durchaus seine Freude finden. (Nicht umsonst taucht der Autor mit seinen Werken immer einmal wieder auf den vordersten Plätzen von Internet-Umfragen auf - was auch der Grund ist, weshalb ich auf ihn aufmerksam wurde und mir diesen Roman interessehalber zu Gemüte geführt habe.) Guy Gavriel Kay beschreibt seine Charaktere ausführlich und gekonnt, und wenn man einmal den Prolog überstanden hat (das scheint auch ein Erkennungsmerkmal der epischen Fantasy zu sein: die eher schwergängigen Prologe...), kann man kaum noch von dem Roman ablassen. Dumm ist es nur, wenn der Protagonist endlich sein Reiseziel erreicht hat und der Roman dann erst einmal zu Ende ist. Hier zerstört die Splitting-Politik der Verlage wieder einmal einen guten Roman. Denn dies hier ist nichts Halbes und beileibe kein Ganzes. Hier kann man bestenfalls erraten, daß sich hinter dieser Pseudo-Tetralogie ein hervorragender Einzelroman verbirgt. Was bleibt, ist nun nur noch das Warten auf das zweite Viertel und seine Nachfolger - was äußerst ärgerlich ist, denn der passionierte Leser wird wohl kaum einen Monat mit diesem relativ dünnen Taschenbuch beschäftigt sein und dementsprechend andere Bücher zwischenschieben. Was allerdings auch bedeutet, daß er erst einmal aus der Handlung raus ist und sich beim zweiten (und auch beim dritten und vierten Viertel) erst einmal wieder neu hineinfinden muß, was den Lesespaß mit Sicherheit nicht erhöht. Angesichts solcher Mißstände fragt man sich doch manchmal, ob die Verlage überhaupt noch an ihre Kunden denken, die von einer solchen Veröffentlichungspolitik eigentlich nur Nachteile haben...

Fazit:
Das vorliegende erste Viertel des Romans läßt erkennen, daß hier ein gewaltiges Potential zu einer hervorragenden Geschichte dahintersteckt. Leider hat der Verlag es vorgezogen, diesen epischen Fantasy-Roman zu vierteilen, so daß der Leser hier gerade einmal die Einführung in die Geschichte geboten bekommt: Kaum hat's angefangen, ist's auch schon vorbei. Da kommen so langsam Gedanken auf, die Vierteilung auch mal am Verantwortlichen auszuprobieren und herauszufinden, was er dann von sowas hält... Der gesamte Roman läßt jedenfalls das Potential für lockere 14 Punkte erkennen, doch Vermutungen helfen leider nicht weiter. Der vorliegende verkrüppelte Teil enthält dann erstmal hoffnungsvolle
8 Punkte.

Winfried Brand


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