OT: City Come A-Walkin
Ü: Hannes Riffel
USA 1996
mit einem Vorwort von William Gibson
(217 Seiten, Taschenbuch, Ariadne Social Fantasies 2054, ISBN
3-88619-954-1, DM 17,80)
- erschienen: Juni 2000 -
Stu Cole
betreibt im San Francisco einer nahen Zukunft einen Club. Das ist in
einer Stadt, die von der Mafia beherrscht wird, nicht so einfach -
vor allem dann nicht, wenn man unabhängig bleiben will. Eines
Abends, als Stus Freundin Catz mit ihrer Band auftritt, erscheint die
Personifikation der Stadt San Francisco im Club. Schnell stellt sich
heraus, daß City Stu auserwählt hat. Auserwählt, um
endlich mit all dem Filz und der Korruption in der Stadt selbst
aufzuräumen.
Der erste Auftrag führt Stu und Catz dann auch direkt zu einem
der führenden Mafia-Bosse, den Stu gegen seinen Willen umlegt.
Der Auftrag weckt in Catz Zweifel - und auch City selbst scheint
etwas gegen Catz zu haben. Zudem hat Stu noch Probleme mit den
Vigilanten, einer sehr fundamentalistisch eingestellten Gruppe, die
im Filz ihre Finger drinhat. So kommt es, wie es kommen muß:
Catz wird gekidnappt, und Stu setzt alle Hebel in Bewegung, um seine
Freundin zu retten.
Doch City ist alles andere als erfreut und wirft Stu Steine in den
Weg - und zudem steht der große Kehraus, mit dem alle
Städte das Üble aus ihren Reihen bekämpfen wollen,
kurz bevor.
Shirleys Roman ist einer der Vorläufer des Cyberpunks gewesen -
die Originalfassung kam, wenn sich der Rezensent jetzt nicht irrt,
1980 auf den Markt, Gibsons "Neuromancer" zwei Jahre später.
Daß diese Neuausgabe ein Vorwort von Gibson selbst
enthält, dürfte nicht weiter verwundern.
Diese Ausgabe ist eine vom Autor zu Beginn der 90er bearbeitete
Neuauflage. Daß ein Autor seine Werke bearbeitet, ist nur
legitim - aber leider hatte ich jetzt nicht die Möglichkeit, die
Originalausgabe mit der Neufassung zu vergleichen. Das wäre noch
recht spannend gewesen.
Das vordringlichste Problem dieses Romans ist: Man muß sich mit
der Gestalt von City anfreunden. Shirley mixt hier Fantasy mit SF -
die Gestalt von City ist einfach da, und es wird auch nicht
näher erklärt, wie sich die Stadt zu einem denkenden,
lebenden Organismus in Menschengestalt entwickeln konnte. Wobei die
fleischgewordene Metapher in sich stimmig ist - und durchaus nicht
neu.
Wenn man diese Prämisse akzeptiert, dann kann man den Roman
durchaus mit Vergnügen und mit Lust lesen. Shirley entwickelt
ein sehr intensives Zukunftsszenario, die Ansätze zum Cyberpunk
sind recht deutlich zu erkennen - ob die nun von Shirley
nachträglich eingefügt worden sind, kann der Rezensent
jetzt natürlich nicht sagen.
Der Roman bietet eine spannende Handlung, keine Frage. An etlichen
Stellen jedoch ist sie etwas langatmig, und erneut bedauere ich,
nicht die Originalausgabe gelesen zu haben. Mag sein, daß hier
die Überarbeitung des Guten zuviel getan hat.
Auch bei den Charakteren hat man öfters das Gefühl, es mehr
mit reinen Klischee-Figuren als mit lebenden Persönlichkeiten zu
tun zu haben. Zwar findet bei Stu eine Entwicklung statt, und er ist
auch nicht der typische Held à la Rambo, doch in etlichen
Szenen fragt sich der Leser, warum um alles in der Welt Stu so
handelt, wie er handelt. Wäre es für ihn nicht einfacher,
sich Citys Einfluß zu entziehen? Warum er schließlich
erneut zurückkehrt und damit endgültig der Stadt
verfällt - die Begründung dafür wirkt schwach und
nicht sehr logisch.
Begrüßenswert ist die Neuausgabe des Romans im
Ariadne-Verlag auf jeden Fall - knapp 18,- DM für rund 260
Seiten mag für manche vielleicht etwas zu teuer sein, für
einen Kleinverlag ist das aber durchaus in Ordnung. Übrigens
scheint sich Ariadne in letzter Zeit zu einem sehr ambitioniertem
Verlag für SF - na gut, Social Fiction ist nicht gerade die
übliche Auflösung für das Kürzel - zu entwickeln.
Das Verlagsprogramm listet immerhin nicht nur Myra Cakan auf, sondern
auch Theodore Sturgeon und Markus Hammerschmidt. Man sollte ihn sich
auf alle Fälle merken.
Fazit:
Kein Cyberpunk-Roman im üblichen Sinn, aber Genrefans werden an
diesem Roman ihre Freude haben - trotz der vorhandenen
Längen.
9 Punkte