Charles Sheffield:

"Feuerflut"

OT: Aftermath
Ü: Christine Strüh
USA 1998
(671 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6365, ISBN 3-453-17951-X, DM 19,46 / EUR 9,95)
- erschienen: Juli 2001 -

Zum Inhalt:
Als Alpha Centauri sich zur Supernova entwickelt, wird im Jahr 2026 auf der Südhalbkugel der Erde die Nacht zum Tage gemacht. Eine zweite Sonne strahlt des Nachts - mit einer ähnlichen Wärmeausstrahlung, wie sie die eigentliche Sonne hervorbringt. Das Klima der Erde gerät aus den Fugen...
Doch nicht genug damit. Die erdzugewandte Seite der Nova erweist sich als die schwächste Stelle, die zuerst bricht, und so gerät die Erde in den Mittelpunkt eines Strahlenschauers, der einen globusumspannenden Elektromagnetischen Puls auslöst - der Tod für jegliche Mikrochips. Doch die Technik ist hochgradig abhängig von den Mikrochips - und so stirbt mit Alpha Centauri auch ein Großteil der technischen Errungenschaften der Menschheit. Plötzlich und ohne Vorwarnung...
Auf der Erde bricht das Chaos aus, als nur noch alte Museumstechnik aus der Zeit bis vielleicht 1980 funktioniert. Und während Saul Steinmetz in seiner Eigenschaft als erster amerikanischer Präsident jüdischen Glaubens versucht, das ihm anvertraute Land in einen halbwegs annehmbar zivilisierten Zustand zurückzuversetzen, werden Art Ferrand und die anderen Mitglieder seiner Therapiegruppe von einem ganz anderen Problem geplagt. Sie alle haben Krebs und nehmen als "menschliche Versuchskaninchen" an einer neuartigen Telomer-Therapie teil. Doch ihre Genom-Scanner sind ebenfalls ausgefallen, und so steht ihnen der Tod wieder vor Augen. Sie machen sich auf und versuchen, Kontakt zu den behandelnden Ärzten aufzunehmen...
Doch die Probleme auf der Erde sind an sich nichts gegen die, denen sich die Mitglieder der ersten Marsexpedition gegenübersehen, die gerade auf dem Rückweg zur Erde sind. Nicht nur, daß der EMP sowohl die ISS-1 als auch die ISS-2 in eine Todeszone verwandelt hat (sowie alles andere im erdnahen Orbit), sie haben auch keine Möglichkeit, auf die Erde zurückzukehren, da die Bodenstationen ebenfalls außer Betrieb sind. In der Not entwickeln die sieben Astronauten einen verzweifelten Plan...

Charles Sheffield hat mit "Feuerflut" einen SF-Roman reinsten Wassers geschaffen, der es in sich hat. Sein Gedankenspiel der Alpha Centauri-Supernova ist durchweg interessant und spannend zu lesen. Das Bild einer größtenteils auf elektronische Bauteile angewiesenen menschlichen Gesellschaft und ihrer Versuche, nach deren Ausfall (hier eben ein EMP) zurechtzukommen, bietet einiges an Lese"spaß" - wobei "Spaß" hier wohl nicht so ganz das richtige Wort ist, wenn man genauer über die Geschichte nachdenkt.
Allerdings bleibt der Roman bei aller Faszination, die den Leser zweifellos beschleicht, ein wenig konzeptlos. Sheffield beschreibt und beschreibt faszinierend, verliert dabei jedoch ein wenig den Zusammenhang aus den Augen. 50 Seiten vor Ende steht der Leser vor der Frage: "Was hat das alles überhaupt miteinander zu tun?" und stellt schließlich fest: "Eigentlich gar nichts." Denn Sheffield hat es nicht geschafft, die einzelnen Handlungsstränge zu einem geschlossenen Ende zu führen. Der Roman schließt mit drei "Enden", die insgesamt wenig miteinander zu tun haben und teilweise recht offen gehalten sind, so daß man sich unwillkürlich fragt, wo denn die Fortsetzung bleibt...
Vielleicht liegt es ja am Rezensenten, daß er bei einem Roman derartiger Qualität irgendwie erwartet, daß sich die Handlungsfäden am Ende zu einem "Großen Ganzen" zusammenfinden und sich nicht in Kurzgeschichtenmanier verlieren; jedoch bleibt die Frage, weshalb die Haupthandlungsstränge kaum Berührungspunkte miteinander haben. Sie existieren quasi gleichberechtigt, aber unabhängig voneinander nebeneinander her. Bei einem gut 650 Seiten umfassenden Roman erwartet man dann eigentlich doch ein wenig mehr Konsistenz...
Das klingt jetzt wahrscheinlich recht negativ, doch ist dies auch so ziemlich der einzige Kritikpunkt, den der Rezensent an diesem Roman ausfindig machen kann. Denn insgesamt erweist sich "Feuerflut" als interessantes Werk mit einem interessanten Ausgangspunkt, der immerhin relativ originell daherkommt.
Aus der ganzen Situation entwickelt Sheffield eine interessante Geschichte (oder vielleicht eher drei - oder so - die sich zwischendurch immer mal berühren), die den Leser in ihren Bann zieht, trotz der teilweise eher schwächeren Charakterschilderungen, die manchmal ein wenig schablonenhaft daherkommen. Seine Charaktere sind zwar durchaus "menschlich" mit all ihren Zweifeln, doch wirken sie nicht richtig lebendig, entleihen ihre Reaktionen auch schon mal aus der Klischee-Schublade. Im Großen und Ganzen ist die Charakterschilderung recht in Ordnung, jedoch kein Meisterwerk.
Allerdings benötigt Sheffield für seine Geschichte auch keine meisterhaft geschilderten Charaktere. Ihm geht es eigentlich um die Schilderung der Auswirkungen einer Katastrophe, die die Menschheit an den Rand des Zusammenbruchs bringt. Diese ganzen Entwicklungen schildert der Autor spannend und interessant - und dies macht den Roman dann auch wirklich lesenswert.
Nur gegen Ende stutzt der Leser ein wenig, lehnt sich zurück und fragt sich, ob das denn nun notwendig war. Diesen halboffenen Ausgang mit seinen pathetischen Anspielungen hat der Roman insgesamt eigentlich nicht verdient. Der Leser kommt hier fast zu dem Eindruck, daß Sheffield selber nicht so genau wußte, wie er das Ganze denn nun zu einem korrekten Ende bringen sollte, und so wurde eben ein wenig Pathos mit eingebaut. Dann bleibt das Ende eben ein wenig offen, der Roman ein wenig unzusammenhängend und der Leser nach gut 650 Seiten ein wenig unbefriedigt...

Fazit:
Bis kurz vor Ende ein ziemlich guter Roman, entwickelt "Feuerflut" auf dem letzten Zehntel ein bißchen zu viel Pathos. Der Roman hat nicht ein Ende, sondern deren drei, und auch diese sind nicht wirklich vorhanden - da könnte man auch eine Fortsetzung schreiben. Hierdurch wirkt die Handlung recht zerrissen und kurzgeschichtenhaft. Nach 650 Seiten bleibt beim Leser ein etwas unbefriedigtes Gefühl zurück - nachdem er sich 600 Seiten lang recht gut unterhalten fühlte. Das Ende kostet den Roman die Punkte, die er bei einem besseren Gesamtkonzept sicherlich bekommen hätte.
7 Punkte.

Winfried Brand


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