OT: Greenhouse Summer
Ü: Peter Robert
USA 1999
(431 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6378, ISBN 3-453-18835-7, DM 19,46
/ EUR 9,95)
- erschienen: Juli 2001 -
Zum
Inhalt:
Nach dem Fortschreiten der globalen Erwärmung herrschen in der
Mitte des 21. Jahrhunderts katastrophale Zustände auf der Erde.
In Libyen gelingt es Monique Calhoun, für das Brot &
Spiele-Syndikat, dessen Angestellte und Bürger-Aktionär sie
ist, ein weitaus besseres Geschäft mit (vordergründigen)
Bewässerungsanlagen abzuschließen, als zu erwarten war.
B&S schickt sie daraufhin nach Paris, Frankreich, wo sie für
die diesjährige UNACOCS den VIP-Service betreuen soll. Diese
UN-Konferenz beschäftigt sich mit dem Problem der globalen
Erwärmung und den Möglichkeiten, das Klima wieder an das
gewohnte Maß anzupassen.
Doch auch hier gibt es zwei Seiten; denn zwar gehören Afrika und
Südamerika zu den Verlierern des Klimawandels, und auch die USA
haben etwas verloren - Florida und Louisiana nämlich - doch gibt
es auch Gewinner. Paris zum Beispiel hat nun einen ganzjährigen
Bilderbuchsommer, und auch den Nordeuropäischen Staaten und
Sibirien kommt inzwischen eine ganz andere Bedeutung zu. Eine
Bedeutung, die die Gewinner des Klimawandels nicht so einfach wieder
hergeben wollen.
So entwickelt sich ein anscheinend undurchschaubares Intrigenspiel um
die Möglichkeit eines Venuseffekts, der vielleicht von einem
eventuell vorhandenen perfekten Klimamodell vorausgesagt werden
könnte...
Mit dem "tropischen Millennium" (naja, über die Qualität
eines deutschen Titels kann man trefflich streiten...) beweist Norman
Spinrad wieder einmal, daß er zum Besten gehört, was die
internationale SF-Szene zu bieten hat. Dieses Gedankenspiel einer
möglichen Zukunftsvariante ist hochinteressant, politisch
brisant und teilweise mit einem bösem Sarkasmus behangen, wie
ihn wohl nur Spinrad so meisterhaft beherrscht.
Gerade dieser Zynismus ist es, der diesen Roman höchst
lesenswert macht. Hier gibt es nirgendwo ein Gut und Böse, kein
Schwarz und Weiß. Alles versinkt in einem übergreifenden
Grau. Die Syndikate sind internationale Konzerne, fast schon
Aktiengesellschaften gleich, die je nach Satzung ihre Mitarbeiter zu
sogenannten "Bürger-Aktionären" und somit zu Anteilseignern
machen. Soweit ist das ja nichts unbedingt Neues - doch die Syndikate
haben es in sich. So gibt es z.B. ein Böse Buben-Syndikat, das
angeblich aus der Mafia und ähnlichen Vereinigungen heraus
entstanden sein soll. Zu Anfang in Libyen plant man dann auch gleich,
die angeblichen Bewässerungspläne der Wüste zum Hasch-
und Marihuana-Anbau zu nutzen, ganz so, wie man dies von einer
solchen Vereinigung erwarten sollte. Ebenso auch die Auftragsmorde.
Doch hier trügt der Schein, verwischt das Schwarz zu Grau (dies
genauer auszuführen würde bedeuten, einiges vom
Lesespaß des Romans vorwegzunehmen).
Auch auf der anderen Seite, bei den Syndikaten, die die
Erderwärmung bekämpfen wollen, ist nicht alles eitel
Sonnenschein. Die vermeintlich Guten wandeln sich zu den Bösen -
oder vielleicht doch wieder zu den Guten?!? Das allumfassende Grau
schlägt auch hier wieder zu.
Dabei läßt Spinrad den Leser niemals längere Zeit in
dem Gefühl, er wüßte nun, wer denn hier die "Guten"
sind und wer die "Bösen". Geschickt hält er selbst seine
Protagonisten in dieser Grauzone gefangen und entwickelt um sie eine
furiose Handlung um Moral und Ethik - und der unterschiedlichen
Sichtweisen hierzu.
"Das tropische Millennium" ist dabei auch ein hochgradig politischer
Roman, ohne wirklich Politiker als Charaktere zu schildern oder sie
gar als Hauptpersonen anzubieten. Unwillkürlich fühlt sich
der Leser an die reale Politik erinnert, wenn er bei dem einen
Syndikat mal dem einen Aspekt sympathisiert und beim anderen halt mit
dem anderen, ohne daß eines der Syndikate wirklich eine
allumfassend vertretenswerte Stellung beziehen würde.
Dies alles verpackt Spinrad ein einen höchst interessanten und
atemberaubend spannenden Roman - ohne daß er großartig
irgendwelche Action-Elemente einsetzen müßte. Der Autor
interessiert sich rein für die gesellschaftlichen Aspekte seiner
Handlung - und reißt den Leser damit wesentlich mehr mit, als
dies mit einer actionlastigen Handlung überhaupt möglich
gewesen wäre.
Es ist jedenfalls verdammt schwierig, diesen Roman aus der Hand zu
legen, bevor man ihn beendet hat. Und wenn auf dem Klappentext die
San Diego Tribune mit "Ein Roman, wie er aktueller nicht sein kann.
Lesen Sie ihn, bevor der Meeresspiegel ansteigt" zitiert wird, so
habe ich dem eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Dieser
Roman gehört eindeutig in das Bücherregal eines jeden
Lesers anspruchsvoller SF! Und derjenige, der sich sonst mit
gesellschaftspolitischen Schilderungen nicht so anfreunden kann,
sollte zumindest einmal einen Blick in diesen Roman werfen.
Fazit:
Ein weiteres Meisterwerk Norman Spinrads. Dieser sarkastisch-zynische
Blick auf eine Gesellschaft, die innerhalb des nächsten halben
Jahrhunderts zu einem Grau-in-Grau mutiert ist, sollte in keinem
Bücherregal fehlen. Zumal man sich die Frage stellt, wie weit
die jetzige Gesellschaft von dieser Schilderung noch entfernt
ist...
14 Punkte.