(Zweiter Roman des Inquisitor-Zyklus)
OT: Il Corpo e il sangue di Eymerich
Ü: Barbara Kleiner
Italien 1996
(300 Seiten, Heyne 06/9125, ISBN 3-453-17899-8, DM 14,90, EUR
7,50)
- erschienen: 2001 -
Großinquisitor
Eymerich ist zwar noch sehr jung, aber unter seinesgleichen hat er
bereits den Ruf einer lebenden Legende. Dieser führt ihn in die
Stadt Castres, in der verschiedene Parteien um die Herrschaft
kämpfen. Federführend ist hier eine ketzerische Sekte, doch
auch rein weltliche Parteien haben sich Gott nicht gerade sehr
groß auf die Fahnen geschrieben. Für Eymerich ist dies ein
gefundenes Fressen, und so ersinnt er einen finsteren Plan, Gott
wieder Einzug nach Castres zu verschaffen.
"Das preisgekrönte Fantasy-Epos..." heißt es so schön
im Klappentext; warum, das will mir nicht so recht einleuchten. Wir
haben da einen Protagonisten, der mit der selbstverständlichen
Grausamkeit der Inquisition Menschenleben verschleudert, als ob sie
nichts für ihn wären. Auf der anderen Seite steht die
Handlungsebene um den Rassisten Pinks, der im Lauf des 20.
Jahrhunderts für zahlreiche Massenmorde an nicht-weißen
Bevölkerungsgruppen verantwortlich ist.
Wie schon in Band eins bleibt der Autor die Antwort nach der
Verbindung dieser beiden Ebenen schuldig, ebenso wie das eindeutige
Statement zur Inquisition, und das halte ich doch mittlerweile
für recht bedenklich.
Die katholische Kirche hat während der Inquisition nicht gerade
durch ein Übermaß an Toleranz geglänzt (* Selten,
wenn nicht nie, hat sich jemand im Zusammenhang mit Inquisition und
katholischer Kirche so übervorsichtig ausgedrückt...
Heike), und ich für meinen Teil würde mir eine klare
Position des Autors wünschen, denn Inquisitor Eymerich ist im
Roman ganz offensichtlich das Ziel einer positiven Sympathielenkung.
Immerhin ist Pinks auf der "Real-Ebene" ziemlich böse
dargestellt, und somit entzieht sich der Roman auf diese Weise ganz
klar einer eindeutigen Position.
Dessen ungeachtet gibt gerade die Ebene um Eymerich nicht viel her.
Gut, ich muß zugeben, daß ich weder ein Freund der
Inquisition noch der katholischen Kirche bin und somit vermutlich
einige Probleme mit dem Inquisitor habe; dennoch fand ich diesen Teil
des Romans weder besonders spannend aufgebaut noch faszinierend
geschrieben. Eymerich ist exakt so, wie man sich einen bösen
Inquisitor vorstellt, und nicht anders. Durchtrieben spielt er mit
anderen Menschen wie mit Schachfiguren, und natürlich hat er die
bösen Ketzer vom ersten Moment an durchschaut. Das Ganze gipfelt
dann in einem furiosen Finale, das gut durchdacht und inszeniert
worden ist. Ganz allgemein muß man es dem Autor schon lassen,
daß er sich bei der Konstruktion seiner Geschichte viel
Mühe gegeben hat. So ist sie zwar durchaus logisch, gibt
für sich genommen aber nicht so viel her, und die Inszenierung
hätte doch etwas besser ausfallen können.
Etwas anders verhält es sich mit der "Real-Ebene". Hier bekommt
man in verschiedenen Episoden beschrieben, wie Pinks so überall
auf der Erde sein Unwesen treibt. An dieser Stelle spürt man
dann auch jene grausame Faszination, die bei Eymerich fehlt. Auf der
anderen Seite wird man immer wieder nur kurz in eine Szene geworfen
und hat kaum Zeit, sich mit irgendetwas groß anzufreunden.
Eines muß man Evangelisti aber lassen: Das letzte Kapitel ist
eine großartige Hommage an Edgar Allan Poe. Mehr möchte
ich hier aber nicht darüber verraten.
Zum Schluß noch ein Wort zu den Charakteren. Wie schon in Band
eins gibt es da im Grunde kaum nennenswerte. Inquisitor Eymerich ist
so verschlossen, daß man eigentlich nie so richtig weiß,
was man von ihm halten soll. Zwar läuft die Sympathielenkung
eindeutig auf ihn zu, aber eine große Identifikation ist er
(hoffentlich) wohl kaum. Auf der anderen Ebene verhält es sich
kaum anders. Pinks ist hier zwar der "Hauptheld", tritt aber nur sehr
marginal in den Vordergrund und bleibt so ebenfalls kaum zu
erkennen.
Fazit:
Ein doch recht seltsamer Roman, von dem man letztlich kaum so richtig
weiß, was man von ihm halten soll - außer, daß ich
ihn nicht richtig gut finde.
Es fehlen einfach die klaren Strukturen und Auflösungen.
Rätsel und Andeutungen sind zwar recht gut und nett, aber
irgendwann muß dann auch mal etwas Handfestes her, und eben
jene Elemente bleibt der Roman von vorne bis hinten schuldig. Es mag
zwar durchaus sein, daß irgendwann im Lauf dieses Zyklus das
große Aha-Erlebnis kommt, aber bis dahin sollte der Autor
lieber sehen, daß ihm nicht die Leser weggelaufen sind.
Es bleibt: teilweise gut konzipiert (mit ein, zwei wirklichen
Glanzstunden), aber im großen und ganzen doch recht mau.
7 Punkte