Martin Hocke:

"Die verlorenen Wälder"

OT: The Lost Domain
Ü: Irene Bonhorst
1993
(541 Seiten, Taschenbuch, Heyne 01/13251, ISBN 3-453-17795-9, DM 19,90)
- erschienen: 2001 -

Yoller, der Waldkauz, wartet in einer Weide auf den Tod. Um sich die Zeit zu vertreiben und um zu rekapitulieren, wie er in diese Lage gekommen ist, erzählt er dem Wind und dem Fluß seine Geschichte.
Als junger Waldkauz lernt Yoller die Schleiereule Hunter kennen und ist von dessen Meinung beeindruckt. Seit jeher haben die Waldkäuze einen strengen Kodex und halten sich für die beste Eulenart, die es je auf der Erde gegeben hat. Durch Hunter lernt Yoller, diese Weltsicht in Frage zu stellen - nicht zuletzt, weil die Bewohner des Waldes durch eine riesige Monstereule bedroht werden. Nur weil alle zusammen gegen den Uhu kämpfen, wird der Wald gerettet.
Etliche Zeit später bricht Yoller in die Stadt auf, um seine Verlobte Mary Blossom von dort zurück in den Wald zu holen. Auf dieser Reise begleitet ihn Hunter - und wird durch einen Unfall schwer verletzt. Als Yoller ihm wenig später begegnet, sitzt Hunter im wahrsten Sinne des Wortes hinter Gittern: Er ist im Zoo gelandet. Er bittet Yoller, seiner Familie zu sagen, daß er tot sei.
Als Yoller zusammen mit Mary den Wald wieder erreicht, brauen sich erneut dunkle Wolken sowohl über die Schleiereulen-Gemeinschaft als auch über den Waldkäuzen zusammen. Ein neuer Anführer hat sich an die Spitze der Schleiereulen gesetzt und verbreitet aufrührerische Ideen. Ein Krieg zwischen den verschiedenen Eulenarten scheint unausweichlich.

Wem diese Geschichte mehr als nur vertraut sein sollte, dann hat derjenige kein Deja-vu, sondern diese Story tatsächlich schon gelesen. Denn Martin Hocke erzählt im Grunde dieselbe Geschichte, die er schon in seinem Buch "Zeit der Eulen" schildert - nur wird sie diesmal nicht aus der Perspektive Hunters, sondern aus der von Yoller, seinem Gefährten, erzählt. Wer also "Zeit der Eulen" gelesen hat, der findet in diesem Buch nicht viel Neues.
Wer die Ereignisse aus dem anderen Buch nicht kennt, wird diesen Roman jedoch mit Lust und vielleicht auch mit Gewinn lesen. Die Anspielungen auf das Hitler-Regime im dritten Teil sind sehr deutlich; und auch sonst spart Hocke nicht mit dezenten Seitenhieben auf die menschliche Gesellschaft. Dabei begibt er sich auf den schmalen Grat zwischen Tier und Mensch; die Eulen sind liebevoll gezeichnet, aber man vergißt trotzdem keine Sekunde lang, daß sie "nur" Eulen sind und keine Menschen. Diese Gratwanderung ist nicht einfach, aber Hocke meistert sie elegant.

Fazit:
Trotz der Tatsache, daß Hocke im Grunde genommen alten Wein in neue Schläuche gießt, kann der Leser doch seinen Spaß an der Geschichte haben - vor allem, wenn er Tiergeschichten mag.
11 Punkte

Christian Spließ


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