OT: Havenstar
Ü: Michael Siefener
GB 1999
(654 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9060, ISBN 3-453-17893-9, DM
19,90)
- erschienen: Februar 2001 -
Zum
Inhalt:
Malinawar ist von den anderen Ländern der Welt abgeschnitten, so
diese überhaupt noch existieren. Das sich ständig wandelnde
Unbeständige teilt jedoch auch Malinawar in acht
Stabilitäten, und der Wechsel von einer zur anderen
Stabilität ist nur mit erfahrenen Führern möglich. In
einer solchen Welt ist die Kunst des Kartenmachens die wichtigste,
denn nur mit möglichst genauen Karten können die
Führer und die ihnen anvertrauten Pilger die Gefahren des
Unbeständigen gering halten. In diesem Unbeständigen
existieren die Strömungen, die für
Nicht-Strömungsfühlige zur Gefahr werden können, denn
in ihnen herrscht der Tilger, der ihre Körper buchstäblich
destabilisiert.
In den Stabilitäten herrscht die Kantorei, die den Einfluß
des Tilgers mit strenger Einhaltung der Regeln
zurückdrängen will. Doch momentan befindet sie sich eher
auf dem Rückzug - die Bereiche des Unbeständigen zwischen
den Stabilitäten breiten sich langsam aus.
Früher einmal gab es sogenannte Trompleri-Karten, die
quasi-magischen dreidimensionalen Darstellungen der kartographierten
Fläche, die sich selbst auf dem aktuellen Stand halten, die
Veränderungen also in Echtzeit wiedergeben. Doch die Kunst des
Zeichnens von Trompleri-Karten ist verlorengegangen, und so ist es
nicht verwunderlich, daß der Kartenzeichner Piers fast alles
dafür hergeben würde, als ihm in einem Gasthof innerhalb
des Unbeständigen eine dieser legendären Karten angeboten
wird. Aber noch in derselben Nacht wird er von einem Häscher des
Tilgers ermordet, der das Versteck der Karte jedoch nicht finden
kann.
Diese gelangt zusammen mit seinen anderen Sachen in den Besitz seiner
Tochter Keris, die zwar liebend gern seine Nachfolge antreten
würde, von der Ordnung der Kantorei (und ihrem Bruder) jedoch
zur Heirat gezwungen werden soll. Sie macht sich mit ihren geliebten
Karten auf und flieht, wobei sie die Bekanntschaft des zwielichtig
erscheinenden Führers Davron macht, in dessen Gruppe sie quer
durch ganz Malinawar reist und auf dieser Reise einige erstaunliche
Entdeckungen macht, die das Ansehen der Welt verändern
können...
Glenda Noramly ist ein recht unbeschriebenes Blatt in Sachen
phantastischer Literatur - zumindest kenne ich keine weiteren
Veröffentlichungen dieser Autorin. Umso überraschender ist
die Fremdartigkeit und Komplexität des vorliegenden Romans. Wie
der geneigte Leser bereits am Inhaltsanriß gemerkt haben
dürfte, handelt es sich bei der Weltenschöpfung Noramlys um
ein eher schwer verständliches Modell, das zu verstehen die
Autorin dem Leser jedoch auch recht schwer macht. Denn die zum
Verständnis wichtigen Aussagen muß er sich aus dem Roman
selber erschließen, Vermutungen anstellen aufgrund von
Aussagen, Rückschlüsse ziehen aufgrund von Beschreibungen.
Wirkliche Erklärungen zum Hintergrund ihrer Welt bietet Glenda
Noramly dem Leser nur wenige.
Und so ist auch der Einstieg in diesen Roman eher etwas schleppend.
Man kann zwar der Handlung im Groben folgen, die Hintergründe
bleiben jedoch erst einmal unverständlich. Hier macht es die
Autorin dem Leser schwerer, als es eigentlich nötig wäre.
Zwar sind ein paar Protagonisten, die sich gegenseitig die Stichworte
bezüglich der Hintergründe zuspielen, nicht gerade die
eleganteste Lösung für so ein Problem, machen es dem Leser
jedoch eindeutig leichter, sich in der Welt zurechtzufinden. Denn die
anspruchsvollere Lösung, die Noramly gewählt hat,
dürfte wohl den einen oder anderen Leser eher abschrecken, der
sich von dem Roman überfordert fühlt oder sich die Arbeit
nicht machen will, sich durch das erste Drittel mehr oder weniger
durchzukämpfen, bis ihn zum ersten Mal so langsam das
Gefühl beschleicht, daß er die grundlegenden Fakten zum
Verständnis der Welt so langsam erfaßt hätte.
Dabei lohnt sich dieses "Durchkämpfen" durchaus. Denn Glenda
Noramly erzählt hier eine interessante und intelligente
Geschichte, die durchaus den einen oder anderen Punkt in Sachen
Originalität verdient hat. Hinzu kommt, daß sie es
versteht, ihre Charaktere plastisch und anschaulich zu schildern, so
daß der Leser allein schon deswegen weiterlesen wird, um ihr
weiteres Schicksal zu erfahren. Bei diesem "fatalistischen Lesen"
("Ich versteh' zwar die Hintergründe noch nicht so richtig, aber
irgendwann wird's der Autor schon noch erklären...") sind die
Charaktere, die Noramly entwickelt hat, die Haupthilfestellung
für den Leser hat, sich innerhalb des eher unverständlichen
Hintergrunds zurechtzufinden. Und diese Hilfestellung ist eindeutig
gelungen.
Aber der Leser stellt auch verblüfft fest, daß er zwar
kaum eine Ahnung vom "Warum" der Handlung hat, das Interesse am
"Wer", "Was", "Wann", "Wo" und "Wie" jedoch stark gesteigert ist,
sobald man sich einmal in den Roman eingelesen hat. Nach einer
gewissen Zeit ist die Frage nach dem "Warum" eigentlich zweitrangig,
so wird man von der Handlung vereinnahmt und möchte einfach nur
wissen, wie es denn nun weitergeht. Dies zwar nicht so unbedingt
zwingend, daß man den Roman nicht mehr aus der Hand legen
könnte, doch ist dieses Verlangen immerhin noch stark genug, um
den Roman nach einer Lesepause wieder zur Hand zu nehmen.
Fazit:
Ein durchaus anspruchsvoller Roman, der im Großen und Ganzen
zwar ein wenig unnötig kompliziert daherkommt, insgesamt jedoch
für interessante Lesestunden sorgt, die man nicht bereut. Wer
sich für eher schwerer zugängliche Fantasy interessiert,
sollte durchaus einen Blick in diesen Roman werfen; für Fans der
seichteren Fantasy-Literatur ist er jedoch wohl weniger zu
empfehlen.
9 Punkte.