L.E. Modesitt jr.:

"Die Farben des Chaos"

(Recluce Zyklus - Band 9)
OT: Colors of Chaos - Teil 1
Ü: Jürgen Langowski
USA 1999
(511 Seiten, Heyne 06/9097, ISBN 3-453-17890-4, DM 19,46/ EUR 9,95)
- erschienen: Juni 2001 -

Der junge weiße Magier Cerryl hat es - allen Erwartungen zum Trotz - wieder geschafft, den Attacken von Obermagier Jeslek zu entgehen; und manchmal gibt es sogar Momente, da er sich sicher fühlt. Dennoch muß er sich weiter durch die weiße Gilde dienen. Das führt ihn zunächst zu langweiligem Wachdienst an den Toren und später als Magier der Stadtwache in den Polizeidienst. Dabei lernt er schnell, daß es nicht immer gut ist, seine Nase zu tief in Angelegenheiten zu stecken, die für Menschen, die weit über ihm stehen, anscheinend viel wichtiger sind.
Während er Schritt für Schritt seine Lektionen lernt, vertieft sich auch seine Beziehung zu der schwarzen Heilerin Leyladin. Noch sorgt sein Chaos und ihre Ordnung für eine tiefe körperliche Kluft zwischen beiden, aber geistig sind sie schon lange eins.
Eines Tages jedoch wird für den Obermagier Jeslek ein großer Traum wahr: Endlich steht er als Erzmagier an der Spitze der weißen Gilde. Dadurch wäre es gut möglich, daß Cerryls Probleme ebenso an der Schwelle einer neuen Dimension angekommen sind.

Was soll man zu einem Roman schreiben, der mittlerweile der 9. seiner Reihe ist? Einsteigen wird mit diesem vermutlich niemand, bzw. als Einsteiger-Roman sind die "Farben des Chaos" herzlich wenig geeignet, da sie nahtlos auf der Nummer 8 aufbauen. Ein Aussteiger-Band ist es aber auch nicht. Diejenigen, die sich von Cerryl im letzten Roman nicht haben abschrecken lassen, werden auch nach diesem Roman noch dabei sein.
Die "Farben des Chaos" sind ein Band, wie ihn der Recluce-Fan erwartet und mögen wird. Zwar passiert diesmal wirklich nicht viel (es dreht sich hauptsächlich um die langsam fortschreitende Entwicklung von Cerryl), aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase habe ich diesen Roman wirklich gerne gelesen. Das mag an der herzlichen Art liegen, in der der Autor seinen Charakter dem Leser näherbringt. Cerryl ist warmherzig, nett, liebenswürdig, strebsam, fleißig, aufopferungsvoll - und wenn er sein muß, auch eine Killermaschine. Insofern erinnert er durchaus an die anderen Charaktere, die wir im Verlauf der letzten 8. Bände immer erlebt haben. Insofern gibt's also nix neues; auf der anderen Seite läßt es sich aber schön lesen, und noch ist es auch nicht langweilig.
Hinzu kommt, daß nun immer wieder Bezüge auf die anderen Aspekte der Geschichte aufkommen, die wir aus der Sicht der Ordnungsmagier schon mal hatten. In Band 3 war der schwarze Magier Dorrin der Hauptdarsteller. Diesmal ist er "nur" eine Person, die man argwöhnisch beäugt bzw. die aus der Sicht so manchen weißen Magiers sogar der "Böse" ist.
Mit Band 8 ist man auf die Perspektive der weißen Magier umgesprungen und darf nun mehr darüber erfahren, was die wirklichen Beweggründe der Menschen aus Fairhaven sind. So schlecht, wie man immer geglaubt hat, scheinen die nämlich gar nicht zu sein. Noch nicht einmal der machtgierige Jeslek, der nun hin und wieder sogar sympathische Züge hat. Genau das kommt diesmal auch viel besser heraus als im letzten Band.
Diese Form der Geschichte hat man nur ganz, ganz selten, und ich finde es äußerst spannend und faszinierend, mir Candar nun einmal aus dem anderen Winkel anzusehen. Das fordert den Leser zwar ein wenig, weil man tief in der Erinnerung kramen muß, um sich wieder zu entsinnen, was Dorrin und Co. denn damals so alles gemacht haben. Aber diese "Forderung" darf ruhig sein. So packt man die Reihe vielleicht nicht gleich zum alten Eisen, sondern auf eine etwas exponiertere Position, wo man schneller auf sie zugreifen kann.

Fazit:
Eine anständige Geschichte, die vielleicht etwas mitreißender sein könnte, die aber in einem sehr, sehr guten Rahmen steckt, der noch lange nicht am Ende ist.
11 Punkte

Alexander Haas


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