Kim Stanley Robinson:

"Antarktika"

OT: Antarctica
Ü: Peter Robert
USA 1997
(688 Seiten, Paperback, Heyne 06/8307, ISBN 3-453-18779-2, DM 25,43 / EUR 13,-)
- erschienen: August 2001 -

Zum Inhalt:
Der Antarktis-Vertrag läuft so langsam aus, und so machen sich diverse Gruppen daran, eine Verlängerung desselben zu sabotieren oder, was noch besser ist, sich gleich schon mal dort unten breitzumachen. Von den Forschergruppen werden die Ölsucher nicht gerne gesehen, doch solange sie mehr oder weniger auch nur forschen und nicht wirklich bohren, kann man nichts gegen sie unternehmen.
"X" ist ein einfacher GFA ("Gut Für Alles") der Forschergemeinde, doch als er eine SPOT-Kolonne von einer Station zu anderen begleitet, wird sein Fahrzeug überfallen und eines der zehn automatischen SPOT-Fahrzeuge entwendet.
Doch dies ist nur eines der merkwürdigen Ereignisse, wegen denen Wade Norton von seinem Senator Phil Chase in die Antarktis geschickt wird. Der Senator will, daß seine Rechte Hand dort nach dem Rechten sieht, doch Wade wird bald von der antarktischen Gemeinde in ihre Intrigenspiele einbezogen, die sich um nichts anderes als den Erhalt der letzten wirklichen Wildnis der Erde drehen.

Fast könnte man meinen, daß Kim Stanley Robinson mit "Antarktika" eigentlich seinen vierten "Mars"-Roman vorgelegt hat (hypothetischer Titel: "Weißer Mars" - passend wäre das zumindest, wenn nur nicht Brian Aldiss & Co. schon einen Roman mit diesem Titel hervorgezaubert hätten...). Zumindest ist der Autor genauso akribisch an seine Recherchen zum Thema "Antarktis" herangegangen, und auch von der eigentlichen Story her ähnelt "Antarktika" ziemlich den "Mars"-Romanen.
Sowohl von den (eher schwach entwickelten) Charakteren, von dem mehr als nur nüchternen, mehr wissenschaftlich beschreibenden als unterhaltenden Schreibstil, als auch von der eher unspektakulären, sich meist recht langsam entwickelnden, nur selten etwas schneller fortschreitenden Handlung, betritt Robinson wieder das Fahrwasser seiner "Mars"-Romane.
Dabei hatten diese (trotz Übersetzungsschwächen) einen massiven Vorteil gegenüber "Antarktika": Sie spielten auf dem Mars und waren so ziemlich die ersten Romane, die im letzten Jahrzehnt zu diesem Thema erschienen sind. Hier übte die Handlungsumgebung bereits eine massive Faszination aus, und wer sich für Raumfahrt, Terraforming usw. interessierte, wurde hier mit einer fundierten Lektüre bedient. Nach tiefergehenden Charakteren suchte man hier eher vergebens. Vielmehr wiederholt er hier mehr oder weniger die Handlung seiner "Mars"-Trilogie, denn neues hat er handlungsmäßig nun wirklich nicht zu bieten. Vielmehr gibt es unzählige Parallelen zu den Mars-Romanen - was zum Teil sicherlich einfach an der Art des Autors liegt, wie er Geschehnisse in Worte faßt, zum anderen aber auch einfach daran, daß es fast haargenau die gleichen Ereignisse sind. Das Schema der Handlung weicht um keinen Deut vom "roten Mars" ab.
Mit "Antarktika" setzt der Autor damit nahtlos an seine Mars-Romanen an. Die Charaktere sind weiterhin selten über rudimentäre Ansätze hinaus entwickelt, die Sprache ist trocken wie Trockeneis im Tiefkühlfach, die Handlung ist spröde, gleitet langsam voran über den Schnee, der aufgrund der Körpertemperatur des Lesers auf den Roman herabrieselt. Warm werden kann man mit diesem Buch jedenfalls nur schwerlich. Das Ganze ist wissenschaftlich hochinteressant und eindeutig hochwertig, doch - wer sich bei der Lektüre auch unterhalten will, sollte lieber zu einem anderen Roman greifen.
Hier erfährt man eindeutig mehr über die Antarktis, als die 99% der Menschheit jemals gewußt hat - allerdings haben sich diese 99% auch niemals die Mühe gemacht, sich für dieses Wissensgebiet zu interessieren. Schlicht und ergreifend, weil es bei diesem Thema an der Faszination als solcher fehlt. Und dann ist eine Handlung, wie sie Kim Stanley Robinson bietet, für einen Roman eher tödlich.
Ich persönlich habe mich zwar mit einem gewissen Interesse durch die knapp 700 Seiten hindurchgekämpft, doch habe ich am Ende des Romans einfach nur aufgeatmet, froh, daß ich ihn endlich hinter mir hatte. Das ganze Hin und Her, jetzt reisen wir hierhin, dann dahin, dann hören wir von diesen Problemen, dann von jenen (und jedes Problem nimmt dank wissenschaftlicher Akkuratesse mindestens 20 Seiten in Anspruch; es sei denn, man will sich nur eine Tasse Kaffee besorgen - dann sind es nur vier oder fünf Seiten, oder so). Und vielleicht passiert dann auch einmal etwas - doch dieses "vielleicht" ist so vage, daß es eigentlich nicht ins Gewicht fällt.
Wer gerne liest, wie man 30 Seiten über irgendein Eis-Feld wandert, während man auf seinen Sonar blickt, um den Spalten zu entgehen - ja, wer hieraus Spannung ziehen kann, für den ist dieser Roman wohl das richtige.
Alle anderen werden wohl weit vor der Stelle aufgegeben haben, bei der es irgendwann im letzte Drittel dann doch noch einmal spannend werden könnte. Doch anstatt diese Spannung dann bis zum Ende durchzuhalten, bricht sie schnell wieder ein und reiht sich ein in den Einheitsbrei der allgegenwärtigen Meetings, mit denen man die Probleme lösen will, auf denen man meistens jedoch einfach nur herumlabert, ohne auch nur das geringste Ergebnis zu erzielen.
Apropos - ich beginne inzwischen auch schon, in den Tenor dieses Romans einzufallen. Doch bevor ich auch einfach nur herumlabere, möchte ich dann doch zu einem Ergebnis kommen, nämlich dem

Fazit:
Die "Mars"-Trilogie ohne Mars, dafür aber mit Unmengen von Eis. Da fehlt ein wenig die Faszination des fremden Planeten. Übrig bleibt die zwar hochwertige, jedoch ziemlich dröge Handlung eines Buches, das seine Käufer wahrscheinlich mit der Lupe suchen muß. Nicht daß "Antarktika" schlecht wäre: Der Roman übt eine gewisse Faszination auf den Leser aus. Doch wenn man am Ende aufatmet, weil man endlich dort angelangt ist, dann stimmt damit etwas nicht. Wahrscheinlich nur geeignet für Leute, die die Mars-Trilogie gerne gelesen haben und das Ganze vor dem Hintergrund der Antarktis noch einmal lesen möchten. Denn außer den Umgebungs-Schilderungen bietet Kim Stanley Robinson eigentlich nichts wirklich neues.
9 Punkte.

Winfried Brand


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