Zum
Inhalt:
Der Antarktis-Vertrag läuft so langsam aus, und so machen sich
diverse Gruppen daran, eine Verlängerung desselben zu sabotieren
oder, was noch besser ist, sich gleich schon mal dort unten
breitzumachen. Von den Forschergruppen werden die Ölsucher nicht
gerne gesehen, doch solange sie mehr oder weniger auch nur forschen
und nicht wirklich bohren, kann man nichts gegen sie unternehmen.
"X" ist ein einfacher GFA ("Gut Für Alles") der
Forschergemeinde, doch als er eine SPOT-Kolonne von einer Station zu
anderen begleitet, wird sein Fahrzeug überfallen und eines der
zehn automatischen SPOT-Fahrzeuge entwendet.
Doch dies ist nur eines der merkwürdigen Ereignisse, wegen denen
Wade Norton von seinem Senator Phil Chase in die Antarktis geschickt
wird. Der Senator will, daß seine Rechte Hand dort nach dem
Rechten sieht, doch Wade wird bald von der antarktischen Gemeinde in
ihre Intrigenspiele einbezogen, die sich um nichts anderes als den
Erhalt der letzten wirklichen Wildnis der Erde drehen.
Fast könnte man meinen, daß Kim Stanley Robinson mit
"Antarktika" eigentlich seinen vierten "Mars"-Roman vorgelegt hat
(hypothetischer Titel: "Weißer Mars" - passend wäre das
zumindest, wenn nur nicht Brian Aldiss & Co. schon einen Roman
mit diesem Titel hervorgezaubert hätten...). Zumindest ist der
Autor genauso akribisch an seine Recherchen zum Thema "Antarktis"
herangegangen, und auch von der eigentlichen Story her ähnelt
"Antarktika" ziemlich den "Mars"-Romanen.
Sowohl von den (eher schwach entwickelten) Charakteren, von dem mehr
als nur nüchternen, mehr wissenschaftlich beschreibenden als
unterhaltenden Schreibstil, als auch von der eher
unspektakulären, sich meist recht langsam entwickelnden, nur
selten etwas schneller fortschreitenden Handlung, betritt Robinson
wieder das Fahrwasser seiner "Mars"-Romane.
Dabei hatten diese (trotz Übersetzungsschwächen) einen
massiven Vorteil gegenüber "Antarktika": Sie spielten auf dem
Mars und waren so ziemlich die ersten Romane, die im letzten
Jahrzehnt zu diesem Thema erschienen sind. Hier übte die
Handlungsumgebung bereits eine massive Faszination aus, und wer sich
für Raumfahrt, Terraforming usw. interessierte, wurde hier mit
einer fundierten Lektüre bedient. Nach tiefergehenden
Charakteren suchte man hier eher vergebens. Vielmehr wiederholt er
hier mehr oder weniger die Handlung seiner "Mars"-Trilogie, denn
neues hat er handlungsmäßig nun wirklich nicht zu bieten.
Vielmehr gibt es unzählige Parallelen zu den Mars-Romanen - was
zum Teil sicherlich einfach an der Art des Autors liegt, wie er
Geschehnisse in Worte faßt, zum anderen aber auch einfach
daran, daß es fast haargenau die gleichen Ereignisse sind. Das
Schema der Handlung weicht um keinen Deut vom "roten Mars" ab.
Mit "Antarktika" setzt der Autor damit nahtlos an seine Mars-Romanen
an. Die Charaktere sind weiterhin selten über rudimentäre
Ansätze hinaus entwickelt, die Sprache ist trocken wie
Trockeneis im Tiefkühlfach, die Handlung ist spröde,
gleitet langsam voran über den Schnee, der aufgrund der
Körpertemperatur des Lesers auf den Roman herabrieselt. Warm
werden kann man mit diesem Buch jedenfalls nur schwerlich. Das Ganze
ist wissenschaftlich hochinteressant und eindeutig hochwertig, doch -
wer sich bei der Lektüre auch unterhalten will, sollte lieber zu
einem anderen Roman greifen.
Hier erfährt man eindeutig mehr über die Antarktis, als die
99% der Menschheit jemals gewußt hat - allerdings haben sich
diese 99% auch niemals die Mühe gemacht, sich für dieses
Wissensgebiet zu interessieren. Schlicht und ergreifend, weil es bei
diesem Thema an der Faszination als solcher fehlt. Und dann ist eine
Handlung, wie sie Kim Stanley Robinson bietet, für einen Roman
eher tödlich.
Ich persönlich habe mich zwar mit einem gewissen Interesse durch
die knapp 700 Seiten hindurchgekämpft, doch habe ich am Ende des
Romans einfach nur aufgeatmet, froh, daß ich ihn endlich hinter
mir hatte. Das ganze Hin und Her, jetzt reisen wir hierhin, dann
dahin, dann hören wir von diesen Problemen, dann von jenen (und
jedes Problem nimmt dank wissenschaftlicher Akkuratesse mindestens 20
Seiten in Anspruch; es sei denn, man will sich nur eine Tasse Kaffee
besorgen - dann sind es nur vier oder fünf Seiten, oder so). Und
vielleicht passiert dann auch einmal etwas - doch dieses "vielleicht"
ist so vage, daß es eigentlich nicht ins Gewicht
fällt.
Wer gerne liest, wie man 30 Seiten über irgendein Eis-Feld
wandert, während man auf seinen Sonar blickt, um den Spalten zu
entgehen - ja, wer hieraus Spannung ziehen kann, für den ist
dieser Roman wohl das richtige.
Alle anderen werden wohl weit vor der Stelle aufgegeben haben, bei
der es irgendwann im letzte Drittel dann doch noch einmal spannend
werden könnte. Doch anstatt diese Spannung dann bis zum Ende
durchzuhalten, bricht sie schnell wieder ein und reiht sich ein in
den Einheitsbrei der allgegenwärtigen Meetings, mit denen man
die Probleme lösen will, auf denen man meistens jedoch einfach
nur herumlabert, ohne auch nur das geringste Ergebnis zu
erzielen.
Apropos - ich beginne inzwischen auch schon, in den Tenor dieses
Romans einzufallen. Doch bevor ich auch einfach nur herumlabere,
möchte ich dann doch zu einem Ergebnis kommen, nämlich
dem
Fazit:
Die "Mars"-Trilogie ohne Mars, dafür aber mit Unmengen von Eis.
Da fehlt ein wenig die Faszination des fremden Planeten. Übrig
bleibt die zwar hochwertige, jedoch ziemlich dröge Handlung
eines Buches, das seine Käufer wahrscheinlich mit der Lupe
suchen muß. Nicht daß "Antarktika" schlecht wäre:
Der Roman übt eine gewisse Faszination auf den Leser aus. Doch
wenn man am Ende aufatmet, weil man endlich dort angelangt ist, dann
stimmt damit etwas nicht. Wahrscheinlich nur geeignet für Leute,
die die Mars-Trilogie gerne gelesen haben und das Ganze vor dem
Hintergrund der Antarktis noch einmal lesen möchten. Denn
außer den Umgebungs-Schilderungen bietet Kim Stanley Robinson
eigentlich nichts wirklich neues.
9 Punkte.