Walter Appel:

"Ein Yeti am Kudamm"

(182 Seiten, Paperback, eine Produktion des Wabook-Verlages, erschienen im Minotaurus-Verlag, ein Imprint des Blitz-Verlages, ISBN 3-935050-02-X, DM 19,80)
- erschienen: Juli 2001 -

Heftromanautor Walter Appel alias Earl Warren legt hiermit das erste neue Werk aus seinem eigenen Verlag vor, nachdem mit "Morgana die Schwertkämpferin" und "Kreuzfahrt des Grauens" bereits Bände erschienen sind, die (überwiegend) Reprints enthalten.
Nun veröffentlicht Walter Appel also seine Romane in eigener Regie und kann seiner Phantasie, befreit von den Zwängen eines Lektors, die Sporen geben.

Um hier gleich mal die Spreu vom Weizen zu trennen: In diesem Roman treffen wir u.a. auf einen nur in Versform sprechenden Rocker und einen Flugsaurier, der einen großen Haufen auf die Quadriga des Brandenburger Tors abläßt.

Noch irgend jemand hier?

Falls irgend jemand nicht gleich zur nächsten Rezension weitergeklickt hat, könnte er/sie hier richtig sein, wobei jeder für sich entscheiden muß, ob er sich zur Spreu oder zum Weizen zählt. Ich fahre fort:

Worum geht es? Die Handlung ist sehr konfus und nur schwer zusammenzufassen: Kurz gesagt, der Teufel persönlich fällt über die Bundeshauptstadt her, umringt von seinen Schergen. Ihm entgegen stellt sich die Soko Vampir, eine Sondereinheit der Berliner Kripo, sowie eine Rockerbande; ferner mischt auch noch die Russenmafia und tatsächlich ein sprechender Yeti mit.

Erzählt wird der Band größtenteils aus der Sicht von Harry Holt, seines Zeichens Kripobeamter und Ritter des Lichtes, der, wie sich das so gehört, natürlich getunte Wagen fährt und seinen Körper im Fitness-Studio stählt, also nicht gerade der Typ Derrick.
Uns erwartet also ein weiterer Gruselthriller, oder besser gesagt, ein Action-Roman mit phantastischen Elementen.

Diese Elemente verdienen erstmal unsere Aufmerksamkeit. Walter Appel wollte wirklich so ziemlich alles, was es an Mythen gibt, in diesen Roman packen, und so erlebt die geneigte Leserschaft gleich auf den ersten zwanzig Seiten ein so unglaubliches Brimborium, daß es einem schwindelig wird. Harry Holt wird hundert Millionen Jahre in der Zeit zurückversetzt, erfährt von Merlin höchstselbst (wem sonst?) von Atlantis, Amazonen, Xanadu, Flugdrachen und, und, und, und... und im wesentlichen, daß er ein Ritter des Lichtes ist, der zum Kampf gegen das Böse auserkoren ist. Zugegeben, nicht gerade etwas Neues.

Danach geht es in das heutige Berlin zurück, und wenn ich heutig meine, meine ich heute. Walter Appel war so darauf bedacht, am "Puls der Zeit" zu sein, daß er es mit der Akutalität teilweise etwas übertrieb: Die im Roman beschriebene Baustelle des neuen Bundeskanzleramtes z.B. ist keine solche mehr. Eigenartig, daß sich dieses Jahr gleich zwei deutsche Gruselautoren das Bundeskanzleramt als Schauplatz aussuchen. Hat doch auch Jason Dark dort bereits eine John Sinclair-Geschichte angesiedelt, die immerhin im Feuilleton-Teil(!) der WELT abgedruckt wurde.

Wie schon erwähnt, gab Walter Appel seiner Phantasie wirklich die Sporen, und ein Großteil des Unterhaltungswertes dieses Romans entsteht dadurch, daß man einfach wissen möchte, was einem der Autor jetzt als nächste Absurdität noch vorsetzt. Neben dem Flugsaurier weiter oben noch mehr Kostproben gefällig? Nun, es gibt ein Amazonenheer, das mit Pfeil und Bogen auf die Berliner U-Bahn schießt, blutgierige Werwölfe, eine Rockerbande, deren Anführer allen Ernstes Pit Wumme(!!) heißt, usw.

Eigentlich alles also recht unterhaltsam, aber leider strotzt der Roman nur so vor Unebenheiten. Wohl gemerkt, Unebenheiten, nicht Ungereimtheiten. Wer hier in der Handlung auch nur halbwegs einen logischen roten Faden sucht, wird rettungslos verloren sein, deshalb kann ich nur raten, besser gar nicht erst damit anfangen. Denn Walter Appel ist nicht daran interessiert, eine stimmige phantastische Welt zu konstruieren; er wirft alles in seinen Kochtopf, was ihm gerade so paßt, egal ob es Sinn macht oder nicht.
Mit Unebenheiten meine ich, daß in dem Roman tonnenweise unfreiwillig komische bis ärgerliche Szenen enthalten sind, die vor Merkwürdigkeiten und teilweise auch Fehlern nur so strotzen.

Jetzt stecke ich in einer Zwickmühle: Walter Appel hat in einem Interview gesagt, daß er es nicht leiden kann, daß Rezensenten ihm immer etwas vorwerfen, dieses aber nicht belegen. Andererseits hat er damit gedroht, dem Rezensenten, der ihm alle Tippfehler nachweist, einen drei Tagen alten Big Mac zuzuschicken. Nun, mein Briefkasten muß sich keine Sorgen machen, auf Tippfehler möchte ich gar nicht eingehen, denn der Roman ist recht sauber lektoriert und Tippfehler selten; ansonsten gibt es aber, wie gesagt, Unebenheiten EN MASSE. Walter Appel möchte Belege? Hier sind ein paar; ich gebe mir Mühe, die Liste nicht so lang werden zu lassen:

Am Anfang gibt es eine Actionszene in einer Disco mit Harry Holt und den Schergen der Unterwelt, wo der Autor vor folgendem Problem stand: Der Leser kannte die Bösewichte durch eine Einführungsszene schon mit Namen, Harry Holt, der Ich-Erzähler, noch nicht. Also konnte Walter Appel seine Hauptfigur die Bösewichte nicht mit Namen ansprechen lassen, andererseits aber auch nicht den Leser damit langweilen, daß Harry Holt Unholde, die der Leser ja bereits mit Namen kannte, nur äußerlich beschrieb. Wie löste er dieses? Indem er bei jedem der Unholde den Ich-Erzähler sie doch mit Namen ansprechen ließ, versehen mit dem Zusatz: "Den Namen erfuhr ich später." Nicht gerade elegant...

Walter Appel mag rassige Frauen. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Es liegt dann auch nahe, daß die Heldin des Romans, Harrys Kollegin Shannah Mars, natürlich ebenfalls eine rassige Frau ist. Auch dagegen ist nichts einzuwenden. Extrem nervig wird es nur, wenn dann diese gute Shannah im Roman kaum auftreten kann, ohne als rassig beschrieben zu werden. Einmal oder zweimal reicht doch, dann weiß man Bescheid, aber fast jedesmal?!?
Der Abschuß findet sich dann auf Seite 136, wo die gute Shannah innerhalb von nur fünf Zeilen zweimal als rassig beschrieben wird. Wie gesagt, das sollte ein Attribut und nicht ihr Vorname sein!
Auch sonst wiederholen sich auffallend oft Personen- und Charakterbeschreibungen, so daß sich der Eindruck aufdrängt, daß das Buch aus mehreren kürzeren Romanen zusammengestoppelt wurde.

Ansonsten bringt sich der Autor auch öfters selbst ein, wenn er z.B. seine politischen Überzeugungen den handelnden Personen in den Mund liegt. Das ist ja auch in Ordnung; daß dieses aber immer Leute mit "Berliner Schnauze" sein müssen, nervt doch ein wenig.

Selbst Einblicke in seine Psyche erlaubt der Autor. Der Chef dieser Soko Vampir ist ein studierter Kriminalrat. Dieser wird von Walter Appel als ein "Streber" beschrieben, dessen "Intellektuellenverstand sich durch Bücher hindurchfräst (S. 128)". Ein Intellektueller ist ein Streber?!? Hier ist offensichtlich, daß Walter Appel irgendwelche Komplexe aus der Schulzeit abarbeiten mußte - die Bezeichnung "Streber" habe ich für einen Intellektuellen, der mit der Schule fertig ist, noch nie gehört. (* Du vielleicht nicht... ;-) Heike) Warum diese Froschperspektive?

Wo wir gerade beim "Intellekt" sind. Sprachlich läßt der Roman viel zu wünschen übrig. Fangen wir erstmal mit den Fremdsprachen an.

Für Walter Appel ist ein "Ritter des Lichtes" ein "Lord of the Light". Englisch sechs, setzen. (Zwar heißt es später dann auch einmal korrekt Knight of the Light, meist wird es aber mit Lord of the Light "übersetzt".)

Gehen wir über auf französisch, Zitat:
"(Ein Franzose sagt am Telefon): 'In eine andere Körper, als eine Vampir oder als Teufel, ist das keine Problem.'
(Darauf Harry Holt:) Mauvaisson übertrieb sein Französisch, weil er mich damit zusätzlich foppen wollte."
Hilfe, von einem Franzosen gesprochenes Deutsch mit Akzent ist also französisch? Französisch sechs, setzen.

Aber auch mit der deutschen Sprache sieht es nicht gut aus. Walter Appels Stil ist, nun ja, sehr gewöhnungsbedürftig - und genau das Deutsch, wovor uns unser Deutschlehrer zur Schulzeit früher immer gewarnt hat (jetzt arbeite ich wohl gerade Komplexe aus der Schulzeit ab).
Kostprobe gefällig?
Zitat auf Seite 61:
"Ich ging auf dem Druckpunkt - und ballerte los. Wumm, das Projektil flog raus, erwischte Mephisto, der einen Augenblick nicht aufgepaßt hatte, am Kopf und hieb ihm ein Horn ab. Der Teufel röhrte."

Diese drei Sätze sind in Wortwahl und Satzbau nicht nur schlecht, sondern schlicht scheußlich und leider eher die Regel als die Ausnahme.
Andererseits, einen gewissen trashigen Charme hat diese Sprache, und man kann Walter Appel immerhin nicht absprechen, daß er als Autor zumindest eine unverwechselbare Stimme hat, leider gerade in diesem Genre eher eine Seltenheit. Womit wir bei den positiven Aspekten dieses Romans angekommen sind, denn auch davon gibt es reichlich.
So merkt man dem Buch deutlich an, daß es sehr entspannt erzählt ist und viel Humor besitzt.
Sehr viel Spaß gemacht hat zum Beispiel eine Stelle, in der der Autor von einem Jerry Cotton-Schreiberling namens Walter Appel berichtet, der angeblich die Inspiration für die Berliner Tunnelgangster geliefert hat.

Für einen Walter Appel untypisch, gibt es in diesem Roman nur eine einzige Sexszene, die mich aber sehr amüsiert hat: Ein Paar fährt mit dem Wagen in den Wald, schläft dort miteinander, wobei sie vorbildlich ein Kondom benutzen - und trotzdem werden beide von einem Werwolf getötet. Ich weiß nicht, ob es dem Autor bewußt war, daß er damit einen herrlich galligen Kommentar zum amerikanischen Teenie-Horrorfilm abgegeben hat, denn dort werden bekanntlich immer die Charaktere von Monstern/Killern bestraft, die nach der eigenartigen Moral der amerikanischen Filmemacher "abartigen" (sprich: ohne Trauschein oder ähnliches) Sex oder überhaupt Geschlechtsverkehr haben. Und hier benimmt sich ein Paar so schön vorbildlich und kommt trotzdem nicht davon...

Kommen wir jetzt aber zum Höhepunkt des Romans, der allein schon den gesamten Anschaffungspreis wert ist:
Neben dem oben beschriebenen Chef der Rockerbande namens Pit Wumme gibt es auch noch einen Rocker, der Neptun heißt und sich den ganzen Roman über komplett in Versform ausdrückt. Ja, alle Dialoge von ihm sind gereimt! Diese Reime sind das eigentlich wirklich Teuflische an dem Roman und stammen aus den tiefsten Tiefen der Hölle, die man in Fachkreisen auch Appels Versschmiede nennt. Die Reime sind allesamt so schlecht - daß sie das reinste Vergnügen sind!
Kostprobe gefällig? Wie wäre es hiermit - wenn Neptun seine Einschätzung zu der finalen Schlacht mit der Hölle abgibt und Harry Holt ein Bier anbietet, klingt das so:

"Siegt die Hölle ist Pit Wumme, auf jeden Fall ganz schwer der Dumme.
Doch geht's hier um die Rockerehre, und kommt uns einer in die Quere,
so hauen wir ihn in den Boden, dass er ist nicht mehr auszuloten.
Willst Du ne Pulle, Harry Holt, oder bist du kein Trunkenbold?"

Ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, es gelang mir nicht ein einziges mal, einen dieser Reime zu lesen (und es gibt viele von ihnen!!), ohne grinsen zu müssen - ich möchte die Person sehen, die bei den eben zitierten Zeilen nicht grinsen mußte!
Und das steigerte sich von Reim zu Reim, bis ich soweit war, daß mich jedesmal, wenn am Anfang eines Szenenwechsels abzusehen war, daß dieser Neptun wieder auftritt, ein unglaubliches Gefühl der Vorfreude beschlich. Mein Vergnügen stieg in unbeschreibliche Höhen, als sich gegen Ende des Buches Harry Holt auf einen Reimwettbewerb mit diesem Neptun einläßt! Das muß man gelesen haben, um es zu glauben!
Wenn Walter Appel irgendwann einmal einen 800-Seiten Wälzer mit dem Titel "Neptuns Verse" herausbringt, ich bin dabei!

Dieser Roman ist gar nicht so leicht zu bewerten. Allgemein ist zu sagen, daß er sich zwar recht flüssig liest und auch viel Aktionsreichtum besitzt, aber weder sehr spannend noch sehr gruselig ist. Da er wahrlich nicht so außergewöhnlich ist und übermäßig viele Unebenheiten enthält, bleiben die oberen Wertungsregionen verschlossen, während er vor den untersten dadurch bewahrt wird, daß er doch recht unterhaltsam ist, und, na ja, wegen Neptun. Bleiben die Noten 3 und 4. Trotz der vielen Unebenheiten und insbesondere angesichts der Tatsache, daß ich mir auf jeden Fall auch Teil zwei zulegen werde, erscheint eine knappe Note drei am naheliegendsten.
Nur nebenbei: Das Titelbild lädt nicht gerade zum Kauf ein, es ist schlecht gezeichnet und enthält auch noch zwei dicke Fehler: Man betrachte sich einmal, wie der Yeti die Dame in den Armen hält, das dürfte anatomisch nicht möglich sein. Fernerhin ist die Dame auf dem Titelbild unbestreitbar weiß; im Roman trägt der Yeti aber nur ein einziges Mal eine Dame, und das ist Harrys Kollegin Shannah Mars, die eine Mulattin ist.

Fazit:
Mit wirklich zu vielen phantastischen Elementen angereicherter Gruselthriller mit vielen Unebenheiten, der aber noch einigermaßen unterhält und durch viele Eigenwilligkeiten wie einen in Reimen sich ausdrückenden Rocker sogar für sich einnimmt.
7 Punkte.

Oliver Naujoks


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