Heftromanautor
Walter Appel alias Earl Warren legt hiermit das erste neue Werk aus
seinem eigenen Verlag vor, nachdem mit "Morgana die
Schwertkämpferin" und "Kreuzfahrt des Grauens" bereits
Bände erschienen sind, die (überwiegend) Reprints
enthalten.
Nun veröffentlicht Walter Appel also seine Romane in eigener
Regie und kann seiner Phantasie, befreit von den Zwängen eines
Lektors, die Sporen geben.
Um hier gleich mal die Spreu vom Weizen zu trennen: In diesem Roman
treffen wir u.a. auf einen nur in Versform sprechenden Rocker und
einen Flugsaurier, der einen großen Haufen auf die Quadriga des
Brandenburger Tors abläßt.
Noch irgend jemand hier?
Falls irgend jemand nicht gleich zur nächsten Rezension
weitergeklickt hat, könnte er/sie hier richtig sein, wobei jeder
für sich entscheiden muß, ob er sich zur Spreu oder zum
Weizen zählt. Ich fahre fort:
Worum geht es? Die Handlung ist sehr konfus und nur schwer
zusammenzufassen: Kurz gesagt, der Teufel persönlich fällt
über die Bundeshauptstadt her, umringt von seinen Schergen. Ihm
entgegen stellt sich die Soko Vampir, eine Sondereinheit der Berliner
Kripo, sowie eine Rockerbande; ferner mischt auch noch die
Russenmafia und tatsächlich ein sprechender Yeti mit.
Erzählt wird der Band größtenteils aus der Sicht von
Harry Holt, seines Zeichens Kripobeamter und Ritter des Lichtes, der,
wie sich das so gehört, natürlich getunte Wagen fährt
und seinen Körper im Fitness-Studio stählt, also nicht
gerade der Typ Derrick.
Uns erwartet also ein weiterer Gruselthriller, oder besser gesagt,
ein Action-Roman mit phantastischen Elementen.
Diese Elemente verdienen erstmal unsere Aufmerksamkeit. Walter Appel
wollte wirklich so ziemlich alles, was es an Mythen gibt, in diesen
Roman packen, und so erlebt die geneigte Leserschaft gleich auf den
ersten zwanzig Seiten ein so unglaubliches Brimborium, daß es
einem schwindelig wird. Harry Holt wird hundert Millionen Jahre in
der Zeit zurückversetzt, erfährt von Merlin
höchstselbst (wem sonst?) von Atlantis, Amazonen, Xanadu,
Flugdrachen und, und, und, und... und im wesentlichen, daß er
ein Ritter des Lichtes ist, der zum Kampf gegen das Böse
auserkoren ist. Zugegeben, nicht gerade etwas Neues.
Danach geht es in das heutige Berlin zurück, und wenn ich heutig
meine, meine ich heute. Walter Appel war so darauf bedacht, am "Puls
der Zeit" zu sein, daß er es mit der Akutalität teilweise
etwas übertrieb: Die im Roman beschriebene Baustelle des neuen
Bundeskanzleramtes z.B. ist keine solche mehr. Eigenartig, daß
sich dieses Jahr gleich zwei deutsche Gruselautoren das
Bundeskanzleramt als Schauplatz aussuchen. Hat doch auch Jason Dark
dort bereits eine John Sinclair-Geschichte angesiedelt, die immerhin
im Feuilleton-Teil(!) der WELT abgedruckt wurde.
Wie schon erwähnt, gab Walter Appel seiner Phantasie wirklich
die Sporen, und ein Großteil des Unterhaltungswertes dieses
Romans entsteht dadurch, daß man einfach wissen möchte,
was einem der Autor jetzt als nächste Absurdität noch
vorsetzt. Neben dem Flugsaurier weiter oben noch mehr Kostproben
gefällig? Nun, es gibt ein Amazonenheer, das mit Pfeil und Bogen
auf die Berliner U-Bahn schießt, blutgierige Werwölfe,
eine Rockerbande, deren Anführer allen Ernstes Pit Wumme(!!)
heißt, usw.
Eigentlich alles also recht unterhaltsam, aber leider strotzt der
Roman nur so vor Unebenheiten. Wohl gemerkt, Unebenheiten, nicht
Ungereimtheiten. Wer hier in der Handlung auch nur halbwegs einen
logischen roten Faden sucht, wird rettungslos verloren sein, deshalb
kann ich nur raten, besser gar nicht erst damit anfangen. Denn Walter
Appel ist nicht daran interessiert, eine stimmige phantastische Welt
zu konstruieren; er wirft alles in seinen Kochtopf, was ihm gerade so
paßt, egal ob es Sinn macht oder nicht.
Mit Unebenheiten meine ich, daß in dem Roman tonnenweise
unfreiwillig komische bis ärgerliche Szenen enthalten sind, die
vor Merkwürdigkeiten und teilweise auch Fehlern nur so
strotzen.
Jetzt stecke ich in einer Zwickmühle: Walter Appel hat in einem
Interview gesagt, daß er es nicht leiden kann, daß
Rezensenten ihm immer etwas vorwerfen, dieses aber nicht belegen.
Andererseits hat er damit gedroht, dem Rezensenten, der ihm alle
Tippfehler nachweist, einen drei Tagen alten Big Mac zuzuschicken.
Nun, mein Briefkasten muß sich keine Sorgen machen, auf
Tippfehler möchte ich gar nicht eingehen, denn der Roman ist
recht sauber lektoriert und Tippfehler selten; ansonsten gibt es
aber, wie gesagt, Unebenheiten EN MASSE. Walter Appel möchte
Belege? Hier sind ein paar; ich gebe mir Mühe, die Liste nicht
so lang werden zu lassen:
Am Anfang gibt es eine Actionszene in einer Disco mit Harry Holt und
den Schergen der Unterwelt, wo der Autor vor folgendem Problem stand:
Der Leser kannte die Bösewichte durch eine Einführungsszene
schon mit Namen, Harry Holt, der Ich-Erzähler, noch nicht. Also
konnte Walter Appel seine Hauptfigur die Bösewichte nicht mit
Namen ansprechen lassen, andererseits aber auch nicht den Leser damit
langweilen, daß Harry Holt Unholde, die der Leser ja bereits
mit Namen kannte, nur äußerlich beschrieb. Wie löste
er dieses? Indem er bei jedem der Unholde den Ich-Erzähler sie
doch mit Namen ansprechen ließ, versehen mit dem Zusatz: "Den
Namen erfuhr ich später." Nicht gerade elegant...
Walter Appel mag rassige Frauen. Dagegen ist erstmal nichts
einzuwenden. Es liegt dann auch nahe, daß die Heldin des
Romans, Harrys Kollegin Shannah Mars, natürlich ebenfalls eine
rassige Frau ist. Auch dagegen ist nichts einzuwenden. Extrem nervig
wird es nur, wenn dann diese gute Shannah im Roman kaum auftreten
kann, ohne als rassig beschrieben zu werden. Einmal oder zweimal
reicht doch, dann weiß man Bescheid, aber fast jedesmal?!?
Der Abschuß findet sich dann auf Seite 136, wo die gute Shannah
innerhalb von nur fünf Zeilen zweimal als rassig beschrieben
wird. Wie gesagt, das sollte ein Attribut und nicht ihr Vorname
sein!
Auch sonst wiederholen sich auffallend oft Personen- und
Charakterbeschreibungen, so daß sich der Eindruck
aufdrängt, daß das Buch aus mehreren kürzeren Romanen
zusammengestoppelt wurde.
Ansonsten bringt sich der Autor auch öfters selbst ein, wenn er
z.B. seine politischen Überzeugungen den handelnden Personen in
den Mund liegt. Das ist ja auch in Ordnung; daß dieses aber
immer Leute mit "Berliner Schnauze" sein müssen, nervt doch ein
wenig.
Selbst Einblicke in seine Psyche erlaubt der Autor. Der Chef dieser
Soko Vampir ist ein studierter Kriminalrat. Dieser wird von Walter
Appel als ein "Streber" beschrieben, dessen "Intellektuellenverstand
sich durch Bücher hindurchfräst (S. 128)". Ein
Intellektueller ist ein Streber?!? Hier ist offensichtlich, daß
Walter Appel irgendwelche Komplexe aus der Schulzeit abarbeiten
mußte - die Bezeichnung "Streber" habe ich für einen
Intellektuellen, der mit der Schule fertig ist, noch nie gehört.
(* Du vielleicht nicht... ;-) Heike) Warum diese
Froschperspektive?
Wo wir gerade beim "Intellekt" sind. Sprachlich läßt der
Roman viel zu wünschen übrig. Fangen wir erstmal mit den
Fremdsprachen an.
Für Walter Appel ist ein "Ritter des Lichtes" ein "Lord of the
Light". Englisch sechs, setzen. (Zwar heißt es später dann
auch einmal korrekt Knight of the Light, meist wird es aber mit Lord
of the Light "übersetzt".)
Gehen wir über auf französisch, Zitat:
"(Ein Franzose sagt am Telefon): 'In eine andere Körper, als
eine Vampir oder als Teufel, ist das keine Problem.'
(Darauf Harry Holt:) Mauvaisson übertrieb sein Französisch,
weil er mich damit zusätzlich foppen wollte."
Hilfe, von einem Franzosen gesprochenes Deutsch mit Akzent ist also
französisch? Französisch sechs, setzen.
Aber auch mit der deutschen Sprache sieht es nicht gut aus. Walter
Appels Stil ist, nun ja, sehr gewöhnungsbedürftig - und
genau das Deutsch, wovor uns unser Deutschlehrer zur Schulzeit
früher immer gewarnt hat (jetzt arbeite ich wohl gerade Komplexe
aus der Schulzeit ab).
Kostprobe gefällig?
Zitat auf Seite 61:
"Ich ging auf dem Druckpunkt - und ballerte los. Wumm, das Projektil
flog raus, erwischte Mephisto, der einen Augenblick nicht
aufgepaßt hatte, am Kopf und hieb ihm ein Horn ab. Der Teufel
röhrte."
Diese drei Sätze sind in Wortwahl und Satzbau nicht nur
schlecht, sondern schlicht scheußlich und leider eher die Regel
als die Ausnahme.
Andererseits, einen gewissen trashigen Charme hat diese Sprache, und
man kann Walter Appel immerhin nicht absprechen, daß er als
Autor zumindest eine unverwechselbare Stimme hat, leider gerade in
diesem Genre eher eine Seltenheit. Womit wir bei den positiven
Aspekten dieses Romans angekommen sind, denn auch davon gibt es
reichlich.
So merkt man dem Buch deutlich an, daß es sehr entspannt
erzählt ist und viel Humor besitzt.
Sehr viel Spaß gemacht hat zum Beispiel eine Stelle, in der der
Autor von einem Jerry Cotton-Schreiberling namens Walter Appel
berichtet, der angeblich die Inspiration für die Berliner
Tunnelgangster geliefert hat.
Für einen Walter Appel untypisch, gibt es in diesem Roman nur
eine einzige Sexszene, die mich aber sehr amüsiert hat: Ein Paar
fährt mit dem Wagen in den Wald, schläft dort miteinander,
wobei sie vorbildlich ein Kondom benutzen - und trotzdem werden beide
von einem Werwolf getötet. Ich weiß nicht, ob es dem Autor
bewußt war, daß er damit einen herrlich galligen
Kommentar zum amerikanischen Teenie-Horrorfilm abgegeben hat, denn
dort werden bekanntlich immer die Charaktere von Monstern/Killern
bestraft, die nach der eigenartigen Moral der amerikanischen
Filmemacher "abartigen" (sprich: ohne Trauschein oder ähnliches)
Sex oder überhaupt Geschlechtsverkehr haben. Und hier benimmt
sich ein Paar so schön vorbildlich und kommt trotzdem nicht
davon...
Kommen wir jetzt aber zum Höhepunkt des Romans, der allein schon
den gesamten Anschaffungspreis wert ist:
Neben dem oben beschriebenen Chef der Rockerbande namens Pit Wumme
gibt es auch noch einen Rocker, der Neptun heißt und sich den
ganzen Roman über komplett in Versform ausdrückt. Ja, alle
Dialoge von ihm sind gereimt! Diese Reime sind das eigentlich
wirklich Teuflische an dem Roman und stammen aus den tiefsten Tiefen
der Hölle, die man in Fachkreisen auch Appels Versschmiede
nennt. Die Reime sind allesamt so schlecht - daß sie das
reinste Vergnügen sind!
Kostprobe gefällig? Wie wäre es hiermit - wenn Neptun seine
Einschätzung zu der finalen Schlacht mit der Hölle abgibt
und Harry Holt ein Bier anbietet, klingt das so:
"Siegt die Hölle ist Pit Wumme, auf jeden Fall ganz schwer der
Dumme.
Doch geht's hier um die Rockerehre, und kommt uns einer in die
Quere,
so hauen wir ihn in den Boden, dass er ist nicht mehr auszuloten.
Willst Du ne Pulle, Harry Holt, oder bist du kein Trunkenbold?"
Ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, es gelang mir nicht ein
einziges mal, einen dieser Reime zu lesen (und es gibt viele von
ihnen!!), ohne grinsen zu müssen - ich möchte die Person
sehen, die bei den eben zitierten Zeilen nicht grinsen
mußte!
Und das steigerte sich von Reim zu Reim, bis ich soweit war,
daß mich jedesmal, wenn am Anfang eines Szenenwechsels
abzusehen war, daß dieser Neptun wieder auftritt, ein
unglaubliches Gefühl der Vorfreude beschlich. Mein
Vergnügen stieg in unbeschreibliche Höhen, als sich gegen
Ende des Buches Harry Holt auf einen Reimwettbewerb mit diesem Neptun
einläßt! Das muß man gelesen haben, um es zu
glauben!
Wenn Walter Appel irgendwann einmal einen 800-Seiten Wälzer mit
dem Titel "Neptuns Verse" herausbringt, ich bin dabei!
Dieser Roman ist gar nicht so leicht zu bewerten. Allgemein ist zu
sagen, daß er sich zwar recht flüssig liest und auch viel
Aktionsreichtum besitzt, aber weder sehr spannend noch sehr gruselig
ist. Da er wahrlich nicht so außergewöhnlich ist und
übermäßig viele Unebenheiten enthält, bleiben
die oberen Wertungsregionen verschlossen, während er vor den
untersten dadurch bewahrt wird, daß er doch recht unterhaltsam
ist, und, na ja, wegen Neptun. Bleiben die Noten 3 und 4. Trotz der
vielen Unebenheiten und insbesondere angesichts der Tatsache,
daß ich mir auf jeden Fall auch Teil zwei zulegen werde,
erscheint eine knappe Note drei am naheliegendsten.
Nur nebenbei: Das Titelbild lädt nicht gerade zum Kauf ein, es
ist schlecht gezeichnet und enthält auch noch zwei dicke Fehler:
Man betrachte sich einmal, wie der Yeti die Dame in den Armen
hält, das dürfte anatomisch nicht möglich sein.
Fernerhin ist die Dame auf dem Titelbild unbestreitbar weiß; im
Roman trägt der Yeti aber nur ein einziges Mal eine Dame, und
das ist Harrys Kollegin Shannah Mars, die eine Mulattin ist.
Fazit:
Mit wirklich zu vielen phantastischen Elementen angereicherter
Gruselthriller mit vielen Unebenheiten, der aber noch
einigermaßen unterhält und durch viele Eigenwilligkeiten
wie einen in Reimen sich ausdrückenden Rocker sogar für
sich einnimmt.
7 Punkte.