Neal Stephenson:

"Cryptonomicon"

OT: Cryptonomicon
Ü: Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl
USA 1999
(1180 Seiten, Hardcover, Goldmann, ISBN 3-442-54529-3, DM 58,- / EUR 29,65)
(eBook: 1.527 kB, PeP, DM 58,-)
erschienen: August 2001 -

Zum Inhalt:
Amerika, Ende der 30er Jahre: Obwohl Lawrence Pritchard Waterhouse eigentlich lieber Orgel spielen würde, tritt er in die Armee der Vereinigten Staaten ein, wo er sich bald als einer der obersten Geheimnisträger im Bereich Kryptographie wiederfindet. Seine Aufgabe lautet nun, deutsche und japanische Codes zu entschlüsseln, womit er für Fronteinsätze komplett ausfällt. Dieses Glück hat Bobby Shaftoe nicht, der sich immer wieder in vorderster Front wiederfindet und mehr als einmal eher tot als lebendig davonkommt.
Gute 50 Jahre später will Randy Waterhouse mit ein paar Kumpels auf den Philippinen eigentlich einen Datenhafen errichten, der eine absolut gesicherte Kommunikationsmöglichkeit über das Internet bieten soll. Doch schon bald findet er sich in Ereignisse verstrickt, die ihn auf die Spur seines Großvaters führen - hin zu einem Geheimnis, das aus dem zweiten Weltkrieg übriggeblieben ist...

"Cryptonomicon" wurde im Vorfeld mit vielen Vorschußlorbeeren bedacht, die sich nach Erscheinen der deutschen Übersetzung voll und ganz auf diese übertragen lassen. Neal Stephenson ist ein Roman gelungen, der in seiner Faszination seinesgleichen sucht.
Sicher - dieser Roman ist nicht unbedingt der Phantastik zuzuordnen, was den Leser, der geneigt ist, sich auch über den Tellerrand hinweg einmal umzusehen, jedoch in keiner Weise davon abhalten sollte, zumindest einmal in ihn hineinzuschauen. Denn "Cryptonomicon" ist sicherlich eine der faszinierendsten und vielschichtigsten Veröffentlichungen der letzten Jahre und hat gewiß einen führenden Platz unter den Top Ten der Romane verdient, die dieses Jahr erschienen sind.
Doch was macht diese Faszination aus, die der Roman ausstrahlt? Was bringt den Leser dazu, sich tagelang nichts anderem zu widmen?
An erster Stelle ist hier sicherlich Neal Stephensons hervorragendes Sprachverständnis zu nennen, das auch in der Übersetzung nicht verlorengeht. Seine Charakterisierungen sind hervorragend, ebenso seine Beschreibungen und auch seine mathematischen Kenntnisse, die in diesem Roman stark hervortreten.
Denn "Cryptonomicon", der Titel deutet es schon an, ist über manche Strecken ein sehr mathematischer, ein sehr technischer Roman. Manche Kapitel wimmeln nur so von Beschreibungen der Verschlüsselungsmechanismen im zweiten Weltkrieg. Hier durchzusteigen ist manchmal nicht einfach, doch mit ein wenig Vorwissen grundsätzlich durchaus machbar.
Neal Stephenson scheut sich aber auch nicht, die Schrecken des zweiten Weltkriegs hart und detailliert zu beschreiben, wobei er jedoch angenehmerweise auf eine Wertung gänzlich verzichtet und meist eine recht distanzierte Beschreibung liefert.
Doch bevor sich der geneigte Leser jetzt von dieser Rezension abwendet, sei darauf hingewiesen, daß dies nur einen Aspekt des vielschichtigen Romans darstellt, diese Härte nur dann auftaucht, wenn sie auch Sinn macht.
Auf der anderen Seite entdeckt der Leser einen Neal Stephenson, der mit Aphorismen nur so um sich wirft, der den Leser durch unerwartet eingeworfene Beispiele trockenen Humors immer wieder zum Lachen bringt, bis hin zu dem Kapitel, in dem er dem Leser näherbringt, daß Lawrence Waterhouse zeitweilig unfähig ist, japanische Codes zu knacken, weil er schlicht und ergreifend geil ist. Und wenn er dann diese Geilheit in mathematische Schaubilder kleidet und diese immer weiter verfeinert, indem er zuerst die Unterschiede zwischen selbst- und fremdinduzierter Lösung des Problems einbaut, bis er schließlich zum Faktor der MSN (=Mary Smith Nähe) kommt und daraus eine komplexe Gleichung entwickelt - an dieser Stelle ist der Rezensent vor Lachen brüllend aus dem Bett gefallen.
Man merkt: Dieser Roman ist mehr als nur vielschichtig, er reizt das Gefühlsspektrum des Lesers konsequent bis in die letzte Ecke aus.
Einen negativen Aspekt muß ich jedoch noch in Hinsicht der eBook-Version des Romans loswerden: Daß diese preislich keinen Unterschied zur Hardcover-Ausgabe aufweist, ist mehr als nur unverschämt. Immerhin fallen hier weder Druck- noch Lagerkosten an. Eine vernünftige Preisgestaltung sollte eigentlich bei rund einem Drittel unter dem Buchhandelspreis liegen, schließlich fallen für die Herstellung des eBooks gerade mal ein paar hundert Mark an Kosten an. So kann man jedenfalls keinen Leser dazu bringen, sich ein Lesegerät für eBooks zuzulegen, auch wenn diese Version ein wenig früher erscheint als die Printfassung. Das ist reine Ausbeuterei und der Idee der eBooks eher gegenläufig. Angesichts dieser Maßnahmen kann man nur mutmaßen, daß der Goldmann-Verlag die eBooks eher sabotiert als fördert. Allerdings gehört Goldmann inzwischen zur amerikanischen Random House-Gruppe - und deren Ziele sind wohl noch recht unverständlich...

Fazit:
"Cryptonomicon" erweist sich als ein Roman, der sich nicht so einfach klassifizieren läßt. Er ist hart, gefühlvoll, nachdenklich, lustig, beschaulich, spannend... Mathematische Vorkenntnisse können hier jedoch nur von Vorteil sein, da die Lektüre ohne jegliches Gespür für die Arbeitsweise der Kryptographie teilweise doch sehr hart werden kann. Es sei jedoch gewarnt: Die Lektüre macht süchtig! Und als Bettlektüre vor dem Einschlafen ist "Cryptonomicon" eher weniger geeignet.
15 Punkte.

Winfried Brand

Drei Hauptpersonen, drei Handlungsebenen - und eine von ihnen spielt in der Gegenwart. Auf den ersten Blick ist das Buch von Stephenson alles andere als einfach. Zudem handelt es auch noch von der Wissenschaft der Verschlüsselung - das hat ihm dann auch den Namen gegeben - und das schreckt sicherlich die meisten Leser schon im vornherein ab.
Aber so kompliziert, wie der Roman erscheint, ist er eigentlich nicht. Zugegeben, erst gegen Ende des Romans ahnt man die Zusammenhänge, die Querverbindungen, die zwischen den drei Handlungen existieren, aber bis dahin ist man schon längst von dem Buch gefesselt.
Denn wenn man dem Autor eines nicht unterstellen kann, ist das Langeweile. Auf den rund 900 Seiten - der Originalausgabe - breitet Stephenson eine derart große Bandbreite an menschlichen Gefühlen, Szenen und Ereignissen aus, daß man nicht anders kann, als den Roman bis zum Ende zu verschlingen.
Ganz beiläufig erfährt man als Leser dabei, wie es um die Verschlüsselungstechniken im zweiten Weltkrieg stand, wie Robert Pritchard Waterhouse, der Vorfahre des Helden der Gegenwartshandlung, von einem kaputten Fahrrad zu einem Verschlüsselungssystem kommt und wie der Soldat Shaftoe mit ihm zusammentrifft. Bobby Shaftoe ist einer der normaleren Charaktere - ein einfacher Soldat, der Befehlen gehorcht und nicht so recht weiß, warum er eigentlich tut, was er tut. Doch eines ist ihm klar - er muß zurück zu seiner Geliebten auf den Philippinen.
Der Leser begegnet im Lauf der Handlung noch einem gewissen Turing - ja, der Erfinder des Turing-Testes - sowie Rudolph Hackelheber, der damals den Enigma-Code erfand. Alles in allem gibt es auch jede Menge mathematischer Formeln im Text, die jedoch nach und nach erklärt werden - der durchschnittliche Leser wird sich trotz dieser Klippen zurechtfinden.
Ich kenne kein anderes Buch, das derart witzig und traurig zugleich ist. Es gibt Stellen, da kann man nur lauthals lachen, aber andererseits, wenn Stephenson die Kampfszenen schildert, wobei er hier sehr distanziert ist und nicht den Eindruck erweckt, er würde den Krieg als solches gutheißen, ist man wie bei der Anfangsszene vom "Soldaten James Ryan" durchaus geschockt.
Vielleicht kann man eines an diesem Roman bemängeln - worauf Stephenson eigentlich mit seiner Geschichte hinauswill, warum er diese Ende gewählt hat - und stellenweise hat man den Eindruck, Stephenson verliert bei seinem Detailreichtum die eigentliche Handlung aus den Augen.

Fazit:
Wenn man in diesem Jahr nur ein Buch kaufen kann, sollte man zum "Cryptonomicon" greifen.
15 Punkte

Christian Spließ


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