Nachdem
die Bibliothek des Schreckens zuerst auf die Vorbilder von Lovecraft
und dann auf die einzelnen Storyzyklen um die Mythos-Geschichten
eingegangen ist, widmet sich Frank Festa jetzt zum ersten Mal einem
einzelnen Autor: Clark Ashton Smith.
Bisher ist dieser Autor in Deutschland recht unbekannt - es gab wohl
vor Zeiten einmal mehrere Bände mit seinen Kurzgeschichten, aber
im Gegensatz zu den anderen Freunden Lovecrafts, wie Howard und
Bloch, ist Smith für viele noch ein Unbekannter. Und das zu
Unrecht, denn Smiths Stories gehören wahrlich zu den
Meisterwerken der Dark Fantasy.
Frank Festa hat für diesen Band sechs Stories aus dem
"Zothique"-Zyklus ausgesucht und ferner noch etliche
eigenständige Horrorwerke. Ich persönlich hätte mir
noch etliche Stories aus den anderen Zyklen gewünscht. Aber man
kann ja nicht alles haben. ;-)
Eingeleitet wird der Band von einem kurzen Lebenslauf Smiths, und die
zwei Abteilungen des Bandes führen einmal in das Universum von
Zothique ein und erläutern darüber hinaus die
Hintergründe der einzelnen Storys.
Necropolis - Das Reich der Toten
OT: The Empire of the Necromancers
Ü: Heiko Langhans
Weird Tales 1932
Mmatmuor und Sodosma erschaffen sich jenseits der bewohnten Welt ein
Reich aus lebenden Toten. Eines Tages jedoch erinnert sich einer der
Toten an seine vorherige Existenz und nimmt an den beiden Necromanten
furchtbare Rache.
Eine düster-makabre Atmosphäre und zudem eine sehr - nun
ja, nicht gerade blutige, aber doch gewaltreiche Rachegeschichte, von
Smith kongenial erzählt.
13 Punkte
Der Leichengott
OT: The Charnel God
Ü: Heiko Langhans
Weird Tales, 1934
Ein junges Pärchen kehrt in der Stadt Zhul-Ba-Sair ein. Alaith,
die junge Frau, fällt in eine todesähnliche Starre, die sie
schon öfters erlitten hat und aus der sie stets gesund erwachte.
Doch da die Ärzte in der Stadt ihren Tod diagnostiziert haben,
wird der vermeintliche Leichnam in den Tempel des Gottes Mordiggian
gebracht, der die Leichname frißt. Verzweifelt versucht der
junge Mann, seine Geliebte zu retten.
Untypisch für Smith endet die Geschichte mit einem Happy-End.
Mit gewohnter Fabulierkunst kann der Autor das Grauen der Stadt und
des furchtbaren Gottes selbst deutlichmachen. Zwar hat die Geschichte
einige Längen, aber der Stil von Smith nimmt einen doch
gefangen.
12 Punkte
Ilalothas Tod
OT: The Death of Ilalotha
Ü: Heiko Langhans
Weird Tales, 1938
Die Hofdame Ilalotha ist verstorben, und ihr einstiger Geliebter
kehrt aus diesem Anlaß an den Hof zurück. Jetzt ist er mit
der Kaiserin liiert - und diese bestellt ihn prompt um Mitternacht zu
einem Rendezvous. Doch die Liebe geht manchmal über das Grab
hinaus.
Typisch für die Zothique-Geschichten, zu denen diese und die
nächsten drei gehören, sind eine starke Prise Gewalt und
Horror. In diesem Fall gibt es am Ende der Story eine sehr
unappetitliche Szene.
11 Punkte
Der schwarze Abt von Puthuum
OT: The Black Abbot of Puthuum
Ü: Andreas Diesel
Weird Tales 1936
Zobal und Cushara sollen eine Jungfrau in den Harem ihres Königs
überführen. Ihre Reise führt sie durch eine seltsame
Gegend, und schließlich kommen sie in der Abtei von Puthuum
unter. Dort regiert der schwarze Abt - und der ist an der Jungfrau
sehr interessiert...
Erwähnte ich, daß Smith zuweilen etwas arg
geschwätzig wird? Dies ist auch hier der Fall. Denn obwohl die
Geschichte sehr interessant ist, gibt es ab und an Stellen, die man
gerne überlesen möchte - und es doch wegen Smiths Stil
einfach nicht kann.
12 Punkte
Xeethra
OT: Xeethra
Ü: Andreas Diesel
Weird Tales 1934
Xeethra, ein junger Hirte, führt seine Herde in ein seltsames
Tal. Dort genießt er von einer Frucht und hält sich fortan
für den König eines fernen Landes - dies erreicht er
schließlich nach einer langen Irrfahrt. Doch sein Reich ist
zerfallen. Ein Pakt mit einem Dämon verhilft ihm zu seiner alten
Größe. Diese ist aber nicht von Dauer.
Dämonen spielen mit dem Leben eines Hirtenjungen ihr ruchloses
und verderbtes Spiel. Ein Happy-End ist hier nicht in Sicht. Sprich:
Grauen pur.
14 Punkte
Morthylla
OT:Morthylla
Ü: Frank Festa
Weird Tales 1953
Valzain trifft auf dem Friedhof eine mysteriöse junge Frau, die
er für die Lamie Morthylla hält. Sofort ist er ihr
verfallen, und fortan treffen sich die beiden Nacht für Nacht.
Doch Morthylla ist nicht ganz das, was sie zu sein scheint.
Schein und Sein spielen in dieser Story eine große Rolle. Den
Erwartungen des Lesers wird nicht entsprochen, und deswegen verrate
ich hier nichts weiter.
13 Punkte
Die Seereise des Königs Euvoran
OT: The Voyage of King Euvoran
Ü: Andreas Diesel
The Double Shadow and other Fantasies, 1953
Ein Nekromant schafft das Unglaubliche: Der ausgestopfte Vogel, der
die Krone des Königs Euvoran in seinen Krallen hält, wird
lebendig und fliegt auf und davon - mit der Krone. Euvorian bleibt
daher nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach der
Krone und dem Vogel zu machen. Doch der günstige Orakelspruch
war nicht so gemeint, wie der König dachte.
Eindeutig die langatmigste Geschichte innerhalb der Storysammlung.
Man merkt, daß Smith sich hier an Sindbads Abenteuern
orientiert hat. Die episodenhafte Handlung zieht sich öfters in
die Länge. Nur das Ende vermag dafür etwas zu
entschädigen.
10 Punkte
Genius Loci
OT: Genius Loci
Ü:Heiko Langhans
Weird Tales 1953
Der Künstler Amberville lernt einen ungewöhnlichen Ort
kennen - und dieser schlägt ihn bald darauf in seinen
Bann...
Morbide Erzählung, die aufgrund ihrer Atmosphäre den Leser
in ihren Bann schlägt - wie der Ort den Künstler
Amberville.
15 Punkte
Das Gorgonenhaupt
OT: The Gorgon
Ü: Heiko Langhans
Weird Tales 1932
Inmitten von London trifft der Erzähler auf einen Menschen, der
behauptet, das Haupt der Gorgone in seinem Besitz zu haben. Und
tatsächlich kann der Erzähler, wie Jason mit einem Spiegel
bewaffnet, einen Blick auf die Gorgone werfen. Doch dies ist noch
nicht alles.
Eine meiner Lieblinge unter den Storys dieses Bandes. Zum einen
deswegen, weil Smith zu Beginn die nebelhafte Atmosphäre Londons
perfekt einfängt (* ...und in welchem Jahrhundert warst Du in
London? Sagte man damals vielleicht noch Londinium? >;-)))
Heike) und zum anderen, weil das Ende der Geschichte alles andere
als normal ist. ;-)
15 Punkte
Die Rückkehr des Hexers
OT: The Return of the Sorcerer
Ü: Heiko Langhans
Strange Tales of Mystery and Horror, 1931
Mister Carnaby sucht einen neuen Diener - und dieser zieht prompt bei
dem etwas sonderbaren Menschen ein. Während des Nachts
merkwürdige Geräusche ertönen, scheint Carnaby vor
irgendetwas furchtbare Angst zu haben.
Wenn das Necronomicon auftaucht, dann ist HP in der Regel nicht mehr
weit - und ganz in dessen Manier zaubert Smith ein sehr eigenwilliges
und eindruckstarkes Horror-Stück hervor.
13 Punkte
Die Venus von Azombeii
OT: The Venus of Azombeii
Ü: Martin Eisele
Weird Tales 1931
Marsden, ein Afrika-Forscher, entdeckt ein bisher unbekanntes
Eingeborenenvolk. Er verliebt sich in dessen Königin - doch er
hat einen sehr mächtigen Rivalen.
Farbenprächtige Exotik verbindet sich hier mit einem Schuß
Horror. Und die Mischung mundet vorzüglich. ;-)
13 Punkte
Die Wurzel von Ampoi
OT: The Root of Ampoi
Ü: Martin Eisele
The Arkham Sampler, 1949
Einen jungen Seemann treibt die Aussicht auf Rubine und riesenhafte
Amazonen tief in den dunklen Kontinent. Er begegnet den Amazonen
tatsächlich und verliebt sich in deren Königin - und um mit
ihr mithalten zu können, ißt er von der Ampoi-Wurzel.
Diese verleiht ihm eine riesenhafte Gestalt. Leider ahnt er nicht,
daß er damit sein Glück zerstört.
Nun ja - noch eine Afrika-Geschichte mit noch einem unbekanntem Volk.
Nach der ersten Geschichte nicht mehr besonders aufregend, aber immer
noch gut zu lesen.
12 Punkte
Die unentdeckte Insel
OT: The Uncharted Isle
Ü: Martin Eisele
Out of Space and Time, 1942
An die Gestade einer Insel gespült, die eigentlich gar nicht
existieren dürfte, stellt der Seemann verblüfft fest,
daß die Inselbewohner ihn überhaupt nicht wahrnehmen.
Stattdessen starren diese immer wieder in den Himmel und führen
irgendwelche Berechnungen durch. Der Grund für dieses Verhalten
wird dem Seemann erst sehr viel später klar.
Erneut spielt Smith mit dem Topos des unbekannten Volkes - aber in
dieser Geschichte ist alles etwas anders als in den vorherigen.
Angenehm zu lesen und hervorragend fabuliert.
13 Punkte
Mutter Kröte
OT: Mother of Toads
Ü: Heiko Langhans
Weird Tales, 1932
Die Hexe Antoinette hat ein Auge auf den jungen Lehrling des
Dorfapothekers geworfen. Antoinette ist jedoch ausnehmend
häßlich - und nur mittels eines Tricks gelingt es ihr, den
Lehrling in ihr Bett zu kriegen. Als dieser am Morgen darauf fliehen
will, ahnt er nicht, daß er in sein Verderben laufen wird.
Schwüle Erotik gepaart mit Horror - man merkt, Smith war kein
Kostverächter. ;-)
13 Punkte
Die Ankunft des weißen Wurms
OT: The Coming of the White Worm
Ü: Andreas Diesel
Stirring Stories, 1941
Der Seher Evagh wird eines Tages von der Ankunft eines riesigen
weißen Wurms überrascht. Dieser wandelt ihn derart um,
daß er in der eiskalten Luft des Gletschers, der das Zuhause
des Wurms ist, zusammen mit anderen Umgewandelten überleben
kann. Doch wie so oft steckt hinter dem Wurm mehr, als man
vermutet.
Gletscher, Kälte und ewiges Eis - eine etwas unübliche
Horrorgeschichte, aber dennoch sehr eindrucksvoll und
beeindruckend.
12 Punkte
Fazit:
Wer Smith noch nicht kennt, sollte ihn unbedingt kennenlernen. Wer
düstere und morbide Dark-Fantasy-Stories mag, kann unbesorgt
zugreifen.
Auch diejenigen, die bisher nichts mit dieser Art von Geschichten
anfangen konnten, sollten einen Blick in den Band werfen. Denn die
Art, wie Smith seine Geschichten erzählt, ist einfach
einzigartig.
14 Punkte