Ursula K. LeGuin:

"Die Erzähler"

OT: The Telling
Ü: Biggy Winter
(236 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6382, ISBN 3-453-18861-6, DM 15,55 / EUR 7,95)
- erschienen: Juli 2001 -
Eine Vorzugsausgabe erschien in leicht veränderter Übersetzung 2000 bei EDITION PHANTASIA, Bellheim

Schon seit langer Zeit hat sich die Linguistin Sutty auf ihren Einsatz vorbereitet. Nachdem die Erde sich nach einer Zeit der religiösen Wirren allmählich wieder erholt, bricht Sutty zum Planeten Arka auf.
Doch dort haben sich die Verhältnisse mittlerweile geändert. Ein diktatorisches Regime ist an die Macht gekommen, in dem die Wissenschaft verherrlicht wird. Sutty hat nach etlichen Monaten genug von all den Parolen, die ihr täglich entgegenschallen, und ihr Beruf erscheint ihr in dieser Welt nutzlos. Doch da geschieht ein kleines Wunder: Sutty wird erlaubt, die entlegeneren Provinzen der Welt Arka zu besuchen. Dort soll die ursprüngliche, alte Kultur des "Erzählens" noch existieren. Sutty, die zuerst von einem staatlichen Beamten aufmerksam beobachtet wird, stürzt sich mit Feuereifer in die Erforschung der alten Sprache und der Gebräuche. Und während sie allmählich immer tiefer in die Überlieferungen eindringt, erkennt sie mehr und mehr, daß sie die alten Gebräuche unbedingt vor dem Regime retten muß. Doch das ist alles andere als einfach.

Mit dem Roman "Die Erzähler" legt LeGuin einen weiteren Roman ihres "Hainish"-Zyklus vor. Man muß jedoch die anderen Bände nicht kennen, um an diesem Roman sein Vergnügen zu haben.
Mit Action oder Space-Opera hat diese groß angelegte Erzählung über Sprache und deren Wirkung nichts gemein. Ruhig und besonnen treibt die Autorin die Handlung voran, läßt immer wieder Zeit zum Nachdenken. Dabei ersteht eine faszinierende Welt vor den Augen des Lesers - eine Welt, die erschreckend an die kommunistischen Regimes erinnert. Warum also faszinierend? Ganz einfach, weil die Autorin innerhalb dieses Regimes eine Kultur zeichnet, deren Zweck nur der des Erzählens ist. Der einer lebendigen Sprache, die durch die Kulturrevolution als Aberglauben verboten wurde und die sich dennoch eine Nische erhalten hat.
Dabei gelingt es ihr, sowohl Sutty als auch ihren Gegenspieler als lebendige Menschen zu zeichnen, als Menschen, die für ihr Handeln ihre Gründe haben. Natürlich liegen die Sympathien des Lesers eindeutig bei Sutty, aber nach und nach erfährt man auch, warum der Beamte, der sie zuerst gezwungenermaßen und danach freiwillig verfolgt, zu dem geworden ist, wer er ist. Dadurch sind die Figuren weder schwarz noch weiß, sondern grau.
Das eigentliche Thema ist jedoch der Umgang mit Sprache und dem geschriebenen Wort. Sprache, so meint die Autorin, ist etwas, das einen nicht nur formt, sondern das einem zugleich Wurzeln gibt. Mit der Sprache hat man eine Identität - nicht zu Unrecht taucht in dem Roman das Symbol des Baums für die Kultur der Erzähler auf.
Und LeGuin kann diese Faszination, die von dieser Kultur ausgeht, perfekt vermitteln.

Fazit:
Ein ruhiger, besonnener Roman, dessen Protagonisten einfühlsam charakterisiert sind und der gewiß nichts für jeden Leser sein wird. Wer jedoch anspruchsvolle SF mag, wird mit diesem Roman gut bedient sein.
13 Punkte

Christian Spließ


Interesse? Hier kannst Du dieses Buch direkt bei amazon.de bestellen, und das Flash damit auch ein wenig finanziell unterstützen.


home...