Kai Meyer:

"Die Fließende Königin"

(Band 1 der Trilogie)
D 2001
(273 Seiten, Hardcover, Loewe, ISBN 3-7855-4015-9, DM 28,- / EUR 14,50)
- erschienen: 2001 -

Zum Inhalt:
In einer Welt, die nie von der Magie verlassen wurde: Venedig wird seit vielen Jahren von den Armeen der neuen Weltmacht, den Ägyptern unter ihrem wiederauferstandenen Pharao, belagert - seit die Fließende Königin die ägyptische Armee in der Lagune Venedigs zurückgeschlagen hat.
In diesem Venedig, in dem Meerjungfrauen und fliegende Steinlöwen existieren, lebt Merle, die zusammen mit ihrer blinden Waisenhaus-Leidensgenossin Junipa von Arcimboldo als Lehrlinge für seine Zauberspiegelwerkstatt ausgesucht werden. Hier treffen sie auf manch wunderliches Wesen und auch auf die Lehrlinge des gegenüber residierenden Webers Umberto, der in inniger Feindschaft mit Arcimboldo verbunden ist. Doch ausgerechnet zusammen mit dem Anführer der Weber-Lehrlinge entdeckt Merle eine Verschwörung, die das Leben der Fließenden Königin - und damit auch die Existenz von Venedig - gefährdet...

Nachdem Kai Meyer ja bereits einige Erfahrung im Bereich des phantastischen Jugendbuchs gesammelt hat (10 Romane der Reihe "Sieben Siegel", davon ein Sonderband), wendet er sich einem weiteren Projekt dieses Genres zu: der Trilogie um die "Fließende Königin".
Eins vorweg: Meyer macht seine Sache wirklich gut, entfesselt in dem vorliegenden ersten Band eine magisch-mystische Atmosphäre, die den Leser gefangenzunehmen vermag, ihn für rund drei Stunden in eine andere Welt versetzt, der sich auch ein Erwachsener nicht zu entziehen vermag. Drei Stunden?!? Dazu komme ich gleich noch...
Nachdem J.K. Rowling ("Harry Potter" [Carlsen Hardcover]) und Philip Pullmann (Trilogie "His Dark Materials": "Der Goldene Kompaß", "Das Magische Messer", "Das Bernstein-Teleskop" [Carlsen Hardcover / Heyne Taschenbuch (Band 3 in Vorbereitung)]) bewiesen haben, daß sich atmosphärische Fantasy-Romane für Jugendliche mehr als nur gut verkaufen (und das nicht nur in Kreisen des eigentlichen Stammpublikums, sondern vor allem auch in Erwachsenenkreisen), wollte nun wohl auch der Loewe-Verlag seinen Teil am Kuchen abbekommen.
Denn Kai Meyers "Fließende Königin" erinnert atmosphärisch verblüffend an Philip Pullmanns preisgekrönte Trilogie "His Dark Materials". Nicht, daß Meyer hier jetzt einfach abgekupfert hätte, doch finden sich diverse Pullmann-Motive auch in diesem Roman. Was dem Leser spätestens klar wird, wenn er auf Seite 126 liest: "Man sagt, dass es in einer anderen Welt liegt, die so ähnlich ist wie unsere und doch ganz anders." Das ist dann schon fast wortwörtlich bei Pullmann zu lesen. Und auch die Vorschau auf die kommenden zwei Bände "spricht Bände": "Der zweite Band führt uns in das Reich von Lord Licht und schildert den verzweifelten Kampf um Venedig. Der dritte Band spielt in Venedig, in der Hölle und im Herzen des ägyptischen Imperiums." Wer Pullmann gelesen hat, wird wissen, was ich hiermit meine...
Dabei schreibt Meyer jedoch kein Plagiat zu Pullmanns "His Dark Materials" (Warum hat Carlsen der deutschen Version dieser Trilogie eigentlich keinen Namen gegeben?), sondern bedient sich geschickt einiger Elemente derselben (so ist zumindest zu vermuten, wenn man beide Werke kennt) und bastelt daraus etwas Eigenständiges: Einen mitreißenden Roman, der atmosphärisch sicherlich zu den Highlights der Jugendliteratur gehört - wobei er manch anderen Roman des Autoren in der Atmosphäre durchaus noch übertrifft. Einen Roman, der durchaus für alle Altersschichten geeignet ist. Ich bin mehr als nur gespannt darauf, wie es in den nächsten zwei Bänden weitergeht.
Allerdings gibt es hier durchaus noch einen Wermutstropfen, der vor allem in der Länge - und damit auch in der Komplexität der Handlung - zu finden ist. Während Rowling und Pullmann (und auch deren Verlage) dem jugendlichen Leser durchaus eine komplexe Handlung vorzusetzen bereit sind, die eine entsprechende Länge verlangt, scheint das Gespann Meyer/Loewe immer noch der Meinung zu sein, daß man Jugendlichen keine längeren Texte vor die Nase legen kann. Dies wird deutlich, wenn der Leser das Buch zum ersten Mal aufklappt: Zwar hat es äußerlich ein Standard-Hardcover-Format und belegt rund 2,5-3 Zentimeter Platz im Regal, doch wird einerseits ein recht dickes Papier verwendet (gute 270 Seiten), und andererseits ist der Satzspiegel in seiner Größe dem eines Standard-Taschenbuchs angepaßt, wobei man dann auch noch eine recht große Schriftgröße verwendet hat. Alles in allem bietet dieser Roman dann gerade einmal die Länge von zwei Standard-Heftromanen, was dann doch ein wenig enttäuschend ist. Wenn man dann bedenkt, daß jeweils zu einem vergleichbaren Preis auch die ersten beiden Potter-Romane im Regal stehen, die locker den doppelten Inhalt und eine - zumindest in den späteren Bänden - komplexere, wenn auch nicht unbedingt mystischere Handlung bieten sowie auch noch Übersetzungskosten verursacht haben, gerät der Leser doch so langsam ins Grübeln...
Nun gut, wollen wir fair sein: Rowlings "Potter" geht im Vergleich zur Pullmann-Trilogie baden. Rowling schreibt zwar spannend, aber "eher oberflächlich", während Pullmann seiner Leserschaft eine durchaus spannend-komplexe Handlung vorlegt und auch atmosphärisch die Nase vorn hat. Kai Meyers "Fließende Königin" liegt irgendwo in der Mitte: Eher oberflächlich à la Rowling, atmosphärisch jedoch deutlich eher in der Nähe von Pullmann zu finden. Ein Roman, der wirklich Spaß macht, der aber leider viel zu kurz geraten ist und dem es an Komplexität mangelt. Man kann auch Jugendlichen durchaus komplexere Themen zumuten - wie Pullmann ja bereits bewiesen hat (und Rowling in Potter 3 und 4...).
Ja, ich bin mehr als nur gespannt auf den nächsten Band, doch wenn die nächsten beiden eine ähnliche Länge aufweisen, stellt sich mir doch instinktiv die Frage: Weshalb hat man nicht gleich alle drei in ein Buch gepackt? Vom Umfang her wäre es sicherlich kein Problem gewesen...

Fazit:
Ein sehr schöner, vor allem atmosphärischer Auftakt zu einer Trilogie, die irgendwo zwischen Rowling und Pullmann schwebt, wobei Reminiszenzen an Letzteren deutlich merkbar sind. Die magisch-mystische Stimmung, die den Roman beherrscht, läßt den Leser nur so durch den Roman fliegen, wobei er fast zu vergessen bereit ist, daß das Preis-/Leistungsverhältnis in Hinsicht auf die Textmenge eventuell ein wenig unverschämt erscheinen könnte...
10 Punkte.

Winfried Brand


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