Zum
Inhalt:
In einer Welt, die nie von der Magie verlassen wurde: Venedig wird
seit vielen Jahren von den Armeen der neuen Weltmacht, den
Ägyptern unter ihrem wiederauferstandenen Pharao, belagert -
seit die Fließende Königin die ägyptische Armee in
der Lagune Venedigs zurückgeschlagen hat.
In diesem Venedig, in dem Meerjungfrauen und fliegende
Steinlöwen existieren, lebt Merle, die zusammen mit ihrer
blinden Waisenhaus-Leidensgenossin Junipa von Arcimboldo als
Lehrlinge für seine Zauberspiegelwerkstatt ausgesucht werden.
Hier treffen sie auf manch wunderliches Wesen und auch auf die
Lehrlinge des gegenüber residierenden Webers Umberto, der in
inniger Feindschaft mit Arcimboldo verbunden ist. Doch ausgerechnet
zusammen mit dem Anführer der Weber-Lehrlinge entdeckt Merle
eine Verschwörung, die das Leben der Fließenden
Königin - und damit auch die Existenz von Venedig -
gefährdet...
Nachdem Kai Meyer ja bereits einige Erfahrung im Bereich des
phantastischen Jugendbuchs gesammelt hat (10 Romane der Reihe "Sieben
Siegel", davon ein Sonderband), wendet er sich einem weiteren Projekt
dieses Genres zu: der Trilogie um die "Fließende
Königin".
Eins vorweg: Meyer macht seine Sache wirklich gut, entfesselt in dem
vorliegenden ersten Band eine magisch-mystische Atmosphäre, die
den Leser gefangenzunehmen vermag, ihn für rund drei Stunden in
eine andere Welt versetzt, der sich auch ein Erwachsener nicht zu
entziehen vermag. Drei Stunden?!? Dazu komme ich gleich noch...
Nachdem J.K. Rowling ("Harry Potter" [Carlsen Hardcover]) und
Philip Pullmann (Trilogie "His Dark Materials": "Der Goldene
Kompaß", "Das Magische Messer", "Das Bernstein-Teleskop"
[Carlsen Hardcover / Heyne Taschenbuch (Band 3 in
Vorbereitung)]) bewiesen haben, daß sich
atmosphärische Fantasy-Romane für Jugendliche mehr als nur
gut verkaufen (und das nicht nur in Kreisen des eigentlichen
Stammpublikums, sondern vor allem auch in Erwachsenenkreisen), wollte
nun wohl auch der Loewe-Verlag seinen Teil am Kuchen abbekommen.
Denn Kai Meyers "Fließende Königin" erinnert
atmosphärisch verblüffend an Philip Pullmanns
preisgekrönte Trilogie "His Dark Materials". Nicht, daß
Meyer hier jetzt einfach abgekupfert hätte, doch finden sich
diverse Pullmann-Motive auch in diesem Roman. Was dem Leser
spätestens klar wird, wenn er auf Seite 126 liest: "Man sagt,
dass es in einer anderen Welt liegt, die so ähnlich ist wie
unsere und doch ganz anders." Das ist dann schon fast
wortwörtlich bei Pullmann zu lesen. Und auch die Vorschau auf
die kommenden zwei Bände "spricht Bände": "Der zweite Band
führt uns in das Reich von Lord Licht und schildert den
verzweifelten Kampf um Venedig. Der dritte Band spielt in Venedig, in
der Hölle und im Herzen des ägyptischen Imperiums." Wer
Pullmann gelesen hat, wird wissen, was ich hiermit meine...
Dabei schreibt Meyer jedoch kein Plagiat zu Pullmanns "His Dark
Materials" (Warum hat Carlsen der deutschen Version dieser Trilogie
eigentlich keinen Namen gegeben?), sondern bedient sich geschickt
einiger Elemente derselben (so ist zumindest zu vermuten, wenn man
beide Werke kennt) und bastelt daraus etwas Eigenständiges:
Einen mitreißenden Roman, der atmosphärisch sicherlich zu
den Highlights der Jugendliteratur gehört - wobei er manch
anderen Roman des Autoren in der Atmosphäre durchaus noch
übertrifft. Einen Roman, der durchaus für alle
Altersschichten geeignet ist. Ich bin mehr als nur gespannt darauf,
wie es in den nächsten zwei Bänden weitergeht.
Allerdings gibt es hier durchaus noch einen Wermutstropfen, der vor
allem in der Länge - und damit auch in der Komplexität der
Handlung - zu finden ist. Während Rowling und Pullmann (und auch
deren Verlage) dem jugendlichen Leser durchaus eine komplexe Handlung
vorzusetzen bereit sind, die eine entsprechende Länge verlangt,
scheint das Gespann Meyer/Loewe immer noch der Meinung zu sein,
daß man Jugendlichen keine längeren Texte vor die Nase
legen kann. Dies wird deutlich, wenn der Leser das Buch zum ersten
Mal aufklappt: Zwar hat es äußerlich ein
Standard-Hardcover-Format und belegt rund 2,5-3 Zentimeter Platz im
Regal, doch wird einerseits ein recht dickes Papier verwendet (gute
270 Seiten), und andererseits ist der Satzspiegel in seiner
Größe dem eines Standard-Taschenbuchs angepaßt,
wobei man dann auch noch eine recht große
Schriftgröße verwendet hat. Alles in allem bietet dieser
Roman dann gerade einmal die Länge von zwei
Standard-Heftromanen, was dann doch ein wenig enttäuschend ist.
Wenn man dann bedenkt, daß jeweils zu einem vergleichbaren
Preis auch die ersten beiden Potter-Romane im Regal stehen, die
locker den doppelten Inhalt und eine - zumindest in den späteren
Bänden - komplexere, wenn auch nicht unbedingt mystischere
Handlung bieten sowie auch noch Übersetzungskosten verursacht
haben, gerät der Leser doch so langsam ins Grübeln...
Nun gut, wollen wir fair sein: Rowlings "Potter" geht im Vergleich
zur Pullmann-Trilogie baden. Rowling schreibt zwar spannend, aber
"eher oberflächlich", während Pullmann seiner Leserschaft
eine durchaus spannend-komplexe Handlung vorlegt und auch
atmosphärisch die Nase vorn hat. Kai Meyers "Fließende
Königin" liegt irgendwo in der Mitte: Eher oberflächlich
à la Rowling, atmosphärisch jedoch deutlich eher in der
Nähe von Pullmann zu finden. Ein Roman, der wirklich Spaß
macht, der aber leider viel zu kurz geraten ist und dem es an
Komplexität mangelt. Man kann auch Jugendlichen durchaus
komplexere Themen zumuten - wie Pullmann ja bereits bewiesen hat (und
Rowling in Potter 3 und 4...).
Ja, ich bin mehr als nur gespannt auf den nächsten Band, doch
wenn die nächsten beiden eine ähnliche Länge
aufweisen, stellt sich mir doch instinktiv die Frage: Weshalb hat man
nicht gleich alle drei in ein Buch gepackt? Vom Umfang her wäre
es sicherlich kein Problem gewesen...
Fazit:
Ein sehr schöner, vor allem atmosphärischer Auftakt zu
einer Trilogie, die irgendwo zwischen Rowling und Pullmann schwebt,
wobei Reminiszenzen an Letzteren deutlich merkbar sind. Die
magisch-mystische Stimmung, die den Roman beherrscht, läßt
den Leser nur so durch den Roman fliegen, wobei er fast zu vergessen
bereit ist, daß das Preis-/Leistungsverhältnis in Hinsicht
auf die Textmenge eventuell ein wenig unverschämt erscheinen
könnte...
10 Punkte.