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Aufgrund der Veröffentlichungspolitik der
Buchverlage (Verspätungen!) liegt uns hiermit nun
bereits das dritte Buch von Andreas Eschbach in diesem Jahr
vor. Nach dem höchst vergnüglichen Jugendroman
"Das Marsprojekt" und der befriedigenden, wenn auch nicht
gänzlich gelungenen Space-Opera "Quest" legt Eschbach
mit "Eine Billion Dollar" jetzt wieder mal ein
voluminöses Hardcover vor.
Wie schon bei seinem Erfolg "Das Jesus-Video" macht allein
schon die Prämisse Lust, sofort mit der Lektüre
des Romans anzufangen:
Der mittellose Pizza-Ausfahrer John Salvatore Fontanelli aus
New York bekommt eines Tages Besuch von vier Anwälten,
die ihm eröffnen, daß er eine Billion Dollar
geerbt habe. Das Vermögen stammt von einem Vorfahren,
der vor 500 Jahren einen Betrag (der heute 10.000 Dollar
entspricht) angelegt hatte, welcher sich unberührt
(durch Zins und Zinseszins bei einem mageren Zinssatz von 4
Prozent) vermehren konnte und nach dem Prinzip der
Reiskörner auf dem Schachbrett auf diesen kaum
vorstellbaren Betrag angewachsen ist. Vermehrt sich Geld
wirklich von selbst? Darauf findet man im Roman eine
Antwort...
In dem Testament über eine Billion Dollar ist auch noch
eine Klausel enthalten, daß der Erbe dieses
Vermögens der Menschheit ihre Zukunft wiedergeben
solle. Nachdem Fontanelli zunächst den unerwarteten
Luxus eines solchen Lebens genießt, fängt er dann
an, sich Gedanken zu machen, wie man so eine Menge Geld zum
Nutzen der gesamten Menschheit einsetzen kann. Um Dinge
verändern zu können, braucht man Macht und
Einfluß, und so stellt er einen äußerst
arbeitseifrigen Top-Manager ein, der sich seit einem
Vierteljahrhundert auf diese Aufgabe vorbereitet hat. Mit
dessen Hilfe baut er das größte Firmenimperium
der Menscheitsgeschichte auf.
Aber reicht es selbst mit diesem Einfluß dazu aus, um
der Menschheit ihre Zukunft zurückzugeben?
Wie man schon aus der Inhaltszusammenfassung erahnen kann,
handeln große Teile des Romans von
Konzernübernahmen und Wirtschaftsfragen allgemein.
Eschbach hat einen unglaublichen Arbeitsaufwand bei der
Recherche betrieben und präsentiert dem Leser eine
Unmenge an höchst interessanten Informationen, die
keineswegs trockene Betriebswirtschaft sind - im Gegenteil:
Eschbach hat diese Informationen so spannend aufbereitet,
daß man vielen Passagen nahezu atemlos folgt und mit
dem Umblättern kaum nachkommt.
Was das Buch aber wirklich großartig macht, ist,
daß Eschbach auch viele Bücher ausgewertet hat,
die sich tatsächlich mit der Zukunft der Menschheit
befassen, und zwar sowohl aus anthropologischer und
soziologischer als auch aus ökologischer Sicht. Die
Ideen, die er dabei präsentiert, sind teilweise
verblüffend und enorm faszinierend und hallen noch
lange im Kopf nach, auch wenn man die Buchdeckel schon
geschlossen hat. Die Leidenschaft, mit der der Autor diese
Ideen von seinen Protagonisten vortragen läßt,
wirkt ansteckend; und so hat sich der geneigte Rezensent des
öfteren dabei beobachtet, wie er zu seinem
Bücherregal oder ins Internet ging, um gewisse
Sachverhalte noch zu vertiefen und noch lange, lange
über gewisse Ideen nachdachte. Diese möchte ich
hier nicht wiedergeben, da ich dem Leser das Vergnügen
nicht nehmen möchte, sich diese selber zu
erschließen.
(Ein Seitenhieb sei mir erlaubt: Dieses Buch wurde als einer
der ersten Eschbach-Romane überhaupt auch in der FAZ
rezensiert. Der Rezensent attestierte Eschbach ebenfalls,
daß er viel recherchiert habe, wenn auch, wie er in
Klammern hinzufügt, nicht immer ganz korrekt. Dabei
bleibt es. Was ist denn bitte nicht ganz korrekt? Dieser
Rezensent hat es sich sehr einfach gemacht: Er erscheint so
unheimlich gebildet und belesen und braucht sich nicht die
Arbeit zu machen, diesen Vorwurf zu belegen. Für solch
ein Vorgehen habe ich nur ein Wort: Das ist unfair.)
Um dies klarzustellen: Das Buch ist keineswegs nur für
betriebswirtschaftlich interessierte Personen geeignet. Ich
würde mich mitnichten zu dieser Gruppe zählen; die
Bandbreite der Themen in diesem Buch geht weit darüber
hinaus und bietet wirklich faszinierende Einblicke in
Geschichte, Ökologie, Soziologie, Medien usw.; die
Liste ist sehr lang. Ich hoffe, ich schade dem Buch nicht,
wenn ich folgenden Satz schreibe: Ein Roman, von dem man
wirklich etwas lernen kann, im positivsten Sinne dieses
Wortes. Und ich schiebe schnell hinterher: Den erhobenen
Zeigefinger hat sich Eschbach dankenswerterweise, im
Gegensatz zu seinem Vorbild Johannes Mario Simmel,
völlig gespart. Eschbach will, im Gegensatz zu Simmel,
nicht missionieren, sondern dem Leser Ideen vorstellen und
es ihm dann selber überlassen, was er daraus macht.
Richtig und gut so!
Wie ist das Buch aber nach literarischen Kriterien zu
beurteilen?
Zunächst ist festzustellen, daß dies KEIN
Genre-Roman ist. Phantastische Elemente gibt es,
Eschbach-untypisch, in diesem Roman eigentlich nicht. Es
finden sich zwar teilweise Elemente des Thrillers. Diese
sind aber recht konventionell und stören sogar fast.
Der Roman lebt einzig und allein davon, daß der Leser
äußerst gespannt ist, wie der Autor die
faszinierende Prämisse fortspinnt (so wie im
"Jesus-Video") und schließlich auflöst sowie von
dem Vortrag verschiedenster, hochinteressanter Ideen. Und
davon lebt der Roman sehr gut. Der Spannungsbogen wird von
der ersten Seite über eine lange Strecke bis zur
letzten Seite konstant auf sehr hohem Niveau
aufrechtgehalten, und so kann man nur das höchste Lob
vergeben, das man einem Buch aussprechen kann: "Eine Billion
Dollar" ist ein Page-Turner erster Güte.
Positiv hervorzuheben ist noch, daß Eschbach bei der
Konstruktion eines Plots immer besser wird. Nach der
Lektüre dieses Romans (BITTE, BITTE NICHT VORHER!)
möchte ich das Augenmerk der geneigten Leserschaft mal
auf den geschickten Einsatz des ersten und letzten Satzes
des Romans richten. Auch ansonsten legt Eschbach eine
große Souveränität bei der Behandlung des
Stoffes an den Tag: Alles, was den Leser interessiert,
schildert er in angemessener Breite, und alles, was man sich
eher kürzer wünscht, wird von ihm verdichtet
dargestellt; auch an überraschenden Wendungen mangelt
es nicht. Längen sind mir (bis auf eine ganz kleine)
nicht aufgefallen, das Buch liest sich wie ein Eilzug. Ein
Beispiel noch für Eschbachs erzählerische
Raffinesse (Vorsicht! Kleiner Spoiler!): Als sich
herausstellt, daß einer der Hauptpersonen immer
offener nazistische Züge an den Tag legt, spiegelt er
dieses in einer Parallelhandlung, in welcher ein
tatsächlicher Alt-Nazi präsentiert wird. Kurze
Rede, langer Sinn: Eschbach wird, von Roman zu Roman, ein
immer noch besserer Erzähler. Hut ab!
Auch wenn es den Gesamteindruck praktisch nicht
schmälert, seien noch einige kleine Kritikpunkte
angebracht: Stilistisch muß Eschbach immer noch an
sich arbeiten; sein Schreibtstil ist immer noch teilweise zu
durchschnittlich, und auch das dämliche und bei ihm in
fast jedem Roman auftretende Adjektiv "blöde" kann er
sich immer noch nicht verkneifen.
Natürlich werde ich hier nicht die Auflösung des
Romans verraten; es sei nur angemerkt, daß zumindest
ich diese als nicht ganz so elegant empfand wie beim
"Jesus-Video", aber vielleicht gab der Stoff auch ein
ähnlich elegantes Ende nicht her. Um aber Entwarnung zu
geben: Alle Klippen, die zu einem offensichtlichen oder
sogar dämlichen Ende hinführen werden, umschifft
Eschbach elegant. Also: Das Ende ist sehr wohl befriedigend,
nur halt nicht ganz auf dem Niveau vom "Jesus-Video".
Diese kleinen Kritikpunkte schmälern den Gesamteindruck
aber nicht im Geringsten, und so gibt es hierfür, da
eine Bewertung nicht schematisch erfolgen sollte, keinen
Abzug.
Zum Schluß noch eine kleine Warnung: Anhänger
konventioneller Genre-Literatur kommen sicherlich nicht auf
ihre Kosten. Herkömmliche Spannungselemente oder
Action-Szenen fehlen fast gänzlich, die hat der Roman
aber nun auch wirklich nicht nötig.
Wäre dieser Roman in den USA geschrieben worden,
hätte sich aufgrund des Themas sicherlich Michael
Crichton des Stoffes angenommen. Und so stimme auch ich in
den Chor der Leute ein, die Eschbach als den deutschen
Michael Crichton bezeichnen, in meinen Augen ein nicht zu
unterschätzendes Lob. Crichton hat selbst bereits zwei
Romane verfaßt, die sich mit wirtschaftlichen
Zusammenhängen befassen: "Rising Sun" und "Airframe".
Beides gute, respektive sehr gute Romane, "Eine Billion
Dollar" ist aber noch besser als diese beiden.
Aufgrund der Abstinenz phantastischer Elemente sicher ein
eigenartiger Kandidat für eine FLASH-Rezension. Da die
Werke dieses Autors aber bisher schon hierher gehörten,
wollen wir mal die Genre-Grenzen nicht zu eng
auslegen...
Fazit:
Bisher Eschbachs bester Roman. Kein Thriller im
ursprünglichen Sinne, dafür aber eine wahre
Fundgrube an faszinierenden Ideen, die man in einem
Unterhaltungsroman selten in dieser Form findet. Eine
höchst intelligente, anregende und vor allem enorm
spannende Lektüre. Mehr kann man von einem Buch
eigentlich nicht erwarten. Wer nur einen Roman dieses Jahr
liest, sollte zu diesem Page-Turner greifen. Ein klarer
Anwärter für den Titel "Buch des Jahres 2001".
15 Punkte.
Oliver
Naujoks
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