Robert Jordan:

"Flucht der Sklaven"

(Das Rad der Zeit 26)
OT: Winter's Heart - Teil 3
Ü: Andreas Decker
USA 2000
(349 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9203, ISBN 3-453-18822-5, DM 15,55 / EUR 7,95)
- erschienen: Oktober 2001 -

In Far Madding gibt es keine Magie! Durch mächtige Artefakte ist es keinem Menschen möglich, hier die Macht zu gebrauchen. Auch Rand al'Thor, der hier einige Renegaten jagt, die sich gegen ihn verschworen haben, ist hier "nur" ein Mensch unter vielen.
Auch die Aes Sedai Cadsuane kommt nach Far Madding. Ihr Verhältnis zum Wiedergeborenen Drachen ist keineswegs ungetrübt, und es ist noch lange nicht sicher, daß sich dies ändern könnte - besonders, da Rand ein Wagnis eingehen will, das die Welt in nicht geringe Schwierigkeiten bringen könnte.
Das interessiert Mat Cauthon derzeit aber überhaupt nicht. Er hat vielmehr seine eigenen Schwierigkeiten. Immer noch wartet eine ganze Horde von Aes Sedai (so kommt es ihm zumindest vor) auf die Flucht aus Ebou Dar, dem Zentrum der Seanchanischen Armee.
Als ob das noch nicht genug wäre, kämpft Elayne derzeit in Caemlyn um ihre Krone und eine seltsame Armee, die plötzlich vor ihren Toren auftaucht...

Ja ja - da sah es am Anfang dieses Romans (also bei Band 24) noch so aus, als ob man sich Hoffnungen machen könnte, daß das Rad der Zeit ein wenig aus dem Mittelmaß auftauchen könnte, in das es mit der Zeit geraten ist. Allerdings tat die Büchertrennung des Heyne-Verlages ihr Möglichstes, um genau das zu verhindern - und leider bekam sie zusätzliche Hilfe von ungeahnter Seite.
Das fängt schon in den beiden Vorgängerbänden an, die dadurch, daß sie eigentlich ein Band sind, kaum zu verstehen waren, in denen aber auch die Geschichte selbst schon nicht mehr wirklich überzeugen konnte. Vielmehr beschränkte sie sich auf ein paar mehr oder weniger langweilige Heerzüge und Verfolgungen, die dieser Zyklus schon innovativer und vor allen Dingen spannender umgesetzt hat. Daß die Seanchaner eine grausame und gnadenlose Besatzungsmacht sind, wissen wir inzwischen, und daß die Aes Sedai hochnäsig und arrogant bis zum Umfallen sein können, ist - nach über 20 Bänden - mittlerweile auch bekannt. Dies ständig zu wiederholen und dem Leser unter die Nase zu reiben, wird mit der Zeit etwas langweilig.

Schade eigentlich, denn ein paar Ansätze gibt es ja:
Die Ebene um Rand al'Thor ist die einzige, die von Beginn an etwas verspricht und dann auch hält. Die Episode in Far Madding bringt einige Aspekte ins Spiel, mit denen man sich als Leser des Rades schon eher beschäftigen kann. Zudem werden einige Dinge aus den letzten Bänden aufgegriffen und weiterverarbeitet. Zu guter Letzt gibt es am Ende auch etwas, das für alle anderen Ebenen die Ausnahme bleiben soll: Es gibt so etwas wie ein Finish!
Zwar ist die letzte Schlacht noch weit entfernt, aber wir haben hier wenigstens einmal sowas wie das Ende eines Abschnittes, und zudem handelt es sich dabei sogar noch um ein richtiges Ereignis!
Ansonsten wird Vorankommen leider nicht groß geschrieben. Auf den Ebenen von Mat Cauthon und Elayne geht es zwar irgendwie weiter, aber viel passiert nicht; und gerade Elayne hätte man auch mit nur einem einzigen Kapitel abhandeln können - das hätte wirklich vollkommen ausgereicht. Ihre Ebene bleibt blaß, langweilig und ereignislos. Bei Mat passieren zwar immerhin ein paar Dinge, aber wirklich vorwärts kommt die Handlung hier auch nicht; da bringen die ein, zwei kleinen Überraschungen am Ende auch nicht mehr viel.
Richtig traurig wird's aber, wenn man die Ebene um Perrin betrachtet: Für den ist nämlich überhaupt kein Platz mehr! Und dabei wird der schon in den ersten beiden Bänden kaum behandelt. Hier schob ich das noch auf die Büchertrennung, aber es scheint, als ob der Autor selbst diesem Charakter kaum Platz eingeräumt hat. Diese Ebene hat aber leider nicht nur weder Hand noch Fuß, sondern ist einfach überflüssig. Weder macht sie im augenblicklichen Kontext irgendeinen Sinn, noch paßt sie ins große Konzept; und bis wir wissen, warum wir uns damit abquälen mußten, werden vermutlich noch viele, viele Monate vergehen, bis der Autor uns den Ansatz einer Lösung präsentieren wird.

Fazit:
Es gab in den letzten Jahren einige größere Zyklen, bei denen man immer recht lange auf den nächsten Band warten mußte (Otherland - Tad Williams, Armageddon - Hamilton, Winterfell - George R.R. Martin [noch nicht abgeschlossen]), aber jeder dieser Zyklen wußte seine Leser irgendwie am Ball zu halten und in seinen Bänden genau den Überblick zu behalten, der Robert Jordan derzeit verlorengegangen ist.
Man muß fast zwangsläufig den Eindruck gewinnen, daß Jordan die Geschichte einfach so weiterschreibt, wie er gerade Lust und Laune hat. So etwas wie ein Konzept ist in keiner Weise zu erkennen.
Wenn es so weitergeht, entwickelt sich das Rad der Zeit von einem der großen Zyklen der Fantasy ganz zügig zu einem der größten Flops!
6 Punkte (wegen der Ebene um Rand al'Thor)

Alexander Haas


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