Zum
Inhalt:
Pharao Amenemhet bittet Atlan, sich einiger Schmugglerkarawanen
anzunehmen, die im Süden des Reichs das Mittelmeer mit Waren
eindecken, ohne daß der Pharao Einfluß darauf hat.
Die "Lotsen im Sandmeer" spielen chronologisch in direktem
Anschluß an die "Karawane der Wunder" und gehören zu dem
Dreierpack der "moewig fantastic"-Romane, die wegen "zu geringer
Vorbestellungszahlen" nicht als Print-Version in den Handel gekommen
sind. Unbeeindruckt hiervon sind die drei Romane jedoch als
RocketEdition erschienen, so daß wir diesen Roman doch etwas
näher betrachten können.
Eins sei vorweggenommen: Dieser Roman ist leider sicherlich kein
Grund, sich extra hierfür ein eBook zuzulegen. Denn Han(n)s
Kneifel lebt hier zwar seine Neigung für ägyptische
Hintergründe aus, läßt dafür jedoch die
PR-spezifischen Aspekte vollkommen unter den Tisch fallen - was
für die PR-Historie jedoch nicht weiter von Bedeutung ist, da
die Handlung es Romans glücklicherweise in keiner Form
Einfluß auf sie nimmt.
Es gelingt Hans Kneifel in diesem Roman leider nicht, den Leser an
die Handlung zu fesseln. Hier ist man von diesem Autor andere
Qualitäten gewohnt. Doch statt einer faszinierenden Handlung hat
der Leser eher den Eindruck, die Protagonisten bewegen sich auf einer
Urlaubsreise quer durch das Land und haben selber keine Ahnung, was
sie denn eigentlich wollen. So bleiben viele Beweggründe
für die Handlungsweisen der Charaktere für den Leser
schlicht und ergreifend uneinsichtig.
Wenn der Autor dann diese Urlaubsreise Atlans mit seiner Geliebten
Asyrta-Maraye und diversen Freunden/Bekannten halbwegs interessant
geschildert hätte, wäre dagegen ja gar nicht so viel zu
sagen. Doch kommt die Handlung eher wirr daher, und diverse
Ungereimtheiten und einfach unschöne Ausdrücke haben sich
in selbige eingeschlichen.
Da bemerkt Atlan zu Rico auf S. 34 (Rocket eBook bei Standardschrift
klein - wie auch alle anderen Seitenangaben): "Sende Siren, Ka-aper
und Cheper eine Botschaft vom Kapitän der Sterne. Das bin ich,
falls es deine Positronen vergessen haben." und fordert ihn
später auf S. 74 auf: "...aktiviere deinen Phantasie-Sektor."
Das kann man wohl unkommentiert lassen...
Auch die Frage, weshalb sich Menschen "in" anstatt "auf" "einem
winzigen Teil des Planeten" (S. 78) bewegen, muß Kneifel sich
stellen lassen. Atlan & Co. haben jedenfalls keinerlei Schaufeln
dabei...
Daß ein Sandsegler, der unter Verwendung eines Deflektorschirms
über die Wüste fliegt, einen Schatten wirft (S. 121), halte
ich für eher unwahrscheinlich und ebenso wenig sinnvoll wie die
Aktion, eine Strukturöffnung in einem solchen Schirm zu
schalten, damit jemand den erwähnten Sandsegler verlassen kann
(S. 159)...
Eher zum Grinsen ist es auch, wenn Atlan auf S. 212 "...die Fackeln
bis auf zwei ausschaltete.", die er fünf Seiten vorher noch
angezündet hat.
Das Striegeln von Eseln, "...die bis zum Hals im Meerwasser standen"
von S. 367 würde ich dann auch eher in die Rubrik "kurios" oder
auch "sinnlos" einordnen, als daß ich es irgendwie ernst nehmen
könnte.
Und ich sollte wohl auch nicht nach dem Sinn des folgenden Satzes
fragen, der sich auf S. 377 findet: "Als wir schließlich den
Prunkkorridor und kurze Zeit später Amenemhets Schlafgemach
erreichten, traten wir unbemerkt ein und fanden es zu meiner
Überraschung leer - zwei bildschöne junge Dienerinnen
kauerten neben Amenemhets Bett." Leer oder nicht leer, das ist hier
die Frage - vor allem, wenn der nachfolgende Text ergibt, daß
zudem auch noch Amenemhet in seinem Bett liegt...
Witzig ist irgendwie auch der Lähmdolch, der auf S. 269 direkt
neben einem Strahler in Atlans Gurt steckt. Ich kann ja vielleicht
noch verstehen, daß man einen Paralysator als Dolch tarnt,
damit er nicht als fremdartiges Produkt erkannt wird (weshalb man
dann jedoch den Dolch einfach auf jemanden richtet und abdrückt,
woraufhin offensichtlich niemandem, der diese Szene beobachtet,
auffällt, daß wir nicht zugestochen haben, der Gegner aber
trotzdem umfällt...) - diese getarnte Waffe dann jedoch direkt
neben einen ungetarnten Strahler zu stecken... Oha...
Dafür sorgt dann S. 270 eher für Stirnrunzeln beim Leser,
wenn hier zwei Leute "das wichtigste Gepäck aus dem Sandsegler
herausholten", während genau dieses Gepäck drei Seiten
vorher bereits durch Ka-aper "herausgewuchtet" wurde. Die wundersame
Gepäckvermehrung - oder was?
Folgenden Absatz von S. 217 sollte man sich wohl besser nicht zu
Herzen nehmen, wenn man vor der Wahl steht, ob etwas bis zur
Erledigung noch Zeit hat oder nicht, denn das Nachgrübeln
über den Sinn könnte die Gehirnwindungen im Zweifelsfall
eher überbelasten: "'Als die Götter die Zeit erschufen,
haben sie reichlich davon erschaffen', sagte ich. 'Lies aufmerksam.
Wir sind keine Götter, also haben wir Eile.'" Aufmerksam lesen
oder eilig überfliegen - ja, was denn nun?!?
Aber nicht nur solche Szenen schreien geradezu nach der Frage, ob
sich denn der Lektor überhaupt auf inhaltliche Aspekte
konzentriert hat. Sprachliche Konstrukte wie: "Schweigend, halb
widerstrebend, aber gehorsam, wenn auch unbeholfen, stiegen meine
Gäste ein und setzten sich nebeneinander." lassen doch einige
Fragen aufkommen, ebenso wie die Aussage "Götter sind
unausforschlich" von S. 280...
Selbst elementare Kenntnisse der Serie scheint der Autor vergessen zu
haben, wenn er Atlan auf S. 318 erwähnen läßt,
daß er notfalls "...einen Zehntag lang hier Sandkörner
zählen muß...", als er auf der Suche nach seinem
verlorengegangenen Zellaktivator ist. Zehn Tage hat Atlan
hierfür sicherlich keine Zeit, denn nach 62 Stunden... Ja, wir
wissen es...
Zu guter Letzt noch eine Szene, die mich wirklich zum Grübeln
brachte. Auf S. 200 fragt Ka-aper Atlan: "Wollen wir bis zur
Dunkelheit warten, oder suchen wir ihn sofort?" Die Antwort auf S.
201 gibt jedoch zu denken: "Sofort, Ka-aper, wenn wir ihn finden."
Huch?!? Wenn sie ihn finden, suchen sie ihn sofort - wenn sie ihn
nicht finden, warten sie mit dem Suchen bis nach Einbuch der
Dunkelheit?!? Woher wissen sie im Voraus, ob sie ihn finden
werden?!?
Dazu paßt dann vielleicht noch ganz gut die Bemerkung,
daß der Leser bei diesem Roman mehrfach den Eindruck hat, Atlan
wäre ein "normaler" Zeitreisender, der mal eben aus der Zukunft
gekommen wäre. Denn immer wieder scheint es, als ob der Arkonide
oder auch sein Extrasinn über Wissen darüber verfügen
würde, wie die Zukunft der Menschheit weiter verläuft. Das
ist schon seltsam...
Fast schon als selbstkritisch kann man folgenden Satz sehen (S. 218):
"...und begann darüber nachzudenken, ob mir Fehler unterlaufen
waren - und welche." Tja, hätte sich Hans Kneifel das auch mal
bezüglich dieses Romans gefragt, wäre dieser wahrscheinlich
bereits im Manuskript-Stadium in der Schublade verschwunden...
Denn vor allem bei der inhaltlichen Konsistenz des Romans gibt es
noch viele weitere Ungereimtheiten. Diese jedoch alle zu
erwähnen, würde wohl den Rahmen dieser Rezension sprengen.
An diversen Stellen bleibt die Auslegung der Fragen "Wer?", "Was?",
"Warum?" und "Wie?" jedenfalls der Phantasie des Lesers
überlassen, dermaßen schwammig ist Kneifels Text an diesen
Stellen.
Zudem habe ich rund zwei Drittel meiner Notizen erst gar nicht in
diese Rezension einfließen lassen, um den Umfang nicht noch
weiter aufzublähen. Mir stellt sich im Nachhinein doch eindeutig
die Frage, ob dieser Roman in der eBook-Edition überhaupt
korrekturgelesen wurde, bzw. ob jemand überhaupt auf den Inhalt
geachtet hat. Gelesen wurde das Manuskript wohl, denn Tippfehler sind
praktisch nicht vorhanden - doch inhaltlich...
Über viele Sachen könnte man sicherlich hinwegsehen,
wäre der Roman wenigstens interessant und spannend. Doch leider
können die "Lotsen in Sandmeer" keines dieser Attribute so
richtig für sich beanspruchen.
Fazit:
Die "Lotsen im Sandmeer" erweisen sich als ziemlich schwaches
Atlan-Zeitabenteuer. Weder gelingt es Kneifel, eine interessante
Story zu schildern, noch, diese in den PR-Kosmos einzubauen. Der
Leser stolpert reihenweise über Ungereimtheiten. Wohl
hauptsächlich deshalb, weil er sich bei der Lektüre
langweilt und nach Abwechslung sucht - und diese im Zählen der
Erbsen findet. Von Hans Kneifel habe ich mir eigentlich wesentlich
mehr erwartet...
2 Punkte.