Hans Kneifel:

"Lotsen im Sandmeer"

(Reihe: Moewig Fantastic)
D 2001
(205 kB, RocketEdition, dibi-Lizenzausgabe (Pabel-Moewig). ISBN 3-89856-244-1, DM 10,80)
- erschienen: Oktober 2001 -

Zum Inhalt:
Pharao Amenemhet bittet Atlan, sich einiger Schmugglerkarawanen anzunehmen, die im Süden des Reichs das Mittelmeer mit Waren eindecken, ohne daß der Pharao Einfluß darauf hat.

Die "Lotsen im Sandmeer" spielen chronologisch in direktem Anschluß an die "Karawane der Wunder" und gehören zu dem Dreierpack der "moewig fantastic"-Romane, die wegen "zu geringer Vorbestellungszahlen" nicht als Print-Version in den Handel gekommen sind. Unbeeindruckt hiervon sind die drei Romane jedoch als RocketEdition erschienen, so daß wir diesen Roman doch etwas näher betrachten können.
Eins sei vorweggenommen: Dieser Roman ist leider sicherlich kein Grund, sich extra hierfür ein eBook zuzulegen. Denn Han(n)s Kneifel lebt hier zwar seine Neigung für ägyptische Hintergründe aus, läßt dafür jedoch die PR-spezifischen Aspekte vollkommen unter den Tisch fallen - was für die PR-Historie jedoch nicht weiter von Bedeutung ist, da die Handlung es Romans glücklicherweise in keiner Form Einfluß auf sie nimmt.
Es gelingt Hans Kneifel in diesem Roman leider nicht, den Leser an die Handlung zu fesseln. Hier ist man von diesem Autor andere Qualitäten gewohnt. Doch statt einer faszinierenden Handlung hat der Leser eher den Eindruck, die Protagonisten bewegen sich auf einer Urlaubsreise quer durch das Land und haben selber keine Ahnung, was sie denn eigentlich wollen. So bleiben viele Beweggründe für die Handlungsweisen der Charaktere für den Leser schlicht und ergreifend uneinsichtig.
Wenn der Autor dann diese Urlaubsreise Atlans mit seiner Geliebten Asyrta-Maraye und diversen Freunden/Bekannten halbwegs interessant geschildert hätte, wäre dagegen ja gar nicht so viel zu sagen. Doch kommt die Handlung eher wirr daher, und diverse Ungereimtheiten und einfach unschöne Ausdrücke haben sich in selbige eingeschlichen.
Da bemerkt Atlan zu Rico auf S. 34 (Rocket eBook bei Standardschrift klein - wie auch alle anderen Seitenangaben): "Sende Siren, Ka-aper und Cheper eine Botschaft vom Kapitän der Sterne. Das bin ich, falls es deine Positronen vergessen haben." und fordert ihn später auf S. 74 auf: "...aktiviere deinen Phantasie-Sektor." Das kann man wohl unkommentiert lassen...
Auch die Frage, weshalb sich Menschen "in" anstatt "auf" "einem winzigen Teil des Planeten" (S. 78) bewegen, muß Kneifel sich stellen lassen. Atlan & Co. haben jedenfalls keinerlei Schaufeln dabei...
Daß ein Sandsegler, der unter Verwendung eines Deflektorschirms über die Wüste fliegt, einen Schatten wirft (S. 121), halte ich für eher unwahrscheinlich und ebenso wenig sinnvoll wie die Aktion, eine Strukturöffnung in einem solchen Schirm zu schalten, damit jemand den erwähnten Sandsegler verlassen kann (S. 159)...
Eher zum Grinsen ist es auch, wenn Atlan auf S. 212 "...die Fackeln bis auf zwei ausschaltete.", die er fünf Seiten vorher noch angezündet hat.
Das Striegeln von Eseln, "...die bis zum Hals im Meerwasser standen" von S. 367 würde ich dann auch eher in die Rubrik "kurios" oder auch "sinnlos" einordnen, als daß ich es irgendwie ernst nehmen könnte.
Und ich sollte wohl auch nicht nach dem Sinn des folgenden Satzes fragen, der sich auf S. 377 findet: "Als wir schließlich den Prunkkorridor und kurze Zeit später Amenemhets Schlafgemach erreichten, traten wir unbemerkt ein und fanden es zu meiner Überraschung leer - zwei bildschöne junge Dienerinnen kauerten neben Amenemhets Bett." Leer oder nicht leer, das ist hier die Frage - vor allem, wenn der nachfolgende Text ergibt, daß zudem auch noch Amenemhet in seinem Bett liegt...
Witzig ist irgendwie auch der Lähmdolch, der auf S. 269 direkt neben einem Strahler in Atlans Gurt steckt. Ich kann ja vielleicht noch verstehen, daß man einen Paralysator als Dolch tarnt, damit er nicht als fremdartiges Produkt erkannt wird (weshalb man dann jedoch den Dolch einfach auf jemanden richtet und abdrückt, woraufhin offensichtlich niemandem, der diese Szene beobachtet, auffällt, daß wir nicht zugestochen haben, der Gegner aber trotzdem umfällt...) - diese getarnte Waffe dann jedoch direkt neben einen ungetarnten Strahler zu stecken... Oha...
Dafür sorgt dann S. 270 eher für Stirnrunzeln beim Leser, wenn hier zwei Leute "das wichtigste Gepäck aus dem Sandsegler herausholten", während genau dieses Gepäck drei Seiten vorher bereits durch Ka-aper "herausgewuchtet" wurde. Die wundersame Gepäckvermehrung - oder was?
Folgenden Absatz von S. 217 sollte man sich wohl besser nicht zu Herzen nehmen, wenn man vor der Wahl steht, ob etwas bis zur Erledigung noch Zeit hat oder nicht, denn das Nachgrübeln über den Sinn könnte die Gehirnwindungen im Zweifelsfall eher überbelasten: "'Als die Götter die Zeit erschufen, haben sie reichlich davon erschaffen', sagte ich. 'Lies aufmerksam. Wir sind keine Götter, also haben wir Eile.'" Aufmerksam lesen oder eilig überfliegen - ja, was denn nun?!?
Aber nicht nur solche Szenen schreien geradezu nach der Frage, ob sich denn der Lektor überhaupt auf inhaltliche Aspekte konzentriert hat. Sprachliche Konstrukte wie: "Schweigend, halb widerstrebend, aber gehorsam, wenn auch unbeholfen, stiegen meine Gäste ein und setzten sich nebeneinander." lassen doch einige Fragen aufkommen, ebenso wie die Aussage "Götter sind unausforschlich" von S. 280...
Selbst elementare Kenntnisse der Serie scheint der Autor vergessen zu haben, wenn er Atlan auf S. 318 erwähnen läßt, daß er notfalls "...einen Zehntag lang hier Sandkörner zählen muß...", als er auf der Suche nach seinem verlorengegangenen Zellaktivator ist. Zehn Tage hat Atlan hierfür sicherlich keine Zeit, denn nach 62 Stunden... Ja, wir wissen es...
Zu guter Letzt noch eine Szene, die mich wirklich zum Grübeln brachte. Auf S. 200 fragt Ka-aper Atlan: "Wollen wir bis zur Dunkelheit warten, oder suchen wir ihn sofort?" Die Antwort auf S. 201 gibt jedoch zu denken: "Sofort, Ka-aper, wenn wir ihn finden." Huch?!? Wenn sie ihn finden, suchen sie ihn sofort - wenn sie ihn nicht finden, warten sie mit dem Suchen bis nach Einbuch der Dunkelheit?!? Woher wissen sie im Voraus, ob sie ihn finden werden?!?
Dazu paßt dann vielleicht noch ganz gut die Bemerkung, daß der Leser bei diesem Roman mehrfach den Eindruck hat, Atlan wäre ein "normaler" Zeitreisender, der mal eben aus der Zukunft gekommen wäre. Denn immer wieder scheint es, als ob der Arkonide oder auch sein Extrasinn über Wissen darüber verfügen würde, wie die Zukunft der Menschheit weiter verläuft. Das ist schon seltsam...
Fast schon als selbstkritisch kann man folgenden Satz sehen (S. 218): "...und begann darüber nachzudenken, ob mir Fehler unterlaufen waren - und welche." Tja, hätte sich Hans Kneifel das auch mal bezüglich dieses Romans gefragt, wäre dieser wahrscheinlich bereits im Manuskript-Stadium in der Schublade verschwunden...
Denn vor allem bei der inhaltlichen Konsistenz des Romans gibt es noch viele weitere Ungereimtheiten. Diese jedoch alle zu erwähnen, würde wohl den Rahmen dieser Rezension sprengen. An diversen Stellen bleibt die Auslegung der Fragen "Wer?", "Was?", "Warum?" und "Wie?" jedenfalls der Phantasie des Lesers überlassen, dermaßen schwammig ist Kneifels Text an diesen Stellen.
Zudem habe ich rund zwei Drittel meiner Notizen erst gar nicht in diese Rezension einfließen lassen, um den Umfang nicht noch weiter aufzublähen. Mir stellt sich im Nachhinein doch eindeutig die Frage, ob dieser Roman in der eBook-Edition überhaupt korrekturgelesen wurde, bzw. ob jemand überhaupt auf den Inhalt geachtet hat. Gelesen wurde das Manuskript wohl, denn Tippfehler sind praktisch nicht vorhanden - doch inhaltlich...
Über viele Sachen könnte man sicherlich hinwegsehen, wäre der Roman wenigstens interessant und spannend. Doch leider können die "Lotsen in Sandmeer" keines dieser Attribute so richtig für sich beanspruchen.

Fazit:
Die "Lotsen im Sandmeer" erweisen sich als ziemlich schwaches Atlan-Zeitabenteuer. Weder gelingt es Kneifel, eine interessante Story zu schildern, noch, diese in den PR-Kosmos einzubauen. Der Leser stolpert reihenweise über Ungereimtheiten. Wohl hauptsächlich deshalb, weil er sich bei der Lektüre langweilt und nach Abwechslung sucht - und diese im Zählen der Erbsen findet. Von Hans Kneifel habe ich mir eigentlich wesentlich mehr erwartet...
2 Punkte.

Winfried Brand

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