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Dieser Roman ist der Auftaktband zu einer ganzen Serie,
die es inzwischen schon auf über dreißig Romane
gebracht hat. Erschien dieser erste Band in den USA bereits
im Jahre 1983, dauerte es auf dem deutschen Markt 18 Jahre,
bis diese Serie nun endlich auch hier erscheint. Aber dazu
später.
Der Autor William W. Johnstone ist ein ausgesprochener
Vielschreiber und kann mit seinem Ausstoß sogar
höchst fleißige deutsche Autoren wie Wolfgang
Hohlbein oder Jason Dark fast das Fürchten lehren.
Neben dieser Serie publiziert er ebenfalls noch mehrere
Western-Serien ("Mountain Man"), eine Horror-Serie und eine
Agentenserie ("Codename"), die es teilweise auch schon auf
eine beeindruckenden Anzahl an Folgen gebracht haben.
Worum geht es nun in diesem Auftaktband der ASHES-Serie?
In der aus Sicht des Romans spielenden Zukunft des Jahres
1988: Eine amerikanische Terroristengruppe bringt mit
gezielten Anschlägen (nein, keinerlei
Reminiszenzen/prophetische Vorgriffe zu den Ereignissen am
11. September 2001 und danach, dafür ist die
Ausgangslage zu verschieden) die Supermächte der Erde
USA, UdSSR und China dazu, entgegen aller Vernunft doch den
dritten Weltkrieg zu führen, der einen großen
Teil der Weltbevölkerung auslöscht.
Einer der Überlebenden ist die Hauptfigur Ben Raines,
Vietnam-Veteran und inzwischen Schriftsteller, der sich
daraufhin auf den Weg macht, die Zustände in Amerika
nach der nuklearen und biologischen Apokalypse
niederzuschreiben und damit der Nachwelt zugänglich zu
machen. Dabei muß er sich immer wieder gegen
marodierende, gesetzlose Verbrecherbanden zur Wehr setzen
und begegnet immer wieder dem Grauen, aber auch der
Hoffnung.
Wie Ben Raines erfährt, wurde er kurz vor Ausbruch des
Krieges (ohne sein Wissen und gegen seinen Willen) zum
General einer Rebellengruppe erklärt. Ben Raines ist
ein politischer Schriftsteller mit einer klaren Vision.
Zögerlich zunächst, danach dann immer
entschlossener beginnt er, unter Zuhilfenahme dieser
Rebellengruppe seine politischen Vorstellungen umzusetzen.
Er ruft die sogenannten "Tri-States" aus, drei ehemalige
Staaten der USA, die nun nach den Vorstellungen seiner
Mitstreiter und ihm gestaltet werden und wo sich jeder
niederlassen kann, der nach den Gesetzen dieser neuen
Staatsform leben möchte. Ben Raines wird zum Gouverneur
dieses Staatengebildes gewählt. Einige Jahre
später fängt auch das Land um die "Tri-States"
herum an, sich zu normalisieren, und die USA haben wieder
einen Präsidenten. Dadurch entsteht das Problem,
daß der jetzige Präsident der USA ein Gebilde wie
die "Tri-States" nicht duldet und dessen Rückkehr in
das Staatengebilde fordert. Erschwert wird dieses dadurch,
daß der Präsident ein Wahnsinniger,
Schlächter und Rassist ist, der nur auf den Tag wartet,
daß seine Armee nach dem Krieg wieder stark genug ist,
die "Tri-States" mit brutaler Gewalt anzugreifen...
An den Absätzen in dieser Inhaltsbeschreibung ist
bereits gut zu erkennen, daß dieses Buch einer stark
dreigeteilten Struktur folgt.
Der erste Teil vor dem 3. Weltkrieg erinnert stark an einen
Tom Clancy-Roman (obwohl dieser erst ein Jahr nach diesem
Buch seinen ersten Roman veröffentlichte) und spielt
demzufolge oft im Weißen Haus oder in
militärischen Settings. Zwar herrscht hier nicht ganz
die Detailverliebtheit des amerikanischen
Thriller-Königs vor, aber die Parallelen sind
unübersehbar. Ob Clancy diesen Roman damals kannte?
Im zweiten Teil bekommt man dann die post-apokalyptische
Welt so beschrieben, wie man es auch aus anderen Werken zu
diesem Thema gewohnt ist. So gibt es hier viele
Action-Szenen und immer wieder Beschreibungen von
zerstörten Städten; und Ben lernt immer neue,
interessante, aber auch den Leser erschreckende
Überlebende kennen.
Der letzte Teil beschreibt dann den Aufbau und die
Verteidigung der "Tri-States", wobei der Autor den
Beschreibungen dieser Staatsform sehr breiten Raum
einräumt und damit natürlich den Verdacht
nährt, daß seine Hauptfigur Ben Raines ein Alter
Ego von ihm ist. Für Action-Fans ist dieser letzte Teil
sicherlich der unbefriedigendste; diese werden gegen Ende
dann aber von einem furiosen, ausgedehnten Finale
entschädigt.
Genug der Beschreibung, kommen wir zur Bewertung.
Es ist höchst ärgerlich, daß diese Serie die
letzten 18 Jahre an mir vorbeigegangen ist. Der Roman "Out
of the Ashes" ist für mich eine der positivsten
Überraschungen der letzten Jahre.
Schon nach wenigen Seiten ist man von dem Buch gefesselt,
und der Autor schafft es, ein sehr hohes Maß an
Spannung bis zum Ende und ohne Pause durchzuhalten.
Der Hauptgrund dafür liegt darin, daß wir es hier
mit einem souveränen und talentierten Erzähler zu
tun haben. Der Autor versteht es, lebendige und
glaubwürdige Charaktere zu erschaffen und handeln zu
lassen, schreibt gute Dialoge und sehr gute
Szenenbeschreibungen. Wobei er bei den Szenenbeschreibungen
nach dem Prinzip "weniger ist mehr" arbeitet und es mit
einigen treffsicher gesetzten Pinselstrichen versteht, eine
postapokalyptische Welt vor dem Leser auszubreiten, die in
ihrer Intensität ihresgleichen sucht.
Besonders zu gratulieren ist dem Autor dazu, daß er
diese Welt nicht nur wie viele seiner Kollegen als Kulisse
benutzt, sondern daß diese zerstörte Welt
tatsächlich das Hauptthema des Romans ist.
Insofern und auch in ihrer Intensität ist dieses Buch
damit ähnlichen Romanen, die ungefähr zur selben
Zeit entstanden, wie z.B. Stephen Kings "The Stand - Das
letzte Gefecht" (1978/1990), Whitley Striebers "Schwarzer
Horizont (OT: Nature's End)" (1986) oder Robert R. McCammons
"Nach dem Ende der Welt (OT: Swan Song)" (1987)
überlegen.
Gerade gegenüber dem King-Werk fällt sehr positiv
auf, daß Johnstone auf die Sentimentalitäten und
die Fantasy-Elemente, die "The Stand - Das letzte Gefecht"
so geschadet haben, verzichtet. Mit neueren deutschen
Endzeit-Serien wie "Maddrax" und "Corrigan" bietet sich ein
Vergleich nur bedingt an, weil diese das postapokalyptische
Element nur als Aufhänger und Staffage benutzen und
ansonsten eher dem Bereich der Fantasy (mit starkem
SF-Einschlag) zuzuordnen sind. Ach ja, da der Film "Mad Max
- Jenseits der Donnerkuppel" zur Zeit der Abfassung dieses
Romans noch nicht erschienen war, wurde in "Out of the
Ashes" auch auf einen Arena-Kampf verzichtet, was man
äußerst dankbar registriert.
All dieses bedeutet natürlich nicht, daß der
Autor auf aktionsreiche Szenen verzichtet, im Gegenteil: Von
diesen gibt es sogar reichlich viele, aber gerade im
Vergleich zu "Maddrax" drängen sie sich trotzdem nicht
so in den Vordergrund und sind auch deutlich besser
geschrieben.
Das Buch lebt zum großen Teil davon, daß die
Hauptfigur Ben Raines immer wieder neue Personen kennenlernt
und man so als Leser nie weiß, was einen im
nächsten Kapitel erwartet. Jede dieser Personen
für sich wird interessant und lebhaft beschrieben, und
so freut sich der Leser mit Ben Raines, wenn er mal wieder
ein amouröses Abenteuer eingeht, oder fiebert mit ihm
mit, wenn er sich mal wieder gegen eine Bande von
plündernden und mordenden Galgenvögeln zur Wehr
setzt, oder leidet mit ihm, wenn Ben z.B. feststellen
muß, daß sein Bruder sich einer Bande von
Neonazis angeschlossen hat, die nun einen Krieg gegen die
Überlebenden schwarzer Hautfarbe führen wollen.
Man merkt schon, viel Platz für Humor ist in dem Roman
nicht, und so taucht er auch nur gelegentlich bei der
Beschreibung einiger skurriler Nebenfiguren auf.
Es liegt in der Natur der Sache, daß dies
natürlich kein sehr "angenehm" zu lesender Roman ist.
So wohnt man immer wieder Ermordungen und Vergewaltigungen
bei. Auch wenn gerade die Vergewaltigungsszenen immer
dadurch gebrochen werden, daß man sie nicht direkt,
sondern nur mittelbar durch Erzählungen der Charaktere
erfährt, ist dieses Buch sicherlich nicht für
Leser (oder gerade Leserinnen) mit schwachen Nerven
geeignet; der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund und
beschreibt die Welt nach dem dritten Weltkrieg mit all ihren
fürchterlichen Auswüchsen in sehr kräftigen
Farben. Deutlich hervorzuheben ist, daß der Autor die
zahlreichen drastischen Tötungs- und
Vergewaltigungsszenen keinesfalls spekulativ einsetzt,
sondern damit lediglich die schrecklichen Auswüchse
einer von Zerfallsprozessen geprägten Gesellschaft
beschreibt.
Besonders im dritten Teil wird der Roman dann recht
politisch, und man erfährt äußerst
detailliert Bens (und des Autors?) politisches
Glaubensbekenntnis. Ich habe mir länger überlegt,
ob ich dieses politisch kommentieren soll, mich dann aber
dagegen entschieden, weil ich den geneigten Leser dieser
Rezension hier nicht bevormunden möchte/könnte und
er oder sie sich seine/ihre eigene Meinung bilden soll. Nur
so viel: Die positive Utopie, die Johnstone hier beschreibt,
ist eine sehr konservative und dürfte bei Lesern aus
dem "anderen Lager" sicher auf wenig Gegenliebe
stoßen. Aber: Gerade in diesen Passagen schreibt der
Autor richtig leidenschaftlich, was die Intensität des
Lesegenusses verstärkt. Und eines ist sicher: Die
Vorstellungen des Autors sind, egal ob man mit ihnen
übereinstimmt oder nicht, auf jeden Fall interessant
(wertfrei gemeint), auch wenn die von ihm vorgeschlagene
Staatsform so wohl in der realen Welt nicht funktionieren
würde. Auch wenn die geneigte Leserschaft dieser
Rezension jetzt immer neugieriger wird, um was für eine
Staatsform es sich hier handelt, werde ich sie trotzdem
nicht in einigen wenigen Worten skizzieren, weil sie dadurch
automatisch meinen sicherlich nicht tendenzfreien Filter
durchlaufen würde (welcher Mensch ist schon
vollständig objektiv?) und ich es nicht als meine
Aufgabe ansehe, meine politischen Meinungen hier zu
verbreiten. Deshalb noch einmal: Möge die geneigte
Leserschaft selbst entscheiden, was sie von dieser
Staatsform hält; interessant zu lesen sind diese
Passagen allemal. Ob man sich nun an diesen Passagen reibt
oder sie begrüßt: Kalt lassen werden sie einen
nicht.
Eines nur hat mich sehr gewundert: Die Staatsform, die der
Autor beschreibt, ist für ihn auf jeden Fall
paradiesisch. Jedem Amerikaner kommt bei einem
paradiesischen Staat sofort das Wort "Shangri-La" in den
Sinn (dem Staat aus Frank Capras Meisterwerk "Lost Horizon
(dt. 'In den Fesseln von Shangri-La')" aus dem Jahre 1937),
das sich in den USA längst zu einem geflügelten
Wort entwickelt hat. Das Wort taucht, wenn ich es nicht
überlesen habe, im ganzen Roman nicht ein einziges Mal
auf.
Hervorzuheben ist des weiteren, wie wenig der Zahn der Zeit
an diesem Roman genagt hat. Während z.B. einige Romane
des oben zitierten Tom Clancy inzwischen von den politischen
Ereignissen überholt wurden, merkt man diesem Buch nur
an wenigen Stellen an, in welcher Zeit es geschrieben wurde.
Insbesondere der Kalte Krieg, der ja schließlich 1983
noch in vollem Gange war, fand sehr wenig Niederschlag in
diesem Roman.
Durch seine realistischen Beschreibungen einer
apokalyptischen Welt, der Vielseitigkeit der Handlung, des
hohen Tempos und der von Anfang bis Ende durchgehaltenen
hohen Spannung übt das Buch einen schon fast
unwiderstehlichen Sog auf seine Leser aus und wirkt trotz
des eigentlich ausgelutschten Themas
außergewöhnlich frisch und neu.
Der einzige Grund, warum ich dem Buch die allerhöchste
Note verweigern muß, ist eine recht einfache Sprache -
und daß das Buch trotz seines frisch wirkenden
Eindrucks natürlich nicht immer ganz verbergen kann,
bereits weidlich ausgetretenen Pfaden zu folgen.
Trotzdem: Das höchste Kompliment, das man einem Buch
machen kann, ist, daß es ein wirklicher "Page-Turner"
ist. "Out of the Ashes" ist einer. Und was für
einer!
Noch kurz ein paar Worte zur deutschen Ausgabe: Ich kann
leider nichts zu der Qualität der Übersetzung
sagen, weil ich das Buch in der Originalfassung gelesen
habe. Auffällig an der deutschen Ausgabe und kritisch
zu betrachten ist aber auf jeden Fall der sehr hohe Preis
(mehr als das vierfache(!!) der US-Ausgabe). Aufgrund der
Qualität des Romans kann ich aber allen Lesern, die das
Buch nicht im Original lesen können oder wollen (oder
Zaubermond-Komplettsammler sind oder gut designte Cover
mögen) die deutsche Ausgabe trotz des hohen Preises ans
Herz legen. Es wird sehr spannend werden, zu beobachten, ob
sich diese Serie auf dem deutschen Markt durchsetzt. Sollte
sie es wider Erwarten nicht tun, lag es sicherlich nicht an
der inhaltlichen Qualität.
Zum Schluß möchte ich den deutschen Autor Alfred
Wallon (mit "Thorin", "Murphy" und "Corrigan" in allen
phantastischen Genres zuhause) nicht unerwähnt lassen,
der die Verantwortlichen für die deutsche Ausgabe dem
Vernehmen nach erst auf diese Serie aufmerksam machte und
dem jetzt der Dank und die Anerkennung dafür
gebührt, daß dieser großartige Roman (und
seine Nachfolger), wenn auch reichlich spät, auf dem
deutschen Markt erscheint.
Fazit:
Außerordentlich fesselnder Endzeit-Roman, der dem
reichlich vertrauten Thema neue Aspekte abgewinnt und durch
viel Abwechslung, lebendige Charaktere, gute Dialoge und
gekonnt geschriebene Action-Szenen ein
außergewöhnliches, sehr hohes Maß an
Spannung von Anfang bis Ende durchhält. Ein
Musterbeispiel für einen "Page-Turner".
14 Punkte.
Oliver
Naujoks
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