Bei dieser
Sammlung von Kurzgeschichten handelt es sich nicht - wie man
vielleicht denken könnte - um Stories, die nach dem
Armageddon-Zyklus spielen, sondern mit ihrer Hilfe hat der Autor
einst dieses Universum erst geschaffen. Für diesen Zweck sind
die Geschichten noch einmal überarbeitet worden und werden dem
Leser in einer Zeitleiste präsentiert, die schon die historische
Grundlage für den erwähnten Zyklus war.
Sonnies Trumpf (Erde 2070)
Auf der Erde entwickelt sich gerade ein neuer Sport: Künstliche
Kreaturen (teils biologisch gezüchtet, teils technisch
hergestellt) werden in Arenen aufeinandergehetzt. Zumeist sind es
kleine Teams, die mit ihren "Kämpfern" von Kampf zu Kampf
ziehen. Unter ihnen gehören die "Sonnies Predators" zu den
besten, denn noch nie haben sie verloren...
Eine Geschichte, die sich gleich mit mehreren Aspekten
herumschlägt: Was kann man (könnte man) mit der
fortschreitenden Entwicklung der Biotechnologie tun, und wo wird sich
der Mensch selbst seine Grenzen dabei setzen? Man ahnt, daß die
Geschichte diese Frage nicht positiv beantworten wird, aber gerade
das macht sie auf eine sehr geniale bzw. extreme Weise.
Die zweite Chance (Jupiter 2090)
Auf der Erde hat die Päpstin gerade die Biotechnologie als
gottlos gebrandmarkt. Davon unberührt werden im Sonnensystem
immer mehr Habitate der Edeniten gegründet, als Chief Parfit auf
dem Jupiter-Habitat seinen Posten als Sicherheitschef antritt. Er hat
auch gleich mit einer großen Vielfalt an Problemen zu
kämpfen. Nicht nur, daß es in seiner Ehe ganz massiv
kriselt, denn seine Frau ist eine extremistische Christin, die sich
auf dem Gebiet der "Gottlosen" gar nicht wohlfühlt. Dann
muß er sich auch gleich mit dem ersten Mord auf einem Habitat
herumschlagen, und dabei stellt er in letzter Konsequenz auch noch
fest, daß die Habitatbewohner nicht ganz so gut sind, wie das
manche gerne hätten. Zu guter Letzt stellt sich dann noch
heraus, daß hinter dem Mord ein ganz extremer Plan
steckt...
Eine brillante Geschichte, die zum einen wunderbar erzählt ist,
extrem gut aufgebaut wurde, letzten Endes einen genialen
Höhepunkt hat und sich so ganz nebenbei - mal wieder - mit dem
beschäftigt, was in Menschen so vorgeht und wohin sie ihre
Handlungen und Gedanken so bringen können.
Zeiten ändern sich (Nyvan 2245)
Der Planet Nyvan ist ein klassischer Kolonialplanet aus der ersten
Phase der Auswanderung von der Erde. Hier leben viele ethnische
Gruppen beisammen, was eigentlich gar nicht gutgehen kann...
Eine kurze Geschichte darüber, daß Menschen es wohl nie
lernen werden, mit Menschen anderer Religion und Denkweise
zusammenzuleben. (* Schon Einstein soll vermutet haben, daß
menschliche Dummheit unendlich sei... Heike)
Wie schon gesagt, ziemlich kurz und auch nicht so recht gelungen, wie
mir scheinen will.
Candyknospen (Tropicana 2393)
Laurus ist ein Unterweltboss auf Tropicana. Eines Tages laufen ihm
das Mädchen Torreya und der verkrüppelte Jante über
den Weg, von denen er sich einen großen Profit verspricht. Doch
Torreya hat ein viel tieferes Geheimnis, das sein Leben vollkommen
umkrempeln wird.
Eine schöne, schon fast romantische Geschichte über das
Herz eines bösen Mannes...
Todestag (Jubarra 2405)
Miran lebt in der Wildnis des neukolonisierten Planten Jubarra. Hier
wollte er mit seiner Frau sein Glück finden. Doch nun ist seine
Frau tot und sein Leben zerstört. Verantwortlich dafür sind
ein paar einheimische Xenos mit ihrer primitiven Kultur - und
dafür werden sie jetzt bezahlen.
Einmal mehr geht es hier um blinde Wut und ungezielten Haß.
Kein Wunder, daß das nicht gutgeht...
Das Leben und Lieben der Tiarelly Rosa (Tropicana 2447)
Eason ist auf der Flucht und hat eine gefährliche Fracht an
Bord, als es ihn nach Tropicana verschlägt. Hier versteckt er
sich eine Weile bei Tiarellea und ihrer Tochter Althea, die weit
draußen im Meer eine Inselplantage besitzen. Zunächst
wollte er ja nicht lange bleiben, aber nachdem er entdeckt, daß
sowohl Tochter als auch Mutter ihre Vorzüge haben, zieht es ihn
nicht so schnell weiter; auch dann nicht, als er enttäuscht
feststellen muß, daß beide ein ungewöhnliches
Geheimnis besitzen...
Wieder einmal handelt es sich um eine Geschichte, die alles hat. Eine
unvermutete Entwicklung mit mehreren Wechseln in der Handlung, ein
großes Geheimnis und einen klassischen Clou am Ende... Nein,
eigentlich sind es gleich mehrere am Ende!
Auf jeden Fall eine klasse Geschichte... von vorne bis hinten.
Fluchtwege (Sonara Asteroid 2586)
Marcus Calvert steckt mit seinem Raumschiff (der Lady McBeth) und
seiner Crew in großen finanziellen Schwierigkeiten, als eines
Tages eine seltsame Gruppe an ihn herantritt, die behauptet, sie
wüßte, wie man in bestimmten System an Goldvorkommen
herankommen könne.
Als sie jedoch am Ziel auf ein uraltes außerirdisches
Raumschiff treffen, ist sich Calvert auf einmal nicht mehr sicher, ob
er weiter nach dem Gold suchen will, und auch die geheimen Ziele
seiner Arbeitgeber geraten auf einmal sehr, sehr ins Wanken...
Einmal mehr geht es um die Art von Menschen, mit Menschen umzugehen.
Ebenso, wie schon so oft in diesem Buch, ist dies in eine
unnachahmliche Geschichte verpackt, die den Leser durch eine Menge
Höhen und Tiefen führt, bis sie am Schluß zu einem
nicht weniger brillantem Ende kommt.
Fazit:
Hamilton präsentiert hier eine Sammlung von Geschichten, die
zwar zunächst an dieses Universum angepaßt werden
mußten, ansonsten aber eine exquisite Hintergrundbemalung zum
Armageddon Zyklus sind. Hamilton zeigt einmal mehr, daß man
eine gute Geschichte auch mit ernsten Fragen verbinden kann. Seine
Frage lautet zumeist: Wozu ist der Mensch unter dem Deckmantel seiner
Ideologie bereit (das mag Religion, Politik oder Forscherdrang sein),
und ab wann ist er bereit, seine Ideologie zu verkaufen?
Der Leser nimmt also ein Buch in die Hand, das nicht nur brillant
unterhält, sondern auch mehr als einmal zum Nachdenken
anregt.
13 Punkte
