Jürgen Heinzerling:

"Der Maestro"

D 1998
(281 Seiten, Taschenbuch, Econ-Verlag, ISBN 3-612-25186-4, € 7,62)
- erschienen: 1998 -

Seit einiger Zeit ist der vorherige Sachbuchautor Jürgen Heinzerling auch im Romanbereich tätig, gehört inzwischen zum Team der Serie "Die Abenteurer" aus dem Zaubermond-Verlag, arbeitet an zwei Science-Fiction-Serien mit und legte in den letzten Jahren auch zwei Kriminalromane vor. Nachdem sein zweiter Krimi, "Karl May und der Wettermacher", hier im FLASH schon besprochen wurde, wollen wir uns nun seinem Erstling, "Der Maestro", widmen.

Zum Inhalt:
Die Angabe auf dem Titel, "ein historischer Roman um Georg Friedrich Händel" ist etwas irreführend, denn im Roman geht es vielmehr um den Detektiv George Schoenefeld als um Händel, der eher eine Randfigur ist - wenn auch eine wichtige.
Händel beauftragt Schoenefeld, ein Libretto zu einer Oper wiederzubeschaffen, das dem Komponisten von einem Kutschenräuber entwendet worden war. Bei seinen Ermittlungen erfährt der Detektiv, daß in dieser Oper in unziemlicher Deutlichkeit gewisse amoralische Machenschaften der höchsten Kreise von London beschrieben werden, was dem Fall eine gewisse Brisanz gibt. Und so findet sich George Schoenefeld schnell von Intrigen und auch Morden umgeben...

Kurz gesagt, ich war sehr angetan von dem Roman. Der Autor schafft gleich zu Beginn ein kleines Kunststück: Nach einem kurzen Prolog schildert er recht ausführlich einen großen Festempfang. Auf solchen Empfängen wird in Romanen und Filmen meist viel herumgestanden und viel geredet, aber wenig gesagt, so daß hier immer die Gefahr von Langeweile droht. Das ist beim "Maestro" mitnichten so. Diese Szene, die der Autor natürlich auch dazu benutzt, um nebenbei seine Hauptpersonen vorzustellen, liest sich überraschend fesselnd, führt gut in den Roman ein und lädt zum spontanen Weiterlesen ein. Wenn es ein Autor schafft, mich durch eine "Stehempfangsszene" nicht zu langweilen, hat er mich schon fast auf seiner Seite.
Schon in dieser Szene aber wird deutlich, daß der Autor seinen Lesern einiges abverlangt: Das fängt bei Kleinigkeiten an, wie damit, daß Händel fast nur unter seinem selbstgewählten englischen Namen "Handel" im Buch auftritt, was natürlich historisch korrekt ist, manche Leser aber vielleicht verwirrt, und daß auf viele Gegenstände Bezug genommen wird oder Verben aus der Zeit des frühen 18. Jahrhunderts gebraucht werden, die manchen Lesern vielleicht nicht so geläufig sind. Hier möge jeder selber entscheiden, ob ihm/ihr das liegt; für den Rezensenten trug es aber, ebenso wie die teilweise recht ausführlichen Beschreibungen, sehr zur Atmosphäre bei, die in diesem Roman sehr dicht ist.
Man merkt, daß der Autor sehr viel für dieses Buch recherchiert hat. Dabei hat er einen sehr guten Kompromiß dafür gefunden, dem Leser diese Epoche lebendig vor Augen zu führen, ohne ihn allzusehr mit detailverliebten Fakten zu erschlagen.
Der Schreibstil ist sehr gefällig, Satzbau und Wortwahl sind elegant, und auch mit der narrativen Ökonomie kann der Autor gut umgehen: Die Szenen des Romans sind immer genau so lang, wie man es sich als Leser wünscht, ausführlich und verweilend bei interessanten Begebenheiten und schnell und kurz bei notwendigen, aber nicht so dramatischen Ereignissen.
Das Pfund aber, mit dem der Autor am meisten wuchern kann, ist seine Hauptperson, der Detektiv George Schoenefeld, ein intelligenter, gewitzter Charakter, der aber auch zupacken kann, wenn es darauf ankommt. Es macht einfach Spaß, als Leser diesem Schoenefeld bei seinen Abenteuern zu folgen, und am Ende des Buches bedauert man, daß der Autor das Potential dieses Charakters nicht für eine Serie genutzt hat. Von diesem Detektiv hätte man gerne mehr gelesen.
Als etwas störend empfand ich, daß einige Handlungsstränge zu "glatt" verliefen. Auch wenn dies dem Konzept geschuldet war, kommt unser Detektiv mit seinen Ermittlungen "ungebührlich" schnell voran. Natürlich kann man sich auf gerade einmal 281 Seiten keine allzugroßen Ausschweifungen leisten. Spätestens ab der Hälfte des Romans bemerkt man als Leser aber diese Geradlinigkeit der Handlungsführung, so daß es dem Autor dann deutlich schwerer fällt, noch falsche Fährten zu legen.
Ich will es mal so sagen: Ein Autor ist in seiner Welt ein Gott, und so ist natürlich jedes Detail, das er plaziert, unwichtig oder nicht, bewußt plaziert. Genau dieses möchte ich aber vergessen, damit mich der Autor auf falsche Fährten lenken und mich mehr überraschen kann.
Dies schmälert das Lesevergnügen aber nicht sehr. Die Spannungskurve wird konstant hochgehalten, und nach einem winzigkleinen Hänger ungefähr zur Mitte des Romans geht es dann mit wahrlich atemberaubendem Tempo dem Finale entgegen. Ich muß gestehen, daß ich fast die gesamte zweite Hälfte des Romans in einem Rutsch gelesen habe, immer ein untrügliches Zeichen dafür, daß mich der Roman gefesselt hat. Als Detail möchte ich hier noch anmerken, daß der Autor in einer Duellszene kurz vor Schluß (Seite 231) zu besonderer stilistischer Hochform aufläuft; die Gleichzeitigkeit der Ereignisse, während beide Kontrahenten schießen, hat er hervorragend eingefangen. Eine Szene, an der man sich wahrlich delektieren kann.

Nur als Feststellung sei noch erwähnt: Auch wenn in diesem Buch geliebt und gemordet wird, übt sich der Autor bei diesen Szenen in starker Zurückhaltung. Da der Roman recht filmisch wirkt, möchte ich es auch so ausdrücken: Gewalt passiert im Roman meist außerhalb des Bildkaders, und bevor sich Menschen zum Liebesakt zu nahe kommen, erfolgt grundsätzlich eine Abblende. Also ein eher gepflegter denn ein ruppiger Krimi.
Abschließend kann ich also nur raten, sich nicht von der Angabe "Ein historischer Kriminalroman um Georg Friedrich Händel", die wahrlich nicht sehr sexy klingt, abhalten zu lassen: Man verpaßt sonst einen spannenden und temporeichen Roman.

Fazit:
Atmosphärisch dichter, hervorragend recherchierter, sehr unterhaltsamer historischer Kriminalroman, der durch hohes Tempo und durchgehende Spannung den Leser vergessen läßt, daß einige Plot-Elemente zu sehr durch glückliche Zufälle geprägt sind.
12 Punkte.

Oliver Naujoks

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