Seit einiger Zeit ist der vorherige Sachbuchautor Jürgen
Heinzerling auch im Romanbereich tätig, gehört inzwischen
zum Team der Serie "Die Abenteurer" aus dem Zaubermond-Verlag,
arbeitet an zwei Science-Fiction-Serien mit und legte in den letzten
Jahren auch zwei Kriminalromane vor. Nachdem sein zweiter Krimi,
"Karl May und der Wettermacher", hier im FLASH schon besprochen
wurde, wollen wir uns nun seinem Erstling, "Der Maestro", widmen.
Zum Inhalt:
Die Angabe auf dem Titel, "ein historischer Roman um Georg Friedrich
Händel" ist etwas irreführend, denn im Roman geht es
vielmehr um den Detektiv George Schoenefeld als um Händel, der
eher eine Randfigur ist - wenn auch eine wichtige.
Händel beauftragt Schoenefeld, ein Libretto zu einer Oper
wiederzubeschaffen, das dem Komponisten von einem Kutschenräuber
entwendet worden war. Bei seinen Ermittlungen erfährt der
Detektiv, daß in dieser Oper in unziemlicher Deutlichkeit
gewisse amoralische Machenschaften der höchsten Kreise von
London beschrieben werden, was dem Fall eine gewisse Brisanz gibt.
Und so findet sich George Schoenefeld schnell von Intrigen und auch
Morden umgeben...
Kurz gesagt, ich war sehr angetan von dem Roman. Der Autor schafft
gleich zu Beginn ein kleines Kunststück: Nach einem kurzen
Prolog schildert er recht ausführlich einen großen
Festempfang. Auf solchen Empfängen wird in Romanen und Filmen
meist viel herumgestanden und viel geredet, aber wenig gesagt, so
daß hier immer die Gefahr von Langeweile droht. Das ist beim
"Maestro" mitnichten so. Diese Szene, die der Autor natürlich
auch dazu benutzt, um nebenbei seine Hauptpersonen vorzustellen,
liest sich überraschend fesselnd, führt gut in den Roman
ein und lädt zum spontanen Weiterlesen ein. Wenn es ein Autor
schafft, mich durch eine "Stehempfangsszene" nicht zu langweilen, hat
er mich schon fast auf seiner Seite.
Schon in dieser Szene aber wird deutlich, daß der Autor seinen
Lesern einiges abverlangt: Das fängt bei Kleinigkeiten an, wie
damit, daß Händel fast nur unter seinem
selbstgewählten englischen Namen "Handel" im Buch auftritt, was
natürlich historisch korrekt ist, manche Leser aber vielleicht
verwirrt, und daß auf viele Gegenstände Bezug genommen
wird oder Verben aus der Zeit des frühen 18. Jahrhunderts
gebraucht werden, die manchen Lesern vielleicht nicht so
geläufig sind. Hier möge jeder selber entscheiden, ob
ihm/ihr das liegt; für den Rezensenten trug es aber, ebenso wie
die teilweise recht ausführlichen Beschreibungen, sehr zur
Atmosphäre bei, die in diesem Roman sehr dicht ist.
Man merkt, daß der Autor sehr viel für dieses Buch
recherchiert hat. Dabei hat er einen sehr guten Kompromiß
dafür gefunden, dem Leser diese Epoche lebendig vor Augen zu
führen, ohne ihn allzusehr mit detailverliebten Fakten zu
erschlagen.
Der Schreibstil ist sehr gefällig, Satzbau und Wortwahl sind
elegant, und auch mit der narrativen Ökonomie kann der Autor gut
umgehen: Die Szenen des Romans sind immer genau so lang, wie man es
sich als Leser wünscht, ausführlich und verweilend bei
interessanten Begebenheiten und schnell und kurz bei notwendigen,
aber nicht so dramatischen Ereignissen.
Das Pfund aber, mit dem der Autor am meisten wuchern kann, ist seine
Hauptperson, der Detektiv George Schoenefeld, ein intelligenter,
gewitzter Charakter, der aber auch zupacken kann, wenn es darauf
ankommt. Es macht einfach Spaß, als Leser diesem Schoenefeld
bei seinen Abenteuern zu folgen, und am Ende des Buches bedauert man,
daß der Autor das Potential dieses Charakters nicht für
eine Serie genutzt hat. Von diesem Detektiv hätte man gerne mehr
gelesen.
Als etwas störend empfand ich, daß einige
Handlungsstränge zu "glatt" verliefen. Auch wenn dies dem
Konzept geschuldet war, kommt unser Detektiv mit seinen Ermittlungen
"ungebührlich" schnell voran. Natürlich kann man sich auf
gerade einmal 281 Seiten keine allzugroßen Ausschweifungen
leisten. Spätestens ab der Hälfte des Romans bemerkt man
als Leser aber diese Geradlinigkeit der Handlungsführung, so
daß es dem Autor dann deutlich schwerer fällt, noch
falsche Fährten zu legen.
Ich will es mal so sagen: Ein Autor ist in seiner Welt ein Gott, und
so ist natürlich jedes Detail, das er plaziert, unwichtig oder
nicht, bewußt plaziert. Genau dieses möchte ich aber
vergessen, damit mich der Autor auf falsche Fährten lenken und
mich mehr überraschen kann.
Dies schmälert das Lesevergnügen aber nicht sehr. Die
Spannungskurve wird konstant hochgehalten, und nach einem
winzigkleinen Hänger ungefähr zur Mitte des Romans geht es
dann mit wahrlich atemberaubendem Tempo dem Finale entgegen. Ich
muß gestehen, daß ich fast die gesamte zweite Hälfte
des Romans in einem Rutsch gelesen habe, immer ein untrügliches
Zeichen dafür, daß mich der Roman gefesselt hat. Als
Detail möchte ich hier noch anmerken, daß der Autor in
einer Duellszene kurz vor Schluß (Seite 231) zu besonderer
stilistischer Hochform aufläuft; die Gleichzeitigkeit der
Ereignisse, während beide Kontrahenten schießen, hat er
hervorragend eingefangen. Eine Szene, an der man sich wahrlich
delektieren kann.
Nur als Feststellung sei noch erwähnt: Auch wenn in diesem Buch
geliebt und gemordet wird, übt sich der Autor bei diesen Szenen
in starker Zurückhaltung. Da der Roman recht filmisch wirkt,
möchte ich es auch so ausdrücken: Gewalt passiert im Roman
meist außerhalb des Bildkaders, und bevor sich Menschen zum
Liebesakt zu nahe kommen, erfolgt grundsätzlich eine Abblende.
Also ein eher gepflegter denn ein ruppiger Krimi.
Abschließend kann ich also nur raten, sich nicht von der Angabe
"Ein historischer Kriminalroman um Georg Friedrich Händel", die
wahrlich nicht sehr sexy klingt, abhalten zu lassen: Man
verpaßt sonst einen spannenden und temporeichen Roman.
Fazit:
Atmosphärisch dichter, hervorragend recherchierter, sehr
unterhaltsamer historischer Kriminalroman, der durch hohes Tempo und
durchgehende Spannung den Leser vergessen läßt, daß
einige Plot-Elemente zu sehr durch glückliche Zufälle
geprägt sind.
12 Punkte.