Nach der
erfolgreich laufenden Necroscope-Serie möchte der Festa-Verlag
nun das gesamte Werk des Briten Brian Lumley der deutschen
Leserschaft zugänglich machen. So startet als Band 1 der neuen
Reihe Dark Fantasy der erste Teil einer vierbändigen
Fantasy-Saga des Autors. Die Originale erschienen bereits Mitte der
80er Jahre, stellen aber trotzdem deutsche
Erstveröffentlichungen dar.
Worum geht es?
Den Maler David Hero und den Wissenschaftler Professor Leonard Dingle
verschlägt es auf rätselhafte Weise immer wieder in ein
Traumland, in welchem sie, begleitet von der hübschen Aminza,
ein Abenteuer nach dem anderen zu bestehen haben. Viele Schätze
gilt es zu bergen, Monster zu erschlagen...
Man merkt schon: Hier haben wir einen klassischen Sword &
Sorcery-Plot vor uns. Wie in einem Computerspiel bekommen die Helden
jeweils von der Person X den Auftrag, am Ort Y den Schatz Z zu
bergen/stehlen, wobei sich ihnen der jeweilige Hüter des
Schatzes entgegenstellt, der mal ein Zauberer, mal ein Monster ist.
Sehr innovativ ist das nicht, und die Aufhänger mit dem
"Dreamland" und den Verweisen auf Lovecraft wirken nur aufgesetzt;
sie heben den Roman nicht sonderlich von vergleichbaren (Howard,
Leiber) Werken ab. Die Prämisse mit dem Traumland wird kaum
genutzt und dient lediglich etwas der Charakterisierung der beiden
Helden; und im Fundus von Lovecraft bedient sich der Autor meist nur
zur Ausgestaltung einiger Monster und natürlich Verweisen auf
Cthulhu.
Der Anfang der Lektüre fiel zumindest mir recht schwer. Man wird
sofort mitten in die Handlung hineingerissen und lernt die Charaktere
erstmal kaum kennen, woran auch eine kleine Verschnaufpause in der
realen Welt nichts ändert. Man wird gleich zu Anfang mit einer
Fülle von Informationen erschlagen, die man sich nicht alle
merken kann und will. Fernerhin fiel negativ auf, daß der Autor
gerade am Anfang sehr sprunghaft erzählt und es dem Leser des
öfteren durch den Druck auf die Fast Forward-Taste ("drei Wochen
später", "einige Tage später") nicht gerade erleichtert,
sich mit den Helden zu identifizieren.
Nach Lektüre der bisherigen Zeilen wird die geneigte Leserschaft
langsam denken, daß es sich hierbei um einen Verriß
handelt. Dem ist aber mitnichten so. Denn die positiven Aspekte des
Romans überwiegen bei weitem, und zu denen komme ich jetzt.
Da wäre an erster Stelle der Einfallsreichtum des Autors zu
nennen. Mit einer Fülle von gelungenen und teilweise wirklich
bizarren Einfällen gelingt es dem Autor, sich aus der Masse der
vergleichbaren Werke abzuheben. Den Leser erwarten viele
Eigenartigkeiten auf seiner Reise an der Seite der Helden: seien dies
nun sprechende Bäume, Kriegerinnen ohne Brustwarzen oder
allerlei bizarre Monstren, bei denen man des öfteren an das Werk
Lovercrafts erinnert wird. Gestaltete sich also der Einstieg für
mich eher sperrig, steigerte sich mein Vergnügen später von
Seite zu Seite, und ich blätterte jeweils gespannt um und freute
mich auf die nächste eigenartige Begebenheit.
Fernerhin kommt dem Roman sehr zugute, daß Brian Lumley nicht
den Gewohnheiten seiner Kollegen folgte und meinte, mindestens 800
Seiten abliefern zu müssen. Der Roman ist mit etwas über
200 Seiten knackig-kurz und handelt in dieser kurzen Zeit trotzdem
eine Menge ab, für die manche anderen Autoren einen
dreibändigen Zyklus benötigen. Langeweile kommt so nicht
auf, auch wenn auf diese Weise natürlich nur wenig Raum für
eine Charakterisierung der Personen verbleibt und man deshalb nur
bedingt mit den Helden mitfühlen kann.
Die Gestaltung des Bandes erweist sich als sehr gelungen. Das
Titelbild ist sehr schön, und auch die Übersetzung liest
sich flüssig. Ich konnte sie leider nicht mit dem Original
vergleichen; offensichtliche Fehler sind mir aber nicht aufgefallen,
wenn man mal davon absieht, daß es etwas verwundert, warum der
Übersetzer das sehr britische "aye" nicht übersetzt hat,
sondern es ständig auch im deutschen Text bringt. (* Wurde
wahrscheinlich mit "aye-aye, Sir" und ähnlichem verwechselt, was
m. E. aber nur bei Kasernenton legitim wäre, um das sonst
übliche, etwas eintönige "jawohl, Sir" zu variieren.
Heike)
Mir sei noch die Bemerkung erlaubt, daß zumindest ich es nicht
begrüße, wenn ein Verlag einen im Original aus
verschiedenen Titeln bestehenden Zyklus einen einheitlichen Namen,
gefolgt von der jeweiligen Nummer, gibt. Dreamland 1,2,3,4 mag ja in
den Augen des Verlages die Orientierung des Lesers vereinfachen,
erscheint aber schon arg einfallslos und, ja, seriell.
Dies mag hier allerdings auch darin begründet sein, daß
der Titel des Originals, "Hero of Dreams", sich nicht nur auf die
Eigenschaften der Hauptperson bezieht, sondern auch seinen Namen,
David Hero, darstellt und sich dieses nur schlecht ins Deutsche
übersetzen läßt. In den 50er Jahren hätte man
die Hauptperson vermutlich noch als "David Held" eingedeutscht; so
etwas macht aber heutzutage niemand mehr. (* Zu Recht, wie ich
meinen möchte. Heike)
Auch wenn ich persönlich eher die High Fantasy bevorzuge,
muß ich abschließend sagen, daß mir der Band
durchaus Spaß gemacht hat - und daß Fantasy-Freunde,
insbesondere Anhänger der Sword & Sorcery, deshalb
zweifellos zugreifen können.
Fazit:
Sehr temporeicher Auftakt einer auf vier Teile angelegten Sword &
Sorcery-Serie, die sich mit vielen bizarren Einfällen aus der
Masse abhebt, aber freilich nicht völlig kaschieren kann,
daß hier wieder mal schon sehr oft genutzte Pfade betreten
werden.
9 Punkte.